| Texte zur Spraybanane
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Eröffnungsrede gehalten zur Ausstellung "BANANA STYLE" in der Galerie KulturRaum Speyer am 5. Juli 2009 Meine sehr verehrten Damen und Herren, es bestehen vielfältige Zugänge zum Reich der Bananenwelt, das auch das standesgemäß mit dem Standort bestimmenden Würdezeichen des Bundsbananenadlers gekennzeichnete Blaue Haus in der Maximilianstraße zu Speyer bedeutungsschwer und gelb markiert. "Banana Style", bedeutsame Aspekte aus dem Oeuvre des Künstlers residieren hier; eine solche Ausstellung wird nicht einfach gehängt, vielmehr ist die Galerie von seinem Motiv beherrscht und in sein Reich verwandelt. Seit dem 10. Dezember 1986 sprüht der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel das Abbild einer Banane, die er an von ihm auserkorene Orte von Köln in die Welt hinaus aufbringt und den Vorgang ganz obsessiv genau registriert. Er versieht sie so mit einem Prädikat, das als "besonders wertvoll" vom Künstler eine Anerkennung erhalten hat. Der Betrachter und Besucher der Stätte kann sicher sein, dort auserlesenen Kunstwerken zu begegnen. War es anfangs ein Ärgernis und wurde als Zumutung betrachtet, setzte bald ein Wandel ein. Galeristen und andere Menschen lechzten förmlich nach einer Banane an ihrer Fassade. Ich darf in diesem Zusammenhang an eine gleichzeitig stattfindende Kunstaktion in Speyer, wohl angeregt von Ihnen, Herr Baumgärtel, des als Künstler längst vergessenen Hubert Otto Faath erinnern, der mittels einer Schablone und schwarzer Farbe eine besondere Brille mit brezzelförmig durchzogenen Gläsern als "Speyerer Weitblick" ironisch bestimmten Hausfassaden zufügte. Man konnte sich auch diesen Weitblick als Brosche oder als Multiple erwerben. Thomas Baumgärtel bedient sich der Schablonenkunst, englsich "Stenciling", doch der Künstler benutzt treu der tradierten französischen Ateliersprache folgend den Begirff "pochoir". Dazu benötigt er eine Schablone, durch die mit Hilfe der Spraydose die Lackfarbe gesprüht wird. Als Kunstform ist Pochoir-. Technik vermutlich in den späten 70er Jahren in Amsterdam entstanden und hatte sich in Paris verbreitet. Bekannt waren Schablonenbilder mit politischen Aussagen, etwa mit dem Konterfei Che Guevaras beispielslweise. Auf die Banane als Zeichen kam Thomas Baumgärtel eher spontan. Er heftete als Zivildienstleistender im Rheinberger Krankenhaus eher übermütig und spielerisch seine Frühstücksbanane an den hervorstehenden Nagel eines Holzkreuzes, dem der Korpus fehlte. Die allmählich vertrocknende Banane veränderte ihre Form. Die Diskussionen darüber brandeten auf. Ohnehin erscheint die Banane in der Symbolik, wenn man sie denn aufführte, nur negativ besetzt, u. a. als Phallussymbol und priapisches Fruchtbarkeitssymbol seit der Antike; im Christentum, im Mittelalter war diese Frucht noch nicht bekannt, wird sie seit dem 17. Jahrhundert unter den Lastern als Symbol für die Unkeuschheit männlicher Gedanken bildhaft eingesetzt. Ich erinnere mich noch an einen Prozess, den mein Vater als Richter gegen eine Lehrerin durchführen musste, die zum Beginn des Sexualkundeunterrichtes an Bayerischen Schulen angezeigt worden war, weil sie ihren Schülern die Verwendung der Kondome dadurch demonstriert hatte, dass sie diese das Kondom über eine Banane streifen ließ. Man Vater hat die Lehrerin übrigens frei gesprochen. Diese frühe Diskussion gehört wesentlich zu dem Verständnis der Banane als anstößiges Zeichen für den Künstler. Die Gestalt der gesprühten Schablone war nur ein Teil der Aktion, hinzu kam die Registrierung der Reaktion und darüber das Einbringen eines Ordnungssystems, eine Art Bananenkataster. Man lernte dann Thomas Baumgärtel als intelligenten Aktionskünstler kennen, der mit Hilfe der Banane weittragende Kunstaktionen gestaltet hat. Für ihn ist so das Sprayen einer Banane mit Nachdenken über nichts geringeres als den Zustand von Welt und Kunst, die Selbstbesinnung, die Reflexion des eigenen Standortes bzw. Standpunktes. Politisch ist diese Aktion insofern, als im Sinne Bertolt Brechts beispielsweise jede gesellschaftliche Handlung politisch erscheint und sich so einmischt. So wird die Banane zum Zeichen der Verbindung von Kunst und Leben. Auch heimliche Aktionen mit großem öffentlichem Widerhall dienen dieser Selbstaufgabe. So überlistete der Künstler Besucher und Domkapitel zu Köln mit einer mächtigen Holzbanane, mit der er zeichenhaft den Zugang durch das Hauptportal gleichsam penetrierte. Ausgangspunkt war ein Protest gegen die Vertreibung von Obdachlosen von der Domplattform. So musste sich eben die Banane als Symbol den Zugang verschaffen und in den Kathedralkörper eindringen. Die Banane nimmt dabei die Aufgabe eines Schlüssels wahr. Sie entschlüsselt ein komplexes Anliegen, erscheint aber als der Appell zur Entschlüsselung. Dazu fordert sie unübersehbar auf, weil sie neugierig macht. Nehmen wir nur den nun öffentlichen Vorschlag, im Brandenburger Tor in Berlin eine Banane zu positionieren. Ein symbolischer Ort und eine vielschichtige Aussage, war beispielsweise der Mangel an Bananen einer der Ausgangspunkte jenes Aufstandes, der zur Wiedervereinigung geführt hat. Sie kann zum Kennzeichen der Konsumkritik werden. Außerdem ist die Banane Welt- und Lebenszeichen. In der Form der Mondsichel strahlt sie das Gelb der Sonne aus. Sie ist ganz in Beuysscher Betrachtungsweise Lebensspender und Energieträger. Negativ besetzt ist das Bild von der Bananenrepublik, das mancher mit dieser an so symbolträchtiger Stätte untergebrachten Banane verbinden möchte. Gleichzeitig ist das Anliegen, auf einen Ort durch seine Verwandlung und Verfremdung aufmerksam zu machen und vielschichtige Probleme im Zeichen vereinfacht vor Augen geführt zu bekommen Anregung zur Veränderung. Baumgärtel geht augenzwinkernd dran, auch bei Künstlerkollegen, die sich entgegen ihrer eigenen Doktrin verhalten. Wolf Vostell hatte gegen Baumgärtels Übersprayung eines seiner Fluxus- Objekte trotz des propagierten Fluxus als Kunst des Wandels massiv protestiert. Baumgärtel stellte sich im mit Bananen besprayten goldenen Mantel in der Art des bedeutenden die Moderne signalisierenden Mantels aus Klimts Gemälde "Der Kuss" und in der Pose der Freiheitsstatue in Köln mit der Fackel als Signal für die Freiheit der Kunst. Ein auf Holzlatten geschaffenes Gemälde zeigt ihn in dieser Pose auch in der Ausstellung. Die Banane dient Baumgärtel als Instrument von Verwandlungen. Er greift dabei gleichsam bedeutsame Werke der Kunstgeschichte auf und verwandelt sie. So entsteht eine Art Kunstgeschichte in Zweitverwendung. Zweitverwendung bedeutet hier, der Künstler hat in der Kunstgeschichte epochale Arbeiten zitiert, verwandelt, in neue Zusammenhänge gesetzt und diese Arbeiten auch mit stark lavierter Acrylmalerei infolge der Monumentalisierung der Formate gegenüber ihrem historischen Vorbild einer Unschärfe unterzogen und erneut durch Grisaillemalerei dabei bedeutsam verwandelt. Er nennt dies selbst Bananenpointilismus. Dabei wird bei einigen dieser Arbeiten, der Körper des Vorbildes, nehmen wir Dürer oder Cranach mit seinen Adam- und Evadarstellungen oder das Liegende Mädchen François Bouchers dadurch aufgelöst, dass ihre Leiber aus einer Fülle von Bananen neu formuliert werden. Die Form der Banane nimmt auf diese Weise die Funktion der Tâches beim französischen Pointilismus ein. Und ikonographsich wird eben aus der Frucht vom Baum der Erkenntnis, die nur in einer ikonographischen Tradition zum Apfel wurde, als Banane eingefügt. Die Vielzahl der in Bananen umgewandelten Bildzeichen reicht bis zur Narrenkappe des Kölner Oberbürgermeisters. Auch die Subkultur feiert in der Zweitverwendung fröhliche "Bananisierung", wenn auf alten Flohmarktgemälden sich Bananenmaja oder Bananensnoopy sich tummeln. Alle großen Idole der Welt setzen sich mit einer Banane in Pose oder sind aus Bananen zusammengefügt wie Archimboldos gleichnishafte Köpfe, von Helmut Kohl bis zur Papstbanane. Die Kreativität Baumgärtels feiert im Zeichen der Banane in unermesslicher Vielfalt Ihre Lebendigkeit. Es geht Baumgärtel wie bei jedem ernsthaftem Kunstwerk um die Aneignung der Form, ihre stilistische Weiterentwicklung und ihre Vervielfältigung. In manchen der grauen Bilder mit jener charakteristischen Unschärfe scheint die Banane verdrängt zu sein. Auch bei der großen Ansicht des Speyerer Domes vom Badischen Ufer aus wohl nach einer Farblithographie des frühen 19. Jahrhunderts fehlt die Banane. Da frage ich mich natürlich: Hammerse noch nicht verdient, fehlt der Speyerer Weitblick oder was. Mensch Baumgärtel, ran an die Banane! Clemens Jöckle |
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Eröffnungsrede gehalten zur Ausstellung "Oh Banane,...du paradiesische Frucht!" am 25. April 2008 in der Neue Kunst Gallery, Karlsruhe "Oh Banane,...du paradiesische Frucht!" Welch trefflicher Titel für zwei Themen, die hier schwesterlich vereint werden: Die Banane und das Paradies! Wie stellen wir uns heutzutage das Paradies eigentlich vor? Heinrich Krauss schreibt in seinen ersten Sätzen des Buches: „Das Paradies“:„Das Wort Paradies ist heute weitgehend zur bloßen Metapher geworden. Man spricht ganz ungeniert von „Einkaufsparadiesen“ oder „Steuerparadiesen“, und kaum jemand fragt sich noch, was die nach dem biblischen Garten „Eden“ benannten Hotels mit ihrem Namen eigentlich versprechen wollen. Auch denkt man sich nicht viel dabei, wenn die Tourismusindustrie mit Bildern von jugendlichen Schönen Menschen an palmengesäumten Stränden unter einem ewig blauen Himmel für ihre „Ferienparadiese“ wirbt. Allenfalls verrät noch die Rede vom „Paradies der Kindheit“ oder von einem „paradiesischen Frieden“ etwas von der offenbar tief im Menschen verankerten Nostalgie nach einem Ort des Glücks und von seiner Sehnsucht nach der Wiederkehr eines unbeschwerten Lebens in Harmonie mit der Natur“[1]. Verspricht uns die Banane als paradiesische Frucht dieses unbeschwerte Leben? Thomas Baumgärtel ist es gelungen, eine neue Haltung für das in der Kunstgeschichte so unzählige male grandios behandelte und beliebte Thema zu finden, was ihm nicht ohne umfangreiche Auseinandersetzung mit der Historie des Themas möglich gewesen wäre. In einem Prozeß der Auseinandersetzung mit dem Mythos des Paradieses, von den bereits bestehenden Highlights in der Malereigeschichte ausgehend, hinterfragt er banal erscheinende Selbstverständlichkeiten, wie z. B. die Identität der paradiesischen Frucht: Wer sagt, daß es sich um einen Apfel gehandelt hat? Auf Sri Lanka erzählt man sich, dass Eva im Paradies ihren Adam nicht mit einem Apfel, sondern mit einer Banane verführt habe. Eine alte Legende, die den Wissenschaftler Carl von Linné dazu veranlasste, der Kochbanane den wissenschaftlichen Namen "Musa paradisiaca" zu geben. Der Künstler hinterfragt ebenfalls die Vorstellung eines konkreten Ortes: Ist das Paradies überhaupt geographisch lokalisierbar und wenn ja, welche Frucht würde an diesem Ort als paradiesische Frucht in Frage kommen? In der aktuellen Ausgabe des National Geographic wird eine neue Serie, in der Forscher Mythen der Bibel zu entschlüsseln trachten, mit dem Thema des Paradieses eingeführt. Die Suche des Autors Christian Schüle nach der geographischen Lage des Paradieses (In den Bergen Kurdistans, im nördlichen Iran, in der Oase Ezmirghan im Iran, im Tal im anatolischen Hochland?) bestätigt uns, daß eine viel größere Wahrscheinlichkeit besteht, daß die Paradiesfrucht viel eher eine Banane als ein Apfel gewesen sein könnte[2]. Letztendlich aber, so muß er selber einräumen, handelt es sich bei der biblischen Schöpfungserzählung um ein Stück hoher Philosophie über die existentielle Frage, wie das Böse in die Welt kommt. Die Paradies-Erzählung verfolgt das moralische Ziel, den Menschen zur Eigenverantwortung in der Gemeinschaft zu erziehen[3]. Wie beantwortet die Kunst der Vergangenheit die Frage nach dem Ort des Paradieses? Das es sich dabei um keinen geografischen Ort handelt, liegt beim Anblick der weltberühmten Ebstorfer Weltkarte - der ersten Weltdarstellung in der bildenden Kunst - nahe, die weniger die physische Geographie der Welt als die Weltgeschichte ins Bild setzt, und in der das Paradies im äußersten Osten (oben!) als ummauerter Bereich eingezeichnet wurde[4]. Hier lassen sich auch kunsthistorisch unzählige Assoziationen und Querverweise aufzählen, denn ein ummauerter Bereich nimmt das Thema des hortus conclusus auf, ein geschlossener Garten, indem die Jungfrau Maria häufig mit dem Zeichen des Einhorns dargestellt und als Paradies verstanden wird. Doch das würde in unserem Zusammenhang zu weit führen. Hier möchte ich lediglich auf den Sinnzusammenhang zur Arbeit „Katharina“ von 2007 hinweisen. Diese Acrylarbeit mit dem Portrait einer jungen Frau strahlt eine fast mystische Besinnlichkeit, fast schon etwas Mariologisches aus, was durch die Kopfbedeckung, die an eine typische Gewandung im Stile der Werke von Simone Martini erinnert, betont wird. Eine vollkommen moderne Betrachtung des Themas Paradies, das man durch das Wissen darüber, einen guten Freund zu haben oder einfach durch die Betrachtung des Schönen erfahren kann. Für uns ist relevant, daß Thomas Baumgärtel uns in einen geschlossenen, für nur wenige zugänglichen Bereich - ins Paradies - mitnimmt, das wir mit seinen Bildern beobachten, betreten und erleben dürfen. Wir kehren zu den Wurzeln der Menschheitsgeschichte zurück und sehen Adam und Eva im Paradies – natürlich mit Bananen!! Die speziell für die heutige Ausstellung geschaffenen Werke, die dem Thema des Paradieses gewidmet sind und sich auf den Moment kurz vor dem Sündenfall, dem Augenblick der Verführung und der spannungsvollen Stimmung zwischen Adam und Eva konzentrieren, bauen in der Thematik aufeinander auf: In einer bestimmten Reihenfolge betrachtet oder gedacht, ergeben sie eine Geschichte, eine Art Comic-Abfolge. In dem ersten Bild reicht der emanzipierte Adam Eva eine Banane: Wer sagt, daß es Eva war, die Adam verführte? In dem zweiten Bild, der aus der logischen Folge heraus sich anschließt, hält Eva die Banane in ihrer Hand. Im nächsten Bild sind es bereits zwei Bananen, die sich in dem Szenarium des Geschehens befinden. Folglich ist auf dem darauf aufbauenden Bild eine Bananenstaude zu sehen. Im Kontext der zeitgenössischen Kunst Werke mit dem Titel „Adam und Eva“ oder „Das Paradies“ zu malen ist keine leichte Angelegenheit und eine künstlerische Herausforderung. Thomas Baumgärtel findet eine neue, eigene Form, das Paradies zu thematisieren wobei er die großen kunstgeschichtlichen Vorbilder der Malerei nicht ignoriert, ja sogar seine Wertschätzung mit einer Art Hommage an die großen Künstler wie Cranach, Dürer und Tizian ausdrückt. Im Mittelalter und in der Renaissance war das Thema „Adam und Eva“ oder auch andere mythologische Erzählungen notwendiger Vorwand, um Akte, die Schönheit eines nackten Körpers - normalerweise eine Göttin – malen zu dürfen und gleichzeitig die Ideale der Proportionen, des Inkarnates und des Femininen und Maskulinen, also auch die künstlerischen Fähigkeiten des Autors zur Schau zu stellten[5]. Thomas Baumgärtel nutzt diese Vorlagen, um die Qualitäten der Banane und seine Vorstellung des Paradieses und der Geschichte von Adam und Evas Sündenfall zu thematisieren. Er betont hiermit sein ganz persönliches Hinterfragen der intimen Situation im Paradies, die von niemandem beobachtet werden konnte und führt sie ad absurdum, in dem wir alle dabei sein dürfen, um den historischen Moment des Ursprunges der Menschheitsgeschichte mit weitreichenden Folgen in einer neuartigen Interpretation zu betrachten. Das erste Acrylgemälde (Die verbotene Frucht, 2008) kennen wir von der Einladungskarte. Es zeigt im Vergleich zur Vorlage, das berühmte Werk von Lucas Cranach d. Ä, 1513/15, eine seltsam milchig-blaue Farbigkeit, als wenn wir das Bild hinter einer bläulich-schimmernden Plexiglasscheibe betrachten würden. Der Künstler entwickelt diese Farbigkeit im Malprozess selber ohne bestimmte Zielsetzung, so sagte er mir, als ich ihn darauf ansprach. Und damit wäre die mit Sicherheit aufgekommene Frage beantwortet, ob der Druck der Einladungskarte defekt war: Keineswegs, es entspricht dem Original! Dieser oben beschriebene Effekt macht die Welt, in der sich Adam und Eva befinden, irgendwie unnahbarer, der direkte, fast voyeuristische Blick auf die nackten, idealen Körper wird uns nicht gegönnt und wir dürfen die Szene nur „unscharf“ und wie im Nebel wahrnehmen. Das Werk von Lucas Cranach d. Ä. zeigt - wie zu Beginn des 16. Jahrhunderts üblich, da es sich um etwas völlig neues handelte -. die realistische Darstellung eines nackten Menschenpaares in Haltung und Konturen der Figuren noch in großer Abhängigkeit von den idealisierten gotischen Darstellungsformen. Thomas Baumgärtel verändert nur wenig, aber gezielt: Er legt erneut Eva eine Banane in die Hand, die sie Adam verführerisch anbietend entgegenstreckt. Ein weiteres Werk läßt sich in der Abfolge der Erzählung parallel oder sogar noch als Vorgänger dieser Arbeit einstufen. In diesem ebenfalls großformatigem „Adam und Eva“ von 2007 wird die selbstverständliche Annahme hinterfragt, Eva hätte Adam zur Sünde verführt. Hier bietet der emanzipierte Adam Eva die Banane an, während Eva ihren Apfel etwas schüchtern vorzeigt! Die formale und inhaltliche Zuordnung der beiden Früchte zu den jeweiligen Körperteilen, die mit der Form eines Phallus und der weiblichen Brust assoziiert werden, lassen diese zu sexuellen Zeichen werden. Auf dem Baumstamm in den Werken Cranachs ist eine interessante Beobachtung zu machen: Eine weitere Schlange (außer der am obigen Bildrand vom Baum auf Eva heruntergleitende) scheint über den Baumstamm zu kriechen. Sie ist geflügelt und begegnet einem immer wieder an versteckten Stellen auf den Bildern Lucas Cranachs. Diese geflügelte Schlange war das Signum des Malers[6]. Es kommen also das Signum eines weltberühmten Malers wie Lucas Cranach und das Signum Thomas Baumgärtel in diesem Bild zusammen. Durch eine besondere Maltechnik des Künstlers, der seine Malerei in vielen zum Rand hin immer dünner werdenden Farbschichten aufschichtet, sehen selbst die Figuren wie Zeichen aus. Die Inkarnatdetails verschwimmen beim Herantreten, die konkreten Körper von Adam und Eva sind nicht mehr fassbar. Aus der Ferne jedoch scheinen wir den beiden Protagonisten der heutigen Ausstellung erneut Näher zu sein, denn wir nehmen wieder genauer Formen und Farbigkeit wahr. Eine Spannung entsteht, die nicht zu vermeiden ist. Wir werden als Betrachter in einer Art Dilemma hineingeworfen, ohne uns dieser Wirkung entziehen zu können. Das zweite Bild dieser Serie, „Eva mit Bananen“, 2008 (Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm) ist nach Dürers Kupferstich von 1504 entstanden. Über diese Vorlage erfahren wir in einer Vortragsreihe 2007 zu „Adam und Eva“ in der Dürerstadt Nürnberg, von Dr. Christian Schoen, dass Dürer in unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmedien den ersten Mann und die erste Frau als „Abbilder der Vollkommenheit“ entworfen hat. Erstmals in der nordalpinen Kunst konzentriert sich die Darstellung von Adam und Eva nicht primär auf die Präsentation der Ursünder, sondern thematisiert den idealen Zustand des Menschen vor dem Sündenfall. Mit dem Kupferstich Adam und Eva, auch bekannt als Erbsünde, schafft Dürer eine meisterhafte Darstellung der idealen menschlichen Proportionen, zwei Modelle klassischer Schönheit mit perfekter Darstellung der Gleichgewichtshaltung eines Körpers. Thomas Baumgärtel gibt uns ebenfalls eine neuartige, gewagte und humorvolle Interpretationsbasis an die Hand. Er legt Eva in die diskret hinter ihrem Rücken nach hinten weisende linke Hand eine Banane hinein. Wir fragen uns, ob Eva diese für sich behalten möchte und vor Adam zu verstecken sucht. Schliesslich hat Adam vor seinen Füssen eine reife und appetitliche Frucht liegen, die sich fast schon zum Essen anzubieten scheint und er widmet ihr überhaupt keine Aufmerksamkeit. Statt dessen wendet er sich voll und ganz Eva zu, streckt seinen linken Arm leicht angewinkelt etwas aus und öffnet dabei etwas die Hand. Durch die Hinzunahme der Banane in Evas Hand hat sich die Bildbedeutung vollkommen verändert. Jetzt fällt ein Sinnzusammenhang auf, der sich durch die Betonung einer horizontalen Achse erst ergibt: Die Hand Adams scheint nach der wohl doch gesichteten Banane zu greifen. Er fordert Eva auf, ihm diese zu geben. Die Hand Adams, die Adam und Evas Schamgegend bedeckenden Feigenblätter und die Banane in Evas Hand bilden eine optische Reihung. Die Ernsthaftigkeit der Situation kurz vor dem unvermeidlichen Sündenfall wird zu einer sehr menschlichen, jedermann bekannten Situation und bezüglich der Handlung in unsere aktuelle Lebenswelt transportiert. Der Betrachter ergänzt beim Anblick dieser Darstellung schmunzelnd in seinem Gedanken die angedeutete Geschichte. Ein Film heiterer, alltäglicher Beziehungssituationen beginnt in unserem Kopf abzuspulen. Vielleicht streiten sich Adam und Eva um ihre Banane, vielleicht gibt es aber auch Versöhnungsküsse... Das dramatische Thema des Sündenfalls und ewiger Verdammnis zu lebenslanger Arbeit tritt vollkommen in den Hintergrund! Es geht um die paradiesische Frucht: Alle wollen Sie haben! Das nächste Bild – folgt man der Logik der Anzahl der Bananen - ist ein großformatiges Acrylbild, „Das Paradies“, 2008, (Acryl auf Leinwand, 280 x 160 cm), eines der eindrucksvollsten und größten Werke in diesem Zyklus, das sich an das Meisterwerk von Tizian (Sündenfall, um 1488/90, Museo del Prado, Madrid) anlehnt und eine eigene Ausdeutung, frische, neue Gesichtspunkte in das „verstaubte“ museale Thema hereinbringt. Der Künstler setzt eine große Bananenstaude mittig ins Bild, die sofort ins Auge fällt. Außerdem ist die Vorlage raffiniert verändert worden und im Vergleich mit dieser die neue Aussage leicht zu entdecken. Tizians „Adam und Eva“ ist heller und freundlicher geworden und zeigt in dieser neuen Version nicht mehr schwere, dunkelbraune Farbtöne am Baumstamm, den Blättern und den Landschaftselementen im Vordergrund. Die Technik, die Thomas Baumgärtel schon in seinen Landschaftsbildern wie z. B. „Weg mit Bäumen“ von 2007 zum Thema macht, findet auch in diesen Arbeiten seine Anwendung und gibt den Arbeiten eine ganz besondere malerische Qualität. In zahlreichen Acryl-Schichten (15-20) arbeitet er in unzähligen Arbeitsstunden in einem Grenzbereich zwischen Fotografie und Malerei und fordert unsere Wahrnehmungsfähigkeit, unser optisches Urteilsvermögens. Interessant ist dabei ein Moment des Kippens vom Figurativen ins Nicht-Figurative, er bewegt sich zwischen zwei Welten. Thomas Baumgärtel schafft eine beschwingte, heitere, paradiesische Atmosphäre. Er ersetzt den dickstämmigen, schweren Apfelbaum durch eine zierliche Palme, die eine reiche, strahlend gelbe, appetitliche Bananenstaude mit reifen Früchten fast auf Augenhöhe der Figuren anbietet. Die Landschaftselemente zwischen den beiden Figuren ist auf den hellen, unbestimmten Farbgrund reduziert, es ist kein heranziehender Sturm ist in der Ferne zu erahnen. Im Baum in Tizians Bild bietet ein kleiner Junge, die Personifizierung der Schlange, Eva einen Apfel, die verbotene Frucht an und verführt sie damit zur Sünde. Baumgärtel läßt den Verführer gänzlich weg. Es ist Eva, die sich bewußt nach der Frucht streckt, selber diese Tat begeht, offensichtlich aus freien Stücken. Damit wird die gesamte Szene neu interpretiert. Wir haben hier den Zustand eines Paradieses, der sich nicht zu ändern scheint, der keine sich nähernde Bedrohung, keine zu erwartende Vertreibung spüren läßt. Haben wir eine zweite Chance? Der Künstler versetzt uns in die Lage, den Sündenfall nicht als Erbsünde mit fatalen, nicht revidierbaren Folgen, sondern als Chance zu sehen, jeglicher Freiheitsberaubung, dem Verbot von der Frucht der Erkenntnis zu kosten, zu trotzen. Geniessen wir die Folgen unserer Taten! Der Mensch wird als Entscheidungsträger mit freiem Willen verstanden, der genüssliche Momente bewußt wählt. Die knisternde, sinnlich-erotische Luft, die man in diesem Bild einatmet wird motivisch vom Künstler unmissverständlich betont: Baumgärtel setzt eine farblich herausragende und mit ihrer prominenten Lage im Bildkontext auf neutralem Hintergrund zwischen den beiden Figuren plazierte Staudenblüte in voller Größe als eindeutig phallisches Zeichen. Die zarte, vorsichtige aber leidenschaftlich bestimmte Berührung Evas Brust durch die Hand Adams als gleichzeitige Handlung zur Bananenernte Evas schliesst thematisch den Kreis der Verführung. Der Künstler stellt nicht Adam und Eva während oder kurz vor dem Sündenfall dar. Sein Bild ist die traumhaft schöne Darstellung der Freude an dem Sinnlichen und Schönen! In seinem Œvre sind die Werke, die extra für diese Ausstellung in Karlruhe geschaffen wurden, ein neuer Schritt. Nach der eindringlichen Serie Gelb-Schwarzer Arbeiten im Stile des „Bananen-Pointillismus“, modifiziert sich nach und nach die Farbpalette zu einem immer stärker in den Vordergrund rückenden Grauton. Auf diesem Wege war die Arbeit „Obst und Gemüse vom Niederrhein“ aus dem Jahre 2005 die erste Übergangsarbeit, in der das bislang zwecks starker Konstrastierung zum Gelb eingesetze Schwarz durch ein Braunton ersetzt wurde. Das Bild mit dem Dommotiv zeigt eine gewisse Unendschloßenheit zwischen gegenständlicher und ungegenständlicher Malerei. Die Motive, die lediglich Anlaß sind, um den malerischen Prozeß zu unterstreichen sind vor allem Landschaften. Ab 2007 entstehen die ersten Adam und Eva-Bilder, in denen zunächst ganz schüchtern und leise blaugraue Grundtöne, fast wie ein milchiger Überzug zu beobachten ist, die den Weg für eine wachsende Farbigkeit bahnen, die sich langsam in die Werke einschleicht. Vor allem in den neuen Werken „Eva mit Bananen“ 2008, „Die verbotene Frucht“ 2008 und „Adam und Eva“, 2007 werden wir zu einer Art unscharfem Sehen gezwungen, denn nur die dichtesten Zonen dickster Malsubstanz geben Konturen und Formen der Materie an, die wir im Bild zu sehen im stande sind. Die Ränder laufen immer mehr nach außen hin in undeutliche Farbzonen aus, die gemalten Flächen werden transparenter bis sie hauchdünn nur noch Formen andeuten und mit dem Farbgrund verschmelzen. Dadurch entstehen herausragende „Hauptflächen“, die umrandet werden von immer weniger dichterer Farbmasse. Die Entstehung einer Form mittels der Malerei, mit Hilfe des Malmittels Farbmasse, das Prozesshafte der Bildentstehung ist zum Hauptthema geworden!! Auch in unseren Bildern mit Adam und Eva sind die Körper Anlaß für die Gestaltung der Formen durch Farbschichten. Die sinnliche Erfahrung des Entstehungsprozesses, der Geruch nach zahlreichen Farbschichten und das haptische Vergnügen beim Anblick der Farbe vereint sich mit dem sinnlichsten Thema der Malerei überhaupt: Der Darstellung des Paradieses!! Thematisch gibt es einen interessanten und eindeutigen Zusammenhang zwischen den hier hängenden Werken zum Thema „Adam und Eva“ und dem Werk „Heilige Bananenschale“ (Acryl auf Leinwand, 200 x 170 cm), das sich in einem anderen Raum befindet und auf die vor-sich-hin-verwesenden und schrumpfenden Banenenschale bezieht, die immer mehr einem Corpus Christi ähnelt. In den Werken Baumgärtels ist die Banane der Grund des Sündenfalls und nicht der Apfel. Da die Konsequenz des Sündenfalls der Ofpertod Jesu ist und dieser als „neuer Adam“ Mensch wird, damit er uns von den Sünden erlösen kann, wird in den bildnerischen Darstellungen der neue Adam immer (so z. B. bei Stefan Lochners „Maria in der Rosenlaube“) mit einem Apfel in der Hand gezeigt, seinem Identifikations-Signum. Sich am Kreuze opfernd, wird er – reinterpretiert durch Baumgärtel - nun folgerichtig selber zu einer sich langsam verzehrenden und trocknenden Banane, womit der Kreis zur „Heiligen Bananenschale“ und zum mariologischen Themenkreis in dieser Ausstellung geschlossen wäre. Das Tryptichon „Der Ursprung“, 2008 (Lichtechte Tinte auf Papier, 41 x 95 cm) führt den o. g. Zusammenhang wunderbar vor Augen. Oh Banane, du paradiesische Frucht: Was hast Du mit Sünde zu tun? Die Erzählung in Genesis 3, die christlich als „Sündenfallerzählung“ gewertet, hebräisch neutraler als „Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden“ bezeichnet wird, ist vielfach philosophisch und psychologisch gedeutet worden. Der deutsche Idealismus sah in ihr den Mythos vom Erwachen des Bewusstseins und ging so weit, den Menschen nach dem Essen der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse nicht mehr als „Menschen“ im Vollsinn zu betrachten. Psychologische Deutungen wollen darin eine verschlüsselte Darstellung des Adoleszenzkonflikts erkennen, in dem sich die „unschuldige“ Elternbindung stufenweise löst und eine erwachsene, durch Freiheit und Schuldfähigkeit gekennzeichnete Identität entsteht. Dabei wird der Baum der Erkenntnis auch auf die Entdeckung der Sexualität hin gedeutet.[7] Thomas Baumgärtel thematisiert die Lustfeindlichkeit der Religionen und stellt die Notwendigkeit, in Frage sich ein Ende des Paradieses vorstellen zu müssen, der durch unseren natürlichen Drang nach Erkenntnis, nach Wissen und nach Lust verursacht worden sein soll. In einigen Werken, und ganz besonders deutlich in „Die Doppelmoral“ (Spraylack auf Öldruck, 64 x 90,5 cm, 2004) wird seine Stellung hierzu ganz deutlich. Seine Paradiesdarstellungen sind überflutet von allerlei sinnlichen Elementen, Formen und mehrdeutigen, erotisierenden Situationen, die er schafft. In dem Werk „Doppelmoral“ wird die paradiesische Frucht Banane zur Symbolik des sündhaften Geschlechtaktes in Form zweier überdimensioalem Phalli, mit denen die Jungfräulichkeit der Muttergottes mit dem Kinde aufs heftigste ironisiert wird. Diese Symbolik wird in den Bananenpfeilen der Banamor-Figuren in abgeschwächter Form aufgegriffen. Und warum sollten wir nicht die Frucht vom Baum oder der Staude der Erkenntnis kosten dürfen? Wären wir dann nicht in der Lage, zu erkennen? Erkenntnis kann doch Spaß machen!! In der europäischen Kunst und Literatur ist die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies allgegenwärtig. In Goethes Faust schreibt Mephisto im Professorentalar dem wissbegierigen Studienanfänger ins Stammbuch, was die Schlange versprach und was als Überschrift offenbar über dem ganzen Drama des Erkenntnisdrangs und der Grenzüberschreitungen stehen soll: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ - „Ihr werdet sein wie Gott und das Gute und Böse erkennen“[9]. Die historische Erklärung für die Geschichte von Adam und Eva sieht sie als ein Gleichnis zur Beschreibung der damaligen paradiesischen Zustände als Jäger und Sammler und dem Wechsel zu Ackerbau und Viehzucht. Damals gab es noch Stämme, die als Nomaden lebten, neben schon sesshaften Stämmen. Es ging darum, diesen Übergang von einem Leben von der Hand in den Mund zum beschwerlichen Leben durch Feldarbeit zu erklären. Kain und Abel stehen für den Ackerbauern und den Hirten. Es ist eine bildliche Beschreibung der Agrargeschichte der neolithischen Revolution. Als Preis für die Erkenntnis des neuen Wissens folgen die Mühen der neuen Arbeit. Aber seien wir mal ehrlich: Was hätten bloß Adam und Eva im Paradies gemacht, wenn sie nicht mit dem Zwischenfall der fatalen Frucht ins wirkliche Leben hineingetrieben worden wären? Kann nicht auch das „wirkliche Leben“ paradiesisch sein? [1] Heinrich Krauss. Das Paradies. Eine kleine Kulturgeschichte. München, 2004. S. 9 [2] der Autor stellt verschiedene Thesen auf, wo das Paradies zu lokalisieren sei: In den Bergen Kurdistans, im nördlichen Iran, es sei identisch mit der Oase Ezmirghan im Iran, oder dem Tal im anatolischen Hochland u.a. [3] Paulus schrieb in Römer 5,12+18 EU „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt...“ und „...durch die Übertretung eines einzelnen kam es für alle Menschen zur Verurteilung.“ Daraus entwickelte sich die christliche Lehre der Erbsünde, die es in allen großen christlichen Traditionen gibt, die jedoch sehr unterschiedlich ausgedeutet wird. Bei späteren Kirchenvätern wurde dann ausgeführt, dass die Menschen ohne Jesus Christus in der Erbsünde leben und sterben müssten, eine Lehre, die durch die Schriften von Augustinus fester Bestandteil der Lehre der westlichen christlichen Kirchen wurde. Die westliche Tradition der christlichen Theologie wertet den „Fall“ Adams und Evas aus dem paradiesischen Garten in eine „gottlose“, gottferne Welt, als vererbte Sünde oder Sündhaftigkeit, die auf alle Menschen übergeht. Dem islamischen Glauben nach fanden sich Adam und Eva nach ihrer langen Suche erst am Berg Arafat im heutigen Saudi-Arabien wieder, wo sie sich umarmten und dabei Gott priesen (arab.: Allah). Auf dem Berg Arafat hielt der Prophet Mohammed auch im Jahr 632 seine Abschiedspredigt. [4] Es heißt in Gen 2,10-14 EU: „Ein Strom kommt aus Eden, den Garten zu bewässern und von dort aus teilt er sich zu vier Hauptströmen. Des ersten Name ist Pischon, der das ganze Land Chawila umringt, wo das Gold ist. Das Gold dieses Landes ist gut. Dort findet man das Bedolach-Erz und den Schoham-Stein. Der Name des zweiten Stroms ist Gichon, der das ganze Land Kusch umringt. Der Name des dritten Stroms ist Chidekel, der auf der Morgenseite von Aschur fließt und der vierte Strom ist Perat.“ [5] Aktmalerei war ursprünglich die am nackten Körper studierten Stellungen und Bewegungen und deren Wiedergabe. Die vor- und frühgeschichtliche Kunst kannte den Akt fast ausschließlich mit kultisch-symbolischem Bedeutungsgehalt. Das Mittelalter ließ Aktdarstellungen aus religiös-moralischen Gründen nur in seltenen Fällen zu. Zu christlichen Aktthemen (Adam und Eva, Taufe, Selige und Verdammte) traten in der Renaissance die weltlichen, nach antiken Vorbildern häufig mit allegorischer und mythologischer Bedeutung (Apoll, Venus, die drei Grazien). In Italien betrieb die Werkstatt der Carracci als erste in größerem Umfang das Zeichnen und Malen nach dem unbekleideten lebenden Modell. In Deutschland wurde das Aktzeichnen als Lehrfach der Akademien 1662 eingeführt. Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer entwickelten Aktteilstudien als selbständige Bilder mit eigenem Aussagewert. [6] Sie wurde von Nachahmern gern gefälscht, unterscheidet sich dann aber in winzigen Details vom Original. [7] Wie der deutsche Islamexperte und Psychologe Andre Ahmed Al Habib schreibt wird in der islamischen Mystik die Suche von Adam und Eva zueinander als die Suche nach Gott (Allah) angesehen. Bei der Suche zueinander wird Adam und Eva Geduld (arab.: Sabr) und Gottvertrauen (arab.: Tawakul) abverlangt. In der irdischen körperlichen Vereinigung wird jedoch eine große Ekstase freigesetzt (arab.: Ishq), die das Band zwischen den beiden Liebenden und zwischen den Liebenden und Gott (arab.: Allah) festigt.. Dieses Motiv der Liebenden, die in der Suche zueinander mit Gott in Zwiesprache stehen, um dann bei der Vereinigung zueinander Gott zu preisen ist dabei ein durchgehendes Motiv in der islamischen Literatur, so z.B. in den Geschichten von „Tausend und Einer Nacht“, der Geschichte von „Leila und Madschnun“ von Nizami, den Geschichten im „Divan“ von Hafiz, oder den Geschichten von Rumi im „Mathnawi. [8] Liest man die altchinesischen taoistischen Texte, dann wird eine solche einträchtige Gesellschaft mit Führung unter dem sogenannten Gelben Kaiser zusammengelegt. Unabhängig davon war und ist es der Traum, vor allem zu kurz gekommener Menschen, paradiesische Zustände herbeizusehnen. Meist werden sie in ferne Regionen verlagert, manchmal aber auch versucht, vor Ort einzulösen. [9] Das Judentum kennt keine Sünden, die vererbt werden könnten. Deshalb gehen Adams oder der Väter Handlungen gegen die Gebote des Herrn nicht auf die nachfolgenden Menschen über. Die jüdische ethische Tradition ist liberal. Der Mensch hat einen freien Willen (beh.irah) und ist nur für seine eigenen Sünden verantwortlich. Der Mensch hat eine Neigung zum Bösen (jetzer ha-ra), wie eine Neigung zum Guten und Gottes Gebote helfen den guten Trieb (jetzer tow) in den Menschen zu entwickeln, was letztlich positiv für die Menschen und für die Umwelt ist, dies entwickelt die Tikkun Olam "Verbesserung der Welt". Die genaue Ausdeutung Gottes Gebote ist zudem nicht festgeschrieben, sondern wird in der jüdischen Tradition immer weiter in der Zeit entwickelt und bleibt Juwel der jüdischen Streitkultur, die letztlich das jüdische Volk eint. Gott hat dafür die schriftlichen Tora und die mündliche Überlieferung dem Mosche gegeben. Als von Gott auserwähltes Volk haben sie jedoch zahlreiche (613) Gebote und Verbote zu erfüllen, die anderen Menschen nicht abgefordert werden. Sünden werden jährlich gereut (an Jom Kippur), einige durch Entschuldigung und Reue bei den nächsten und fernen Mitmenschen, einige durch Reue und Entschuldigung vor dem ewigen Wesen Gott, der gnädig ist. Es gibt im Judentum auch kein personifiziertes Böses, etwa den Teufel, oder die grundsätzliche böse und verderbte Neigung in den Menschen, wie sie die christliche Tradition unter anderem der Erzählung der Bibel über Adam und Eva im Garten Eden als so genannten "Sündenfall" oder so genannte "Erbsünde" entnimmt. Einige Religionen lehnen den Monismus generell ab, da er in seinem Versuch der Reduzierung auf ein Grundprinzip auch den Gott oder die Götter mindere oder auflöse. Der Monismus ist die philosophische oder metaphysische Position, wonach sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Der Monismus bezieht damit die Gegenposition zum Dualismus und Pluralismus, die zwei oder viele Grundprinzipien annehmen. In der Religion stehen monistische Lehren oft dem Pantheismus oder dem Panentheismus nahe, der eine Gegenwart (Immanenz) des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt sieht. Der theologische Monismus: Marta Cencillo Ramirez |
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Eröffnungsrede gehalten Thomas Baumgärtel ist weitaus mehr als nur Maler im klassischen Sinne. Sein intermediales Werk umfasst neben Zeichnungen und Druckgrafiken auch Fotocollagen, neben Übermalungen von Fotos auch Übersprühungen von „Alte Meister“-Gemälden und von Objekten. Er hat sich keineswegs nur mit dem traditionellen Staffeleibild, sondern auch intensiv mit der Wandmalerei im öffentlichen Raum, ja sogar mit der Glasmalerei beschäftigt. Und so haben sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre manche Bananenberge an Häuser- und Fabrikfassaden aufgetürmt, die inzwischen das Gesicht unserer Region mitprägen. Während einiger meiner Reisen ging es mir manchmal wie dem Hasen im Grimmschen Märchen vom Wettlauf des Hasen mit dem Igel. In Moskau, New York, Paris oder Wien begrüßte mich die Banane: ‚Ich bin schon längst vor dir da’. Damit nicht genug, die breite Palette des künstlerischen Schaffens von Thomas reicht bis in die Aktionskunst und zeigt, wie fließend für ihn die Grenzen zwischen Bildwerk und Aktion sind. Neben seinen subversiven Sprayaktionen haben seine Performances und Happenings, besonders die mit einer dinosaurierartigen Banane, einer überdimensionalen, auffaltbaren Bananenskulptur auf Rädern, erhebliches Aufsehen erregt. Bis heute wartet die Aktion „Banane im Brandenburger Tor zu Berlin“ auf ein Startzeichen. Ich drücke Dir fest die Daumen, dass es bald losgehen kann. Im Bereich der Objektkunst aber mag der Künstler im Laufe der letzten 25 Jahre vielleicht das facettenreichste Werk innerhalb seines Œuvres geschaffen haben. Es reicht vom Multiples eines übersprühten Telefonbuchs („Gelbe Seiten“, 2002) bis zur zertrümmerten Betonbanane im Reagenzglas („Bananensplit 1+2“, 2000). Eine Auswahl davon ist in Editionen greifbar und erfreut Sammler mit kleinerem Portemonnaie. Alles in allem kann man sagen, Thomas Baumgärtel hat auf fast enzyklopädische Weise ein umfassendes System bildnerischer Praktiken entfaltet, das von einem unermüdlichen Schaffensdrang zeugt. Dies mag wohl auch den Ausschlag für den Titel der Ausstellung „Bananenenzyklopädie“ gegeben haben. Folgt man Meyers Universallexikon bedeutet Enzyklopädie die umfassende Lehre aller Künste und Wissenschaften, im Besonderen die Darstellung der Grundbegriffe einer einzelnen Kunst oder Wissenschaft unter dem Gesichtspunkt des sie durchdringenden obersten Lebensprinzips“.[1] Thomas Baumgärtel hat für dieses Lebensprinzip ein für alle lesbares Zeichen, ein fröhliches, lustvolles Signet gefunden, die Banane. Wenn man wie ich das Glück hatte, seit mehr als 25 Jahren Werden, Wandel und Wirken von Thomas’ Schaffen aus nächster Nähe zu verfolgen, ein Schaffen, das mit Humor und Satire gewürzt ist, aber keineswegs der Selbstironie entbehrt, ein Schaffen, das von Angriffslust und Rebellion zeugt, aber auch findungsreich das Selfmanagement im Auge behält, dann sei einmal eine kontroverse These erlaubt: Im Werk von Thomas Baumgärtel geht es nicht wirklich um die Banane. Sein Ziel ist nicht – wie ich es einmal nennen möchte – das „wieder-erkennende Gegenstandssehen“[2] einer Banane, nicht die Nachahmung der schnöden Dingwelt, das wäre zu banal, sondern ihn interessieren vorrangig übergreifende Phänomene, die die Wirkungsmacht der Kunst berühren. Je profaner aber der dafür verwendete Gegenstand ist, desto mehr ist er prädestiniert, unsere Anschauung zu stimulieren und unsere Wahrnehmung zu intensivieren. Ein Künstler wie Thomas Baumgärtel, der sich mit wahrnehmungspsychologischen Fragen intensiv auseinandergesetzt hat, weiß dies sehr wohl. Und er ist sich bewusst, dass Anschauung von Kunst immer bedeutet, sich auf einen endlosen Prozess eines sich immer neu konstituierenden, vorbegrifflichen Sehens einzulassen. Einfach ausgedrückt, Kunstanschauung heißt sich einlassen auf das Abenteuer des Sehens, auf vorurteilsfreie, permanente Augenlust. Nur nebenbei bemerkt, ich glaube, dass in dieser Prozesshaftigkeit des Sehens einer der tieferen Gründe für sein serielles Arbeiten zu suchen ist. Aber es liegt ganz an Ihnen, meine Damen und Herrn, was Sie Wahr-nehmen, im Sinne von „Für-wahr-nehmen-Können“[3]: Denn je weniger Sie nur das Altbekannte im Bild wiederfinden wollen, desto tiefer können Sie in die erkennende Ein-Sicht ins Werk einsteigen. Wenn Sie also die Werke von Thomas Baumgärtel näher betrachten, widerstehen Sie einmal dem Versuchung, nur die Banane zu sehen, lassen Sie sich mal vom Unbekannten, Fremden überraschen. Denn tatsächlich entwickelt sich die Wirkung seiner Kunst vor allem aus der psychologischen Inanspruchnahme des Betrachters, aus dem Spiel mit seinen Assoziationen, seinen Sehnsüchten, seinen Wunschvorstellungen und seinem Unbehangen. So wie ich also behaupte, es geht hier nicht wirklich um die Banane, müsste ich ebenso gut sagen, es war reiner Zufall, dass ausgerechnet eine Banane 1983 während seiner Zivildienstzeit im Rheinberger Krankenhaus zum Medium seiner ersten dadaistischen Aktion „Bananenschale am Kreuz“ wurde. Tatsächlich stand damals die Aktion, besser der kreative Impuls, und nicht das Material, eben zufällig eine Bananenschale, im Vordergrund. Ich bin davon überzeugt, es war auch keine bewusste Tabuverletzung, kein Akt von Blasphemie, der dazu führte, dass der angehende Künstler einem Kruzifix eine Bananenschale anheftete. Ich denke, ihm wurden auch erst im Laufe des Prozesses, in dem die saftigen Schale zunehmend vertrocknete und sich in eine dunkelbraune Mumie verwandelte, die übergreifenden Sinnbezüge bewusst. Damals mag der Künstler gespürt haben, dass mit seinem Eingriff in die festgefügte Form eines Kreuzes mit Hilfe eines ungestalteten Abfallsprodukts eine fundamentale Dingverwandlung eingeleitet worden war. Im Trocknungsprozess gewann die Fruchtschale mit ihren schlaksigen Ärmchen und Beinchen menschliche Züge und wandelte sich vom wertlosen Naturprodukt zu einem würdigen Äquivalent für den Christuskorpus. Nun war das Kruzifix nicht mehr auf endgültige, unveränderliche Dauer angelegt, sondern das vom Fruchtfleisch gelöste Präparat, die Schale, nahm selbsttätig am Umwandlungsvorgang des Werdens und Vergehens teil. Fortan wurde für Thomas Baumgärtel die Banane als künstlerisches Kondensat für die Verlebendigung des Seins zu einem andauernden Faszinosum. Dies war die Initialzündung für sein Großprojekt Banane, das Thomas nun mit beispielloser Energie vorantrieb.Aber auch die Affinität für das Motiv des Kreuzes hält bis heute an und zeigt sich in einer Reihe von großformatigen Gemälden zum Thema „Heilige Bananenschale“ oder „Kreuzigung“ aus dem Jahr 2004. Vertraute Objekte aus seinem Lebensraum, Kisten, Koffer, Schränke, Sofas, Stühle oder Fernsehbildschirme reiht Thomas in seinen Bananenkosmos ein. Nicht wie Marcel Duchamp erklärt er das ungestalte Ready made einfach zum Kunstwerk, sondern er löst es durch Übersprühung oder auch Vergoldung aus seinem normalen Funktionszusammenhang heraus und überführt es in einen neuen Sinnzusammenhang. Das All-over der Spraybanane sorgt dafür, dass die ursprüngliche materielle Präsenz des aufgefundenen Objekts in den Hintergrund tritt, stattdessen wird es zur strahlend gelben Energiekonserve. Man könnte auch sagen, der Künstler überschreitet die Grenzen seiner Leinwand, greift sprayend in den Raum ein, sprengt sogar die Grenzen seines Ateliers, um sich im Außenraum neue, nahezu grenzenlose Malgründe zu suchen, denken Sie an seine riesigen Wandmalereien auf Brücken und Fabrikhallen. In der Ausstellung ist es gelungen, die Entwicklungslinie und Anverwandlungen der Banane als Grundformel eines künstlerischen Gesamtwerks der letzten 25 Jahre offen zu legen. Es wird die Herausbildung einer universellen Bildsprache, in der die Banane sowohl Zeichen als auch Bezeichnendes ist, an Hand von dreidimensionalen Objekten in Objektkästen und Assemblagen, als auch in der Malerei und in der Spraykunst veranschaulicht. Mit der Banane, die im Grafitti auf wenige Umrisse kongenial verkürzt ist, entsteht durch das Negativ der Schablone das Positiv eines Pattern, d.h. eines Musters, einsetzbar für alle Gattungen der Malerei, dem Geschichtsbild ebenso wie der Vedute von Köln, dem Bildnis wie auch der Landschaft. Am Anfang des künstlerischen Werdegangs von Thomas Baumgärtel standen also vor allem die Aktion und das Objekt, bis heute sind es die wesentlichen Referenzgrößen seines künstlerischen Schaffens geblieben. Schon damals ging es um Aktionskunst im besten, eben im Beuysschen Sinne, nämlich um den Versuch, die Grenzen zwischen Kunst und Leben zu überbrücken, ja sogar aufzuheben. Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen, Fassaden von öffentlichen und privaten Häusern, von Brücken oder Türmen, von Außenhäute der Galerien und Museen zu Bildträgern seiner Kunst zu machen. Sich aber auch dem öffentlichen Dialog mit Passanten, Galeristen, der Staatsgewalt oder den Vertretern der öffentlichen Hand zu stellen, das macht ein wichtiges Merkmal seines Kunstschaffens aus. Wenn beispielsweise Obdachlose von der Kölner Domplatte vertrieben werden, scheut der Künstler die Konfrontation mit der Kirche nicht und erzwingt symbolisch die Öffnung des Gotteshauses, indem er das Haupttor mit einer gigantischen Bananenskulptur quasi penetriert. Auch wenn viele seiner rebellischen Aktionen frech, spitzbübisch, subversiv oder auch karnevalesk in Erscheinung treten, dann darf man den ernsten Kern seines künstlerischen Kredos nicht verkennen: Es geht Thomas Baumgärtel um die Freiheit des Menschen und die Freiheit der Kunst. Diese Antinomie zwischen spielerisch-theatralischer Inszenierung und ernstem Anliegen kommt in seiner Performance „Deutsche Freiheitsstatue“ treffend zum Ausdruck. Davon überzeugt, dass sich die Kunst in einem fortlaufenden Prozess befinde, übersprühte der Künstler eine Betonskulptur seines Fluxus-Kollegen Vostell mit Spraybananen. Dieser wehrte sich vehement gegen den Übergriff, ganz im Widerspruch zu seiner künstlerischen Programmatik, dass Fluxus eine Kunst des Wandels sei. Daraufhin besetzte Thomas Baumgärtel, verkleidet als us-amerikanische Freiheitsstatue mit langer Bananenschleppe, den Vostellschen Betonblock mitten im Strom des Kölner Verkehrs und hielt die Fackel der Freiheit gen Himmel. Nicht nur im Versuch Kunst und Leben zusammenzuführen, auch in der Vorstellung von der Banane als Lebensspender und Energiespeicher oder ebenso im Blick auf die Bananenkreuze in Objektkästen könnte man annehmen, Joseph Beuys habe Thomas Baumgärtel Pate gestanden. Analogien bestehen z.B. im wunderbaren frühen „Christus in der Zigarrenschachtel“ von Beuys aus dem Jahr 1949. In den 1980er Jahren aber hatte der zwanzigjährige Zivildienstleistende noch keine Berührung mit Beuys. Später allerdings nahm Thomas unmittelbar Bezug z. B. auf den „Filzanzug“ von Beuys von 1970. Allerdings sind die beiden Bananenanzüge aus Jute oder Baumwolle keine Multiples, sondern maßgeschneiderte Einzelstücke, die Thomas bisweilen während seiner Aktionen trägt. Dagegen hat Beuys seinen Filzanzug nie als Gebrauchgegenstand, sondern nur als künstlerisches Objekt und Metapher für einen Wärmespeicher verstanden. Dennoch ist die Verwandtschaft mit der Beuysschen Materialästhetik und Materialikonologie unverkennbar, sie wurzelt vielleicht in der gleichen Herkunft beider, dem katholisch geprägten Niederrhein. Das Bedürfnis des Künstlers nach Gestaltung zeigt sich also am unmittelbarsten in seiner Objektkunst, fast möchte ich sagen in seiner Objektbesessenheit. Er steht in einer langen, von Dada eröffneten und von der Popart weitergeführten Tradition. Seine Referenzfigur ist wie schon gesagt Marcel Duchamp. Als dieser zu Beginn des Jahres 1914 in einem Pariser Kaufhaus einen Flaschentrockner aus Eisen erwarb und den alltäglichen Gebrauchsgegenstand kurzerhand zum Kunstwerk erklärte, leitete er mit diesem handgreiflichen Protest gegen eingefahrene Kriterien der Kunst eine neue Phase künstlerischen Sehens ein. Der Schock, den die Einführung eines vorgefundenen Objekts, genannt „objet trouvé“, auslöste, bildete den Auftakt zur intensiven Beschäftigung von Künstlern mit kunstfremden Realobjekten. Erstes „objet trouvé“ von Thomas Baumgärtel war die Bananenschale oder genauer die Schale und das Kreuz und löste ebenfalls den Protest der kirchlichen Institution aus. Die Bananenschale aber wandelt sich bei Thomas Baumgärtel umgekehrt zum gängigen, von der Literatur und Kunst beschrieben Prozess, nämlich von einem pflanzlichen in einen menschlichen, objekt- oder zeichenhaften Körper. „Künden will ich, wie sich Gestalten in andere Körper wandelten.“, so lautet der erste Satz aus den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Publius Ovidius Naso, kurz Ovid genannt.[4] In seinem weltberühmten Sagengedicht, das immerhin 15 Bücher umfasst, schildert Ovid rund 250 Verwandlungsgeschichten von mythischen und menschlichen Gestalten in Gestirne, Pflanzen, Tiere, Quellen oder Steine. Wundersam und vielfältig sind diese Wandlungen, denken wir z.B. an den sich selbst verzehrenden Narziss, der sich im Sterben in die nach ihm benannte Blume wandelt, um jeweils zum Frühlingsanfang wieder aufzublühen. Verwandlungen in allerlei Pflanzen kommen also bei Ovid reichlich vor, nicht aber die in eine Banane. Von den frühesten Werken Thomas Baumgärtels, von der „Metamorphose der Kölnbanane“ aus dem Jahr 1987 bis zum stetig wachsenden Tableau „Metamorphose einer Spraybanane“ geht es vor allem um eins, um jenes Prinzip der Wandlung alles Lebendigen von einem Seinszustand in einen anderen. Die Ausstellung hier im Museum Goch hat dies besonders klar herausgearbeitet. Sowohl die singulären Gemälde als auch der wandfüllende Metamorphosen-Block offenbaren die Vielfältigkeit der Transformation aus oder besser gesagt in eine Banane oder auch in viele winzige Bananen – der Künstler nennt dies Bananen-Pointillismus. Es sind im Sinne Ovids Rückverwandlungen einer Banane in eine Vielzahl lebender Gestalten, aber auch in Requisiten wie die Zipfelmütze des Kölner OBs, in die Doppeltürme des Kölner Doms, in Komikfiguren wie die Peanuts, in Zeichen wie die Paragraphen oder auch in Markenzeichen etwa einer bekannten Fastfood-Kette. Die Spraybanane bleibt dabei immer die Grundformel innerhalb dieser Grammatik aller sichtbaren und symbolischen Dingwelten und wird zur multifunktionalen Sprache, wenn Sie so wollen, zum Bananen-Esperanto für Sehende. Im Werk von Thomas Baumgärtel steht die Banane also für die unermessliche Vielfalt eines welt- und menschheitsgeschichtlichen Prozesses und figuriert die Kreativität als Grundprinzip des lebendigen Seins. Dies findet einen adäquaten Ausdruck im dem inzwischen über 150 Motive umfassenden Metamorphose-Block. Er ist ein „offenes Kunstwerk“[5], das nie zur Vollendung gelangen wird und hat für Thomas Baumgärtel möglicherweise eine ähnliche Funktion wie der „Atlas“ für Gerhard Richter. Hier dekliniert der Künstler Grundbegriffe durch, die dann in komplexere Bildwelten einfließen. Die „Metamorphose der Spraybanane“ erzählt uns eine Grundweisheit, die von der Koexistenz der Dinge. Alle Dinge dieser Welt stehen in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander. Sie wachsen, entwickeln und verändern sich, verschwinden und vergehen. Ihre unsichtbare Analogie wird erst in der einheitlichen Signatur der Banane sichtbar. Das serielle Prinzip aber bedeutet immer auch ein Kreisen um Formfindung, Formaneignung, Formwiederholung und Formweiterentwicklung. Es berührt Fragen der Reproduzierbarkeit von Kunst und der Medialität von Bildern. Die hier gezeigte Installation mit schwarzen Aktenordnern deutet diesen Aspekt an und verweist zugleich auf eine wichtige Arbeitsweise des Künstlers, das Sammeln, Ordnen und Dokumentieren der eigenen künstlerischen Tätigkeit. Der nicht abreißende Fluss der Bilder kann hier zwar nur durch einen Bruchteil dessen dargestellt werden, was Thomas Baumgärtel tatsächlich im Laufe der 25 Jahre zusammengetragen hat, aber es reicht, um den Wunsch dahinter zu erkennen: der Ariadnefaden der Kreativität möge nie abreißen. Mit der seit einigen Jahren neu eingeleiteten grauen Periode scheint es manchmal so, als würde die Banane von den neuen grauen Bildern verdrängt werden. Tatsächlich ist die Banane unverwüstlich und schleicht sich immer wieder ins Bild, wenn z.B. der emanzipierte Adam der Eva eine Banane anbietet. Die Banane bleibt also weiterhin der geheime Code für alles Lebendige und Wandelbare und steht für das kreative Prinzip schlechthin. Bettina Baumgärtel (Leiterin Gemäldegalerie, Museum Kunstpalast, Düsseldorf) [1] „Enzyklopädie“, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig und Wien 1904, 6. gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage, 5. Bd., S. 850. |
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Von Orangen und Bananen Zur Ausstellung "Banane" des Schwetzinger Kunstvereins Seit dem 16. Jahrhundert ließen sich die reicheren Fürsten des nördlichen Europa Orangerien für ihre Zitrusbäume bauen, um die kostbare Südfrucht über den kalten Winter zu bringen. Im Schwetzinger Schlosspark steht eine solche Orangerie, im Jahre 1708 von Nicolas de Pigage erbaut. Sie ist noch heute Winterquartier der Orangen-, Zitronenbäume, der Palmen, Lorbeerbäume, Oleander, Kamelien und Agaven, die im Sommer ein wenig Italien in die alte Kurpfalz bringen. 2006 organisierte der Kunstverein Schwetzingen hierin - zwischen Kalter Sophie und erstem Frost - eine Ausstellung zum Thema Orange mit über 40 Künstlern. Darunter befand sich auch Thomas Baumgärtel mit zwei - für manchen etwas überraschenden - Orangen-Bildern. Zufälligerweise stammen beide, Orangen wie Bananen, aus derselben tropischen Heimat, aus Südostasien, von wo sie im frühen 16. Jahrhundert durch portugiesische Seefahrer nach Europa gebracht wurden. Damit hatten beide Früchte die Kunst und die Ikonographie des Mittelalters verpasst, weshalb es keine süßen Jesusknaben mit einer Banane als Paradiesfrucht in Händen gibt - nicht einmal bei Thomas Baumgärtel, der lediglich einmal eine spätgotische Verkündigungsszene mit Bananen übersprüht hat. Orange und Banane landeten also gleich im Körbchen der bürgerlichen Stilllebenmalerei der Renaissancekunst. Doch hier erscheinen sie nur sehr selten, fast nie, was als Phänomen für beide Früchte gilt. Stillleben mit Banane sind der Kunstgeschichte eigentlich erst seit dem 20. Jahrhundert bekannt - wie zum Beispiel bei Giorgio de Chirico. Beide sind also - kunsthistorisch betrachtet - sehr moderne Früchte, die keine mittelalterliche Ikonographie oder gar religiöse Symbolik besitzen und sich so einer modernen - eher psychologischen und assoziativen - Deutung und Symbolik öffnen. Die Orange hat diese moderne Ausdeutung erfahren, vor allem als erotisches Symbol. Der Duft einer prallen Orange hat schon den biederen Schwaben Eduard Mörike zu einer seiner sinnlichsten Dichtungen inspiriert ("Mozart auf der Reise nach Prag", 1855). Insbesondere die Navelorange mit ihrem Nippel, der an eine weibliche Brust erinnert, regte zahlreiche Künstlerinnen der Schwetzinger Orangen-Schau zu höchst frivolen und amüsanten Werken an. So kam denn auch niemand auf die Idee, der Bananenstaude beheizte Gewächshäuser zu bauen. "Banagerien" gab und gibt es nicht. Grund genug, die Geschichte ein wenig zu korrigieren und die Orangerie des designierten Weltkulturerbes Schwetzinger Schlosspark - zwischen Kalter Sophie und erstem Frost - zur „Banagerie“ zu erklären. Thomas Baumgärtel fand sich bereit, diese historische Tat zu vollbringen. Doch Thomas Baumgärtel ist nicht mehr nur der Bananensprayer, der sein Logo als Konzeptkunst mittlerweile über den ganzen Globus verbreitet hat. Das 1986 erfundene Bananenemblem wurde zum Markenzeichen und begehrten "Michelin-Stern". Der einstige Straßenkünstler hat längst Zutritt in jene Galerien, Museen und Kunstvereine gefunden, die er früher nur von außen markierte. Der Banane jedoch blieb er treu, denn es wäre töricht, dieses eingeführte Markenzeichen aufzugeben. Er hat sie weiter entwickelt. Und so interessieren vor allem die Metamorphosen der Banane, die den aktionistischen Impetus nicht mehr nötig haben, die als Kunstwerke gefallen und nicht nur als Gag und Provokation. In diesem Sinne bildet der Werkblock "Metamorphosen der Banane" ein Schwerpunkt der Schwetzinger Ausstellung. Hier beweist Baumgärtel sein Können, das nicht nur im Schütteln und Bedienen einer Spraydose besteht. In einem wunderbaren Einfaltsreichtum paraphrasiert er die Grundform wie auch die Symbolik der Banane zu immer neuen Piktogrammen, die genau so genial und anarchistisch sind, wie die Idee zur Sprühbanane. Die einfache Banane mutiert zur Wurst oder zur Zucchini, zum Fuß- oder Golfball, zur Weihnachts- oder Karnevalsbanane. Die Phantasie und der Humor kennen hier keine Grenzen. Und doch ist nicht alles Banane im Werk von Thomas Baumgärtel, das mehr ist als Graffiti, Pop-Art und Comic. Thomas Baumgärtel hat besonders den politischen Hintersinn aus der Banane herausgeschält, so dass so mancher auf ihr ausrutscht. In bester Satire machen seine Bananen den Bundesadler und die Bundes- als Bananenrepublik lächerlich. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Banane sogar zum Symbol der westlichen Konsumgesellschaft, weil Bananen in der DDR einst Mangelware waren. Baumgärtel parodiert diese Situation mit dem Bananentrabbi oder lässt die nun gesamtdeutsche Banane vor dem Brandenburger Tor oder auf den neuen gesamtdeutschen Geldscheinen prangen. Aber auch der alte Westen bekommt seine Bananen ab, Politiker wie Helmut Kohl oder der Kölner Bürgermeister werden mit Bananennase oder Bananenkrawatte sowie unsere Konsum- und Medienwelt und der kapitalistische Kunstbetrieb karikiert. So wie dem im nahen Heidelberg lebenden Klaus Staeck ist Baumgärtel keine Frechheit fremd. Doch die Banane ist nicht nur ein satirisches Symbol. Sie kann auch als ästhetisches Motiv gefallen. Der von Baumgärtel entwickelte "Bananenpointilismus" nutzt sie als Pochoir, der Bilder mit Inhalten füllt, die gar nichts mit Bananen zu tun haben, die zum Beispiel Landschaften und Architekturen zeigen und die künstlerischen Interessen eines Künstlers offenbaren, der sich auch mental keineswegs nur von Bananen ernährt. Hier entwickelt sich der einstige Konzeptkünstler zu einem der interessantesten Maler der Gegenwart. So gefallen zahlreiche gemalte Bananenbilder von Baumgärtel, die einfach "nur" klassische Stillleben darstellen und in einer tropischen Atmosphäre ihre Farben und Formen leuchten lassen. Dabei spielt der Humor, die Satire und die Sexualsymbolik keine vordergründige Rolle mehr. So wie Baumgärtel in seiner Früchteserie viele andere Nichtbananen porträtiert, erscheinen die Bananen hier in einer eher unschuldigen Sinnlichkeit ohne jeden Hintergedanken mindestens so schön wie etwa die Orange. Dr. Dietmar Schuth Kunstverein Schwetzingen, 2007 |
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Thomas Baumgärtel Ihren Ausgehtag verbringt Mary Poppins mit ihrem Freund Bert, der zwei Berufe hat: Anstatt vieler Worte weist er mit der Spraydose den Weg. Für den Betrachter ist die Aufforderung eindeutig, er muss sich nur darauf einlassen, dass ihm etwas Besonderes bevorsteht, wenn er der Banane folgt. Baumgärtel hat die Wirkung der Banane auf die Betrachter beobachtet, nicht so sehr aus der Sicht des Erklärenden, sondern eher aus künstlerischer, visueller Sicht. Er deutet die Wirkung der Banane, wie der Psychologe den Rorschach Test ausloten würde. Unterschiedliche Menschen sehen seine Bananen mit ihrem inneren Auge, für die einen leuchtet das Gelb wie Sonnenlicht, für andere ist es die Form einer Mondsichel, das Betrachten der Banane löst unterschiedliche Assoziationen und Reaktionen aus. Der Kunstkenner soll dabei ruhig auch an Andy Warhol denken. Das Land, das hinter den Bananen liegt, ist für Baumgärtel ein Zauberland, immer wieder neu zu entdecken und frei von Alltäglichkeiten. Nicht umsonst schwebt sie an Wänden und Glasscheiben und weist so auf ihr surrealistisches Grundprinzip hin. Hinzu gesellt sich ein gutes Stück Ironie; denn das Baumgärtelsche Kunst-Urteil ist keineswegs rein theoretisch, es ist distanziert und persönlich zugleich, ganz sicherlich auch emotional - im besten Sinne idealistisch und auf keinen Fall zynisch. Eben auch nicht idealistisch im Sinne Eugen Schönebecks, der in den 60er Jahren zu später Stunde auf dem Akademiefasching singt: „Die einzigen Idealisten, das sind die Galeristen“. Selbst wenn seine Sprayattacken teilweise ablehnender Verfolgung unterworfen sind, nimmt sich Thomas Baumgärtel doch einfach nur die Freiheit, seine persönliche Zuneigung, seine Überzeugung kundzutun. Er geht von sich selbst aus, hier hat ihn das MOMA eingenommen, dort die Peggy Guggenheim Sammlung in Venedig. Wurde er vor Jahren noch im Ludwig Museum beim Sprayen erwischt und musste eine hohe Strafe zahlen, freut er sich Jahre später über die Einladung von Museumsdirektor Dr. Gohr, nun doch eine neue Banane an das Ludwig Museum in Köln zu sprühen. Von sich weiß Thomas Baumgärtel zu berichten, dass mit der Erfahrung als Sprayer der Entschluss reifte, Künstler zu werden. In seiner Vorstellung siedelt der junge Künstler sich vordergründig gesehen zunächst im Untergrund an, zu Recht, Kunst mobilisiert in der eigenen Zeit immer auch subversive Kräfte, die ein Künstler gut gebrauchen kann. Noch ohne eigenes Atelier, erwirbt der Sprayer dabei gleichzeitig eine erste Ahnung, warum Kunst gut tut. Das Sprayen von Bananen ist dabei weniger ein politischer, evaluierender Akt, sondern vielmehr ein Nachdenken über die heutige Welt, ein Innehalten, wo wir uns befinden, ein Fragen stellen zum heutigen Menschenbild. Politisch daran ist allenfalls, dass der Künstler sich einmischt, Stellung bezieht. Das wiederum findet bereits dort seine Grenze, wo im Mittelpunkt der andere Mensch steht, der mit ins Bild gezogen werden soll, damit das künstlerische Anliegen gelingen kann. Es ist deshalb nur konsequent, dass Baumgärtel den heutigen Menschen ansprechen will, ihm Vorschläge macht, was aufschlussreich sein kann, um sich ein Bild zu machen. Die Banane ist der Vorwand, den Betrachter ins Bild einzubeziehen, etwas drastisch, drastischer zumindest, als Baumgärtel es von seinem Temperament her sein könnte. Sie ist der Eingang in eine Welt, in der wir uns unbefangen mit Fragen befassen können, die zwar vor unseren Augen stehen, häufig aber zu komplex sind, um nicht auch Angst einflößend zu sein. Wenn man nicht den Mut aufbringt, sieht man wohl möglich weg. Der Sprayer musste erheblichen Mut aufbringen, um an diesem und jenem ehrwürdigen Gebäude seine Aufforderung zum Tanz anzubringen. Dieser mutigen Aufforderung sollten wir deshalb folgen. Mut ist auch vom Zweifel begleitet. Zweifel sucht nach Beispielen der Bestätigung oder Ablehnung. Kunstwerke haben das über die Jahrhunderte mit Allegorien, Gleichnissen, Symbolen, Emblemen, und mit Hieroglyphen festgehalten, als Zeichen für die Absicht,ein Bild zu verschlüsseln. Thomas Baumgärtels Banane ist ein derartiges Zeichen. Die Wirkung liegt darin, dass uns diese Zeichen neugierig machen und wir ihnen nachgehen, um sie zu entschlüsseln. Diese Möglichkeit ist oft viel weitergehender, als man glaubt, hilft sie doch, die schier unüberwindbar erscheinenden Probleme der eigenen Zeit zu entlarven. Nicht jeder kann oder will diese Botschaften lesen, deshalb treten sie oft erst einige Generationen später klar zu Tage. Aber ist Baumgärtels Banane wirklich mit dieser Zauberkraft ausgerüstet? Vielleicht hilft ein Ausflug in vergangene Zeiten zur Erforschung von heute ähnlich verlaufenden Phänomene zur Beantwortung dieser Frage. Seit Aby Warburg nutzen wir die Erinnerung an Parallelwelten vergangener Zeiten intensiv, um aktuelle Phänomene besser zu verstehen. Wendet man Warburgs Methode auf Baumgärtel an, könnte zum Beispiel Gustave Courbet ins Betrachtungsfeld kommen - auch ein Künstler, der beunruhigend auf seine Zeit wirkte. Heute erkennen wir in ihm einen Vertreter der damaligen Moderne, der die besten Antworten auf die Fragen der Zeit, ja sogar der Zukunft geben konnte. Deshalb verwirrt es uns, dass er seine Zeitgenossen irritierte, vertrat er doch so fortschrittliche Gedanken, wie zum Beispiel den der Freilichtmalerei oder des Realismus als Ausdrucksform demokratischer Kunst, schließlich der Kunst als öffentlichem Mittel, nicht als Luxusgut. Für uns ist klar, dass er die Errungenschaften seiner Zeit für die Menschen seiner Epoche nutzte: Die Erfindung der Zinkfarbtuben ermöglichte es ihm, im Freien zu malen, was kurze Zeit darauf die Impressionisten inspirierte. Der Anspruch des Künstlers, sein Thema selbst zu wählen, kann als demokratischer Befreiungsakt verstanden werden. Kunst allen Zeitgenossen als Lebenshilfe zuzugestehen, versteht sich heute von selbst, war aber in der restaurativen Zeit Napoleons III eine unerhörte Provokation. Denkt man zum Beispiel darüber nach, dass Portraits damals noch immer vorwiegend von Fürsten in Auftrag gegeben wurden, kann man sich besser vorstellen, wie zutiefst verstörend für den damaligen Betrachter die Portraits zweier Steinklopfer waren, die Courbet im Jahre 1849 anfertigte. Etwa fünfzig Jahre später erwirbt die Stadt Dresden dieses Bild für die Gemäldesammlung, ein Zeichen dafür, wie aufgeklärt und weltoffen der Staat Sachsen mit dem vielfältigen Gedankengut europäischer Kunst inzwischen umgehen konnte. Weitere vierzig Jahre später verbrennt das Gemälde im Phosphorfeuer der Bombenangriffe auf Dresden. Bis heute lebt es aber fort, verkörpert in vielen Schulbüchern die modernsten Ideen von gestern, aber auch das Scheitern an reaktionären Zeiten. Deshalb „kennen „ wir mit den Steinklopfern ein Gemälde sehr genau, obwohl es gar nicht mehr existiert. Wir ahnen , dass es uns die Sicht Courbets in unsere Zeit zurückbringen kann, dass das der wichtigste Grund ist, warum das Werk für uns noch Bestand hat. Die Erfindung der Zinkfarbtuben ist inzwischen von der Erfindung der Spraydosen abgelöst worden, auch das ist vergleichbar. So wie es in Sachsen den aufgeschlossenen Museumsdirektor Carl Woermann gab, der 1904 Courbets „Les Casseurs de Pierres“ kaufte, gibt es heute den Museumsdirektor Gohr im Museum Ludwig in Köln, der eine gesprayte Banane für sein Museum bestellt. Wieder ist ein fortschrittlicher Kunstkenner am Werk, der das Risiko zeitgenössischer Künstler kennt und teilt. Vor allem aber macht ein eigentlich harmloses Werk auf zeitgenössische Probleme aufmerksam, die niemand sehen will, die uns aber die Gegenwart umso klarer vor Augen erscheinen lassen. Die Bewegung, die wir damals wie heute beobachten, ist nicht linear, auch nicht progressiv. Atmosphärisch wird durch den verwandten Stil erkennbar, dass Thomas Baumgärtel Menschen zu verzaubern sucht, sie in eine Welt hineinzieht, die magisch ist, geheimnisvoll und deshalb der Entschlüsselung bedarf. Die im Bananenpointillismus erstellten Werke zur Deutschen Einheit benutzen das Zeichen der Banane nicht, um zu vereinfachen, sondern die tanzende Banane beschwingt und erweckt Freude. Wir tanzen schließlich angesichts dieser Bilder mit hunderten durch die Luft schwebender Bananen in Gedanken mit. Die derart erreichte Vereinfachung eines komplexen Sachverhaltes Das einfache Zeichen erschöpft sich auch deshalb nicht in Wiederholung, weil es ein Ordnungsprinzp ist. Angesichts der „Deutschen Einheit“ mahnt es den gemeinsamen Nenner an, zeigt, dass zwar auch die freudigsten Momente ihre Schattenseiten haben, von denen abzusehen aber möglich ist, wenn aus Bananen Rosen entstehen. Wir befinden uns dabei nicht in der Zeit von „yellow submarine“, sondern in Deutschland, das seine neuen Aufgaben nur unscharf erkennt. Stellt man die Volksarmee und die mit Kalaschnikow bewaffneten Soldaten Die Handschrift macht den Künstler aus, sie ermöglicht es, dass wir gedanklich von den Bananenrosen zur Kalaschnikowbanane wandern können, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass man sich aus vielen Aspekten ein Bild macht. Es ist mutig, Liebe und Tod mit denselben Mitteln anzusprechen, dadurch den inhaltlichen Gegensatz zu überwinden und gleichzeitig zu erfahren, dass sich Gefühle in uns verstärken, die die Bilder ausgelöst haben. Man empfindet es als ein Wunder, Gegensätze gleichzeitig zu denken, das Auge wandert von einem zum anderen Bild, mit ihm wandern die Gedanken und verstärken sich durch Emotionen. Dabei sind im Laufe der Jahre die Bananen kleiner und kleiner geworden, bis sie verschwinden. Schon seit einigen Jahren entstehen – und wieder im regen Gedankenaustasch mit dem Künstler und Ateliernachbarn Harald Klemm – die ersten gegenständlich ungegenständlichen Gemälde (Werner Spies, „Ich kann beim besten Willen Europa nicht entdecken“, FAZ 8.11.2007). Das Gemälde, das Werner Spies mit dieser Qualitätsbezeichnung schildert, ist ein Landkartenbild von Max Ernst aus dem Jahr 1933, mit dem Titel „Europa nach dem Regen“, auf der Max Ernst die Welt neu ordnete. Es versteht sich bei Max Ernst von selbst, dass dieses Werk der gedanklichen Entschlüsselung durch den Betrachter unendliche Möglichkeiten eröffnet, es ist ein Glück, dass es seit Kurzem in der Kunsthalle Karlsruhe der Öffentlichkeit zugängig ist. Gegenständlich ungegenständlich zu malen ist auch für Thomas Baumgärtel eine Möglichkeit, unterschiedliche Phänomene und ihre Werte auf den Prüfstand zu stellen. Die neuen Landschaftsbilder zeugen von der Sehnsucht nach Harmonie. Gleichzeitig deutet sich in den Schatten, in der Verengung des Weges eine Bedrohlichkeit an, die den Weg paradoxer Weise zu unendlich vielen Themen öffnet, die uns täglich beschäftigen, aber auch nicht eindeutig sind. Die entlaubten Bäume könnten ebenso vom Klimawandel wie vom Winter zeugen, sie geben unserer Vorstellung von Natur und gleichzeitig deren Bedrohung durch den Menschen ein eindrucksvolles Bild. Unsere Gedanken bleiben hängen, verstricken sich, fügen dem Bild etwas hinzu, ergänzen. Die eigene Vorstellungskraft erhält auf diese Art eine Konstante, die vom Widerspruch gekennzeichnet ist. Anhand des vertrauten Blickes in die Speisekammer der Mutter Mit den Bildern zu Massenveranstaltungen wird dann die Konfusion perfekt. Erschrocken über den vermeintlichen Hitlergruß Diese künstlerische Entwicklung ist ebenso logisch, wie dramatisch. Durch den Verzicht auf die Ikone schält sich aus dem Sprayerkokoon der Maler heraus. Solange Thomas Baumgärtel noch mit der Banane seinen Sorgen und Problemen Ausdruck verlieh, konnte er dieses Symbol auch zu seinem Schutz benutzen, zumal es teilweise so groß war, dass er sich mühelos dahinter hätte verbergen können. Für den Betrachter, der Thomas Baumgärtels Kunstwerke kennt, ist der vermeintliche Symbolverlust dennoch konsequent, weil das Anliegen Thomas Baumgärtels nun unverstellt vor Augen tritt. Angesichts von Orientierungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit, von Konsumrausch, von Identitätsproblemen und Verlust der Natur wird es nun in den neuen Werken Ernst, was niemanden daran hindern kann, gedanklich hier oder dort wieder eine Banane einzufügen, wenn ihm der Ernst zu groß werden sollte. Ingrid Raab, 2007 |
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Ein weltweit vernetztes Gesamtkunstwerk hat der „Bananensprayer“, Thomas Baumgärtel, mit seiner Spraybanane, die an über 4000 Kunstorten prangt, geschaffen. Aber der Weg aus der Anonymität zum etablierten Künstler verlief nicht ohne öffentliche Tumulte, zahlreiche Strafanzeigen und saftige Geldbußen und es bedurfte einer gehörigen Portion Zivilcourage, um seine Vorstellungen von der Freiheit der Kunst anschaulich zu machen. Kunst heiligt die Mittel Wie überrascht und zugleich erfreut war ich, als ich 1989 die Banane an der Wand meiner kurz zuvor eröffneten Galerie sah. Die gelbe Frucht, für den Künstler Symbol für Kunst und Leben, hatte auch bei mir ihre Wirkung nicht verfehlt und um psychologische Wirkung ging es dem ehemaligen Kunst- und Psychologiestudenten: jeder reagierte anders auf die Schablonenbanane. Sie ließ sich einfach nicht ignorieren und polarisierte – ganz im Sinne des Künstlers - von Anfang an gewaltig: die einen wollten sie unbedingt haben, die anderen verklagten ihn wegen Sachbeschädigung. In den über 20 Jahren seiner Sprühaktivität hagelte es Aktenordner voller Strafanzeigen und Geldbußen, was den Künstler jedoch nicht davon abhielt weiterhin seine unverkennbaren Zeichen zu setzen. Sehr anschaulich wurden diese „Schandtaten“ im letzten Sommer in der Ausstellung „Krumme Dinger. Skandale, Korruptionen, unsere Bananenrepublik“ im Kölner Oberlandesgerichtes, dem „idealen“ Ambiente, dokumentiert und persifliert. Begleitet wurde die geniale Inszenierung mit einem entsprechenden Medienaufgebot. Mittlerweile gibt es aber kaum noch Anzeigen von wütenden Galeristen oder Museumsdirektoren. Heute sind die meisten froh, überhaupt in den Genuss dieser Auszeichnung, die zugleich als hervorragender Wegweiser für Kunstsuchende dient, zu gelangen und häufig wird er gebeten, doch seine Bananenschablone zu zücken. Bevor er nach Moskau kam, fälschten die Galeristen, fasziniert von der Spraybanane, dieselbe, und in New York wurde er nach seiner zuvor angekündigten Sprayaktion mit offenen Armen aufgenommen. Kürzlich wurde sogar einer Schweizer Galeristin ihr Firmenschild, auf welchem das begehrte Logo prangte, entwendet – vermutlich hatte es der Dieb auf die Banane abgesehen. Dabei begann alles ganz harmlos – damals 1983 während seiner Zivildienstzeit in einem katholischen Krankenhaus – mit einer gekreuzigten Banane: über jedem Bett hing ein Kreuz mit einer Jesusfigur aus Porzellan. Eines Morgens bemerkte er, dass eines dieser Kreuze zu Boden gefallen war. Der Künstler wollte das Kreuz aber nicht so nackt wieder an die Wand hängen und da er gerade eine Banane zur Hand hatte, schälte er sie halb und hängte sie stattdessen ans Kreuz. Schon damals sorgte dies für widersprüchliche Emotionen - die Patienten amüsierten sich und die Ordensschwestern waren empört. Auch in der Ausstellung im Oberlandesgericht hing eine solche Banane – gut sichtbar – und für diesen Anlass vom Künstler extra großformatig gemalt. Das „obszöne“ Ding aber, musste schleunigst weg, wurde in eine Art Besenkammer verbannt und später weggeschlossen. Die Leute könnten ja Anstoß daran nehmen. Thomas Baumgärtels Bananen blieben aber nicht nur als singuläre Gütesiegel auf Galerien und Museen beschränkt, sondern sie dehnten sich in Scharen auf ganze Häuserwände und zahlreiche Objekte aus – zunächst als Nacht- und Nebelaktionen – später immer mehr als genehmigte Wandarbeiten oder offizielle Projekte im Stadtraum. Auch vor Wolf Vostells Betonauto „Ruhender Verkehr“, welches auf einer Verkehrsinsel auf dem Kölner Hohenzollernring ruht, machte der Künstler nicht halt und verwandelte es flux in ein Bananenauto, natürlich ohne vorherige Erlaubnis. Schließlich nahm er Vostell nur beim Wort und verwandelte dessen Werk im Sinne von Fluxus „Kunst müsse veränderbar sein“ nach dem Motto: „Was ist hier Fluxus, da bewegt sich ja nix? Es muss sich aber was bewegen“, und schon hatte er die Bananen. Vostell fand diese Aktion jedoch gar nicht lustig und das Kunstwerk musste abtransportiert und gereinigt werden, zu Lasten des Künstlers, hätten sich dafür nicht bananenfreundliche Sponsoren gefunden. Nach Meinung des Künstlers entlarvte Vostell sich damit jedoch nur selbst. An die Stelle des abtransportierten Betonautos stellte Baumgärtel sein eigenes bananenübersätes Auto – witzig, frech und vor allem imagepflegend. Dafür kassierte er lediglich ein Knöllchen. Und zu guter Letzt stellte er sich nach der „Entbananisierung“ der Plastik auf dieselbe und demonstrierte als „Deutsche Freiheitsstatue“, natürlich in einen Bananenmantel gehüllt, mit erhobener Banane für die Freiheit der Kunst. Diese Performance fand ein Jahr später auch vor dem Kölner Dom statt und im Oberlandesgericht prangten unübersehbar riesige Leinwände im Treppenhaus: rechts Baumgärtel als Freiheitsstatue und links als Strafgefangener – immer im Kampf um die Freiheit der Kunst. Tatsächlich landete er einmal aufgrund seines allzu freiheitlichen Umgangs mit der Banane im Gefängnis. Zur Ausstellung fand dann auch eine medienwirksame und dem Ausstellungsort angemessene Aktion statt: Baumgärtel als Sträfling verkleidet und von einem Polizisten in Handschellen abgeführt. Vor der Tür entledigte sich der Künstler seines gestreiften Gewandes und sprayte seine Banane an die Fassade – jedoch nur für die Dauer der Ausstellung. Danach musste sie wieder entfernt werden. Für Thomas Baumgärtel ist die Freiheit der Kunst ein zentrales Thema, was immer wieder in seinen Werken zum Ausdruck kommt. Für ihn war die Kunst schon immer ein Vorreiter, um auf politische und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen und kritisch Stellung zu beziehen. So persifliert er seit Jahren Größen aus der Politik und seine Bananencollagen weisen auf so manch „krumme Dinger“ in der Bananenrepublik hin. Mit seiner „Sprengbanane“, die er am Museum Ludwig in Köln anbrachte, wies er auf „den miesen Umgang der Museumsdirektion mit dem Kurator für Fotografie, Reinhold Mißelbeck“, hin. Die entstellte Banane wurde daraufhin entfernt und ward bis heute nicht mehr gesehen. Auch mit seinen öffentlichen Aktionen bezieht Thomas Baumgärtel gesellschaftskritisch Stellung, wenngleich auf humorvolle, subtile Art. Ich erinnere mich noch gerne, als er im Frühjahr 1997 ins Kölner Kulturamt kam und um eine Empfehlung für ein sehr interessantes Projekt mit dem Titel „ Wir lieben die Hohe Kirche“ bat, wo er die Lebensabgewandtheit der katholischen Kirche kritisierte. Anlässlich des 750jährigen Domjubiläums der „Hohen Kirche“ sollte eine riesige, halbierte Banane vor dem Hauptportal des Kölner Doms platziert werden, sodass es den Anschein hatte, sie sei komplett in den Eingang des Domes geschoben worden. Die Aktion sollte nach Thomas Baumgärtel einen spannungsvollen, fruchtbaren Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Kirche bzw. der Kunst und dem Leben erzeugen: „Ich versuche in meinen Projekten eine Kunst voranzutreiben, die auf Auseinandersetzung drängt, Wirkungen erzeugt, Extreme vereint und ein Umfeld schafft, in dem sich ein spannungsvoller, aber fruchtbarer Dialog entwickeln kann. Die Kirche muss sich dem Leben öffnen … Die Banane steht in meinen Projekten für das Leben. Sie verkörpert eine frische, zeitgenössische Kunst, die wie das Leben ihre größte Entzückung im Zusammentreffen der gegensätzlichsten Pole erfährt.“ Da jedoch der gesamte Bereich von ca. 20m rings um den Dom als Sperrfläche galt, auf der keine Aktionen durchgeführt werden durften, konnte leider keine Empfehlung dafür ausgesprochen werden. Entgegen aller Vorschriften jedoch, führte der Künstler sein Vorhaben ein Jahr später in einer Blitzaktion durch. Aber so schnell wie die Banane aufgebaut war – nämlich in acht Minuten – war auch schon der Rechtsanwalt der „Hohen Kirche“ zur Stelle, sodass es laut Thomas Baumgärtel den Anschein hatte, „er habe in der Kirche geschlafen“. Kurz darauf erschien dann auch die Polizei. Die „peinliche“ Banane musste um einige Meter vom kirchlichen auf städtischen Grund zurückgezogen und abends wieder abtransportiert werden. Doch damit hatte der Künstler schon gerechnet und klugerweise den schnellen Aufbau zuvor geprobt und für gehörigen Medienrummel gesorgt. Ein viel größerer Triumph aber für Thomas Baumgärtel ist es, wenn er eine Genehmigung für das jeweilige Projekt erhält. So plant er seit 2000 eine weitere Aktion mit einer „Riesenbanane“, die er in das Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins und Symbol der deutschen Einheit, legen will. Das Brandenburger Tor und die Banane, nach Ansicht des Künstlers, beides Symbole der Wiedervereinigung werden hier zusammengeführt und veranschaulichen einen weiteren Kampf für die Freiheit und die Freiheit der Kunst: man bedenke - die Banane im Brandenburger Tor erscheint als sei sie hinter Gitter gesetzt. Glücklicherweise hat Thomas Baumgärtel Fürsprecher für sein Projekt gewonnen, wie beispielsweise Roland Specker, der ihm bei der Realisierung des Projektes, insbesondere bei den zahlreichen Genehmigungsverfahren behilflich sein will, und der auch schon als Organisator bei der Verhüllung des Reichtagsprojektes durch Christo und Jeanne-Claude bekannt wurde. Nur wollen wir nicht hoffen, dass der Künstler auch 23 Jahre auf die Realisierung warten muss. Finanzieren will er seine Aktion aus Sponsorengeldern, Verkäufen aus Ausstellungen und seinen originellen Editionen. Letztere kamen beim Publikum sehr gut an. So gab er anlässlich der Ausstellung im Oberlandesgericht eine limitierte Paragraphenbananenedition heraus, die noch am gleichen Abend ausverkauft war und zum Auftakt des Berliner Projektes legte er in die damaligen Fünfmarkscheine, auf denen das Brandenburger Tor abgebildet war, eine Riesenbanane. Wichtig ist dem Künstler bei solch groß angelegten Projekten im öffentlichen Raum, eine tiefenpsychologische Kunstwirkungsanalyse durchführen zu lassen – das heißt wie wirkt das Projekt auf die Menschen – das Gelingen eines Projektes lässt sich so voraussagen. Thomas Baumgärtel ist sowohl Idealist als auch Realist und weiß beides auf geniale Weise miteinander zu verbinden. So arbeitet er mit psychologischen Wirkungen, um sein Idee von der Freiheit der Kunst auch in der Öffentlichkeit anschaulich zu machen und weiß die Medien dabei für sich zu gewinnen. Auch gelingt es ihm, durch sein offenes und sympathisches Wesen, gepaart mit Witz und Esprit, eine Schar von Förderern und Sammlern anzuziehen und sie für seine originelle Kunst zu begeistern. Dennoch oder gerade deshalb polarisiert der auch in sich selbst widersprüchliche Künstler: die einen können keine Bananen mehr sehen, die anderen können nicht genug davon kriegen, aber genau dies beabsichtigt er auch: „Ich versuche weiter eine innovative Kunst voranzutreiben, die auf Auseinandersetzung drängt, die extrem die Öffentlichkeit sucht, Kulturen verbinden will und Kunst wieder außerhalb von Museen und Galerien lebendig macht.“ Aber ganz gleich, was seine Kritiker auch auszusetzen haben - er hat längst Kunstgeschichte geschrieben… Iris Bruckgraber, 2007 |
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Gelbe Farbe geht niemals aus Mit Anfang 20 war er der Schreck aller Ordensschwestern vom Niederrhein. Später zitterten die Stadtoberen von Köln vor der mysteriösen Lackbanane. Und heute betteln Galeristen auf Knien um eine gesprühte Banane. Wie aus Thomas Baumgärtel einer der angesagtesten Pop-Art-Künstler wurde. SWR3 Reporter Andreas Hain hat den Bananensprayer in seinem Atelier in Köln besucht In einer alten Industriehalle in Köln-Nippes düst Thomas Baumgärtel mit seinem Aluroller von seinem Schreibtisch rüber ins Atelier. „Das sind 400 Quadratmeter – ich werd’ sonst fußlahm“, flachst er und steigt ab. Aber so viel Platz braucht er, denn die meisten seiner Werke sind übermannsgroß. Sie haben alle etwas gemeinsam und wirken, als hätte Thomas einen geheimen Pakt mit einem Handelsvertreter für gelbe Farbe geschlossen. Denn die knallgelbe Banane ist sein Markenzeichen. Am liebsten gesprüht und am allerliebsten in Situationen, die nichts mit Obst zu tun haben. Alles fing vor über 20 Jahren in einem katholischen Krankenhaus am Niederrhein an. Über jedem Patientenbett hing ein kleines Holzkreuz mit einem Porzellanjesus. Als der junge Thomas eines Morgens ins Zimmer kam, lag eines dieser Kreuze auf dem Boden und der Jesus in Scherben. „So konnte das nicht bleiben“, erinnert er sich. „Ich kehrte die Scherben zusammen und drückte eine Banane auf die Nägel, die noch im Holz waren. “ Die Patienten freuten sich diebisch und konnten – der Sage nach – plötzlich wieder laufen. Nur die Ordensschwestern mussten sich erst einmal setzen und tief Luft holen. „Krumm genommen hat mir das niemand richtig, aber für mich war klar, wie viele Emotionen eine Banane so freisetzen kann.“ Ein ernstzunehmender Künstler zu werden, davon war Thomas Baumgärtel damals noch weit entfernt. Aber er hatte die Banane als Kunstobjekt für sich entdeckt. Und dieses Kunstobjekt sollte dorthin, wo Kunst hin gehört: an Museen und öffentliche Gebäude. „In einer Nacht-und-Nebel-Aktionen sprühte ich hier in Köln das Museum Ludwig an“, erzählt er. Doch mit wie viel Aufmerksamkeit das verfolgt wurde, war ihm dann doch etwas zu viel. „Jemand hatte mich wohl verpfiffen und plötzlich wurde ich von Mannschaftswagen der Polizei umzingelt und ich landete mit Handschellen auf der Motorhaube. “Erst als die Spraybanane eindeutig als nicht-terroristischer Akt identifiziert worden war, ließ man ihn wieder los. Thomas Baumgärtel kam trotzdem nicht davon ab, seine Banane weiter an Wände zu sprühen. „Die Strafanzeigen hagelten ordnerweise! “Aber gleichzeitig wurde die Spraybanane immer berühmter. Inzwischen gibt es Baumgärtels Frucht in tausend Variationen: Als Bundesadler, als Herz, als Dollar- und Paragraphenzeichen, als Haifisch, als Karnevalsprinz, als Ernie, als Fallus, als Halbmond, als Notenschlüssel... und es wird sie wohl auch noch so lange geben, wie gelbe Farbe lieferbar ist. „Es kam schon mal vor, dass der Sprühkopf Ladehemmungen hatte, aber dass mir die gelbe Farbe ausgeht: niemals“, so der Kölner Künstler lachend, schwingt sich auf seinen Aluroller und rollt rüber ins Büro. Denn aus dem zwei Meter hohen Gemälde, an das er gerade noch die letzten Pinselstriche gesetzt hat, soll jetzt am Computer das neue SWR3 New Pop Plakat entstehen. „Ich war vor zwei Jahren selbst als Zuschauer beim New Pop Festival und hab’ mich von der Stimmung dort inspirieren lassen. “New Pop und Pop Art passen eben am allerbesten zusammen und deshalb werben 2007 die berühmten knallgelben Spraybananen von Thomas Baumgärtel für das SWR3 New Pop Festival. text: Andreas Hain |
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Die Banane als politisches Prinzip und Werkzeug Ein Künstler kann nicht politisch genug sein. Kunst ohne Wirkung ist für mich keine Kunst. Kunst die Wirkung zeigt mischt sich automatisch ins aktuelle Geschehen und damit in die Politik selbst ein. Diese Erkenntnis ist nicht über Nacht entstanden, sondern in mir über Jahre herangereift wie die Banane selbst. Vor 20 Jahren waren meine ersten Spraybananen noch Sprüh-Aktionen im illegalen Raum. Damals haftete Graffiti etwas sehr Verbotenes an, über das ich mich hinwegsetzte, obwohl ich dafür viele Strafanzeigen kassiert habe und oft verhaftet wurde. Inzwischen hat der Kunstmarkt die Banane zu einem Markenzeichen gemacht und gesagt: wo die Banane ist, findet gute Kunst statt. Normalerweise wird ja immer der Künstler bewertet. Mit der Banane als Signet für Kritik am Kunstmarkt aber habe ich damals den Spieß einfach umgedreht und Orte nach eigenen Kriterien bewertet – ob sie interessant sind, sich für Künstler engagieren, gute Vermittlungsarbeit leisten und nicht unbedingt nur materielle Kriterien bzw. das schnelle Geld im Vordergrund sehen. Diese Orte wurden mit einer Banane markiert. Damit wurde die Banane quasi ein Michelin-Stern für Kunst, ohne dass ich diesen Prozess hätte beeinflussen können. Eine andere politische Arbeit trägt den Namen „Unsere Bananenrepublik“. das sind Arbeiten, in denen ich meine Banane mit Politiker- und Korruptionsskandalen gefüllt habe: Vom nationalen Müllskandal in Köln angefangen, über den Kölner Messeskandal, der bis vor das Europäische Verwaltungsgericht in Brüssel ging, bis zum diesjährigen Bürgermeisterskandal von Delbrück, der erst Neuwahlen anberaumte und dann verkündete, dass er doch lieber weitermacht, weil er eine Wahlniederlage befürchtete. Solche undemokratischen Prozesse kann ich mit meiner Banane sehr gut aufgreifen und mit Humor und Ironie auf das politische Geschehen Einfluss nehmen. Im Fall des Oberbürgenmeisters zeigte ein Transparent vor dem Rathaus durchaus Wirkung. Ein Bild vom Bürgermeister mit einer Bananennase wie bei Pinocchio ist seitdem auch Teil meines Werkblocks „Metamorphosen der Spraybanane“, den ich bei vielen Ausstellungen in Museen und Galerien präsentiere. So gesehen verstehe ich es als innere Verpflichtung, meinen Teil dazu beizutragen, damit Politik einen gerechteren Weg geht und für eine Gesellschaft steht, in der man friedlich zusammenleben kann. Denn wenn Politik nur ein Mittel ist, um an Macht zu kommen, ist dies genau die Politik, die ich nicht möchte - und ein direkter Hinweis für mich, einzuschreiten. Thomas Baumgärtel, November 2006 auf Anfrage von Ulrike Pfaff für Projekt "Politisches Tagebuch / Menschen. das magazin" |
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Mit dem Werkzeug alles machen Der Kölner Thomas Baumgärtel bekannt als der 'Bananen-Sprayer' schaffte durch seine 23-jährige Auseinandersetzung mit einem einzigen Objekt in verschiedenen Variationen, den Sprung von der Straße in den Kunstmarkt. Anfangs als Kritik am Kunstmarkt gedacht, ist seine 35 cm Banane am Eingang eines Kunstortes, ironischerweise zum begehrten Markenzeichen für Kunst selbst geworden. Mit den Jahren hat er sich in seiner Arbeit verschiedene Strategien zu nutze gemacht, die heute längst Standard sind - wobei ihm sein Psychologie-Studium hilfreich zur Seite stand. Wenn man Kunstorte frequentiert und Zeitung liest, trifft man ihn und seine Bananen nach wie vor. Wir begegnen seinem Namen oder Bananen hauptsächlich in Büchern über Stencils, Urban Art oder in HipHop-Lexikas und das ist auch gut so. Während seinen Zivildienstes Anfang der 80er Jahre, nagelte Baumgärtel in einem katholischen Krankenhaus eine Banane auf ein Holzkreuz. Um so die Ordensschwestern zu testen. Die Reaktionen gingen von Gelächter bis Empörung, weshalb er gefallen daran fand und Kunst sowie Psychologie studierte. Er hat dann erstmal fünf Jahre lang mit Bananenschalen gearbeitet und in einer Disco gejobt, wo er viel HipHop hören musste. Heute hört er lieber Soul oder gar nichts, bei der Arbeit dudelt das Radio. Er mag die Provokation und das Spiel mit den Symbolen. Inspiriert von Harald Naegli oder Blek Le Rat machte er 1986 seine ersten Bananen-Stencils und hat diese Bananen-Schablone seitdem an rund 4000 weltweite Galerien, Museen oder Kunstorte gesprüht. Für seine Bilderserien über Bananenmetamorphosen benutzte er an die 1000 Schablonen und Mitte der neunziger Jahre sprühte er riesige Gemälde aus Mini-Bananen-Schablonen. Oder er werkelte an überdimensionalen Installationen, Bananen als Skulpturen aus Kunststoff, Holz oder Beton. Das alles zeigte ihm, dass mit der Banane einfach alles geht. Soviel Banane kann zwar erstmal befremdlich wirken, aber Baumgärtel ist abgehärtet: „Wenn man sich so exzessiv mit einem Gegenstand beschäftigt, muss man auch gelassen gegenüber Reaktionen werden. Heute sammle ich gerade die heftigen Reaktionen zu der Banane und je negativer sie sind, umso besser“. Ob am Brandenburger Tor, im Kölner Oberlandesgericht oder bei einer Schweizer Branding-Austellung – der Baumgärtel ist mit seinen Bananen am Start. Auch die Aktenordner voller Strafanzeigen gehören dazu und stehen in Vitrinen. Was also vergleichsweise harmlos mit der Warhol-Banane als Revolution der Platten-Cover-Kultur in den 60er Jahren begann, führt Baumgärtel konsequent weiter und bringt der Welt und seinen vermeintlichen Kunstorten die Banane: „Damals war Köln ja eine Art Kunsthochburg mit so vielen Galerien - der Kunstmarkt war vollkommen überteuert, überdreht und abgehoben. Quasi 'totally bananas', und so fing mein Projekt mit den Kunstorten an. Das war damals schon als Kritik gedacht, aber wie alle Sprayer wollte ich auch auf mich aufmerksam machen“. Baumgärtel freut sich, wenn er zum ersten Mal nach Moskau reist und die Banane schon da ist. Kopien sieht er - solange nicht kommerziell verwertet - als Kompliment. Als er in New York zum ersten mal eine Banane sprühte, sagte jemand im vorbeigehen: 'this is the banana-sprayer from cologne'. Da die Galerien inzwischen zu Ausstellungen einladen und Kunstorte nach der Banane verlangen, kann man sagen, dass ihre subversivsten Zeiten vorbei sind. Die Presse ist vor Ort und am nächsten Tag steht es in der Zeitung. Doch Baumgärtel sieht die Banane als Prinzip und Werkzeug: „Damit kann man jederzeit, wenn es zu etabliert oder elitär wird, auch dagegen rudern. Ich habe die Freiheit jederzeit damit auch anarchistische Aktionen zu machen und die Freiheit nehme ich mir auch. Deshalb bin ich froh, dass ich lange auf der Straße gearbeitet habe“. Laut Baumgärtel muss Kunst in erster Linie Wirkung erzeugen, weshalb er seinen Straßen-Aktionismus auch durch Protestcampen oder Unterschriftensammlungen austobte. Jetzt ist er nur noch selten auf der Straße unterwegs, trotzdem freut er sich über alle Writer und Kleber die in Bewegung sind und die Stadt schminken. Er würde sich sogar für Sprayer einsetzen: „ Ich finde Graffiti gehört in die Großstadt, ohne Subkultur fühle ich mich unwohl. Die Großstädte sollen doch froh sein, denn die Architektur ist oft die größere Beleidigung für die Augen“. Trotzdem findet er es normal, dass der Kunstbetrieb auf der Straße umtriebige nur ungern akzeptiert, denn der Zusammenhalt einer Kultur funktioniert auch über Norm und Ausgrenzung: „Die illegalen Sprayer, muss der Kulturbetrieb erstmal ablehnen. Denn eine Kultur funktioniert nur, wenn sie Normen hat. Ein gewisses Maß an Aufstand braucht man zwar auch, aber irgendwo ist eben die Grenze.“ Die Basis seines jetzigen Erfolgs bleibt trotz allem, die Freiheit nicht zu fragen, sondern einfach zu machen. Sich Orte symbolisch anzueignen ist für Baumgärtel genauso wichtig, wie den normalen Kunstbetrieb auf die Schippe zu nehmen. Baumgärtels Unterstützer entdecken in seinem Werk sogar Dadaismus, also die Kunst etwas Verrücktes mit Humor zu machen, mit den Mitteln des Nonsens gegen die Ernsthaftigkeit vorzugehen. Manche Frauen sahen dagegen in der Banane eher die Überbetonung eines Männlichkeitssymbols und crossten die Banane: „Da gebe es einige Geschichten von Frauen zu berichten, die stolz darauf waren meine Banane überzumalen. Und sicher mache ich als Mann eher männliche Kunst, wenn man so will.“ Durch sein Psychologiestudium weiß Baumgärtel aber glücklicherweise, dass die Kunst erst durch den Prozess der Betrachtung zur Kunst wird und auch was die Deutungen von Symbolenüber den Betrachter sagen. Deshalb findet er solche Rezeptionen nicht uninteressant. Aber auch ihm selbst wird die Banane manchmal zu viel. Mittlerweile hat er deshalb zwei getrennte Arbeitsräume, um auch an Projekten ohne Bananen zu arbeiten: „Manchmal muss ich den Bananensprayer auch mal wegdrängen, damit andere Entwicklungen hochkommen können“. Hochgekommen sind bisher - in Acryl und mit Pinsel gemalt – Supermärkte, Großstädte, Menschenmassen und der Holocaust. Themen die ihn auch schon in der Psychologie beschäftigt haben: Bianca Ludewig, Oktober 2006 |
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Deutsche Einheit Katalogtext von Galeristin Ingrid Raab zur Ausstellung Baumgärtel/Klemm “Deutsche Einheit” im Museum Schweinfurt Zu den ergreifensten Werken moderner Malerei, die sich auf das Zeitgeschehen beziehen, gehören die Gemälde „Die Erschießung des Kaiser Maximilian“ des französischen Malers Edouard Manet (Abb. 1). Wie in einem Film läuft das Drama vor den Augen des Betrachters ab. Die Generäle wurden bereits hingerichtet, noch steht dem Betrachter der Vollstrecker Kaiser Maximilians gegenüber, auch er wird sich gleich umdrehen, um befehlsgemäß und unbeteiligt die Exekution auszuführen. Wir kennen den Ausgang und können das Geschehen zu Ende denken. Aber angesichts der uns noch gegenüberstehenden Figur des Vollstreckers schießen andere Gedanken durch den Kopf: Kann man das Unglück abwenden? Muss es so weit kommen? Was geschieht hier eigentlich? Manets monatelanges Ringen um die Wahrheit, die politischen Hintergründe des Dramas, die Ohnmacht, das Unglück nicht abwenden zu können, wird lebendig. Längst liegen die geschichtlichen Fakten zur Erschießung Kaiser Maximilians vor, dennoch steht man vor keinem Historienbild, wenn man sich das Werk ansieht. Vielmehr ist es ein Dokument menschlicher Verstrickungen, die beim Betrachter Mitgefühl, Stellungnahme, Bedauern – Katharsis hervorrufen. Während das Werk ein Geschichte gewordenes Drama abbildet, öffnet sich vor dem inneren Auge des Betrachters ein Abgrund, das Versagen einer Gesellschaft wird sichtbar, die es nicht verstanden hat, das Drama zu verhindern, während es gleichzeitig vorstellbar ist, dass das möglich gewesen wäre. Ohne den Zeigefinger zu erheben, ohne politische Stellungnahme ist der Blick auf die Welt, den das Werk gewährt, eine Anklage an die eigene Zeit, die derartige Monstrositäten zulässt. Dieser Blick rührt den Menschen und befreit ihn von Anteilslosigkeit. Es bleibt ein Grundprinzip menschlicher Haltung, diese Augenblicke zu suchen. Manet stellt die Herrschaft des Ewiggestrigen in Frage und beschreibt den erschütternden Moment, in dem der Mensch vor dem unglaublichen Geschehen kapituliert. Hamlet nennt diesen Geisteszustand in einer menschlichen Ausnahmesituation im dritten Akt des Dramas „mortal coil“. Wo wir auf lebensbedrohende Herausforderungen treffen, spielt Kunst die Rolle des „sterblichen Wirrwarrs“. Wo Angst und Schrecken regieren, regt Kunst zu Nachdenklichkeit und Betroffenheit an. Anstatt sich auf die Seite der Institutionen zu stellen, stellt die Kunst sich mitten in der Krise in eine Welt voller Unruhe und Unsicherheit. In der Vorwendezeit gibt es viele Beispiele in der DDR, die „mortal coil“ thematisieren, wie die Ausstellung Via Lewandowskis im Sommer 1989. Er stellt vierzig Kuhhufe in einen leeren Raum - mit Richtung auf den Ausgang (jede dumme Kuh würde den Ausgang aus der DDR suchen). Die gruselige Szene erschreckt die Offiziellen, sie wagen es jedoch nicht, die Ausstellung wegen der offensichtlich subversiven Ideen zu schließen, sondern verbieten die Schau aus hygienischen Gründen. Ein Veterinär wird offiziell beauftragt, gesundheitsschädliche Zustände festzustellen. Woraufhin der Künstler die Ausstellung mit starken Desinfektionsmitteln besprüht, um nach getaner Tat seinerseits den Veterinär zu bemühen, der nun hygienisch einwandfreie Zustände feststellen kann. Die Ausstellung darf wieder öffnen. „Mortal coil“ lässt in den darauf folgenden Monaten viele Künstler der DDR auf Demonstrationen zu Wortführern der Wende werden. Ihre unerschrockenen Reden, ihr entschiedenes Handeln ist angesichts der erdrückenden Macht der Ewiggestrigen nur dadurch zu erklären, dass sie begriffen, wie erschüttert auch „das Volk“ von reaktionären Einschüchterungsversuchen war. Die hohe, hektische Stimme Walter Ulbrichts bleibt im Ohr: „niemand hat vor, eine Mauer zu bauen“, während schon Wochen später die unvergessenen Bilder getrennter und flüchtender Menschen an der Mauer bekannt werden (Abb. 2). Unendlich lange, bittere Jahre vergehen, in denen Honecker verkündet „weder Ochs noch Esel in ihrem Lauf halten den Sozialismus auf“; Michail Gorbatschows Worte „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben,“ verhallen scheinbar ungehört, oder doch nicht: denn die Stimmen „wir sind das Volk“ werden immer lauter und die Witze über das Zentralkomitee immer deutlicher. Am 9.11.1989 um 18:57 Uhr liest Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz im Fernsehen eine vom Zentralkomitee beschlossene neue Reiseregelung folgenden Wortlauts ab: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VP der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen“. Bestes Amtsdeutsch, das wegen der schwammigen Form viele Bürger der DDR neugierig macht, den Tatbestand noch am selben Abend zu überprüfen (Abb. 3). Spätestens seit der Frage des italienischen Korrespondenten Riccardo Ehrmann der Agentur ANSA, wann die neue Regelung in Kraft trete, womit er dem Amtsdeutsch eine konkrete Aussage abverlangt und Schabowski antwortet: „Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich“ gibt es kein Halten mehr. Stunden später sind Grenzübergänge gestürmt, West-Berlin voller Trabis und bei winterlichen Temperaturen verwandelt sich der nächtliche Ku'damm in ein großes Volksfest. (Abb. 4) Der Freiheitsbegriff hat sich aus Westberliner Sicht auf einen Schlag gedreht: Westberlin als der Ort, an dem Freiheit sich innerhalb, nicht außerhalb der Grenzen manifestiert, existiert nicht mehr. Er ist aber weiterhin tragfähig als metaphysisch zu deutendes Phänomen, wenn man wie Markus Lüpertz an grenzenlose Freiheit glaubt, der allenfalls künstlerisch Regeln gesetzt sind, worauf die symbolischen Elemente im Bild hinweisen. Das Gemälde appelliert, ganz im Geist der Westberliner Erfahrung, an die Kraft der Freiheit zuallererst als individuelle Möglichkeit. Es beschwört künstlerische Ideen herbei, ist nicht nur in den Farben, sondern auch in der Symbolik nachdenklich und bedenkt so die Chancen für die Zukunft auf der Basis freiheitlicher und humanistischer Ideale. Optimismus oder Sicherheit strahlt das Bild nicht aus, es portraitiert den Don Carlos, den Gustav Gründgens vor versammelten Nazigrößen im Schillertheater in Berlin gab: „Sire, geben Sie Gedanken!“. Diese Richtung verfolgt Lüpertz weiter, als er für das Bundeskanzleramt die „Philosophie“ zum Leitmotiv vorschlägt. Seine Skulptur und die in symbolischen Farben ausgestalteten Räume stehen bewusst für eine Gesellschaft der Ideen und Tugenden - eine Tradition, die seit der deutschen Romantik zwar nicht glücklich verlief, aber für das Land hätte zukunftsweisend werden können. Blicken wir etwa zehn Jahre später auf das Jahr 2000, als ein Kunstwerk Hans Haackes für den Deutschen Bundestag Aufsehen erregt. Haacke will einen Trog aufstellen, der Erde aus den verschiedenen Bundesländern aufnehmen soll und diesen mit den Lettern „DER BEVÖLKERUNG“ in Frakturschrift versehen. Er reagiert damit auf die Giebelinschrift des Reichstags - dort steht in wilhelminischer Frakturschrift und in Versalien: „DEM DEUTSCHEN VOLKE“. Haackes Kunstwerk führt - ähnlich wie bereits Christos „wrapped Reichstag“ - zu veränderten Gedankenstrukturen. Im Gegensatz zu Christo, dessen ästhetische Verhüllung in Berlin mit fröhlicher Begeisterung gefeiert wird, löst Haacke heftige, von ihm gewollte Reaktionen aus. Mittel dazu ist das Stilelement der Frakturschrift mit ihrer wechselvollen Vergangenheit: in dieser Schrift gestaltete Albrecht Dürer eines der größten Buchkunstwerke der Welt, das Gebetsbuch Kaiser Maximilians; von Adolf Hitler wurde der Gebrauch der Fraktur verboten; nach dem zweiten Weltkrieg fiel sie fast dem Vergessen anheim. Sieht man heute auf die tägliche webcam-Aufnahme, die zum Kunstwerk Haackes gehört und unter www.derbevoelkerung.de für jeden sichtbar ist, entdeckt man, dass der Schriftzug inzwischen teilweise von Pflanzen überwuchert ist. Man mag das als Symbol für die versöhnende Zeit sehen, aber auch als Ergebnis notwendiger, bisher nicht geführter Auseinandersetzungen zum deutschen Thema. Durch künstlerisch so unterschiedliche Gedankenansätze wird die deutsche Einheit zu einem vielschichtigen Thema und damit zur idealen Ausgangslage für die Zusammenarbeit von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm. Beide Künstler arbeiten dabei aus jeweils anderer Sicht. Harald Klemm macht die Familiengeschichte zum Thema: „Genauer gesagt, es ist mein Vater, der in Werneuchen bei Berlin aufwächst und dort seine Kindheit und Jugend, die meiste Zeit auf dem dortigen Militärflughafen, verbringt; bis er im September 1951 an seinem 18. Geburtstag von dort fliehen muss, weil er beim Bierholen für seine Geburtstagsfeier in der Dorfkneipe einen angetrunkenen russischen Soldaten entwaffnet. Schnell wird ihm zugetragen, dass die russische Militärpolizei nach ihm sucht und man legt ihm nahe, erst einmal bei seiner Großmutter in Westberlin unterzukommen. Sein Bruder wird 2 Tage lang verhört, gibt aber den Aufenthaltsort nicht preis. Mein Vater ist danach 17 Jahre nicht nach Hause gekommen und lebte schon lange in Westdeutschland, wo er seine Arbeit und seine Frau fand, bevor er das erste Mal seinen Bruder wieder sah. Er erlebte nicht, dass sein Vater 2 Jahre nach seiner Flucht in derselben Kneipe von einem betrunkenen russischen Soldaten erschossen wurde“. (Harald Klemm, 10.7.2006) Wie Harald Klemm ist auch Thomas Baumgärtel in der Nachkriegszeit im Rheinland aufgewachsen, das aus der Aussöhnung mit dem Nachbarland Frankreich eine Erfolgsgeschichte gemacht hat. Die Erfahrung ist hintergründig. Sie beruht auf vielfältigen, oft alltäglichen, häufig denkwürdigen Ereignissen, die nicht isoliert geschahen, heute nicht mehr in jeder einzelnen Phase kritisch oder abwägend nachvollzogen werden müssen, sondern längst ein Lebensgefühl erzeugt haben, das mit dem Ausdruck rheinländischer Frohsinn gar nicht schlecht beschrieben ist. Dahinter verstecken sich schlagfertiger Humor, geistige Unabhängigkeit, kulturelle Neugier, großer Anteilnahme am Schicksal anderer und ein schlagfertiger Umgang mit politischer Macht. Erste Arbeiten Baumgärtels zur Deutschen Einheit entstehen Mitte der 80er Jahre, vorzugsweise Bananen-Bildnisse von Helmut Kohl (Abb. 7) oder die Deutschlandfahne als Symbol unserer „Bananenrepublik“. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern führt er bis heute in der Gruppe „Könige der Herzen“ mit Thitz und M.S. Bastian fort. Seine Aktionen als Bananensprayer sind Legende. Als er dann 1994/95 den Bananenpointillismus erfindet, wird er zum geeigneten Partner für das Gemeinschaftsprojekt „deutsche Einheit“ und für eine aufregende künstlerische Zusammenarbeit. Rosen für Deutschland - und warum nicht auch Bananen -, die in der zeitgenössischen Kunst seit Andy Warhol ebenbürtig für das Freiheitssymbol stehen. Selbst die Komposition der Werke ist auf Befreiung abgestellt; von der Volksarmee (Abb. 9), die nicht mehr das eigene Volk einsperrt, für das Brandenburger Tor, durch das man wieder als Fußgänger hindurchgehen kann, für das individuelle Glück, das von der Freiheit abhängt und nun allen widerfährt. Fragt sich nur, wie dieses Glück festzuhalten sei, wenn die Relikte im Hintergrund der Werke historische Fakten bleiben. Es liegt auf der Hand: mit Volksarmisten, Stasi, IM, Seilschaften müssen wir uns weiter beschäftigen. Sie mischen sich der Freude über die Freiheit bei, bleiben ein Teil des deutschen Schicksals und der 17 Millionen Menschen, die 1989 unter Hintanstellen ihrer eigenen Existenz für die Freiheit gestimmt haben, damit für eine freie Zukunft und letztendlich für die deutsche Einheit. Die Bilder in ihrer gemalten Vorder- und Hintergründigkeit lassen unendliche Gedankenräume entstehen, setzen Phantasie frei, sie enthüllen die für die Zukunft besten Ideen ihrer Zeit, wie es sich für gute Kunstwerke gehört. Fast 15 Jahre nach dem Fall der Mauer treffen Baumgärtel und Klemm durch Vermittlung Julia Raabs auf Peter Oberneier aus Kladow (ehemals West-Berlin). Er ist Eigentümer eines eleganten Trabbi Coupe in hellblau, der ein Desiderat der Künstler darstellt - und nicht nur das Coupe, auch Karosserieteile, die sich dann - auf Hochglanz poliert - zum Zwickauer Altarbild nobilitieren lassen. Inzwischen ist der Trabbi fast aus dem Verkehrsbild verschwunden, aber wie der Käfer aus Wolfsburg hat er große Symbolkraft. Für Peter Oberneier steht fest, dass dieser Trabbi noch längst nicht alles Potential entfaltet hat - er überlässt ihn den beiden Rheinländern für neue Abenteuer, die ihn schon mit der Beschreibung des Vorhabens neugierig gemacht haben. Auf dem Dach Adolf Hitler, an den Türen Anne Frank, Helmut Kohl, Michail Gorbatschow dazu die romantischen Erinnerungen an die Tage nach der Öffnung der Mauer. Alles findet auf dem Prachtexemplar mit Schablonen und Farbe seinen Platz und ehe wir uns versehen, entstehen vor unseren Augen die Bilder, die wir Tage und Wochen nach der Wende gesehen haben. Die Zeit seit der Wende haben viele genutzt, um wieder eine größere Heimat kennen zu lernen. Harald Klemm lernt die Heimat des Vaters kennen, so wie andere die alte Heimat seit Jahren wieder besuchen, wieder andere sich den Traum von Venedig erfüllen. Hatten wir „Deutschland“ 1989 nur zögerlich gedacht, ist es inzwischen wieder der Begriff für unsere Heimat geworden. Dass wir das dem Freiheitswillen von Deutschen und unseren Nachbarn zu verdanken haben, macht auch die Schattenseiten nicht vergessen, die von vielen noch schmerzhaft empfunden werden. In vieler Hinsicht erscheinen Thomas Baumgärtels und Harald Klemms Werke zur deutschen Einheit visionär. Schon hier erscheint die Deutschlandfahne, die zur Fußballweltmeisterschaft mit den vielen Nationalfahnen der teilnehmenden Länder ganz Deutschland übersäht und das Ausland findet es selbstverständlich. (Abb. 10) Fügt man diesem selbstbewussten, fröhlichen Bild auch deutsche Namen hinzu, Beethoven, Dürer und Goethe, denkt man an die Tagebücher der Anne Frank, erscheinen vor dem geistigen Auge kulturelle Triumphe und nationale Katastrophen. Zur ungetrübten Freude gesellt sich das Drama, das in Kunstwerke gefasst mit der Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft, mit der Moral spielt, wie man mit dem Feuer spielt. Kunst kennt das Böse, erschafft es, verhüllt es, verwischt Spuren, gibt auch nicht alles preis, wahrt das Geheimnis. Über Jahrhunderte hat Kunst den Weg gewählt, den menschlichen Konflikt, die Katastrophe vielschichtig darzustellen. Bill Viola schreibt zum Gemälde „Verspottung Christi“ (ca. 1490 - 1500) von Hieronymus Bosch: „...man entdeckt, dass der emotionale Ausdruck all dieser Menschen sich bewegt, er hat sich schon bewegt, bevor du in dem Raum warst und wenn du gegangen bist, wird er sich immer noch bewegen. Es gibt keinen Schluss, kein Endresultat. Ein sich fortwährend wandelndes emotionales Schema, das in ausgedehnter Zeit über die Gesichtsfelder flackert, führt dazu, auch das eigene Entschlüsseln, Mutmaßen über Beziehungen der Akteure zueinander ständig zu ändern.“ (aus: encounters, Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung in der National Gallery in London, 2000). Das im Gemälde von Bosch dargestellte Drama der Verspottung Christi durch seine Henker ist menschlich kaum erträglich, das Nachdenken über die vielschichtigen, bildnerisch dargestellten Emotionen der Akteure ist jedoch nachvollziehbar, erzeugt Empathie, gibt angesichts der Gefahr auch Hoffnung auf Rettung. Das Rettende in der Gefahr liegt in der von allen Menschen geteilten, gemeinsamen Kultur, die wir in glücklichen Zeiten mit unseren Nachbarn austauschen. Kultur, Kunst definieren und bewahren Erinnerung, dessen was man liebt, aber auch dessen, was fremd ist. Sieht man Klemms Gemälde der alten Grenzposten, schließen sie Tragödien ein, die durch bessere Erfahrungen überlagert sind (Abb. 11) und die unglaubliche Freude aufleben lassen, die das erste unbehinderte Durchfahren nach der Grenzöffnung auslöste. Berlin, im August 2006 Abb. 1) Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko (Edouard Manet) |
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Deutsches Allerlei Katalogtext von Andrea Brandl zur Ausstellung Baumgärtel/Klemm “Deutsche Einheit” im Museum Schweinfurt “Galerie Alte Reichsvogtei” vom 13. 10. 2006 – 14. 1. 2007 Man sagt „Kunstwerke sind ein Spiegel ihrer Zeit“, das trifft ganz sicher auf die Ausstellung „Deutsche Einheit“ von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm in den Räumen der Galerie Alte Reichsvogtei zu. Thomas Baumgärtel ist in Schweinfurt bereits ein alter Bekannter, denn er hat im Oktober 2003 besondere Aufmerksamkeit erregt, als er die Außenfassade der Galerie mit seinem Qualitätssiegel, der Spray-Banane, verzierte. Damit kann sich diese Institution für zeitgenössische Kunst jetzt in eine Auswahl von wichtigen Museen zwischen New York, Moskau oder Paris einreihen, auch ziert sie Kunstorte in Regensburg, Koblenz oder Bonn und den Eingang des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Einen ersten Kontakt zu ihm vermittelte seinerzeit freundlicherweise der heute in Karlsruhe lebende und wirkende Galerist Michael Oess. Mit der Spraybanane markiert Thomas Baumgärtel seit 1986 weltweit die für ihn interessantesten Orte der Kunst: Als sein persönliches Zeichen will er mit der Banane die allgemeine Vorstellung von dem, was Kunst ist, aber auch in Frage stellen. Thomas Baumgärtel und Harald Klemm arbeiten seit 1999 gemeinschaftlich an dem Thema „Deutsche Einheit“. Beide Künstler haben eigene und persönliche Beweggründe, sich mit der Wiedervereinigung und der ersten friedlichen Revolution in der deutschen Geschichte auseinander zu setzen. Für sie ist weiterhin eine der Hauptfragen, inwiefern die „Deutsche Einheit“ vollzogen ist - da auch aktuelle Beispiele zeigen, dass Ost und West politisch immer noch unterschiedlich behandelt werden. Für Thomas Baumgärtel ist ein zentrales Medium seiner Arbeit - die Banane - zugleich eines der wichtigsten Symbole der Wiedervereinigung. Er beschäftigte sich bereits im Rahmen seines Psychologiestudiums mit den seelisch-gesellschaftlichen Problemen, die bei einer deutschen Einheitsbildung auftreten. Diese psychologische Sichtweise floss schon immer in seine Arbeiten zu diesem Thema mit ein. Harald Klemm, der Geschichte und Philosophie in Aachen studierte, hat durch seine Familiengeschichte einen sehr persönlichen Zugang zur Wiedervereinigung, da Teile seiner Familie durch die Mauer voneinander getrennt waren. Politische Themen wie Flucht und Vertreibung oder die 1960er Jahre in Westdeutschland sind immer wiederkehrende Motive in seinem Werk. Der Leiter der Städtischen Galerie Sindelfingen Otto Pannewitz sieht diese Gemeinschaftsarbeit in ihren Verzahnungen und Überlagerungen als „Kaleidoskop der deutschen Nachkriegsgeschichte“. Sein treffender Vergleich ist als Metapher im doppelten Sinn zu verstehen. Zum einen die Arbeitsweise der Künstlerkollegen betreffend, indem das Bildmotiv aus einem Stimmungsgeflecht von verfremdender Reduktion des Motivs und rein malerischen Akzenten in wechselndem Rhythmus durchaus über einen längeren Zeitraum heraus entwickelt wird, zum anderen durch die Thematik der Bilder selbst. Ihre gemeinsame Arbeit am Projekt „Deutsche Einheit“ ist wie Salz und Pfeffer in einer Speise, die ohne diese Gewürze nicht schmecken würde. Die Bilder und Objekte zu diesem Thema sind dabei nicht immer eindeutig, sondern gewinnen ihren unnachahmlichen Scharm auch aus der Zweideutigkeit ihrer Aussage, die mit einer ordentlichen Portion Humor „gewürzt“ ist. So wird das Wahrzeichen Berlins und offizielles Symbol der deutschen Einheit mit der gelben Frucht als – nach Baumgärtels Meinung – dem eigentlichen Symbol der Wiedervereinigung verbunden und persifliert auf diese Weise die sog. „Bananenrepublik“. Durch die historisch-politischen Bezüge der dargestellten und zugleich auch wieder malerisch verunklärten Motive, etwa die Portraits der aktuell amtierenden Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel oder des Altbundeskanzlers Dr. Helmut Kohl, das Brandenburger Tor, der Mauerfall oder ein Trabi, werden in uns Erinnerungsbilder aufgerufen, die uns aus der eigenen Sicht geläufig sind, weil sie auch Teile unserer Geschichte und Erlebniswelt reflektieren. Auch Schweinfurt ist von dieser besonderen Lage im Nordens Bayerns im sog. Zonenrandgebiet betroffen gewesen. Die Öffnung dieser künstlichen Grenze im November 1989 hat vielschichtigste Auswirkungen gehabt. Es fand umgehend ein kultureller Austausch statt, sei es mit uns und der Kunsthalle Erfurt oder dem Schloss Elisabethenburg in Meiningen, Schweinfurter besuchten wieder das bekannte Meininger Theater, und zahlreiche ortsansässige Firmen gründeten Filialen in den neuen Bundesländern. Für manche hätte diese Entwicklung allerdings auch fast die Existenz gekostet. Heute fährt man mal schnell nach Erfurt oder Weimar, wie früher nach Nürnberg oder Frankfurt. Die „Deutsche Einheit“ ist auch hier längst vollzogen, oder? Das zu hinterfragen, ist das Anliegen der zwei innovativen Künstler. Die Werkschau in Schweinfurt will gleichzeitig der Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksformen von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm Rechnung tragen, in dem die in Köln lebenden Künstler die Galerie in verschiedenen Bereichen inszenieren: An der Außenfassade lädt eine breite DDR-Fahne zum Besuch der Ausstellung im Innern ebenso ein, wie ein originaler, türkisleuchtender und von beiden mit einer Vielzahl von Chiffren symbolhaft überarbeiteter Trabi im Foyer. Im ersten Stock sind dann neben Gemälden, an die sie gemeinsam Hand anlegen, auch Einzelwerke der beiden zu sehen, sowie im Wintergarten die Videoinstallation „BRD-DDR“. Eine extra für Schweinfurt gefertigte Sonderedition gibt der Werkschau noch einen lokalen Akzent und unterstreicht ihr Bemühen, allenorts durch kritisches wie humorvolles Hinterfragen dem politischen Geschehen mit ihren Arbeiten einen Spiegel vor Augen zu halten. Andrea Brandl M.A., Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt, September 2006 |
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Ansprache von Konrad Adenauer zur Eröffnung der Ausstellung im Oberlandesgericht Köln am 11. Mai 2006 Mit „Warum, warum ist die Banane krumm?“ antworten entnervte Eltern ihren Kleinen, wenn sie mit deren unmöglichen Fragen bedrängt werden. Und jetzt noch der Bananensprayer! Warum? „An Thomas Baumgärtel scheiden sich die Geister !“ hätte man sicherlich vor einigen Jahren noch die Kunstbetrachter sich äußern hören können. Er wurde sowohl beneidet als auch verächtlich gemacht. Inzwischen ist Thomas Baumgärtel über diesen Punkt weit hinaus. Er ist ein arrivierter Künstler, wenn man das so sagen soll und darf. Zunächst einige äußere Daten: Er ist geboren 1960 in Rheinberg am Niederrhein und dort aufgewachsen. Diese Stadt ist ansonsten bekannt durch Produkte, die üblicherweise grün verpackt werden. Er hat seine früheste Künstlerausbildung erfahren an der Kölner Schule für Kunsttherapie im Jahr 1984 und anschließend an der Universität Köln Psychologie studiert bei den Professoren Salber und Heubach und dort sein Diplom erworben. Später hat er als Encounter-Therapeut an der Human University Egmond aan Zee in Holland gearbeitet, und schließlich an der Fachhochschule Köln als Meisterschüler von Professor Franz Dank bis 1990 freie Kunst studiert. Ich habe Thomas Baumgärtel vor vielen Jahren bei einer privaten Kunstausstellung kennengelernt und als damaliges Vorstandsmitglied der Stiftung Kaufmannshof Hanse bei seiner Sprayaktion an einer Wand des Stiftungsgebäudes in der Nähe des Wasserturms unterstützt. Das Bild ist heute noch zu sehen. Ich sehe vor mir gerade den Stiftungsvorsitzenden Axel Goergen. 1986, also vor 20 Jahren, gab es die erste Spray-Banane. Diese berühmte Banane ziert tausende Kunstorte nicht nur in Köln, sondern auch in vielen anderen deutschen Orten, aber auch in Basel und Zürich, Wien, Paris, London, New York und Moskau. Wer die Bananen neben einem Hauseingang sieht, weiß gleich: hier geht es um Kunst, entweder museal oder auch im Handel. Auf diesem Wege wurde auch ich vor einer Reihe von Jahren auf Thomas Baumgärtel aufmerksam und stellte mir die auch von vielen anderen gestellte Frage, ob die Eigentümer oder Betreiber solcher Kunstorte die Banane sich gewünscht haben, wie nach zweijähriger heftiger Gegenwehr Herr Gohr für das Museum Ludwig, ob sie sie einfach schicksalsergeben in Kauf genommen haben oder ob sie sie etwa bekämpft haben und dagegen vorgegangen sind wie z.B. die Galerie Werner. Die Banane wird biologisch auch „Musa“ genannt, nach dem Arzt A. Musa, oder in Südafrika „Piesang“. Zu den Bananengewächsen gehört auch die Strelitzie, die in Südafrika heimisch und weit verbreitet ist. Die Vogelfamilie der Turakos nennt man „Bananenfresser“, und „Bananenstecker“ sind einpolige Steckvorrichtungen mit federnden Kontaktflächen. Die Obstbanane (musa paradisiaca sapientium) heißt so, weil sie angeblich die Speise der Weisen ist, die Mehlbanane (musa paradisiaca normalis) ist roh ungenießbar und dient in zahlreichen tropischen Ländern als Grundnahrungsmittel. Die Zwergbanane (musa nana) wird auf den Kanarischen Inseln für den Export angebaut, die Faserbanane (musa textilis) liefert aus den Fasersträngen der Blattscheiden eine ausgezeichnete, sehr feste Spinnfaser (Manila-Faser). Als Schädling ist bekannt der Bananenrüßler (cosmopolites sordidus), der mit seiner Larve die Rhizome und Wurzelschößlinge der Bananenpflanze angreift. Die Banane spielt in der Literatur keine große Rolle. Kindlers Neues Literaturlexikon weist nur einen einzigen Bananentitel aus, nämlich „Banana bottom“ von Claude McKay, erschienen 1933, wobei, um Fehldeutungen vorzubeugen, ich darauf hinweise, daß es sich bei „Banana bottom“ um einen Ortsnamen in der Karibik handelt, also um Bananengrund. Die zahlreichen deutschen Gedichtsammlungen, die mir zur Verfügung stehen, weisen kein einziges Bananengedicht aus. Während unsere Jugendgruppen singen: „Wer hat die Kokosnuß geklaut?“ singt Harry Belafonte: „Hey, Mr. Telliman, telli my banana!“ Unsere Kinder reiten auf einer Riesenbanane auf der See, und der Menschenaffe kurvt in seinem Bananamobil durch unsere Kinderbücher. Warum hat nur die Wurst zwei Enden? Der WDR-Journalist Klaus-Jürgen Haller hat sich in seinem Buch „Wörter wachsen nicht auf Bäumen“ mit der Banane befasst. In seinem Artikel fand ich allerdings fast nur die Wiedergabe entsprechender Lexikonartikel, bis auf folgende neue Erkenntnis, daß es im amerikanischen Slang einen „Banana head“ gibt, dessen Eigentümer als Dummkopf gilt, und daß der Satz „He went bananas“ mit „Jetzt dreht er endgültig durch“ zu übersetzen ist. Hier kommen wir auch schon zum Thema des heutigen Abends: Krumme Dinger, eine höchst doppeldeutige Angelegenheit. Es ist nicht zum ersten Mal, daß Thomas Baumgärtel mit der Justiz in Berührung kommt. Ist es heute abend für ihn ein angenehmer Umgang, war es früher für ihn doch oft eine eher herbe Begegnung, ja es ging um Konflikte mit der Justiz. Heute hat er sie künstlerisch verarbeitet, wie unter anderem ein ganzer Dokumentationsgang hier oben zeigt. Da ging es um eine Sprayaktion auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg, ebenso wie um seine Verteidigung durch den in Kunstdingen sehr engagierten Rechtsanwalt Louis Ferdinand Peters, der ihn ebenso wie vor Zeiten den Schweizer Sprayer Harald Naegeli verteidigt hat. Peters ist geradezu ein Sprayanstifter; übrigens sind Baumgärtel und Naegeli laut einem hier wiedergegebenen Bericht der Neuen Zürcher Zeitung vor einigen Jahren zusammengetroffen. Herrlich auch der Artikel vom Schäng im Kölner Stadt-Anzeiger aus Baumgärtels früher Zeit, hier vergrößert nachzulesen. Spektakulär war Baumgärtels Aktion mit der Riesenbanane, die aus dem Kölner Dom herausschaut, oder auch seine Bemalung des beton-ummantelten Autos von Wolf Vostell „Ruhender Verkehr“ auf dem Hohenzollernring. Beide Aktionen sind hier ausreichend dokumentiert. Ich fand Wolf Vostell nicht schlecht, aber Thomas Baumgärtels Idee, diese etwas fade, eintönige und eigentlich zum Vergessen einladende Betonplastik mit einem Bananenkleid zu versehen, fand ich wunderbar kreativ. Wir wissen, daß er damit juristisch nicht durchkam und die Bananen wieder entfernen musste. Schade! Vostell ist tot, Baumgärtel lebt. Vita brevis, ars longa. Am Ende der Aktion bestieg Baumgärtel per Leiter im meterlangen Bananenkleid das gereinigte Betonauto, um als Freiheitsstatue dem freien Autoverkehr auf dem Ring den Weg zu weisen. Heute abend tut er dies zu meiner Linken auf einem Gemälde ebenso, in Kontrast zu seinem gegenüber hängenden Bild als „Knacki“. Mir gegenüber hoch oben hat er ein Selbstportrait von sich gehängt, das ihn in voller Sprayaktion zeigt, darunter, gemütlich schmunzelnd, seinen „Richter“. Zukunftsvision ist noch die große Banane im Brandenburger Tor in Berlin. Aber auch Christo mußte bei der Reichstagsverhüllung einige Jahre auf die Realisierung warten. Immerhin setzt sich der frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölzl für ihn ein. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich bin gegen jedes wilde Sprayen, und zwar sehr heftig. Bei Thomas Baumgärtel geht es immer nur um ein kleines einfaches Zeichen, die Banane, die auf Wunsch auch wieder entfernt wird. Aber so ein kecker, ab und zu wider den Stachel der Obrigkeit Löckender war Thomas Baumgärtel schon immer. Er war halt ein wenig aufsässig, aber nicht auf die unmittelbare, direkte oder gewaltsame Methode, sondern einfach mutig mit viel Zivilcourage. So war es auch, als er die Banane an sich als Kunstwerk erfand. Seinerzeit ging es um eine vertrocknete gealterte Banane, die er als Ersatz für einen heruntergefallenen zerstörten Corpus an ein Kruzifix in einem Altenheim hängte, in dem er seinen Zivildienst versah. Hier ist auch der einzige Punkt, bei dem ich mit ihm nicht übereinstimme. Hier ging er nach meinem Dafürhalten schon gleich am Anfang zu weit. Der Gekreuzigte und das Kreuz eignen sich nicht als Satireobjekte. Nun mögen kluge Beobachter einwenden, daß Thomas Baumgärtel all die Aktionen in der Öffentlichkeit eigens ausgeheckt hat, um sich gewissermaßen am Rande der Legalität bekannt zu machen. Sicherlich spielt so etwas immer mit und sind auch schon viele Künstler in den vergangenen Jahrhunderten so verfahren. Gerade in der heutigen Zeit muß man mit dem Handwerkszeug klappern, wenn das auch mit Bananen schwerfällt. Aber die Banane war ja für uns Deutsche in der Vergangenheit immer ein Zeichen des Wohlstands, der guten Ernährung, erst Recht für die DDR, als sie zu uns kam. Sie ist gewissermaßen ein Grundnahrungsmittel. Manche behaupten, sie besitze ein Glücksenzym. Andererseits sprechen wir von Bananenrepubliken und kennen auch den Ausdruck „Alles ist mir Banane“, d.h. egal, s.a. auch die Inschriften in dieser Ausstellung. So hat die Banane durchaus einen ambivalenten Charakter bei uns. Schließlich ist sie die Hauptzielscheibe der Linken gewesen, wenn sie gegen die internationalen Fruchthandelsgesellschaften vorgingen. Es gab Kriege um Bananen, es gab den Kampf der Bananen auf den Kanarischen Inseln gegen die Bananen aus Amerika und wiederum führten diese Krieg gegen die Bananen aus Afrika. Die EU war gespalten, da die Deutschen lieber die Bananen aus Amerika aßen als die kleinen aus Afrika, die sie aus Liebe zum Nachbarn Frankreich essen sollten, und so weiter. Die Bananenrepublik meint ja eine Republik, die eigentlich so schwach ist, daß die ganze Staatsmacht auf Bananenfüßen steht („Chiquita“). All dieses schwingt mit bei Thomas Baumgärtels Bananenarbeiten, die inzwischen so vielfältig geworden sind, daß man manchmal den Ursprung gar nicht mehr erkennt, z.B. bei den Politikerportraits, die auf der Grundlage von Bananenschablonen entstanden sind und die natürlich alle in schwarz-gelb gehalten sind, mein Großvater ist auch darunter. Schade ist, daß mir dieses Bild nie zum Erwerb angeboten worden ist. Nicht ohne Schärfe sind diejenigen einzelnen Bananen, die in sich Politikerportraits tragen, die es also in sich haben, und die größeren Portraits von Kölner Lokalpolitikern, mit Texten aus Kölner Zeitungen garniert. Sie würde ich zum Teil gerne kaufen, um sie den Dargestellten zu schenken und damit ein wenig hochzunehmen. Es geht Baumgärtel aber auch um allgemeine Themen in der Politik wie z.B. Korruption, die Todesstrafe oder den Frieden. Es ist aber geradezu frappierend, was man nicht nur mit Bananen als Großgemälde gestalten kann, sondern auch wie die Banane selbst als Symbol variiert werden kann. In seinem Atelier hat Thomas Baumgärtel eine ganze Wand mit Bananensymbolen vollgehängt. Hochinteressant sind die Umformungen von Markenzeichen zu Bananen, z.B. wenn ich an das Symbol der Kölner Haie denke, an die Deutsche Mark, Mickey Mouse, Paragraphen - heute hier sehr anzüglich – Bananen als Handy, als Zeichen von Mc Donald’s oder der NATO bis zum Fußball oder zur Friedenstaube: Thomas Baumgärtels Phantasie ist schier unendlich. Überraschend ist aber auch der Einsatz der Banane auf älteren Ölbildern bzw. auf Drucken alter Bilder, wie man sie im Plenarsaal sehen kann. So kommt sie immer wieder auf überraschende Weise zum Einsatz, und sei es nur auf dem Bilderrahmen. Doch nun weg von der Banane und hin zu anderen Kunstrichtungen, denen der Bananensprayer heute huldigt. Er hat eine ganz andere Handschrift entwickelt. Er malt Farbe in Farbe, wie z.B. Grau in Grau mit Weiß, häufig auf der Grundlage von Fotografien, es sind aber wie bei Gerhard Richter keine Fotografien. Es handelt sich um Portraits, Bauwerke oder Stadtansichten, häufig von Köln, oder Menschenmassen. So zeigt die Galerie Pudelko in Bonn, Baumgärtels „Massen“ in Kürze. Es kann ein zerstörtes Auto sein, eine Totalansicht oder auch ein Detail. Dabei herrscht immer eine gewisse Unschärfe vor. Man könnte auf den ersten Blick meinen, es handele sich um den Beginn eines Gemäldes, das noch schärferer Konturen und einiger Farbtöne bedarf. Dies ist aber nicht der Fall. Die Bilder, die schemenhaft aufscheinen, sind fertig. Man muß sie nur aus größerer Entfernung betrachten. Thomas Baumgärtel stellt sie auch als Pendant aus zu den sehr viel realistischer erscheinenden Bildern seines Zeitgenossen Oliver Jordan, der in den letzten Jahren mit seinen Portraits und seinen Kölner Ansichten sehr bekannt geworden ist. So hat die Galerie der Moderne Peter Klemm auf der letzten Cologne Fine Art im Februar dieses Jahres beide gemeinsam ausgestellt, quasi als Gegensatzpaar. Thomas Baumgärtel tritt nach außen hin stets liebenswürdig und zurückhaltend auf, nach dem Motto: ich kann kein Wässerchen trüben. Andererseits ist er aber auch – ich will nicht sagen: durchtrieben – aber doch jemand, der durchaus weiß, was und wen er will, und der mit sehr viel Überlegung und Nachdenken seine Kunst betreibt und den Betrachter an- und verführt. Nicht umsonst ist er Psychologe. Er lebt und arbeitet in Köln, und man darf ihn als einen ganz fest in Köln und der Kölner Kunstszene verankerten Künstler bezeichnen. Er arbeitet in den Clouth-Werken, jedenfalls noch. Ihm und vielen anderen Künstlern, die auf dem Clouth-Gelände arbeiten, ist es zu wünschen, daß die Stadt Köln und ihre Partner einen Weg finden, zumindest ein größeres Kunsthaus auf dem Gelände zu erhalten oder für weiterhin günstigen Ersatzraum zu sorgen. Wie wir alle wissen, lässt sich Kunst nicht erzwingen und nicht befehlen, sie ist wie ein Schmetterling, der mal hierhin, mal dorthin fliegt, hier Platz nimmt und dort wieder wegfliegt. Man muß die Schmetterlinge versuchen in der Stadt zu halten, um sich an ihnen zu erfreuen, und ihnen auch ein wenig Nektar und Pollen zur Nahrung anbieten. Darum ist dem OLG Köln, seinem Präsidenten Riedel, seinem Präsidium und seinem Pressesprecher Pamp sehr zu danken, daß sie alle nicht nur zum wiederholten Male dieses schlossartige Treppenhaus für eine Kunstausstellung zur Verfügung gestellt haben, sondern auch so liberal, tolerant und großzügig waren, gerade den Bananensprayer hereinzulassen. Davon hat sich der einstige Delinquent nicht träumen lassen: Krumme Dinger im Innersten der Justiz, quasi im Allerheiligsten. Thomas Baumgärtel selbst und nicht nur seine Bananen, die immer fortleben werden, ist inzwischen ein Markenzeichen für Köln geworden und sollte von den Kölnern auch so wahrgenommen werden. Es freut mich sehr, daß der Verein KKJ unter seinem Vorsitzenden, meinem Kollegen Custodis, sich mit Hilfe von Frau Hannelore Jordan dieses speziellen Kölnischen Brauchtums angenommen hat und ihn in diesem opulenten Rahmen hier im Oberlandesgericht Köln zeigt, einem Spitzenort der Rheinischen Justiz. Wie gerufen zeigt die SK Stiftung Kultur am 27. Mai dieses Jahres um 19.00 Uhr bei freiem Eintritt, Filmschätze schwarzer Tanzgeschichte aus Anlaß des 100. Geburtstages von Joséphine Baker im Mediapark, hoffentlich auch den Film mit dem berühmten Bananentanz von Joséphine, bei der diese gelben Früchte ihre einzige Bekleidung darstellten. Wir alle wünschen Thomas Baumgärtel auch zu dieser Ausstellung im OLG Köln weiter anhaltenden Erfolg und weiterhin gute Jahre in Köln. Mögen ihm seine Phantasie und seine klugen Gedanken nicht ausgehen. Vor Überraschungen seinerseits sind wir allerdings nie sicher. |
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BRANDING Die Möglichkeit der Kunst, das Leben aus einem unkonventionellen Blickpunkt zu betrachten sowie alternative Denkanstösse und weiter führende Inhalte via ansprechender Verpackung zu vermitteln, verdichtet der Kölner Thomas Baumgärtel zu einem einprägsamen, visuellen Signet: einer leuchtend gelben, mittels Schablone gesprayten Banane, die inzwischen weltweit im öffentlichen Raum an Wänden und Eingangstüren zahlreicher Kunstinstitutionen zu entdecken ist. Sie wird als Auszeichnung und Echtheitszertifikat für Orte verstanden, die der Kunst einen innovativen und engagierten Rahmen bieten. So bürgt das gesprayte Kürzel, das sogenannte „Tag“ als künstlerisches Gütesiegel für Qualität, weshalb die Banane als Symbol begehrt ist, aber nichtsdestotrotz unkäuflich bleibt und eine rein subjektive Bewertung des Künstlers darstellt. Vor allen Dingen funktioniert das einprägsame Symbol als Werbestrategie sowie Signatur für den Markennamen Bananensprayer alias Thomas Baumgärtel.(1) Doch nicht immer erweckte die Sprayerei Begeisterung: In einer umfangreichen Dokumentation des Künstlers sind erstmals auch alle Beschwerden und gar den Befehl zur Untersuchungshaft in der Ausstellung einsehbar. Über hundertfünfzig Variationen seiner Bananenschablone hat Baumgärtel seit 1986 entworfen. In der Metamorphose der Spraybanane, einer ständig wachsenden und sich verändernden Installation, werden bekannte und international verbreitete Markenlogos und Symbole in einem künstlerischen Aneignungsprozess mit der Spraybanane verschmolzen, ohne dass die ursprüngliche Bedeutung des Originals unkenntlich gemacht, sondern humorvoll umgestaltet, comicartig aufgepeppt, quasi aus dem kollektiven Gedächtnis der kommerziellen Welt heraus in die Kunstwelt hineingesprüht wird.(2) So erinnert die Frucht mit ein paar Strichen ergänzt an ein Posthorn, die mit Leoparden-Punkten befleckte Banane an die Filmfestspiele von Locarno oder die Äskulap-Banane an das Apothekerzeichen. Das veränderbare Potenzial der Frucht äussert sich auch in den Zeichen des Konsums als gelbes M, hier als Dollar-, dort als Euro-Zeichen, und sogar als Staatssymbol mal als Reichsadler, mal umschlungen von Hammer und Sichel. Eine simple Drehung der Banane bringt die Perspektive zum kippen, vermag sogar eine Weltanschauung in ihr ideologisches Gegenkonzept zu verdrehen: Krümmung und Bruch als Potenziale der Kunst. (1) Baumgärtel 1988; Unter www.bananensprayer.de sind Texte, Bilder und Projekte zur Spraybanane einsehbar. Text: Silvia Mutti |
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Goldstücke. Sie wissen schon, jene tropischen Staudenfrüchte von der Gattung Musa aus der Familie der Musaceae, länglich, leicht gekrümmt, stets gut verpackt in gelber Schale, die nach und nach schwarz wird, wenn man versäumt sie zu essen – ausgerechnet Bananen also wurden Mitte der achtziger Jahre in Köln zur geheimen Chiffre der Kunstszene. Überall an den Kunstorten der Stadt tauchten die reifen Früchte auf, als Sprühbilder an Wänden und Fassaden; nicht lange, und der mysteriöse Bananensprayer dehnte seine Befruchtungsaktion auch auf auswärtige Kunstorte aus. Wie es dazu kam und was es damit auf sich hat, diese Geschichte deckt sich weitgehend mit der künstlerischen Biographie von Thomas Baumgärtel, der ja, wie wir natürlich inzwischen alle wissen, identisch ist mit eben jenem subversiven Bananensprayer. Von heute an präsentiert er hier im Kunstraum des Industriemuseums Sensenhammer seine „Goldstücke“, so der Titel der Ausstellung, die einen überschaubaren, aber vielseitigen Überblick über seine jüngeren Werke gibt. Eine Reihe davon besteht in der Tat aus vergoldeten Bildern und Objekten, über und über mit kleinen Goldblättchen bedeckt wie ein mittelalterlicher Madonnenhintergrund oder ein Werk von Yves Klein. Denn auch Baumgärtel hat sich mit dieser jüngsten Werkgruppe der Goldstücke auf ganz neues Terrain begeben, vom Gelb zum Gold und von der Reife der Banane zur Reinheit des monochromen Bild-Raumes. Ein weiter Sprung, der nachvollziehbar wird, wenn man das bisherige Werk des Thomas Baumgärtel näher beleuchtet. Alles begann in einem katholischen Krankenhaus in seinem niederrheinischen Heimatort Rheinberg, wo Baumgärtel im Alter von 23 seinen Zivildienst ableistete. Eines Tages fiel hier ein Porzellanjesus vom Kreuz, und der Zivi mußte die Scherben aufkehren. Da dauerte diesen das leere Kreuz, und weil ihm damals wie heute jede kleine Polemik gegen die katholische Kirche gerade recht ist, und da sich ferner in seiner Pausenbrotbox (ob vom Zufall oder von der Vorsehung hineingetan) auch eine Banane befand, nagelte er diese kurzerhand ans Kreuz - an des Heilands statt. Was den Ordensschwestern seinerzeit als unerhörte Blasphemie erschienen sein muß, das wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis, sich näher mit der unerhörten Wirkung zu befassen, die das Aufeinandertreffen zweier simpler Gegenstände haben kann. Und wo schon kann man solche Fusionen besser beobachten oder auch selbst herstellen, als in und mit der Kunst? So wurde die Kunst für Baumgärtel, dessen ältere Schwester übrigens Kunsthistorikerin ist, gewissermaßen zum Religionsersatz. Wegen der hohen künstlerischen Attraktivität der Domstadt zog er 1985 nach Köln und nahm sein Kunststudium an der dortigen Fachhochschule auf; später wechselte er zur Pädagogischen Hochschule. Die Banane, als Auslöser dieser beruflichen Entwicklung, ließ ihn derweil nicht los, besonders die Vergänglichkeit der Pflanzenreste sprach ihn an. Anfangs experimentierte er vor allem mit den holzig getrockneten Schalen und schuf daraus skurrile Objekte wie die Kultivierte Kleinplastik „Das Wesen der Kultur“, schlaffe, faulig verdörrte Bananenschalen in verglasten Holzkästen. Dieses Werk entstand 1988 als Auflagenobjekt anläßlich des Erscheinens seines Buches „Kunst Orte Köln“, das er zusammen mit dem leider schon lange verstorbenen Kunstvermittler Wolfgang Wangler realisierte. Baumgärtel dokumentierte darin sein bisheriges Bananenprojekt. Das Ursprungswerk, das Bananenkruzifix, hat er übrigens bis heute aufgehoben. Die Banane wurde im Laufe der Zeit zu seinem persönlichen Symbol für die Freiheit der Kunst, die bis heute im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht. Sie ist und bleibt ihr Grundantrieb. Zwar scheint die Kunst heute frei zu sein hier hierzulande, doch immer wieder muß sich der Künstler aufs Neue dafür einsetzen, ob in den Galerien und Museen oder am Markt, der Baumgärtels eigentliches Thema ist. Aber natürlich spielte er auch mit dem schillernden Symbolkontext, in dem die Frucht steht, die ja selbst eigentlich nichts dafür kann, daß sie noch den prüdesten Spielverderber irgendwie an Sex erinnert, vor allem, wenn man ihr im ungeernteten Zustand in voller Blütenpracht auf der Plantage begegnet. Die Amerikaner kennen da so ihre einschlägigen Slangvokabeln … Josephine Baker benutzte die exotische Erotik des phallischen Obstes für ihre Bananenröckchenrevue, und die roaring twenties tanzten ausgelassen zum eingangs erwähnten Schlager. Andy Warhol adelte die Banane 1966 als Kunstmotiv, indem er sie zum Underground-Symbol machte für das Plattencoverdesign der Rock-Band Velvet Underground. In den Bananerepubliken Mittelamerikas tobten derweil die Befreiungskämpfe gegen die wirtschaftliche Abhängigkeit vom fremden Kapital. - Unter Ulbricht und Honnecker wurde die Banane zur heißbegehrten Mangelware. Als dann 1989 über Deutschland die Wende hereinbrach, wurde die Frucht zum symbolischen Zankapfel zwischen Ost und West; der Gipfel der Geschmacklosigkeit war erreicht, als saturierte Westler konsumgierige Ostler zur Begrüßung mit Bananen bombardierten. In Köln hingegen stand die Banane seit 1986 für die Kunst, und wenn man sich durch die seinerzeit bunt florierende Galerienszene bewegte, stieß - und stößt - man auf sie, wo immer es Kunst zu sehen gibt. Die Idee der gesprühten Banane entstand übrigens während einer feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier im Gespräch mit dem unvergessenen Ingo Kümmel. Jede neue Kunstinstitution bekam nun ihren Bananenstempel, den Thomas Baumgärtel eigentlich als Auszeichnung verstand, ja, er hatte sogar darüber nachgedacht, ein Bananenbewertungssystem zu schaffen vergleichbar den Hotelsternen. Doch manche Galeristen und Museumsleute sahen das anders, denn rein juristisch wird das Besprühen von Häuserwänden als Sachbeschädigung gewertet. Deshalb vollbrachte Baumgärtel sein Werk meistens des Nachts, zwei Schablonen und gelbe und schwarze Sprayfarbe im Auto, angetrieben von seinem Drang nach Vollständigkeit, dabei immer auf der Hut wie ein Dieb. 1987 wurde er verhaftet, weil er eine Doppelbanane ans Museum Ludwig gesprayt hatte; heute füllen die Ordner mit den Sachbeschädigungsverfahren gegen ihn ein ganzes Regal in seinem Kölner Atelier. Einfach aber wirksam ist sie - das muß man dieser fruchtigen Provokation schon lassen. Dabei war es von Anfang an vor allem darum gegangen, sich auf eigenwilligem, den gewohnten Mechanismen widersprechendem Nebenweg in den Kunstmarkt einzumischen, der in den späten 80ern einen rasanten Aufstieg erlebte, bevor er kurze Zeit später zusammenbrach. Er ging gewissermaßen „totally bananas“. Eine Wand im Atelier des Künstlers ist über und über mit quadratischen Bildtafeln bedeckt, die Bananen in allen Erscheinungsformen zeigen, sozusagen sein persönliches Bananenarchiv aus den Jahren seit 1986. Der Titel „Metamorphose“ deutet an, daß eine Banane sich, wenn der Künstler es so will, in alles verwandeln kann – „alles Banane“? könnte man denken angesichts dieser Birnen-, Apfel-, Mickey-, Mcdonalds-, Mercedes- und Paragraphen-Banenenversammlung. Sogar Kölns Bürgermeister Schramma oder das Hai-Maskottchen des lokalen Eishockeyvereins werden hier zu Opfern der Baumgärtelschen Bananenmutation. Eines der Bilder erinnert an eine aufsehenderregende Aktion, die Baumgärtel 1998, zum 750jährigen Domjubiläum, durchführte – wohlweislich spontan, ohne kirchliche Genehmigung, die er wahrscheinlich kaum bekommen hätte für seine 14 Meter lange Riesenbanane. Wie die Pistole eines Bankräubers schob er das monströse Objekt in das Hauptportal der Kathedrale hinein, um – wie er sagt - die Kirche in ihrer verknöcherten Sexualfeindlichkeit symbolisch mit neuem Leben zu befruchten. Und mit einer gehörigen Portion Humor, ohne die Baumgärtels Werk kaum denkbar wäre, ebenso wenig wie die Beschäftigung damit. „Wir leiben die Hohe Kirche“, nannte er seine Aktion. Voller Ironie in Richtung Kunst und Kunstmarkt war auch sein Projekt „Leben ist echt Banane “. Hierfür übersprühte er seit 1994 bekannte und anonyme Werke der Kunstgeschichte mit seinen Bananensymbolen und vereinnahmte sie auf diesem Wege – wohl auch mit einem Augenzwinkern in Richtung Appropriation-Art, wie sie nun seit einigen Jahren zu den „hippsten“ Richtungen der aktuellen Kunst gehört. Dennoch kann das Motto nicht lauten „bananas forever“, denn irgendwann hat jedes Motiv seinen Dienst getan. Die Abbildung auf der Einladungskarte zur heutigen Ausstellung zeigt, wie Sie gesehen haben, einen vergoldeten Computer – übrigens einen apple. Es handelt sich um den ausrangierten PC des Künstlers, in dem sich nach wie vor das digitale Ebenbild seines gesamten Bildarchivs befindet, also fast sein komplettes künstlerisches Oeuvre. Dies muß man wissen, wenn man die nur scheinbar so völlig neuartigen Arbeiten der jüngsten Phase betrachtet. Und nicht nur als Schatzkiste der eigenen Kunstentwicklung und -entfaltung, sondern mehr und mehr auch als nützliches Arbeitsinstrument dient der Computer dem Künstler; z.B. auf der Suche nach Bildvorlagen zu bestimmten, ausgefallenen Themen. So suchte er speziell für die hiesige Ausstellung nach Bildern zum ureigenen Motiv des Museums, der Sense, und stieß dabei u.a. auf das Foto zweier Sensenfrauen, die er in ein Stück weicher, farblich zurückhaltender, postimpressionistischer Malerei übertrug. Der ursprüngliche Kontext dieser Bildvorlagen spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle; selbst im Internet wimmelt es ja neuerdings immer mehr von Bildern ohne Zusammenhang oder nachweisbare Herkunft. Diese virtuelle Realität parallel zum Chaos der „echten“ Wirklichkeit, dieses regelrechte digitale Weltall, fasziniert Baumgärtel seit neuestem immer stärker. Die verarbeiteten Bilder verlieren dabei freilich im Verlaufe des Arbeitsprozesses ihren digitalen Charakter, indem Baumgärtel sie zunächst digital zerlegt und dann in Form von Malerei, ganz klassisch mit Pinsel, Leinwand und Palette, neu wieder aufbaut. Von Museumsleiter Eberhard Foest erhielt er einige alte rostige Sensenrohlinge – und verwandelte sie mit Hilfe von Blattgold in wahrlich goldige Sensenbananen, ebenfalls eine Reminiszenz an die ehemalige Sensenfabrik. Die größte Freiheit aber, und um die geht es natürlich nach wie vor, erlauben ihm derzeit diejenigen der neuen goldenen Arbeiten, die aus fast monochromen vergoldeten Leinwänden bestehen, denn sie befreien ihn erstmals ganz und gar vom Zwang zur Banane. Weil er aber auch die Monochromie letztlich nicht kommentarlos hinnehmen und stehen lassen kann, schrieb er in eleganten Lettern das kleine, große Wort „Freiheit“ in eines dieser Bilder. Und dort unten am Rande - sollte dieser krumme kleine Schatten da womöglich nicht doch eine Banane andeuten? Ganz genau. Und so bekennt sich der Künstler noch hier, im Reich der neuen künstlerischen Freiheit, ironisch und im wahrsten Sinne hintergründig zu den Früchten, die ihn auf seinem langen Weg zu dieser Freiheit immer treu begleiteten – ausgerechnet Bananen. Sabine Schütz, Eröffnungsrede am 4.9.2005 in Leverkusen |
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Mit seinen Übersprühungen diversifiziert Thomas Baumgärtel die Kunstgeschichte im Geist von Marcel Duchamp Der Stecher nennt Thomas Baumgärtel ein manipuliertes Ölgemälde. Es misst 78 mal 108,5 Zentimeter, besitzt einen goldenen Rahmen und zeigt eine unbekleidete Schöne mit offenen Haaren und glückseligem Gesichtsausdruck, die sich auf einem weißen Laken rekelt. Ihre rechte Hand ruht auf ihrem rechten Oberschenkel, während sie die erhobene Linke einem Vogel darbietet. Das Laken ist so drapiert, dass es ihre Scham bedeckt. Am Fußende fällt das Bild aus Raum und Zeit. Die Aktdarstellung verliert an zentraler Bedeutung, die Komposition bekommt eine zweite Ebene. Ein Fremdkörper macht sich breit. Im Stil einer Comicfigur greift eine Art züngelnder Bananenlurch die Liegende an. Thomas Baumgärtel hat ihn plakativ an den rechten Bildrand gesprüht. Im Laufschritt steuert das poussierliche Geschöpf auf sein Ziel zu. Ganz so, als sei es der griechische Göttervater selbst – in tierischer Gestalt – , der da die Maid überrascht. Leda und der Schwan mögen das Vorbild gewesen sein für diese intime Szene mit kalkuliertem Stilbruch. Frevel, Frechheit, Firlefanz? Völlig ungeniert setzt sich Thomas Baumgärtel in ein fremdes Nest. Der Stecher ist kein Einzelfall. Er zählt zur Werkgruppe Die Alten Meister und die Banane: Übersprühungen, mit denen der Bananensprayer vor zehn Jahren begann. Grundsätzlich besitzen sie eine malerische Grundlage, die zunächst mit einer anderen Autorschaft als der seinen verbunden ist. Kontinuierlich bananisiert Baumgärtel die Arbeit von Kollegen. Im Falle der Übersprühungen sind deren Namen jedoch unbekannt. Hinlänglich im kollektiven Gedächtnis verankert sind dagegen die Motive: der röhrende Hirsch, der Sonnenaufgang im Gebirge, das Seestück mit Segelschiff. Zielgerichtet zwingt Baumgärtel diesen gefundenen, weitgehend wertlosen Bildern seine Bananenfiguren auf. Parallel dazu betrachtet er jedoch auch berühmte Bilder als Verfügungsmasse und Werk-Stoff. Weit trieb er bereits deren Verfremdung mittels Spraybananen, paraphrasierte Arcimboldo oder Picasso. Zentimetergroße Schablonen dienten ihm dazu, ikonisierte Motive zu verpoppen. Immer wieder – das ist Teil seiner langfristigen Strategie – macht Thomas Baumgärtel klar, dass in seinem Fruitopia noch viele Früchtchen Platz haben. Im Rahmen der Werkgruppe Die Alten Meister und die Banane bedient er sich auf eine Weise kunsthistorischer Gegebenheiten, die seinem fruchtigen ‘uvre eine bittersüße Facette verleiht. Offenkundig hat ihn die Nostalgiewelle erreicht und die Lust an greller Kolportage nicht verlassen. Mit der Banane rückt Baumgärtel spitzbübisch Alten Meistern auf den Leib, die streng genommen keine sind. Im Zeichen seiner symbolischen Signatur eignet er sich systematisch bereits existierende, aber nicht weiter bemerkenswerte Bilder an: Ölgemälde und Reproduktionen, die er auf Flohmärkten oder in Trödelläden abstaubt. Nicht, um sie aufzuhängen, sondern um sie aufzufrischen. In einem kühnen Akt der Appropriation überführt Thomas Baumgärtel das Abgelegte in die herrschende Alltagskultur und macht es verfügbar für den aktuellen Diskurs. Mit einem Landschaftsgemälde: In den Tiroler Bergen, begann er seine Verfremdungsaktion: 1994 habe ich erstmalig eine Reproduktion einer typischen Gebirgslandschaft, wie sie bayerische Haushalte zum Teil noch heute überm Sofa hängen haben, mit einer Banane übersprüht, weil ich dachte, das Bild ist so schrecklich, damit kann man sowieso nichts mehr anfangen.(1) In der Folge besprühte Baumgärtel zunehmend Originale mit Bananen. In den Grauzonen der Kunstproduktion – zwischen Kopisten- und Fälscherware –, und staubigen Arsenalen, wo Hausrat von vorgestern vermodert, hat er herumgeschnüffelt und seine Funde mit poppigen Eingriffen für die zeitgenössische Anschauung aufbereitet. Insbesondere ruft ihn der Berg. Ölgemälden, die Gebirgslandschaften zeigen: ein klassisches Motiv der Landschaftsmalerei, verleiht er eine exotische Note, indem er etwa einen Berg Bananen hineinmogelt – oder ein ins Bananige gewendetes Logo von McDonald’s. Deshalb ist Baumgärtel noch nicht antiromantisch. Tatsächlich verhandelt er Aspekte stimmungsbetonter Malerei neu. Die Wirkung solcher Anverwandlung ist verblüffend. In dem Moment, in dem die übersprühten Werke im Ausstellungszusammenhang rezipiert werden, bekommt der Akt des humoristischen Facelifts eine Legitimation. Mit einem Mal erfährt ein Bild, das zuvor nicht beachtet worden wäre, erhöhte Aufmerksamkeit. Im Sinne von Duchamp, der festhielt dass ein Kunstwerk erst existiert, wenn der Betrachter es angeschaut hat, versetzt Baumgärtel Nichtbilder gleichsam in einen neuen Aggregatzustand, verhilft ihnen zu einer Existenz als Kunstwerk. Indem er Vorgefundenes bearbeitet, erschließt er dem Fundstück eine neue Rezeptionsebene. Die Übersprühungen sind planvolle Überhöhungen. Die Banane befruchtet buchstäblich die Komposition. Für die Kunstgeschichte zu-nächst verlorene Bilder kommen heraus aus ihrem Dunstkreis. Die phantasievollen Variationen der gelben Spraybananen, die sich an so vielen Museen und Galerien befinden und als Echtheitszertifikat gewertet werden, verschaffen den anonymen Werken eine Aura. Sie wird wesentlich konstituiert durch das Moment der Ironie. Der Bananensprayer jongliert damit versiert. Er war von Anfang an ein Provokateur mit clownesken Zügen. Seine Werkzeuge sind die optische Irritation und der visuelle Witz. Um damit nach außen zu dringen, hat Baumgärtel die Ästhetik des Alltags studiert sowie aus dem Arsenal von Reklamefeldzügen geschöpft. Er reflektiert die Strategien der Konsumgüterindustrie. Die Werbung spült ins kollektive Bewusstsein Konsumartikel, respektive deren Bilder, solange, bis keiner mehr an ihm vorbeikommt. Baumgärtels Banane ist im Grunde nichts anderes als eine Niveadose oder eine Ray Ban-Brille. Man kann leicht leben ohne Nivea, ohne Ray Ban und ohne Bananen. Erst wenn man die Dinge an jeder Ecke sieht, will man sie haben. Wenn mehr als 4000 Kunstinstitutionen eine Spraybanane am Revers tragen, ist klar, dass die Begehrlichkeit wächst. Baumgärtels Kunst ist auch eine lakonische Antwort auf die Mechanismen der Markengesellschaft. Er beschäftigt sich mit Fragen von Mehr- und Marktwert. Nicht von ungefähr hat er seine Übersprühungen – auf Einladung der Galerie Brunnhofer – anlässlich der Linzer Veranstaltungsreihe EchtFalsch erstmals öffentlich als Werkkomplex präsentiert. Dort ging es um Kunst als handelbare Ware sowie die Voraussetzungen dafür. Es ging um Praktiken der Konsumgüter-, Werbe- und Medienindustrie, um Markenverständnis und auch um Markenpiraterie. Baumgärtels Werkgruppe berührt einen erweiterten Kunstdiskurs. Man kann die Übersprühungen als Teil einer Werbestrategie für eine inzwischen gut aufgestellte Marke sehen. Der Markenname: Thomas Baumgärtel. Der Mann selbst ist seine Kunst. Nicht erst dann, wenn er im Bananenanzug auftritt, behauptet er die Einheit von Autor und ‘uvre. Baumgärtel ist sein eigener Kunstgegenstand aus dem Geist des Graffiti. Als solcher befriedigt er viele Bedürfnisse. Der Bananensprayer ist ein subtiler Spötter, der dem Kunstbetrieb mit seinem kultischen Tun und seiner komischen Sendung gleichermaßen den Spiegel vorhält. Ganz gleich, ob es Museumsmauern oder Politikerporträts sind, die Baumgärtel mit Solitärbananen besprüht oder aus einem kleinteiligen Bananenraster aufbaut – er bleibt ein Verstörer. Er ist der Kabarettist der Hausmauern, dessen Brettl die Banane (-nschale) ist. Ausrutschen tun darauf freilich immer die anderen. Seine Vorgehensweise ist dabei immer schon eine konzeptuelle. Basis seines Tuns ist die Aneignung. Mit hintergründiger Heiterkeit nimmt er das Authentische ins Visier. Ein wesentlicher Aspekt der Übersprühungen ist die Echtheitsfrage. Nun wird insbesondere die Kunstgeschichte die Frage nach Original und Fälschung bis zum letzten Atemzug beschäftigen, der der Disziplin vergönnt ist. Zwischen den Polen Könnerschaft und Kopie scheiden sich die Geister. Das wesentliche Kriterium bei der Beurteilung und Wertschätzung eines Artefakts bleibt seine Echtheit und Originalität. Mit seinen Ready-mades begann indes Duchamp diese Überzeugung zu hintertreiben. Er katapultierte die Kunstwissenschaft in eine neue, bis dahin beispiellose Dimension, nötigte sie, Beurteilungskriterien zu überdenken. Auch der Bananensprayer verlässt den konservativen Weg. Thomas Baumgärtel kultiviert das Rebellentum im Sinne eines entgrenzten Kunstbegriffs. Der erste Schritt waren die Bananengraffitis an Museumsmauern und Kunstgalerien. Mit seinen Übersprühungen Alter Meister stellt er seine Arbeit nunmehr in den Traditionszusammenhang der Ready-mades und knüpft an Duchamp an. Das erste ausdrücklich als Werk Duchamps publikgemachte Ready-made(2) ist ja die Mona Lisa mit Kinnbart und Schnäuzer. Auch Baumgärtel bearbeitet historische Gemälde in einem ironisch aufbegehrenden Akt. Duchamps Mona Lisa darf als seine Referenzfigur gelten. Bezeichnet als Dada-Bild von Marcel Duchamp erscheint die Königin der Kunstgeschichte 1920 auf dem Titel von Picabias Zeitschrift 391. Da Duchamps Original nicht vorliegt, macht Picabia für diesen Zweck eine Replik, fügt aber nur den Schnäuzer hinzu und vergisst das Bärtchen.(3) Interessant, dass die Arbeit von Duchamp den Status eines Originals konzediert bekommen kann. Keine Rolle spielt dafür, dass der Wegbereiter der Moderne von einer Postkartenreproduktion der Mona Lisa ausgegangen war. Durch einen minimalen Eingriff – den verfremdenden Bart – wurde aus dem reproduzierten Leonardo ein gefeierter Duchamp. Dass der Künstler mit seiner Mona Lisa einen künstlerischen Coup landen konnte, ist drei Umständen zu verdanken. Die Verfremdung ist aufsehenerregend, der ’Fälscher’ kein Niemand, die Zeit war reif für die Tat. Duchamp erweiterte den Wirkungsradius der Mona Lisa. Er machte sie zur Ikone des Dadaismus. Statt zu Barthaaren greift der Bananensprayer zu Bananen, statt zur Reproduktion zum Original. Eine subtile Form von Neodadaismus ist es, die Thomas Baumgärtel im Falle des Altmeisterzyklus praktiziert. Während der Dadaismus auf das harmonisch Schöne drosch und sich vom Wohnzimmerbild distanzierte, benutzt Baumgärtel das Wohnzimmerbild beharrlich, um das harmonisch Schöne zu befragen. Das Antibürgerliche und Satirische, das den Dadaismus kennzeichnete, prägt auch seine Übersprühungen. Indem er dem Wertlosen einen Wert verleiht, solidarisiert er sich zugleich mit dem Trivialen. Die behauptete Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist sein Garant für erhöhte Aufmerksamkeit. Ein Satz von Rodin – geäußert angesichts von Géricaults Derby in Epsom – kommt bei der Betrachtung der Übersprühungen in den Sinn. Das Gesamtbild ist in seiner Gleichzeitigkeit falsch; es ist aber richtig, wenn die einzelnen Bestandteile nacheinander betrachtet werden. Und es ist nur diese Wahrheit, die zählt, weil sie es ist, die wir sehen, und die uns ins Auge springt.(4) Das Gesamtbild ist auch bei Baumgärtel in seiner Gleichzeitigkeit falsch, doch der moderne synthetisierende Blick macht mühelos eine Ganzheit aus – auch und gerade dann, wenn die einzelnen Bestandteile nicht nacheinander betrachtet werden. Rund 50 Übersprühungen sind inzwischen entstanden. Komische, aber auch melancholische Bearbeitungen von Kunstwerken, die sonst kaum noch jemand wahrgenommen hätte. Wie stets ist auch hier die Bananenspur, die Baumgärtel legt, Leitidee und Leitfaden. Anders als die Graffiti erregen jedoch die Übersprühungen bei empfindlichen Zeitgenossen keinen Zorn, sondern rufen eher ein leises Lächeln hervor. Thomas Baumgärtel produziert im Kontext dieser Sonderform seiner Bananenphilosophie Kitsch as Kunst can. Zivilisationsmüll verleiht er das Zertifikat der Zeitgenossenschaft. Vergessenes, Verdrängtes sowie Verlogenes wird zum Substrat für einen subjektiven Kunstbegriff, der Randständiges nobilitiert. Plötzlich erscheinen die alten Schinken brandneu. Sie wirken wie marktfrische Ware. Bananisiert erheben sie den Anspruch auf Ausstellbarkeit in seriösen Kunsträumen. Was beweist: Bananisierung ist ungleich Banalisierung, sondern das Gegenteil davon. Thomas Baumgärtel gelingen mit seinen krummen Dingern dialektische Rösselsprünge. Im Lexikon steht die Banane zwischen banal und Banause. Banal finden können Baumgärtels Bananen fürwahr nur Banausen. Und die Bananisierung geht weiter. Heute stehen mir über hundert verschiedene Metamorphosen der Spraybanane als Motive zur Verfügung, sagt Baumgärtel.(5) Man darf auch diesbezüglich vom planmäßigen Gestaltwandel mit verführerischer Zielrichtung sprechen. Ach Leda. O Mona. Anmerkungen: (1) Thomas Baumgärtel im Gespräch mit der Autorin am 9. Februar 2004. (2) Duchamp und die anderen, Dieter Daniels, Köln 1992, S. 186. (3) wie Anm. 2, S.186. (4) zit. nach Paul Virilio, Das öffentliche Bild, Wabern 1992, S.7. (5) wie Anm. 1. Thomas Dorothee Baer-Bogenschütz |
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Zeichen an der Wand Etwa 3000 Schablonengraffiti mit seinem berühmten Bananen-Motiv hat der deutsche Künstler Thomas Baumgärtel seit 1986 vor die Eingangstuüren von Museen, Kunstvereinen und Galerien gesprayt. Das anfangs provozierende Signet ist längst zum begehrten Qualitätssiegel und inoffiziellen Logo der Kunstszene geworden. Inzwischen wünschen sich auch namhafte Galerien eine Banane von Baumgaärtel als Eingangsschild. Selbst das Museum Ludwig in Köln, das 1987 noch erbost über den ungebetenen Wandgast mit einer Strafanzeige drohte, erbat sich zwei Jahre später den Besuch des Bananensprayers. Geboren am 10.12.1960 in Rheinberg (BRD), studierte er Freie Kunst in Köln. Das Bananenmotiv entdeckte Baumgärtel als Gag in seiner Jugendzeit. In seinen Studiengängen – Malerei und Kunstpsychologie – verfolgte er sein Bananenmotiv jedoch konsequent weiter. Nichts ist eindeutig, logisch gerade – alles ist Banane – so die Kernaussage Thomas Baumgärtels. Für ihn wird die Spray-Banane zum Gesamtkunstwerk. Die Banane enthält alles. An ihr kann man, wie in der Kunst, alles darstellen. Nach vielen Experimenten mit dem Bananenmotiv fand Baumgärtel mit der Sprühdose ein neues Ausdrucksmittel und wurde zum Bananensprayer.Anonym signierte er ab 1986 Kunstorte unter dem Motto Bananenprojekt Köln mit dem Bananensymbol, zeichnete Galerien und Museen mit diesem Mal, das ihm fortan als Synonym für unsere krumme Wirklichkeitswahrnehmung diente. Jede Spray-Banane wurde fotografisch festgehalten und in jährlichen Ausstellungen präsentiert. Die zahlreichen Nachahmer seiner Pochoirs in zahlreichen europäischen Metropolen bestärken bis heute die Bekanntheit des Bananensprayers. Quelle: Manfred Hainzl, Zeichen an der Wand (Höhlenmalerei – Felsbilder – Graffiti), in: Ausstellungskatalog des Lebensspuren-Museums Wels, 2004 |
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Was soll der Quatsch!? Was wäre die Kunst ohne die Kunst? Diese scheinbar absurde Frage soll den Blick lenken auf die Verknüpfung des einzelnen Kunstwerks mit der Summe der anderern bestehenden Kunstwerke, ihrem widersprechenden oder anregenden Charakter. Die Frage soll den Blick in die Geschichte öffnen, die Gedanken den diversen Bildwelten nachgehen lassen, die die Vergangenheit bereithält, soll veränderte Interpretationen offenlegen. Erst das so angereicherte, quasi aufgeladene Bild vom Bild/Kunstwerk läßt die Fülle der Erscheinung und ihr sinnliches Erleben auch zum geistigen Genuß werden. Hätte Thomas Baumgärtel seine Bananenskulptur in voller Ausdehnung -sie hätte dann sicherlich eine Länge von ca. 30 m erreicht- ausgeführt, und hätte er diese für sich stehen/liegen lassen, wäre sie eine mindestens um 30 Jahre verspätete Pop-Skulptur gewesen. So aber hat er zum einen seinen unaufgeforderten Beitrag zum 750-jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung des gotischen Kölner Domes unter das Motto gestellt: “Wir lieben die Hohe Kirche.“ Zum anderen, und dies ist viel entscheidender, hat er mit seiner Bananenskulptur eine so große Nähe zum Dom gesucht, daß Kathedrale und Banane trotz widersprüchlichster Bestimmung und emotionaler wie geistiger Besetzung als Einheit gesehen werden müssen, ja, die Banane scheint sich zur Hälfte geradezu durch die Tiefe des Mittelportals der Westfassade ins Mittelschiff zu schieben, von außen ins Innere zu dringen. Banane und Kirche gehen tatsächlich eine Synthese/Symbiose ein. Bleibt es jedoch nur beim grotesken Augenschmaus? Oder steckt sogar mehr dahinter? Es ist bekannt, daß Thomas Baumgärtel mit mehr als 3000 gesprühten Bananen Orte zeitgenössischen Kunstbetriebs ausgezeichnet hat. Über mehr als ein Jahrzehnt seiner Sprayaktionen haben die Banane zum internationalen Kunst-Signet schlechthin sich mausern lassen. Was liegt also näher, die Aktion als Forderung zu verstehen, daß zeitgenössische Kunst in die Kirche von heute eindringen soll. Tatsächlich war die Kirche jahrhundertelang (einziger) Auftraggeber und Hort von Kunst. Erst am Anfang des 20sten Jahrhunderts führte die gegenstandslose Kunst durch die Entrückung des Menschenbildes zum Bruch mit dieser Tradition. Obwohl es heute vereinzelte, erfolgreiche Bemühungen gibt, diese Kluft zu schließen -so auch besonders intensiv in Köln- können sie aufs Ganze gesehen, nur ein Anfang sein. So weit, so gut, wäre da nicht noch die erotische Ausstrahlung dieser Südfrucht, die sie in unserer Zeit -wenn auch spaßig- durchaus zum Phallussymbol avancieren ließ, Ausdruck männlicher Potenz. Jede Zeit und Kultur haben offenbar ihre Symbole: Türme, Dolche usw.. Es gibt kaum eine heutige Werbung ohne erotischen Unterton, ob es sich um Sekt, Parfüm oder Autos handelt. Und ein weiteres, was kaum jemand weiß: Der Hohe Dom zu Köln ist nicht nur St. Peter seit vorromanischer Zeit geweiht. Er besitzt noch ein zweites Patromonium , nämlich das der Maria, der unbefleckten Empfängnis. Im Zuge der marianischen Frömmigkeit der Gotik hat man den neuen Bau auch der Muttergottes geweiht. Am 8. Dezember eines jeden Jahres wird das Patronatsfest begangen. Der Mittelpfeiler des Hauptportals, dem Thomas Baumgärtel die Banane zugeornet hat, weist -der Skulpturenprogrammatik des 19. Jahrhunderts folgend- zudem die visionäre Darstellung Mariens auf der Mondsichel auf. So entsteht zweifelsfrei eine “schockierende“ Verbindung des Namens der Heiligen Jungfrau Maria mit dem banalen, “bananen“ Phallussymbol. “Quatsch“ als Kommentar für Baumgärtels Aktion erscheint vor diesem Gedanken wirklich als eine harmlose Bezeichnung. Überwinden wir den ersten Schock und lassen uns ein auf eine Verknüpfung des Widersprüchlichsten mit Blick in die Vergangenheit, so werden wir fündig in der Geschichte der Kunst. Der Themenkreis “Maria mit dem Einhorn“ wird z.B. auf wunderbaren Tapisserien aus dem 15. Jahrhundert im Musée Cluny in Paris vorgeführt. Das sagenhafte Einhorn ist ein weißes Pferd mit einem ca. 30 cm langen gedrehten Horn auf seinem Kopf. (In Wirklichkeit ist das “Horn“ ein Zahn des Narwales, eines zu den Delphinen gehörenden Zahnwales.) Das Einhorn gilt nach einer indischen Legende als seltenes, scheues und geheimnisvolles Tier. Es liebt die Einsamkeit und kann nur mittels einer nackten Jungfrau aus seinen Jagdgründen gelockt und gefangen werden, denn es wird vom Geruch der Reinheit dieser Jungfrau angelockt. Springt das Tier in den Schoß der Unberührten, kann es von den Jägern erlegt werden. So heißt es denn auch bei den Kirchenvätern in der mittelalterlichen patristischen Literatur sogar “In uterum Virginis singulare deposuit omnipotentiae cornu“. (In den Schoß/Leib der Jungfrau legte er das einzigartige Horn der Allmacht.) Damit wird das Einhorn zum Symbol der Reinheit Mariens, ihrer unbefleckten Empfängnis bei aller offenbar doch sehr erotischen Auffassung. Im Laufe der Jahrhunderte wird das Einhorn zu einem changierenden Symbol. Es kann z.B. auf Christus verweisen oder auf den Teufel. Im Manierismus verliert sich der mittelalterliche Symbolgehalt zusehends und Einhorn-Szenen mutieren zum Ausdruck eines Pansexualismus. Fresken in den päpstlichen Gemächern der Engelsburg in Rom zeigen ganz eindeutige Darstellungen lasziven Charakters. Auch in einer Zeichenstudie Leonardo da Vincis wird der religiöse Anspruch gänzlich aufgegeben, so daß eindeutig sodomistische Anklänge sichtbar werden, wie sie die hellenistische Kunst mit dem Motiv “Leda und der Schwan“ (Zeus) hervorgebracht hat. Während das ausgehende Mittelalter und die Frührenaissance sich noch damit begnügten, antikes Formengut in christliche Formen/Figuren zu verwandeln -Philosophen wurden zu Aposteln, antike Helden zu Heiligen- mußte man in der Renaissance, wenn man sich nicht bei der Darstellung der antiken Götter selbst der Beschuldigung des Heidentums aussetzen wollte, die heidnischen Götter mit christlichem Gedankengut verknüpfen. Für die erste Form des Umgangs mit dem Weltlich-Sinnlichen sei auf eine Apollo-Federzeichnung Albrecht Dürers verwiesen, die den Adam des bekannten Kupferstiches von 1504 vorbereitet. Apollo wird zu Adam, Zeus zu Christus, Herkules zu Samson usw.. Von größerem Interesse ist hier allerdings die zweite Form. Als Beispiel bietet sich Sandro Botticellis bekannte “Geburt der Venus“ , um 1480, an. Nach antiker Marmorskulptur als Vorbild ist die himmlische Venus als Göttin der Liebe ganz schwerelos wie eine Erscheinung aufgefaßt. Das Bild entstand im Umkreis der neuplatonischen Philosophen, dessen Kopf Marsilio Ficino (1433-1499) war. Er glaubte, daß das Universum und somit auch das Leben des Menschen mit Gott durch einen unaufhörlichen geistigen Kreislauf verbunden sei. Alle Offenbarungen dieser Welt, wie z.B. der antiken oder christlichen, seien eins. Schönheit, Liebe und Glückseligkeit seien Phasen dieses Kreislaufs und damit letzlich dasselbe. - So war es durchaus möglich, die himmlische Venus Botticellis als Maria anzurufen. In der göttlichen (nackten) Schönheit erkannte man die göttliche Liebe. Die himmlische Venus ist jedoch eine Göttin des Geistes, während ihre Zwillingsschwester mit dem Beinamen Urania eine Göttin des Fleisches ist. Man könnte sagen, beide seien zwei Seiten einer Medaille. - Der Blick auf die Symbole in Malerei und Dichtung, die Maria und Venus zugeordnet sind, zeigt in der (Turtel)-Taube, der Rose, der Muschel und dem Spiegel Übereinstimmung. Venus und Maria, die beiden Göttinnen der Liebe, verbinden sich im Geiste; die irdische körperliche Liebe wird zum Ausdruck der himmlischen geistigen Liebe, ist erfahrbarer Abglanz der unendlichen göttlichen Liebe. Gianlorenzo Berninis “Verzückung der Heiligen Theresa von Avila“ aus den Jahren 1645-52 in Rom verbindet in offenkundiger Weise die beiden Stufen miteinander. Mit offensichtlicher Lust steht ein Engel, der in anderem Zusammenhang als Amor aufzufassen wäre, mit seinem süßen Pfeil der Liebe vor der spanischen Mystikerin, die ganz entrückt und verzückt liegend sich einem sehr irdischen Genuß hingibt. Die Marmorgruppe scheint auf einer Wolke zu entschweben. Sie selbst beschreibt ihr visionäres Erlebnis: “Der Schmerz war so groß, daß ich laut aufstöhnte; doch zugleich empfand ich eine so unendliche Seligkeit, daß ich wünschte, der Schmerz höre niemals auf. Es war kein körperlicher, sondern ein seelischer Schmerz, wenn er auch bis zu einem gewissen Grad auf den Körper wirkte. Gott liebkoste auf das Zärtlichste meine Seele.“ Echte mystische Frömmigkeit führt hier zu einem Ausdruck höchsten sinnlichen Erlebens in weltlicher Schönheit. Welt und Gott scheinen in dieser Figurengruppe kein Widerspruch zu sein. Zurück zur Banane und der Aktion von Thomas Baumgärtel. Durch den Blick in die Geschichte wird deutlich, daß der weltliche Eros in der religiösen Kunst in Zeiten als Bild- und Hilfskonstruktion parabelartig eine wichtige Rolle gespielt hat, die absolute göttliche Liebe faßbar zu machen. Die Verknüpfung scheinbar sich widersprechender Formen, das ästhetisch Abstruse, führte zur concordia discors, zur zwieträchtigen Eintracht. Mit der Banane im Hauptportal des Kölner Domes hat uns Thomas Baumgärtel ganz im manieristischen Sinne ein zeitgenössisches Bild für diese concordia discors gegeben. Klaus Altmann, 1998 |
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Leben=Kunst=Banane Jahrelang war er einfach der Bananensprayer und nur Insider wußten, wer sich letztendlich dahinter verbarg. Vor Jahren wäre es gefährlich gewesen, die Identität preiszugeben, denn angesichts seiner weltweiten Sprayertätigkeiten hätte er sich vor Prozessen nicht mehr retten können. Dennoch füllen die Verfahren, die man ihm anhängte, mehrere Aktenordner. Vor etwa zehn Jahren hatte Thomas Baumgärtel begonnen, eine Banane neben die Eingänge von Orten zu sprühen, in denen Kunst gezeigt wurde. Zunächst wurde dies als Sachbeschädigung angesehen, die Bananen wurden meist entfernt. Für Thomas Baumgärtel hieß die Gleichung ganz einfach Kunst=Banane, und er setzte sein Treiben unberührt fort, in der festen Überzeugung, daß sie sich auf die Dauer durchsetzen würde. Bis heute hat sie sich in der Tat immer mehr verbreitet, ist in Köln und Düsseldorf, in Frankfurt, Berlin, Paris, London und New York an Galerien und Museen zu finden, und so manche Newcomer Galerie ist mittlerweile besorgt, wenn dies Markenzeichen für seriöse Kunst nicht bald am Haus zu finden ist. Thomas Baumgärtels Idee hat sich durchgesetzt. Kunst ist Leben, Leben ist Banane, Banane ist Kunst. Die Banane ist die Essenz der Baumgärtelschen Philosophie. In ihr spiegelt sich aus seiner Sicht Weltgeschehen und Geschichte. Thomas Baumgärtel schafft die Welt neu aus Bananen. Sie hängt als Leichnam am Kreuz und türmt sich zur großen Form; sie fordert Fluxus-Kunst zum Dialog auf und schleicht sich in alte und neue Bilder hinein. Vor allem hier, in der Übermalung alter Ölbilder stellt Thomas Baumgärtel die unausgesprochene Behauptung auf, daß er keineswegs der Erfinder der Kunst-Banane ist.- Ganz im Sinne jener alten Aussage der Dadaisten: Bevor Dada da war war Dada da. Baumgärtels Übermalungen belegen: schon um die Jahrhundertwende trugen alte Bergbauernhöfe jenes damals so rätselhafte Signet, und Landschaftsbilder jener Zeit pflegten Bananen als Repoussoir zu verwenden. So belegen es Baumgärtels alte Meister. Quot erat demonstrandum. Und wer erinnert sich nicht mit einer gewissen Schadenfreude an Wolf Vostell bananengeschmückten Ruhenden Verkehr? Da forderte ein junger Dadaist einen älteren heraus und wollte wissen, ob der sein provokantes Aktionsrelikt aus Fluxuszeiten heute so richtig ernst nimmt und es als unberührbares, unveränderbares Kunstwerk ansieht, oder ob er die Wechselfälle des Lebens, mit denen die Fluxusbewegung jener Jahre immerhin gerne spielte, hinnehmen und akzeptierte werde. Wie wir wissen, bestand er auf Restaurierung. Dabei hätte die Banane doch qua definitionem lediglich nachträglich unverbrüchlich festgestellt, daß es sich hier um Kunst handelt. Auch die meist immer noch verständnislosen Passanten hätten es danach endgültig gewußt. Thomas Baumgärtel ging es dabei um den Dialog zweier Kunstkonzepte, deren Wirkungsprinzipien je für ihre Zeit verschieden, aber dennoch strukturell verwandt sind. Wolf Vostells Ablehnung war dabei ein genau so gutes Ergebnis, wie es seine Zustimmung gewesen wäre. Die Banane hat einmal mehr den Kunstbegriff herausgefordert und Klarheit geschaffen. In diesem Sinne wirkt sie in Thomas Baumgärtels Kunstvorstellung erhellend für die Wahrnehmung von Wirklichkeit. Was die wenigsten, die die gesprühte Banane allerorten sehen, wissen, ist Thomas Baumgärtels weitergehende künstlerische Arbeit, die noch mehr, als das Bananensignet belegt, wie sehr die Banane für Thomas Baumgärtel zum Prinzip künstlerische Wahrnehmung wurde. Da gibt es nicht nur den Bananenwohnwagen, den Bananenfernseher, die Bananencouch und den Bananenstuhl, die Banane schleicht sich auch in den Sternenkreis des europäischen Banners oder präsentiert sich als große skulpturale Form. Am deutlichsten wird Baumgärtels Weltanschauung jedoch in seinen jüngsten Bildern, in denen er eine kleine gesprühte Banane gleichsam als Rasterpunkte verwendet, mit dem er seine Bilder alltäglicher Gegenstände, vom Wasserhahn bis zum weiblichen Akt aufbaut. Auch der Kölner Dom und ein großes Köln-Panorama bauen sich aus Hunderten und Tausenden von dicht nebeneinander und übereinander geschichteten Bananenformen auf. Die Welt, gesehen in Form von Bananen; hier ist der Beweis endgültig erbracht: Leben ist Banane. Thomas Baumgärtel hat seine dadaistische Aktion inzwischen weiterentwickelt zur Weltanschauung, zum künstlerischen Konzept. Was ursprünglich Behauptung war, die Banane sei Kunst, was weltweit selbst von Museumsleuten und Galeristen akzeptiert wurde, indem sich die Banane zum begehrten Signet und Qualitätssiegel mauserte, setzte Thomas Baumgärtel inszwischen in seinen Leinwandbildern konsequent um: Bei ihm formt sich Welt aus Bananen, ist die Banane Weltanschauung und Kunstanschauung zugleich. Rheinhold Mißelbeck, Museum Ludwig Köln, 1996 |
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| Die Spraybanane
Zur Wirkungsgeschichte einer Kunstsymbiose Andy Warhol hat uns die Suppendose geschenkt, genauer gesagt: wiedergeschenkt. Zunächst in gemalter Version, linkisch korrekt wie ein biederer Plakatmaler (sofern nicht - wie eigentlich immer bei Warhol - wohlkalkuliertes Understatement zu unterstellen ist), bald dann siebdruckschabloniert, mit stumpfen Glanzlichtern schwerfällig ornamentierten Schriftzügen und eher verhaltenen Rot- und Gelbtönen: Eblemata eines künstlerisch überhöhten Massenkonsumgutes, das - aus heutiger Sicht - in rührender Einfalt für das Credo an ein Alles-für-Jeden der 60er und 70er Jahre einsteht. Die in den Auslagen der Kaufhäuser massenakkumulierte Suppendose hat das Stilleben alter Ordnung mit all seinen ihm im Verlauf der Jahrhunderte zugewachsenen Implikationen abgelöst. Es hat die symbolträchtig arrangierten Eatables durch Sortier-, Wasch- und Abfüllanlagen gejagt, versiegelt und - das Wichtigste - etikettiert. Dabei ist der Inhalt zusammengeschnurrt und hat sich auf die Oberfläche einer Papierform verflüchtigt: Chiffrenhafter Schatten seiner selbst, Markenzeichen eines Markenzeichens. Klaus Flemming, 1996 |
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| Was hat Kunst, Banane und Seelisches miteinander zu tun?
über die Spraybanane - Seit 1986 sind viele der besten Kunstorte weltweit mit der Spraybanane vernetzt. Damit wird das erste Mal in der Menschheitsgeschichte so umfassend ein Kurzschluß im Erinnerungsvermögen zwischen Kunst und einem einfachen positiven Symbol hergestellt. Zugleich wird mit dieser einfachen Spraybanane die allgemeine Vorstellung von dem, was normale Kunst ist, in Frage gestellt. Die Kunst der Banane wehrt sich gegen lineares Denken. Sie gedeiht nur im Humus selbstbestimmter Orte der Kunst, sofern deren Besitzer nicht befürchten, sie zerstöre das Mauerwerk hehrer Kunst und zerfresse den traditionellen Kunstbegriff. Die Banane enthält alles. An ihr kann man, wie in der Kunst, alles darstellen. Sie bringt mit ihrer Lebendigkeit und Vergänglichkeit das Leben, die Kunst und das Seelische besser und konzentrierter auf den Punkt. Die Banane -sprich Kunst- macht uns deutlich, daß Krummes, Brechungen, Paradoxes notwendig zu jedem Seelischen und jeder Entwicklung dazugehören. Nichts ist eindeutig, logisch, gerade -alles ist Banane ! In der Kunst habe ich die Möglichkeit, Produktionen bis zum Extrem durchzuführen. Thomas Baumgärtel |
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Vielfarbiger Bananenpointillismus Die Bananenschablone, ca. 10 cm klein, ist zum Pinselersatz für den Kölner Künstler Thomas Baumgärtel geworden. Die Schablone und der Spray wurden darüber hinaus in den letzten Jahren zu seiner ganz ureigenen signifikanten Handschrift. Dabei unterlag seine Bilderwelt einer permanenten Verwandlung und Entwicklung. An dieser Stelle lohnt es sich diese nachzuerzählen. 1986 setzte Thomas Baumgärtel in Köln seine erste Spraybanane. Doch zunächst empfand man dieses Symbol als Beschmutzung von Tür und Wand. Thomas Baumgärtel gegenüber hagelte es Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Innerhalb der Kunstszene aber gab es immer mehr Stimmen, die diese Banane als positives Symbol definieren wollten. Museumsdirektoren und Galeristen begriffen, dass mit dieser Banane dem Kunstsuchenden der rechte Weg zu weisen war. Andererseits aber war die Baumgärtel`sche Banane in der Lage, den allgemeinen Kunstbegriff in Frage zu stellen. So kann die Banane eigentlich alles. Mit ihr und an ihr kann man, wie in der Kunst, "alles" darstellen. Ist die Banane frisch, dann ist ihre Form straff und prall und die Farbe leuchtend gelb, wird sie nicht zeitig gegessen, verwelkt sie, verliert ihre Farbe, wird schwarz und verfault. Nach 15 Jahren finden wir heute die Banane von Thomas Baumgärtel überall auf der Welt. Mittlerweile aber scheint es, als ob der Künstler diesen Einzelbananenprozess abgeschlossen hat. Als kritische Äußerung gegenüber einer Institution fängt er nun ganz konsequent an, Bananen wieder wegzunehmen, indem er sie "sprengt". Vielleicht liegt dies aber auch daran, dass die Banane längst nicht mehr Einzelsymbol in seinem Malprozess ist. So ist Baumgärtels Weg hin zur Malerei bis hin zum Bild exakt nachzuzeichnen. Es entstanden zu Beginn der 90er Jahre erste Außengemälde und Außenplastiken und 1994 ist sein Weg hin zum Bild besonders stark spürbar. Unter dem Titel "Die alten Meister und die Banane" findet man diese Frucht hineinkomponiert in Bilder, die Kunstgeschichte geschrieben haben. Mitte der 90er Jahre schafft er mit seinem Bilderzyklus "Nie wieder Krieg nur noch Bananen" den Weg hin zur reinen Malerei mit der Bananenschablone. Aber die Farbigkeit ist immer noch reduziert auf schwarz und gelb, im Vordergrund steht das Abgebildete, ob nun der Kölner Dom, der Mensch oder der Gegenstand. Immer wieder fragt die Kunstszene: handelt es sich hier um Graffiti, oder aber ist es wirklich Malerei, etwa eine Malerei des großen Widerspruchs, eines Widerspruchs, den Baumgärtel von Anfang an gesucht hat? Mit seiner aktuellen Bildersequenz der Früchtestilleben erinnert sich Baumgärtel der Zeit an den Kölner Werkschulen und seines Lehrers Franz Dank. Dieser wollte immer, dass Baumgärtel Früchtestilleben auf die Leinwand bringt. Doch schon damals sprüht er lieber Bananen auf der Straße. Nun ist Baumgärtel zumindest thematisch zu seinem Lehrer zurückgekehrt. Der Bananenpointillismus versetzt ihn in die Lage, Bilder "sprayend" zu malen. Früchtebilder entstanden, dem Vierjahreszeiten-zyklus entsprechend, voll barocker Farbigkeit und überdimensioniert auch Pop-Art-Geruch ausstrahlend. Baumgärtel hat jetzt für sich die Farbe entdeckt. Nein, nicht vorsichtig und mit Zurückhaltung, sondern mit aller Konsequenz in der Umsetzung. Die Farben seiner Früchte sind die der weißen Johannisbeeren aus dem elterlichen Garten, es sind die der Kokosnüsse aus Mexiko oder z. B. die der Mandarinen aus Mallorca, allesamt in voller praller Reife. Der schönste Moment der Frucht ist festgehalten, danach vergeht ihre Schönheit, wenn sie nicht gepflückt wird. Baumgärtel überhöht die Wirkung seiner Bilder noch dadurch, dass er die Bildränder übermalt und der Leinwand dadurch Tableauxcharakter gibt. Alles schwebt, ist unmittelbar präsent und doch auch entrückt. Baumgärtel ist ein Illusionist. Ob Mandarine, Apfel oder Birne im Grunde ist doch alles Banane! Michael Euler-Schmidt, 2001 |
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Leben und Banane. Eine Kunst Thomas Baumgärtel, mittlerweile ein bekannter Name in der internationalen Kunstszene, hat 1986 seine erste Banane gesprayt. Der 1960 in Rheinberg am Niederrhein geborene Künstler hat also schon in seinen Anfängen jenes Elementarzeichen gefunden, mit dem er bis in die Gegenwart herein seine Bilderwelten schafft. Das Signet der Banane ist nicht neu. Bereits Andy Warhol hat es 1966 als Cover für Pop-Musik verwendet. Freilich wirkte die exotische Frucht in diesem Kontext rätselhaft fremd. Dann verschwand die Banane von der Bildfläche. Bis sie am 12.10.1986 in Rheinberg wieder auftauchte. Seitdem markierte der Bananensprayer weit über 2000 Kunstorte in Europa und Amerika, die Außenwände von Galerien, Museen und anderen Kunstinstitutionen mit diesem Emblem. Wurden dem jungen, noch unbekannten Künstler seine dadaistischen Graffiti-Aktionen mit der gesprayten Schablonen-Banane anfangs krumm genommen und strafrechtlich verfolgt, so ist mittlerweile jede Kunststätte, vom Museum Ludwig in Köln bis zum Guggenheim-Museum in New York, von den großen Galerien in den Metropolen bis zu entlegenen Kunstorten wie der NN-fabrik im Osten Österreichs, stolz, diese "Bananalität" als Gütesiegel für Kunst zu tragen. Seit 1986 sind also weltweit die besten Kunstorte mit der Spraybanane vernetzt. So schablonenhaft banal diese gelbe Frucht mit der schwarzen Rasterung auch sein mag, hat sie doch im Laufe der Jahre vielfältige Ausformungen erfahren: Von der einfachen Spraybanane über die Neuinterpretation von alten Meistern, von der provokanten Umdeutung von Symbolen wie dem Kreuz zu einem Bananenkreuz oder der deutschen Flagge zur Bananenrepublik bis hin zum Bananenbomber oder einem Hitler-Porträt aus Bananen. In diesen Spray-Bildern in Acryl transportiert Baumgärtel auch politische Aussagen, indem er die sinnüberfrachtete Ernsthaftigkeit der Motive persifliert. Es geht in seinen Arbeiten nicht nur um eine provokative Auseinandersetzung mit Kunst und Welt, sondern auch um ein befreiendes Lachen über den Witz, den diese Bilder haben. Freilich gibt es auch Kunstkritiker, die meinen, diese Kunst ist ein Witz oder noch schärfer, Baumgärtels Aktionen seien kunst- und künstlerfeindlich. Manche Gegner scheuen sich auch nicht, von einer langweilig-faulen Bananen-Banalität zu sprechen, der es an inhaltlicher Substanz mangle. Doch viele ernsthafte Kunsttheoretiker respektieren mit Hochachtung die Radikalität, mit der Baumgärtl sein Konzept umsetzt und durchzieht. Die Banane ist nicht nur auf Kleinformate gesprayt und als Bild an den Innenwänden von Galerien und Privathäusern zu sehen, sondern auch in überdimensionalen Installationen, als skulpturale Objekte aus Kunststoff, Holz und Beton sowie auf großflächigen Wänden von Speditionshallen und Türmen. Es ist, als ob die Banane allgegenwärtig sei. Dem Künstler entgeht kaum ein Motiv aus dem alltäglichen Leben, das nicht mittels Banane gestaltet und verwandelt wird: Ob das nun ein Tennisball ist oder eine Weinflasche, der deutsche Bundesadler, Ex-Bundeskanzler Kohl oder der Kölner Dom, ein Waschbecken oder ein Businessman, das World Trade Center (1996) oder ein liegender Akt, eine Hakenkreuzbanane oder Beuys, Dürers Hase oder Goethe oder auch, wie zuletzt, seine Stillleben (Früchtebilder als vierfarbiger Bananenpointillismus). Gemäß seinem Motto: "Unser Leben ist Banane und Kunst" verwandelt Baumgärtel die gegenständliche Welt in eine bananenreale Bildwelt. Und, so der Künstler weiter wörtlich: "Die Spraybanane im öffentliche Raum ist eine ständige, sich immer weiter verändernde Ausstellung, die auf der Straße dem wahren Leben ausgesetzt ist." Siegmund Kleinl, 2002 |
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Thomas Baumgärtel Der Deutsche Thomas Baumgärtel, bekannt als der "Bananen-Sprayer", sprüht seit 1986 in vielen europäischen Städten mittels Schablone neben Eingängen von ihm geschätzter Kunstorte eine etwa 35 cm große Banane. Anfangs mehrmals wegen wilden Sprayens vorbestraft, markierte er inzwischen weltweit, und es gilt als Auszeichnung, wenn Baumgärtel durch Setzung seines Zeichens eine Galerie goutiert. 1992 war er erstmals in Wien tätig. Ende 2002 bemalte er einen Straßenbahn-Zug der Wiener Linien. Auch bei seinen sonstigen Bildwerken und Installationen bedient sich der Künstler des Bananen-Sujets und stellt diesen manchmal Wortbotschaften bei, wie erst jüngst als Protest gegen den Irak-Krieg: "War is...(hier nun das Bananensujet statt des Wortes ´Banane`)". Einmal ist Baumgaertel das für KünstlerInnen seltene "Kunststück“ gelungen, die sogen. Menschen von der Straße hinter sich zu vereinen. Er besprühte 1993 mit Freunden die in Köln aufgestellte Plastik des Fluxus-Künstlers Wolf Vostell, ein in Beton eingegossenes Auto, mit Bananen-Sujets. In der Bevölkerung hatte das gute Resonanz, doch Konservative und der Künstler Vostell waren sehr aufgebracht. Dabei hatte Vostell selbst noch 1969 die Sprengung von Kunstgegenständen gefordert. Er bestand auf die Entfernung der Bananen. Daraufhin errichtete Baumgaertel auf der Plastik ein Zelt und veranstaltete einen „Bananen-Streik". Er sammelte währenddessen an die 1000 Unterschriften von BefürworterInnen des neuen Zustands der Plastik. Bald darauf überstrich eine unbekannt gebliebene Frau die besprühte Plastik mit weißer Farbe. Baumgaertel reagierte, indem er das nun bereits sehr populäre Kunstwerk blau anstrich und wiederum Bananen sprühte, die er jeweils in einen Kranz aus gelben Sternen setzte. Im Sommer 1993 entfernte die Stadt Köln schließlich das extrem gewichtige Kunstwerk und ließ es von einer Spezialfirma restaurieren. Immerhin, Baumgaertel hatte die Volksmeinung mobilisiert und somit in den Alltag der Menschen eingegriffen, ja sogar die Menschen selbst zur Mitbestimmung der Gestaltung "ihres" öffentlichen Raumes bewegt. Da ich mit Baumgaertel in mail-Kontakt stehe, bestätigte er den Wahrheitsgehalt dieser Vorkommnisse und teilte mir dazu mit: "Ein Begründer der Bewegung Fluxus, die die Notwendigkeit der ständigen Veränderung, ja, sogar Sprengung von Kunst propagiert, war gekränkt, da sein statisches Denkmal berührt wurde....". Dass Baumgaertel trotz seiner Sympathien seitens der Öffentlichkeit im Kunstbetrieb kein leichtes Leben hat, zeigt folgende Mitteilung in der selben mail: "Letzten Donnerstag ist was vorgefallen, was mir in den ganzen Jahren Sprühens noch nicht passiert ist: ausgerechnet bei der Eröffnung der Ausstellung ´Tanz um die Banane` in Hamburg [diese war gegen den Irak-Krieg gerichtet, Anm. Th.N.] werde ich beim Sprühen einer Friedensbanane am Eingang des Museums von dem Dirkektor körperlich angegriffen. Noch bei den Eröffnungsreden heuchelte jeder der Redner, wie schlimm der Angriffskrieg von Bush wäre [...]." . Für die Volkskunde liegt hier der für den Kunstbetrieb paradoxe Fall vor, dass ein moderner Künstler im "Volk" mehr Verständnis und Sympathien erhält als von den "Köpfen" der Kunstverwaltenden. Auszug aus der Diplomarbeit in Europäischer Ethnologie von Thomas Northoff ("Österreichisches GraffitiArchiv für Literatur, Kunst und Forschung"), September 2003 |
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„Heer“ ein Kunstwerk von Thomas Baumgärtel Im ersten Kontakt hat das Werk eine erschreckende, unheimliche Wirkung. Fast lebensgroß sieht man sich einer Masse von Soldaten gegenüber, die sich über die Bildränder hinaus nach oben, links und rechts unendlich erweitern läßt. Geordnet in Reih und Glied steht man ihnen wie einem anonymen Block gegenüber und spürt förmlich das Dröhnen des Gleichschritts. Wie ein Mann stehen sie dicht an dicht, man kann keine Gesichter erkennen, das sind keine Individuen mehr. Sie warten auf einen Befehl, um sich wie bei einer Parade nach dem „Stillgestanden!“ wieder in Marsch zu setzen. Die machen einem Angst, man denkt an Krieg und an das Töten. Schon nach wenigen Augenblicken jedoch, beginnt sich diese gut geordnete Einheit aufzulösen. Die Angst vor den Soldaten wird zu einer Angst um die Soldaten. Das Stramme verschwindet, die Gesichter wirken weich, als könne man auf sie zugehen und sie würden einen nett behandeln. Man kann ihnen plötzlich nichts Böses mehr abgewinnen. Ihre Macht verkehrt sich in Ohnmacht. Wie von einer starken Bombenexposion erschüttert, geht eine Welle durch sie hindurch. Bildet die erste Reihe noch halbwegs eine ordentliche Reihe, so wird es doch nach hinten immer wirrer und unordentlicher. Sie lassen die Schultern hängen, haben die Köpfe gesenkt. Dies ist nun kein heroisches Heldenbild mehr, wie man es von früher kennt. Vielmehr wird man an eine abgekämpfte Schlacht erinnert, eine Armee hinter Stacheldraht, die in die Gefangenschaft geht. Sodaten, die an einem Grab stehen, oder auf ihre Verurteilung warten. Die Situation, in der sich die Soldaten nun befinden, löst Angst aus, die Stimmung wird immer beklemmender. Das Individuelle kehrt wieder in die Männer ein. Jeder ist in Etwas nachdenklich versunken, hat seinen Beruf und hat mit den Zielen von Kaiser oder Führer nichts zu tun. Sie wirken wie ein Haufen Menschen in Uniformen gepreßt, obwohl sie nichts damit anfangen können. In der oberen linken und rechten Bildecke ist die Auflösung am stärksten. Wie ein Sog zieht es die Männer auf der Flucht dort hin. Gleichzeitig kann dort aber auch eine Auflösung ganz anderer Art beginnen. Handelt es sich bei der Explosion, die die Männer erschüttert, um eine Atomexplosion, gegen die sie auch ihre Helme nicht schützen kann, die jetzt eher wie weiche Mützen wirken, beginnen die Sodaten dort schutzlos im gleißenden Licht zu verbrennen. Es macht sich ein starkes Mitleid mit den Soldaten bemerkbar, man wird an Feldpostbriefe des Urgroßvaters aus dem 1. Weltkrieg erinnert, wo er über das Leid und den Schrecken des Krieges berichtet. Es gelingt dem Künstler den Betrachtern einen Blick auf und hinter die Kulisse von Slogans wie „Wir sind eine starke Truppe“ werfen zu lassen. Auch wird die im Rahmen des Tucholskizitates „Soldaten sind Mörder“ entstandene Angst der jetzigen Regierung verständlich, die befürchtet, ohne desindividualisierende massenbindende Bilder nicht mehr genug Bürger zu finden, die auf andere schießen oder sich erschießen lassen wollen. Gelingt es der Banane zunächst unbemerkt vom Betrachter selbigen in eine starke Wendung von der Angst vor den Soldaten hin zur Angst um die Soldaten hineinzuziehen, so entläßt sie ihn oder sie nach ihrer Entdeckung „das sind ja alles Bananen!“ aus dem Thema mit einer Drehung ins Positive. „Man nimmt es wieder leichter“ , beginnt zu lächeln, trotzdem die Fragen „wer soll die Minen in Bosnien räumen“ oder „was soll ich mit meinem Bruder machen, der ist ein Waffennarr und fand die Bundeswehr wunderbar“ bestehen bleiben. |
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„Immer wieder Krieg“ Kunstgeschichte machen !? Warum sie nicht geschehen lassen? Passieren wird sie sowieso. Bekanntlich immer dort, wo man sie nicht vermutet. Kunstgeschichte ist eine Anhäufung von Ereignissen, die damals niemand erwartet hätte. Graffiti-Symbole auf Häuserwänden z.B. waren Ende der 70ger Jahre in Deutschland verpönt, asozial. Wer hätte damals gedacht, daß sie es heute wieder sind. Diesmal weil diese schier unbändige Flut von jugendlichem Ausdruckswillen sich vielfach über Urbanes legt, ohne dabei den Gesetzen modischen Wechsels zu gehorchen. Ganz zu schweigen von Innovation, geht hier eine festgelegte, langweilige Spray-Ästhetik jetzt schon in die zweite, dritte Generation. Dennoch. Abzusehen gewesen wäre: Die unweigerliche Auslese (aus dieser Flut) von einigen Individualisten durch die gängigen Kulturinstitutionen - Keith Haring, Kenny Scharf, Jean Michel Basquiat, (Naegeli ?). Aber wie hätte man vorhersehen sollen, daß das Reduzierteste und Anspruchloseste aller Symbole, man scheut es sich auszusprechen, -ja, eine banale Banane, zu einem allseits assoziierten Synonym für einen so komplexen und anspruchsvollen Lebensbereich wie Kunst werden könnte. Wer versucht hier ein Projekt zu schaffen, das Reduktion und Komplexität als Gegensätze aus ihren Angeln zu heben versucht ? Ein Werbefeldzug seitens der Industrie, selbst noch für den gebräuchlichsten aller Artikel, hätte unmöglich so großzügig angelegt sein können. Aber natürlich stellt sich die Banane ja auch in den Dienst einer wesentlich immateriellen Sache. Es geht um Kunst. Und wer könnte schon mit Sicherheit sagen, was das ist. Auch wenn sie sich immer wieder in käuflichen Exponaten dingfest machen läßt, so bleibt ihre dahinter liegende Idee doch dem ständigen Antagonismus der Avantgarde treu: immer das, von dem man glaubt es sei keine Kunst, wird unweigerlich zur Kunst. Und genau hier tritt unsere Banane auf die Bildfläche - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dieses fundamentale Gesetz schließt unweigerlich auch das Paradox mit ein: die Banane definiert. Sie stempelt und brandmarkt das, was partout frei sein will. Eine Schablone für das Grenzenlose. Sie begeht das Sakrileg, das festlegen zu wollen, was sich nicht festlegen lassen will. Baumgärtels Spiel weiß geschickt mit diesen Idealen umzugehen: wer immer sich dem Anspruch seiner Banalität entgegensetzt, verschafft der Banane Aufwind. Und wer glaubt, durch Ignorieren die Banane ausgrenzen zu können, wird sich jetzt erst recht über sie ärgern. Unverfroren macht sie nun ihren Anspruch auf die abendländische Tafelmalerei geltend. „Nie wieder Krieg“ ist eine Kampfansage an die formalisierte Freiheit der Kunst. Daß hier die Hintertüre der Moderne benutzt wurde, um den Elfenbeinturm der Kunst zu stürmen, tut der Sache keinen Abbruch. Daß eine zehn Jahre lange Feldarbeit das Fundament geschaffen hat, um eine Verknüpfung im kollektiven Erinnerungsvermögen zwischen Kunst und einer Schablone zu etablieren, zeugt von respekteinflößendem Weitblick. Ein über Zeit und Raum so großzügig angelegter chirurgischer Eingriff an einer so empfindlichen Assoziationsschwelle vorzunehmen, ist historisch gesehen in der Kunst bislang unbekannt. Daß sich die Banane nun, an einem so entscheidenden Wendepunkt ihrer Karriere, als erstes dem Thema Krieg zuwendet, ist von honorem Interesse. |