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Eröffnungsrede von Anette Kuhn zur Ausstellung von Thomas Baumgärtel „Der medizinische Block“, St. Petrus Krankenhaus (Gemeinschaftskrankenhaus), Bonn 18.11.2017

Verehrte Gäste des St. Petrus-Krankenhauses!

Kurz, nachdem Jürgen Remig von der heutigen Ausstellung erzählte, begegnete mir beim Besuch eines Konzertes in einer eher alternativen „Kulturfabrik“ ein echter Baumgärtel, wenig später am ehrwürdigen Museum Kunstpalast zu Düsseldorf ebenso, man war mittendrin im Thema, und mir wurde wieder bewusst, dass Baumgärtel eigentlich überall, wo es um Kunst und Kultur geht, schon da war! Und zwar nicht nur im Rheinland, Ruhrgebiet und Umgebung, sondern im Laufe der Jahre nahezu weltweit. Seine an die Außenfassade gesprühte, markant gelb- schwarze Banane in Pochoir- oder Stencil-Technik markiert den Ort als kunstbedeutend!

Ihr Gelb-Schwarz-Kontrast (nebenbei: Politisches Schablonendenken würde hier vermutlich fehlleiten) - steht nicht nur in der Natur für ein gut funktionierendes Warnsignal, das in Alarmbereitschaft versetzt. Baumgärtels Fassadenspraybananen versetzten mich aber auch etwa 30 Jahre zurück in die Zeit, als die Aktion des Sprayens noch ein subversiver Akt war und man beim Gang durch unsere Städte mit Spannung und Überraschung diesen Spuren illegaler Sprühkunst folgte. Da hatte einer etwas gewagt im Namen der Kunst! Ein Zeichen künstlerischen Protestes gesetzt! Gegen den „verrückten“, für einen alternativen Kunstbetrieb - sich bestärkt fühlend durch die Pioniere von Graffitti und Street Art. (Harald Naegeli, Blek Le Rat).

Dass sich die Sprayaktionen, mit denen Baumgärtel als junger Künstler sozusagen aus der Illegalität heraus begann - was den ein oder anderen Polizei- und Gerichtskontakt zur Folge hatte - in der Zwischenzeit geradezu in ihr Gegenteil verkehrt haben, weil es heute zu zigfachen Anfragen an ihn kommt, doch bitte das Haus oder Gebäude durch die Banane zu etwas Relevantem zu adeln, war damals kaum vorhersehbar.

Vordergründig könnte man meinen, dass die ursprüngliche Intention damit ad adsurdum geführt sei, wenn inzwischen der Kunstmarkt geradezu nach dem Markenzeichen „Spraybanane“ als „Gütesiegel“ giert.
Tatsächlich sind Erfolg und Anerkennung aber kein Widerspruch zu Baumgärtels ursprünglicher Intention, an Kunstorten zu provozieren. Denn nach wie vor ist er in seinen Entscheidungen unabhängig und hat seine Sprayaktionen einer Ökonomisierung vorenthalten. Und eigentlich, so wage ich zu behaupten, geht es „dem Bananensprayer“, wie er sich selbst nennt, letztlich gar nicht um „die Banane“.

Sicher kann jeder von Ihnen in Windeseile eine Reihe von Begriffen, Sprüchen oder Assoziationen abrufen, die der Banane gewidmet sind, ernsthafte ebenso wie durchaus unterhaltsame bis absurde. Mit Kunst hat das kaum etwas zu tun! Baumgärtels Forderung, in ihr gar ein Zeichen für die „Freiheit der Kunst“ zu sehen, kann doch wohl nicht nur dem Kunstwissenschaftler in höchstem Grade erregen!

Und genau das ist es: Die Banane ist so etwas wie ein Ausrufezeichen! Sie weckt oder regt auf - ist damit Werkzeug, nicht Ziel.

Das liegt dahinter: im Aufzeigen von Mechanismen des Umgangs miteinander im weiteren gesellschaftlichen Kontext. Dafür nimmt Baumgärtel seinen Kunstkontext als Blaupause.
Er betrachtet die Reaktion der Menschen auf seine Banane als „Test“ - vergleichbar mit der Auslegung eines Rohrschachtests, wie er ihn während seines Psychologiestudiums einsetzen lernte, und leitet aus dem Verhalten des Probanten Schlüsse auf die Einstellung zur oder Umgangsweise mit der Kunst ab - und die führt dann weiter ...

Jedes Auftauchen der Banane ist an eine Aktion gekoppelt, nicht nur im Akt des Sprühens, mehr noch bei Demonstrationen im öffentlichen Raum: Spraybananen all over Fassaden, auf Straßenbahnen, als riesiges Objekt vor dem Kölner Dom (1998 anläßlich des 750-jährigen Domjubiläums), Projekte einer Banane auf einem Dortmunder Hochofen anläßlich der Ruhrtriennale („Phoenix aus der Asche“ 2008-10) oder überdimensioniert querliegend das Brandenburger Tor füllend, ein Projekt, das Baumgärtel schon über 15 Jahre beschäftigt. (2000).
Mit Spraybananen oder Bananen-Objekten setzt er ein Statement im öffentlichen Raum und provoziert Reaktionen. Die mögen Zustimmung oder Begeisterung über ein prägnantes Signal in Stadt und Bild sein, es mag Verärgerung über vermeintliche Banalität oder Unernsthaftigkeit sein oder die Freude ob einer markanten Pointe! Können Sie umhin, Stellung zu beziehen in Hinblick auf politische oder gesellschaftliche Ereignisse, wenn Ihnen in den Zyklen „Deutsche Einheit“ oder „Blühende Landschaften“ (aus den frühen 2000er Jahren in Zusammenarbeit mit Künstler- und Atelierkollegen Harald Klemm entstanden) rosarote „Bananenröschenprints“ ins Brandenburger Tor verwebt entgegenleuchten oder die Deutschlandfarben mit Golf- und Trabi- und Bananenprints daherkommen, wenn der Bundesadler (2007) gefährlich gelb-schwarz und die Flügel „schwungvoll-bananig“ geraten? Kommen Sie bei der Aktion des Hissens der Flagge mit „Friedesbanane“ am Tag des Ausbruchs des Irakkriegs 2003 (am 19.3. auf dem Hoteldach Arte Luise in der Nähe des Reichtstags, Berlin) um eine Auseinandersetzung herum?

Worum geht es bei all dem? Sicher nicht darum, der Tropenfrucht ein Denkmal zu setzen!
Nach dem Bauprinzip der klassischen Fabel von actio und reactio initiiert Baumgärtel mit seinen Arbeiten Denkprozesse, die auf Kunst und Gesellschaft gleichermaßen reflektieren. In dialogischer Struktur vernetzt er Kunst/Künstler und Betrachter sowie die Mechanismen des Kunstmarkts mit gesellschaftlichen Fragen. Anders als bei einer Fabel jedoch, darf man bei ihm kein ein Moralisieren oder gar Belehren erwarten. Weder gibt er eine conclusio vor, noch will er überzeugen. Baumgärtel setzt auf den autonomen Geist.
Wie grundlegend diese seine Herangehensweise an Kunst ist, zeigt sich, wenn man auf die Anfänge schaut. Anschaulich kann Baumgärtel erzählen, wie er 1983 als junger Mann bei der Suche nach einem für ihn passenden Beruf - der Vater wollte, dass er Medizin studierte - auf die Banane kam. Viele von Ihnen werden die Geschichte kennen - deshalb hier nur kurz und knapp:
Während seiner Zivildienstzeit in einem katholischen Krankenhaus war ein Kreuz von der Wand gefallen, der Porzellankorpus zerbrochen. Baumgärtel setzte es auf seine Art wieder instand, indem er die entstandene Leerstelle mit einer zufällig vorhandenen Banane füllte, die er nachahmend drapierte. Was zunächst als jugendlicher Nonsens daherkommt und auch hätte bleiben können, war für ihn der Moment, wo ein Funke springt, denn er setzte Reaktionen frei: von humorvoller Zustimmung bis dem Vorwurf der Blasphemie, wie man sich denken kann.

Die am Kreuz fixierte Banane bzw. Schale ist als pflanzliches Produkt der Veränderung unterworfen, besitzt, je „dröger“ sie wird, einen unerwarteten und überraschenden ästhetischen Reiz, wirkt zart und verletzlich. Aber für den Betrachter hat sie auch den Reiz des Frechen, Unangepassten - einen besonderen „Witz“, wie er in der bildenden Kunst selten anzutreffen ist - wie etwa bei dem großen Dadaisten Marcel Duchamp. Und „Witz“ (im Sinne von Geistesblitz) ist es auch, der eine Reihe von Arbeiten aus dem „Medizinischen Block“ prägt, deren prägnanteste Form: die „Äskulapbanane“. Leicht und elegant macht sie in ihren vielfältigen Erscheinungsformen dem Original alle Ehre.

In den 90er Jahren entstehen die medizinischen „Bananenmetamorphosen“, die Baumgärtel als sein „bildhaftes Tagebuch“ bezeichnet. Eine erste war die Symbiose von Banane und Magen. Schematisch reduziert vereinen sich beide Formen zu einem neuen piktogrammartigen Zeichen, dem man durchaus in der Klinik eine Funktion zuweisen könnte, sicher zum Vergnügen der Patienten.

Manchmal mehr Mutation als Metamorphose vermitteln sie eine fast kindliche Freude ob der Vielfalt der Verbiegungen, die der Künstler dem Motiv zumutet. Kaum ein Organ oder Körperteil, das oder der sich nicht eignen würde, seinen „Tanz“ mit der Banane aufzunehmen - humorvolle Chiffren Ihres Berufsspektrums, übrigens auch für die Juristerei.

Aber was haben die Medizin und Kunst gemeinsam - über die frühen Erfahrungen des Künstlers hinaus? Beide begegnen dem Menschen zumeist auf einer essentiellen, auch existenziellen Ebene. Auf unterschiedliche Weise berühren sie auch die Tiefe menschlichen Daseins. Ihnen als Medizinern ist das tägliches Brot, ob im Operativen oder dem Gespräch mit dem Patienten.

Aus dem Jahr 1986 stammt die Serie von großformatigen Leinwandbildern - noch ohne Banane -, auf denen der „Medizinische Block“ aufbaut. Sie zeigen formatfüllend in unterschiedlichen Konkretheitsgraden einen menschlichen Schädel und öffnen zugleich den Blick ins Innere: Zum Organischen, normalerweise Verborgenen - einerseits: zu Augapfel, Rachen mit Luft -/Speiseröhre; Rückgrad. Der Laie spürt mit Neugier Anatomischem nach, den Fachmann werden sie an Vertrautes von Operationen oder Röntgeneinblicke erinnern. Wenn Baumgärtel experimentiert und die Farbpigmente mit PVC und Weichmachern oder durch Zugabe von Sand und Beton verdickt, dann suggerieren sie ein zähes Fließen oder Stocken, Trocknen wie bei Körperflüssigkeiten, lassen an Hirnmasse denken. Wie Adergespinste wirken feingliedrige rote Kritzeleien mit dem Pinsel.
Andererseits - und das macht den Zugang des Künstlers aus, führen sie auf eine tieferliegende Ebene von Innenleben: Kräftige intensive Farben, wobei Rot eine dominante Rolle spielt - (Die Assoziation Blut drängt sich auf) - zum Teil mit expressivem Duktus und pastos aufgetragen, aber in anderen Feldern auch geradezu sanft fließend und lasierend bis sich auflösend, wecken - jenseits des Physiologischen - Assoziationen an Emotionales oder Seelisches. Aggression, Leiden und Schmerz werden sichtbar gemacht und spiegeln Zustände menschlicher Existenz.

Für diese Bilder muss man sich Zeit nehmen. In ihrer farblichen Differenziertheit erinnern sie mich an die Portraits von Francis Bacon, dessen bekannte „Studie nach Velázquez Porträt von Papst Innozenz X“ aus dem Jahr 1953 vielleicht dem ein oder anderen von Ihnen in Erinnerung ist. Mit seinen Verzerrungen der Pysiognomie und abstrakten Übermalungen legt Bacon jenseits eines klassischen Portraits Seelenzustände frei. Diese Verletzlichkeit des Menschen findet sich auch in den aquarellartigen Collagen von Baumgärtel aus dem Jahr 1988. Die verzerrten Körper in brauner Beize gemalt, in Kombination mit Textfragmenten oder handschriftlichen Kommentaren zeigen Zustände oder das Erleben von Patienten von Krankheit und Krankenhaus. Die Figuren, keine Individuen, sind durchnummeriert, skelettartig reduziert, wie alleingelassen. Aber mit den teils humorvollen, teils kritisch-makabren Kommentaren zeigen sie Momentaufnahmen des Krankseins und gehen auf authentische Erfahrungen des Künstlers in der Klinik während seine Psychologiestudiums zurück. Auch die schwarz-weißen „Spraygramme“, eine Wiederaufnahme und Erweiterung der Technik der Fotogramme oder Rayogramme, wie sie die Künstlern des Bauhauses herstellten, sind Teil des „Medizinischen Blocks“, diesmal nicht auf den Menschen bezogen, sondern aufs Handwerkliche.

Medizinische Gerätschaft wie zufällig angehäuft, liegt auf unterschiedlichen Bildebenen. Die Spraygramme spielen mit dem Verbergen und Offenlegen. Manches wirkt wie unter einer Nebel- oder Eisschicht fixiert, anderes rückt scharf und nah an den Betrachter heran und wird bei dem ein oder anderen Erinnerungen an medizinische Eingriffe mit solchen Geräten wachrufen.

Abschließend: Der „Medizinische Block“ hat in Baumgärtels Gesamtoeuvre eine herausragende Bedeutung. Mit den frühesten Arbeiten legt er einen Grundstock, der thematisch gebunden, ein breites Spektrum an Techniken und Motiven ermöglicht, das bis heute nicht abgeschlossen scheint. Die Banane scheint so etwas wie ein reproduktionkräftiger nucleus!

Ganz zum Schluss möchte ich Sie teilhaben lassen an einem aktuellen Blick ins Atelier des Künstlers bei meinem Besuch dort auf ein Bild, das vor zwei Wochen nahezu fertig war: Sattblauer Idyllenhimmel, darin schwebt mit geradezu anmutigem Schwung eine Riesenbanane vorbei - wenn man nicht sähe, wie sie unter der Last eines Kim Jong-un sich krümmt, und er sie zügelhaltend zur Rakete mutieren lässt. Schauer oder Vergnügen? Entziehen kann man sich kaum!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, ich wünsche Ihnen viel Vergnügen in der Ausstellung!

Dr. Anette Kuhn

 

 

Eröffnungsrede von Wolfgang von Wasielewski zur Eröffnung der Ausstellung „Bananen-Solo“ von Baumgärtel in der Galerie Kaysser, Ruhpolding am 24. Juni 2017

Liebe Andrea, lieber Thomas Baumgärtel, liebe Freunde der Galerie Kaysser,

es gibt wohl nur wenige Aktions -und Konzeptkünstler, die im öffentlichen Raum so präsent sind wie Thomas Baumgärtel mit seiner legendär gewordenen Sprüh-Banane. Die Bananen sind inzwischen an Eingängen von fast 4000 Museen und Kunsteinrichtungen in aller Welt zu finden, aber nicht nur an klassischen Musentempeln, sondern eben auch an der Fassade normaler Bürger- und Geschäftshäuser wie z.B. beim berühmt gewordenen Bananenhaus in Duisburg, das von oben bis unten mit Baumgärtelschen Bananen „markiert“ ist.

Nur kurz nebenbei: auch am Eingang der kleinen Filmproduktionsfirma meines Sohnes in Berlin prangt sein Bananenschild, leider nicht vom Künstler selbst gesprüht, sondern in Form eines Schildes aus Metal.

1960 in Rheinberg am Niederrhein geboren, besuchte Baumgärtel von 1985 bis 1990 als Meisterschüler von Franz Dank die Fachhochschule Köln im Fach „Freie Kunst“. Bis 1995 studierte er quasi nebenbei Psychologie an der Universität Köln. Im Jahr 1986 gab es dann die erste Spray-Banane. Er gehörte seit den 90 Jahren mehreren Ateliergemeinschaften und Künstlervereinigungen an und seine Arbeiten sind inzwischen in vielen deutschen und internationalen Sammlungen vertreten.
Manche von Ihnen fragen sich vielleicht: Was ist das denn eigentlich: „Konzeptkunst“? Die Frage ist berechtigt. Jemand, der kein Insider des modernen Kunstbetriebs ist, tut sich manchmal schwer mit den Begriffen: „Konzept-und Aktionskunst oder Fluxus“. Allen diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie sich vom konventionellen Kunstbegriff befreien und außerhalb der herkömmlichen künstlerischen Milieus mit ungewöhnlichen Mitteln, nach Möglichkeiten suchen, mitten in unserem Lebensalltag einen öffentlichen Diskurs zu provozieren. Die berühmt Happenings der 60 Jahre sind uns allen ein Begriff. Noch konsequenter ist die spätere Fluxus Bewegung, bei der, wie der Name schon sagt, das Fließende und bewusst Vergängliche der Aktion und des Konzepts entscheidend mit hineinspielt. Es wird also kein geschlossenes Kunstwerk im klassischen Sinn angestrebt, sondern eine öffentliche zeitlich begrenzte aber für den Moment provozierende Performance für den „Normalbürger“, der in der Regel wenig mit zeitgenössischer Kunst und Künstlern in Berührung kommt.

Was hat das alles mit Bananen von Thomas Baumgärtel zu tun ?

Ganz banal gesagt: die Banane war ja nicht nur das von arroganten Wessis oft belächelte „Sehnsuchtsobjekt“ der Ossis und damit ein durchaus ehrliches Symbol der Wiedervereinigung, sie ist natürlich auch ein populäres Phallus-Symbol, aber man kann sie tatsächlich auch einfach nur zum Frühstück essen ohne über Konzeptkunst, die Wiedervereinigung oder so komplexe Themen wie die männliche Sexualität nachzudenken.
Dadurch, dass Baumgärtel den konventionellen Raum, den das Bildungsbürgertum für die Kunst vorgesehen hatte, mit seinen Sprayaktionen verlässt und mit einem Allerweltsding wie einer Banane den öffentlichen Raum - man könnte übertreibend sagen - flächendeckend „markiert“, provoziert er zwangsläufig beim Publikum einen Diskurs und ein Nachdenken über das eigenen Verhältnis zur Kunst. Darüber hinaus gibt es ihm Gelegenheit, auf Banalitäten, Heucheleien, Spießertum und allgegenwärtige Missstände aufmerksam zu machen. Insofern hat die Konzeptkunst naturgemäß immer einen dezidiert politischen und sozialkritischen Ansatz. Zu seinen bekannt gewordenen Herausforderungen in diesem Sinne gehören beispielsweise seine Arbeiten zum Kölner Domjubiläum, bei der er seine Banane in die Pforte des Doms eindringen lässt oder eine gekreuzigte Banane mit dem Titel: „Glaub doch was Du willst !“ zeigte. Aber auch seine Spray- Arbeit von 2015 auf einer Hauswand in Neuwied, als Reaktion auf die Anschläge auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo gehören hierhin. Das sind in seinem Oeuvre nur einige wenige Beispiele, die deutlich illustrieren, was Konzeptkunst bewirken will: ausserhalb der Insiderwelt des Kunstbetriebs die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Kunstbegriff und seinen Grenzen anzuregen.

Thomas Baumgärtel auf seine Spray-Banane zu reduzieren, würde ihm allerdings nicht gerecht. Sein Spektrum ist vielfältiger. Er hat eine Variante des malerischen „Pointillismus“ entwickelt, den er in den 2000 Jahren mehr und mehr ausarbeitete. Einige Bilder sind hier in der Ausstellung zu sehn. Zum Beispiel das eindrucksvolle Bild hier vom Kölner Dom mit der Hohenzollern-Brücke. Aber auch den großen Ingwer Topf mit Bananen. Sie müssen das Bild, das oberflächlich ganz bewusst einen holländischen Stilleben ähnelt, ganz genau betrachten und werden dann Bananen in vielen witzigen Varianten finden. Zwei weitere Arbeiten sind bemerkenswert: Der Bildgrund die zwei hier ausgestellten Brücken sind abgerissene Plakatwände, auf denen man zum Teil noch die deutlich Mauerstrukturen erkennt, was einen reizvollen Effekt gibt.

Was Thomas Baumgärtel gegenüber anderen Aktions- und Konzeptkünstlern wohltuend abhebt, ist sein spitzbübischer, manchmal auch durchaus drastischer Humor und die Ironie, die alles vermeidet, was belehrend oder ideologisch aufgeladen daherkommt. Immer haben seine Arbeiten soviel Witz, dass eine unangenehme dogmatische Schärfe vermieden wird.
Als jemand der sein ganzes Leben lang dem Rheinland verbunden war, dürfte ihm das auch fremd sein. Man sagt den Rheinländern - und hier beziehe ich den Niederrhein mit ein - ja eine gewisse Lässigkeit und „fahrlässigen Optimismus“ nach (wie meine Mutter das bezeichnete, die selbst aus dem Rheinland stammte).
Zumindest haben die Rheinländer mit den Bayern den Grundsatz „leben und leben lassen“ gemeinsam.

Jetzt wünsche ich Ihnen viel Freude bei der Ausstellung und bedanke mich für Ihre Geduld. Thomas Baumgärtel steht Ihnen sicher gern für Fragen zu seinen Arbeiten zur Verfügung.

Wolfgang von Wasielewski

 

 

Eröffnungsrede von Frau Laugwitz-Aulbach anlässlich der Eröffnung von Thomas Baumgärtels Einzelausstellung BUILDING BRIDGES in der Galerie 30works am 31.03.2017

„Nur dem Menschen ist es, der Natur gegenüber, gegeben, zu binden und zu lösen, und zwar in der eigentümlichen Weise, dass eines immer die Voraussetzung des anderen ist. Indem wir aus der ungestörten Lagerung der natürlichen Dinge zwei herausgreifen, um sie als ´getrennt´zu bezeichnen, haben wir sie schon in unserem Bewusstsein aufeinander bezogen, haben diese beiden gemeinsam gegen das Dazwischenliegende abgehoben!
Und umgekehrt: Als verbunden empfinden wir nur, was wir erst irgendwie gegeneinander isoliert haben, die Dinge müssen erst außereinander sein, um miteinander zuwerden.“

Lieber Herr Baumgärtel, sehr geehrter Herr Margaritis, sehr verehrte Gäste, mit diesen Worten von Herrn Simmel, nicht von Johannes Mario wohlgemerkt, sondern von dem Philosophen Georg Simmel, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Essay „Brücke und Tür“ über die „Korrelation von Getrenntheit und Vereinigung“ als Merkmal der Brückenmetaphern tiefsinnige Gedanken machte, darf ich Sie ganz herzlich zu den „Building Bridges“ von Thomas Baumgärtel begrüssen! Denn heute, über 100 Jahre später (nach Georg Simmel), befinden wir uns in Köln in der Galerie 30works und feiern die Anschaulichkeit von Trennen und Verbinden.
Wir sehen sie mit unseren eigenen Augen, und wir sehen sie natürlich vor allem auch durch die Augen, durch die Hand des Künstlers. Durch das Werk von Thomas Baumgärtel und durch das Motto heute Abend „Building Bridges“.
Wenn Herr Baumgärtel sich mit seinem neuen Werkzyklus dafür ausspricht, Brücken zu bauen statt Mauern und – wie es ihm bereits früher gelungen ist – Symbole fest in unserem Kopf zu verankern, dann kann ich das nur aus tiefer Überzeugung befürworten. Ich denke, Sie alle können das auch und die Brücke ist die Metapher dafür schlechthin. Denn wir benötigen Symbole für offenen Austausch und ‚Brücken‘, über die wir aufeinander zugehen können. Nicht nur innerhalb einer Stadt, sondern vielleicht auch zwischen Kontinenten, zwischen denen bisher keine realen Brücken existieren. Herr Baumgärtel macht es möglich oder suggeriert dies sehr verlockend, wenn er hier im Ausstellungsraum die Hohenzollernbrücke und Berliner Brücke neben die Brooklyn Bridge hängt. Judith Klein schreibt zu dem künstlerischen Wert von Brücken: „Der so erklärte ästhetische Wert der Brücken darf nicht ihre artistischen Elemente vergessen machen. Man denke an eine der ersten Pariser Eisenbrücken, den reich dekorierten Pont Mirabeau, der 1896 eingeweiht wurde. An den Pfeilern erheben sich allegorische Figuren: die Stadt Paris, die Schifffahrt, der Handel, der Überfluss. Solche Ornamente und Skulpturen haben Anteil am ästhetischen Wert einer Brücke. Georg Simmel zufolge sind sie sogar „der erschöpfendste Ausdruck“ des „an sich unanschaulichen, seelischen oder metaphysischen Sinnes“, den die Brücken veranschaulichen. Wie auch immer der ästhetische Wert der Brücken begriffen und beschrieben wird, fest steht, dass die bildenden Künstler diesen Wert kennen und hoch schätzen. In der traditionellen Landschaftsmalerei Japans und Chinas sind die Brücken zahlreich, wenn es auch meist winzige Stege in gewaltigen Szenerien sind, eingebettet in einen Kosmos aus Nebelschwaden, Bergen und Bäumen, naturverflochten und filigran wie die Wasserläufe. Wird ihre Materialität betont, so, um die Materie der Landschaft nachzubilden und fortzusetzen, wie etwa auf dem Bild „Die Brücke am Wasserfall“; aus den Felsen wachsend, ist sie selbst Fels unter Felsen. Die Entgegensetzung von Kultur und Natur scheint aufgehoben.
In der europäischen Kunst wurden Brücken insbesondere in der Zeit des Impressionismus, Expressionismus und Kubismus zu Lieblingsobjekten der Maler. Manche, etwa Lyonel Feininger, bekannten sich ausdrücklich zu ihrer Vorliebe. Eine 1905 in Dresden gegründete Künstlergruppe gab sich den Namen „Die Brücke“, sei es, weil die beteiligten Künstler sich zum „Uferwechsel“ – zum Verlassen der Konventionen – entschlossen, sei es, weil sie von den Brücken Dresdens fasziniert waren.“

Was aber zeigt sich hier und heute? Herr Baumgärtel 2017 positioniert sich mit seinem außerordentlichen Geist, ich nenne es einmal „frei und weit“. Wie Brücken immer auch Orte für Street Art sind und Sie – lieber Herr Baumgärtel - diesen ‚Spirit‘ und diese Aura durch die Weiterbearbeitung von alten abgelösten Plakaten der Brückenpfeiler in den Galerieraum transportieren, motivisch aber noch von den Orten unseres realen urbanen Lebens sprechen, wird in Ihrem Ausstellungstext ganz wunderbar erläutert. Dabei tut sich eine weitere, sehr zeitgemäße, Verbindung zwischen eigentlich ‚weit entfernten Orten‘ auf: dem White Cube und der Street Art.
Der Kampf für die „Freiheit der Kunst“ ist von Beginn seiner Künstlerkarriere an d a s Thema der Malerei von Thomas Baumgärtel! Mal mit ironischen Usancen wie mit der Banane, die zum weltweiten Symbol für die Kritik am Kunstmarkt avancierte, mal mit drastischen Mitteln wie in seiner Holocaust-Werkreihe. Am überzeugendsten ist Thomas Baumgärtel immer dann, wenn er seine künstlerischen und gesellschaftskritischen Intentionen in gleichsam abstrahierende wie poetische Bildwelten kleidet, wo zu guter Letzt die reine Ästhetik und die handwerkliche Virtuosität über die Malaisen der Welt siegen. Dieses Anliegen spiegeln seine Inszenierungen berühmter Monumente wie der Hohenzollernbrücke, der Berliner Brücke und der Brooklyn Bridge wider. Mit ihrer verwaschenen Optik, flankiert von Unschärfen, die sich zum Hintergrund vertiefen, schafft Baumgärtel somnambule Architekturallegorien, die zwischen Romantik, Impressionismus und Fotorealismus oszillieren.

Des Künstlers eigener Weg zu intensivster Kreativität soll hier kurz skizziert sein:
Thomas Baumgärtel studierte von 1985 bis 1990 Freie Kunst an der ehemaligen Fachhochschule Köln (Meisterschüler bei Franz Dank). 1985 bis 1995 folgte ein Studium der Psychologie an der Universität zu Köln. Im Jahr 1986 markierte er zum ersten Mal einen Kunstort mit der Sprayb nane. Im Jahr 1996 gründete er mit 13 anderen Künstlern die Ateliergemeinschaft „CAP Cologne“. 1998 schuf er erste Spraygramme. Mit THITZ und M.S. Bastian schloss er sich zur Künstlergruppe „Könige der Herzen“ zusammen. Im darauffolgenden Jahr begannen die Gemeinschaftsarbeiten zur Deutschen Einheit mit Harald Klemm. Das Jahr 2000 markiert den Beginn des Vielfarbigen Bananenpointillismus sowie den Start der Zusammenarbeit mit Roland Specker für das Projekt für Berlin am Brandenburger Tor.

In Köln leistet Herr Gérard Margaritis mit seiner Galerie seit einigen Jahren ebenso einen beispielhaften ‚Brückenschlag‘ zur Urban Art Szene. Auch dafür Dank! Dem Hausherrn! Dass diese Szene in Köln sehr lebendig ist, verdanken wir der Arbeit von Herrn Baumgärtel, aber auch dem Festival CityLeaks, welches alle zwei Jahre ein Programm in wechselnden Stadtvierteln von Köln organisiert und internationale Künstler nach Köln holt. Von ihnen wurden 2015 Fassaden in Mülheim gestaltet und diesen Herbst 2017wird das CityLeaks-Festival im Eigelsteinviertel neue visuelle Impulse im öffentlichen Raum setzen. Angekommen ist die Street Art aber auch schon im Museum, wie es das MUCA in München und das im Bau befindliche „Street Art Museum“ in Berlin Schöneberg demonstrieren. In Berlin wird es nicht zuletzt darum gehen, etwas zu dokumentieren, bei dem die Vergänglichkeit Teil des Projektes war. Wie wird das gehen? Und findet man dafür nun ganz neue Formen? Darauf sind wir gespannt. Denn wenn es immer weniger Mauern gibt –in Berlin und anderswo – dann wird auch die „Urban Art“ neue Wege suchen und ....- finden.
Nun aber wollen wir uns direkt Thomas Baumgärtel und seiner faszinierenden Kunst zuwenden. Und da einem Sprichwort nach „Wünsche die beachtlichsten Brückenbauer und die mutigsten Begeher sind“, soll es ein anregender Abend werden mit Brücken von und zu dem Künstler Thomas Baumgärtel! Vielen Dank!

Susanne Laugwitz-Aulbach, Kulturdezernentin der Stadt Köln

 

 

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Nichts ist so wie es scheint - Thomas Baumgärtel“ im Kunstverein Ulm, Freitag, 22. April 2016, 19 Uhr, Kramgasse 4, 89073 Ulm

Der Titel der Ausstellung ‚Nichts ist so wie es scheint‘ ist – wie ich finde – klug gewählt, denn weder der Künstler, noch sein Werk sind das, was sie scheinen. Mit anderen Worten Thomas Baumgärtel ist kein Künstler im klassischen Sinne. Er ist auch kein Maler, der nach landläufiger Vorstellung, mit Pinsel und Palette zu Werke geht. Und seine Kunst lässt keine eindeutige Definition zu, ebenso wenig wie seine Werke, die sich nicht in die üblichen Gattungen Malerei, Zeichnung, Skulptur oder Neue Medien einordnen lassen.
Diese mehrfache Verneinung verweist auf das rebellische Moment in seinem OEuvre, denn – so meine These: Alles scheint hier nur so, so wie es nicht ist. Kein Wunder, wenn Sie jetzt irritiert sind, deshalb lassen Sie mich darlegen, warum ich denke, dass hinter der Kunst von Thomas Baumgärtel weit mehr und anderes steht, als es auf den schnellen Blick den Anschein hat.
Titelgeber der Ausstellung sind zwei jüngst entstandene Kunstobjekte, die hier erstmals ausgestellt werden: Das „Malerwerkzeug“ und die große Kabeltrommel, beide sind mit dem genannten Motto „Nichts ist so wie es scheint“ bezeichnet. Durch ihren silberfarbenen Anstrich werden sie ihrer banalen Funktionalität und abgenutzten Alltagserscheinung enthoben. Erst durch die Veredelung wird die ehemalige Kabeltrommel in ihrer klassischen Formenschönheit neu wahrnehmbar, und zwar als minimalistische Rückbesinnung an einen antiken Säulenschaft mit kreisrunder Plinthe und Gesims. Auch das „Malerwerkzeug“, das hier wunderbar als Irritationsmoment funktioniert, so als sei es vom Aufbau vergessen worden oder zufällig übrig geblieben. Wenn der Eimer, Pinsel und das Abstreifgitter ausgedient haben, sind sie schnöde Wegwerfprodukte, hier verlieren sie aber durch den chromefarbigen Überzug ihren ursprünglichen Funktionszusammenhang und werden zum Kunstwerk nobilitiert. Erst durch diesen Eingriff können Sie, meine Damen und Herren, die Erscheinungsformen wie das Oval des Farbeimers oder die Rasterung des Abstreifgitters neu und wertfrei erkennen.
In den letzten dreißig Jahren hat Thomas Baumgärtel ein Werk geschaffen, das mit Recht als intermedial bezeichnet werden kann. Neben Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken hat er sich auch der Fotocollage, neben Übermalungen von Fotos auch Übersprühungen gewidmet, nicht allein von Gemälden „Alter Meister“, sondern auch von zahllosen Objekten. Er hat sich keineswegs nur mit dem Staffeleibild, sondern auch intensiv mit der Wandmalerei im öffentlichen Raum, ja sogar mit der Glasmalerei beschäftigt. Und so haben sich im Laufe der letzten dreißig Jahre manche Bananenberge an Häuser- und Fabrikfassaden aufgetürmt, die inzwischen das Gesicht des Ruhrgebiets mitprägen.
Damit nicht genug, die breite Palette des künstlerischen Schaffens von Thomas reicht von der Objektkunst bis zur Aktionskunst, es umspannt Kunstformen vom „Ready made“ bis zum „Objet trouvé“ – d.h. bis zu einem Fundstück wie der hier gezeigten „Zertrümmerten Sitzbank“.
Die Ulmer Retrospektive zeigt sehr schön, wie fließend bei ihm die Grenzen zwischen Bildwerk und Aktion sind. Seine Kunst ist mehr als ihre materielle Präsenz und Dinghaftigkeit, sie umfasst den gesamten Lebens-zusammenhang, sie nimmt Stellung zur aktuellen Politik und bringt seine Lebenshaltung und seinen Wertekanon zur Geltung.
Neben seinen subversiven Sprayaktionen haben seine Performances und Happenings, erhebliches Aufsehen erregt. Ich erinnere mich lebhaft an die Blitzaktion „Wir lieben die Hohe Kirche“ anlässlich des 750. Dom-Jubiläums, wo auf der Domplatte von Köln eine dinosaurierartige Banane sekundenschnell zu einer überdimensionalen Bananenskulptur entfaltet wurde und das Hauptportal des Kölner Doms gleichsam penetriert wurde. Es war – wenn Sie so wollen - eine frühe Form des Flash-Mobs gegen die damalige unsoziale Politik der Kölner Kirche, geeignet die Gemüter zu erregen und Grundsatz-Diskussionen anzustoßen.

Im Bereich der Objektkunst aber hat Thomas Baumgärtel im Laufe der letzten 30 Jahre sicher den größten Facettenreichtum innerhalb seines Gesamtwerks entwickelt. Darin enthalten sind Multiples von übersprühten Telefonbüchern, betitelt „Gelbe Seiten“ aus dem Jahr 2002, bis zu Zertrümmerungen wie der gesprengten Betonbanane, dargeboten in einem Reagenzglas mit dem Titel „Bananensplit“, oder die erst vor wenigen Wochen fertig gestellte monumentale Spraydose, betitelt „BKing“. Der Titel ist – wie so oft im OEuvres des Künstlers – doppeldeutig: er ist selbstreferenziell zu deuten als Bananen-König und verweist auf ‚King-Seize‘ in Bezug auf das Überformat, die Monumentalisierung des sonst handlichen Objekts. „BKing“ ist zu Recht der Blickfang dieser Ausstellung.
Alles in allem kann man sagen, Thomas Baumgärtel hat ein umfassendes System bildnerischer Praktiken entfaltet, das von einem unermüdlichen Schaffensdrang zeugt. Auf den ersten Blick mögen seine Kunstformen einen heterogenen Eindruck vermitteln, sie alle sind jedoch von einem obersten Lebensprinzip durchdrungen. Dafür hat Thomas Baumgärtel ein für alle lesbares Zeichen, ein fröhliches, lustvolles Signet, gefunden: die Banane.
Wenn man wie ich das Glück hat, seit mehr als 30 Jahren Werden, Wandel und Wirken von Thomas’ Schaffen aus schwesterlicher Nähe zu verfolgen, ein Schaffen, das mit Humor und Satire gewürzt ist, aber keineswegs der Selbstironie entbehrt, ein Schaffen, das von Freiheitswillen und Widerstandskraft zeugt, aber auch die Bodenhaftung und das Self-Management im Auge behält, dann sei einmal eine provokante These erlaubt, frei nach dem Motto der Ausstellung ‚Nichts ist so wie es scheint‘: Im Werk von Thomas Baumgärtel geht es nicht wirklich um die Banane.

Sein Ziel ist nicht das „wieder-erkennende Gegenstandssehen“ einer Banane, nicht die Nachahmung der simplen Dingwelt, das wäre zu einfach, sondern ihn interessieren vorrangig übergreifende Phänomene, die die Wirkungsmacht der Kunst berühren. Je profaner aber der dafür verwendete Gegenstand ist, desto mehr ist er prädestiniert, unsere Anschauung zu stimulieren und unsere Wahrnehmung zu intensivieren.

Ein Künstler wie Thomas Baumgärtel, der sich intensiv mit wahrnehmungs-psychologischen Fragen auseinandergesetzt hat, weiß dies nur zu gut. Und er ist sich bewusst, dass Anschauung von Kunst immer bedeutet, sich auf einen endlosen Prozess eines sich immer neu konstituierenden, vorbegrifflichen Sehens einzulassen. Einfach ausgedrückt, Kunstanschauung heißt, das Abenteuer des vorurteilsfreien Sehens und die Herausforderung lustvoller Erkenntnis anzunehmen.
Es liegt ganz an Ihnen, meine Damen und Herrn, was Sie wahr–nehmen, im Sinne von „Für–wahr–nehmen“: Wenn sie das Altbekannte suchen, dient Ihnen die Kunst als Selbstbestätigung eines Vorscheins. Falls Sie sich auf unbekanntes Glatteis wagen, dann können Sie auch tiefer in die erkennende Ein--Sicht ins Werk einsteigen. ‚Nichts ist wie es scheint‘ kann als Aufforderung verstanden werden, den Vorhang des schönen Scheins beiseite zu ziehen und den Blick zu öffnen für das Neue und Befremdliche. Um dies anzustoßen, ist in den letzten hundert Jahren die Kunst oftmals gegen den Strich gebürstet worden, denken Sie z.B. an Baselitz, der seine Bilder auf den Kopf stellte.
Tatsächlich entwickelt sich die Wirkung von Baumgärtels Kunst vor allem aus der psychologischen Inanspruchnahme des Betrachters, aus dem Spiel mit seinen Assoziationen, Sehnsüchten, Wunschvorstellungen, aber auch seinen Nöten und seinem Unbehagen. Wenn Sie also die Werke von Thomas Baumgärtel näher betrachten, versuchen Sie einmal dem Drang zu widerstehen, nur die schöne gelbe Frucht wahrzunehmen und damit die gängigen Klischees zu assoziieren. Lassen Sie sich einmal vom Spiel des Seins mit dem Schein überraschen, denn die hier ausgestellte Spraydose z. B. ist nicht, was sie scheint, ebenso wenig die Kabeltrommel. Sie ist es und ist es doch nicht, und sie ist weitaus mehr und zugleich immer auch etwas anderes, je nach Betrachterstandpunkt.
Wie bei Claes Oldenburgs monumentaler, ausgedrückter Farbtube wird hier das Werkzeug – die Spraydose – zum Kunstobjekt und zugleich zum Bildgrund einer gesamten Grammatik von Spraygrammen. Die Spraydose ist Zeichen und Bezeichnetes in einem, d.h. die Wand der vermeintlichen Dose ist zwar mit dem Schriftzug „Bananensprayer“ bezeichnet, benennt aber nicht den Inhalt, denn die Dose ist allenfalls ein Attribut des Bananensprayers und steht - pars pro toto - für den Künstler selbst. Man kann hier von einer Art Stellvertreter des Spray-Künstlers, vielleicht auch – im weitesten Sinne – von einem Selbstbildnis sprechen. Wenn Sie auf das hier ausgestellte Objekt „München“ blicken, können sie sich einer Sinnestäuschung hingeben, indem Sie wie durch die Lamellen eines Rollos auf die Kirche blicken. Nichts, was Sie da sehen, ist allerdings eindeutig, alles bleibt vielgestaltig: da ist einerseits die Ansicht der Kirche und andererseits eine aus rohen Brettern zusammengezimmerte Holzpalette, die den Malgrund für dieses Gemälde bildet. Baumgärtels Kunst erzeugt also Illusion und Desillusion in einem.
Vielleicht lassen Sie sich auch durch eine muslimisch verschleierte Maria irritieren, wenn nicht sogar provozieren. Baumgärtels Intervention in die traditionelle christliche Ikonographie spricht die Parameter unserer westlichen Bildkultur an. Thomas Baumgärtel dekonstruiert das christliche Bild und seine mimetische Wahrheit und verweist darauf, dass unser Vertrauen in das ‚wahre‘ Bild längst verloren ist. Tatsächlich wurde der westliche Glaube an die Wahrheit des Bildes schon früh erschüttert, man muss dabei nicht einmal an den ideologischen Missbrauch totalitärer Regime und ihrer retuschierenden Manipulation von Fotografien denken, um sich zu fragen, wann behaupten ein Bild die Wahrheit, wann lügt es uns an? Wie brisant dieses Thema ist und wie sehr das Bild in seiner Stellvertreterfunktion bis heute Auslöser für Terror und Glaubenskrieg werden kann, zeigen die jüngsten Ereignisse.
Das Bedürfnis des Künstlers nach Gestaltung zeigt sich am unmittelbarsten in seiner Objektkunst. Damit steht er in einer langen, von Dada eröffneten und von der Popart weitergeführten Traditionslinie. Seine Referenzfigur ist Marcel Duchamp. Als dieser zu Beginn des Jahres 1914 in einem Pariser Kaufhaus einen Flaschentrockner aus Eisen erwarb und den alltäglichen Gebrauchsgegenstand kurzerhand zum Kunstwerk erklärte, leitete er eine neue Phase künstlerischen Sehens ein. Der Schock, den die Einführung eines vorgefundenen Objekts, genannt „objet trouvé“, auslöste, bildete den Auftakt zur intensiven Beschäftigung von Künstlern mit kunstfremden Realobjekten.
Erstes „objet trouvé“ von Thomas Baumgärtel war die Bananenschale oder genauer die Schale und das Kreuz und löste ebenfalls den Protest der kirchlichen Institution aus. Die Bananenschale aber wandelt sich bei Thomas Baumgärtel umgekehrt zum gängigen, von der Literatur und Kunst beschriebenen Prozess, nämlich von einem pflanzlichen in einen menschlichen, objekt- oder zeichenhaften Körper.
Vertraute Objekte aus seinem Lebensraum wie Bänke, Farbeimer, Kisten, Koffer oder Kabeltrommeln, Leitern oder der orangefarbene Verkehrskegel – alle diese Fundstücke reiht Thomas Baumgärtel in seinen Kunstkosmos ein. Nicht wie Marcel Duchamp erklärt er das ungestaltete Ready Made einfach zum Kunstwerk, sondern er löst es durch Gestaltung mittels Piktogrammen, Übersprühungen oder auch Veredelungen aus seinem normalen Funktionszusammenhang heraus und überführt es in einen neuen Sinnzusammenhang. Man kann auch sagen, der Künstler überschreitet die Grenzen seiner Leinwand, greift sprayend in den Raum ein, sprengt sogar die Grenzen seines Ateliers, um sich im Außenraum neue, nahezu grenzenlose Malgründe zu suchen, denken Sie an seine riesigen Wandmalereien auf Brücken und Fabrikhallen.

In der Ulmer Ausstellung wird die Herausbildung einer universellen Bildsprache, in der die Banane oder auch das Bananenkreuz sowohl Zeichen als auch Bezeichnendes ist, an Hand von dreidimensionalen Objekten und Assemblagen in der Malerei oder der Spraykunst veranschaulicht. Mit der Banane, die im Graffiti auf wenige Umrisse kongenial verkürzt ist, entsteht durch das Negativ der Schablone das Positiv eines Pattern, d.h. eines Musters, einsetzbar für alle Gattungen der Malerei, bis hin zur Satire auf das „Hakenkreuz“. Aus gesprühten Minibananen werden ebenso Geschichtsbilder als auch weibliche Aktbilder, ebenso Veduten von Köln, als auch Bildnisse oder Landschaften. Dies wiederum wurde in den sogenannten Stielbildern konsequent fortgesetzt. Hier kommt es in der Reduktion auf den Stiel der Banane zu einer Verdichtung, diese Werkphase hat der Künstler Bananen-Pointilismus getauft. Diese rasterpunktartige Vereinfachung auf die vier gesprühten Grundfarben stellt den bislang konsequentesten Abstraktionsprozess in Baumgärtels Opus dar.
Der grauen Periode, die erst vor einigen Jahren einsetzte, verdanken wir großartige Köln-Veduten voller Ruhe und erhabener Schönheit, Momentaufnahmen, Erinnerungsbilder an die Kindheit und Familie. Die grisailleartige Malerei, teils auch im Sepia-Ton, ist außerdem beredtes Zeugnis für eine ganz andere Art der Verwendung von Pattern oder besser Mustern, denn viele dieser Bilder drehen sich um das ambivalente Thema der Mobilisierung der Massen. In einem randlosen, all-Over bilden gleichgeschaltete Menschenkörper ein scheinbar dekoratives Muster, das beim genaueren Hinsehen beispielsweise die Hitler-hörige Masse beim „Führergruß“ wiedergibt.
Zeitweise schien es fast so, als würden diese eindrücklichen grauen Großformate die Banane verdrängen. Aber weit gefehlt, die Banane erweist sich als unverwüstlich und schleicht sich immer wieder selbst in die grauen Bilder ein. Auch die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Banane im Werk von Thomas Baumgärtel weiterhin der geheime Code für alles Lebendige und Wandelbare bleibt. Allen neuen Ideen zum Trotz steht die Banane für Kreativität als Grundprinzip des lebendigen Seins, eben für das kreative Prinzip schlechthin. Am Anfang des künstlerischen Werdegangs von Thomas Baumgärtel standen die Aktion und das Objekt, bis heute sind diese die wesentlichen Referenzgrößen seines künstlerischen Schaffens geblieben. Schon damals ging es um Aktionskunst im besten, eben im Beuysschen Sinne, nämlich um den Versuch, die Grenzen zwischen Kunst und Leben zu überbrücken, ja sogar aufzuheben. Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen, Fassaden von öffentlichen und privaten Häusern, von Brücken oder Türmen, von Außenhäute der Galerien und Museen zu Bildträgern seiner Kunst zu machen. Sich aber auch dem öffentlichen Dialog mit Passanten, Galeristen, der Staatsgewalt oder den Vertretern der öffentlichen Hand zu stellen, das macht ein wichtiges Merkmal seines Kunstschaffens aus.
Auch wenn viele seiner rebellischen Aktionen frech, spitzbübisch, subversiv oder auch karnevalesk in Erscheinung treten, darf man den ernsten Kern seines künstlerischen Kredos nicht verkennen: Bei all‘ dem geht es Thomas Baumgärtel in erster Linie um die Freiheit des Menschen und die Freiheit der Kunst.

Dr. Bettina Baumgärtel, Leiterin Gemäldegalerie, Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

 

Eröffnungsrede von Heike Hollunder, Museumsleiterin der Dokumentationsstätte Regierungsbunker Ahrweiler am 4. März 2016

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." der Rest des Satzes ging im tausendfachen Jubel der DDR-Bürger unter, die in der bundesdeutschen Botschaft in Prag "Asyl" gefunden hatten. Sie hatten geplant über Ungarn und Österreich in die BRD zu fliehen, wurden aber von den Grenztruppen der CSSR daran gehindert. In die DDR zurück wollten sie nicht.
Es war Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der am 30. September 1989 diesen Satz in der Prager Botschaft der BRD sagte. Er endete übrigens "… möglich geworden ist!" - der Satz, der die Welt veränderte.
Ich beginne mit diesem Satz, weil der erste Freiheiter Preis an Hans Dietrich Genscher geht, einer der wichtigsten Politiker der Wiedervereinigung, und, weil dieser Satz das Ende der DDR einläutete und den Weg für die deutsche Einheit bereitete.
Damit bin ich auch schon beim Stichwort: denn „Deutsche Einheit“ ist auch der Titel der Sonderausstellung, die wir heute eröffnen. Die Künstler Thomas Baumgärtel und Harald Klemm widmen sich seit 1999, wie keine anderen, der friedlichen Revolution und dem Zusammenwachsen von Ost und West. Beide nutzen ihre Kunst, um auf politische, soziale und wirtschaftliche Missstände hinzuweisen. Sie arbeiten gemeinsam an den Bildern. Das Thema ist für sie noch nicht abgehakt, der Prozess der Einheit noch nicht vollendet. So entstehen immer wieder neue Bilder, rückblickend und in Verknüpfung mit der aktuellen Situation. Sie erschaffen ihre Werke als Team, als deutsche Einheit. Neben den Gemeinschaftsarbeiten zeigen wir aber auch Einzelarbeiten der beiden Künstler, auch über das Thema der Deutschen Einheit hinaus, wie zB. die Flüchtlingsserie von Harald Klemm, die sich mit den letzten großen Flüchtlingswellen vor 20 Jahren aus Bosnien und nach dem 2. Weltkrieg beschäftigen. Für ihre Gemälde nutzen beide zum Teil historische Fotos als Vorlagen, wie zB. Thomas Baumgärtel im großen Bild im Eingangsbereich, das den Titel: „Brandt mit Albertz“ trägt und 2007 entstanden ist. Zu sehen ist der regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt. Er informierte sich am 13.08.1961 am Brandenburger Tor über die Aktivitäten an der Sektorengrenze in Berlin. Rechts der Pastor und SPD-Politiker Heinrich Albertz. Brandt bezeichnete am selben Tag in einer Fernsehsendung die Teilung Berlins als "empörendes Unrecht". Am 13.08.1961 wurde die Sektorengrenze zwischen Ost- und Westberlin bis auf wenige Übergänge abgeriegelt. Harald Klemm nutzte für seine Gemälde fast ausschließlich Fotografien aus dem Bundesarchiv in Koblenz.
Baumgärtel und Klemm haben ihre ganz eigene Bildsprache entwickelt, ihre ganz persönliche Sicht auf die politischen Ereignisse. Neben böser Kritik nutzen sie auch Humor und mit einem ironischen Augenzwinkern setzen sie politisch brisante Themen für den Betrachter ins Bild. Dabei sind ihre Werke immer hintergründig. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Es gibt vieles zu entdecken und nachzudenken, wenn der Betrachter sich darauf einlässt, sich den Bildern emotional zu nähern.

Im Laufe der Jahre ist so eine Fülle von Arbeiten zur „Deutschen Einheit“ entstanden, die sich teils sehr direkt, teils subtil mit den Bildern und Symbolen der Deutschen Einheit auseinandersetzen. So werden zum Beispiel die zum geflügelten Wort gewordenen „Blühenden Landschaften“, von Helmut Kohl in einer Ansprache 1990 als Vision für die neuen Bundesländer verwandt, zum Bildtitel. Wer genauer hinschaut, erkennt inmitten des bunten, blumigen Bananenpointillismus, allerdings auch giftiges, wie Stechapfel, Tollkirsche und Fingerhut. Ein häufig wiederkehrendes Motiv in den Bildern von Klemm und Baumgärtel ist das Brandenburger Tor. Im 18. Jahrhundert gebaut als Symbol für den Frieden wurde es in der Zeit des Kalten Krieges zum Symbol der Trennung von Ost und West und der verlorenen Freiheit in der DDR. Als Symbol für Freiheit, Frieden und Einheit repräsentiert es heute Berlin und das wieder vereinte Deutschland in der Welt.
Harald Klemm ist Historiker und freischaffender Künstler und wohnt in Köln. Geschichte ist ihm vertraut, auch wenn der Zugang zur deutsch/deutschen Geschichte persönlicher Art ist. Die persönlichen Ansätze liegen in seiner Familiengeschichte. Sein Vater und dessen Bruder werden durch den Mauerbau 1961 getrennt, Klemm fuhr mit seiner Familie jedes Jahr mindestens einmal in die DDR. Bei Thomas Baumgärtel, der Psychologie und Kunst parallel studierte, ist „Alles Banane“, im wörtlichen Sinn. Er ist als Bananensprayer in der internationalen Kunstszene bekannt. Für ihn ist die Banane d a s Friedenssymbol, mit ihr kämpft er für die Freiheit der Kunst. Auch er lebt und arbeitet in Köln, teilt sich eine große Atelier-Halle mit Harald Klemm.

Als er 1986 begann, von ihm verehrte Museen, Galerien und Ausstellungshäuser mit einer 35cm großen Banane mittels einer Schablone zu besprühen, wurde der eine oder andere Museumsdirektor schon mal handgreiflich. Baumgärtel wurde mehrfach angezeigt und von der Polizei verhaftet. Was mit nächtlichen geheimen Sprüh-Aktionen begann, ist heute zum Ritterschlag für ein Museum oder eine Galerie geworden. Wer mit dem Gütesiegel der Spraybanane geehrt wird, erhält eine Auszeichnung, die heute auch von den Besuchern als Erkennungszeichen für einen Premiumkunstort verstanden wird und reiht sich ein in das Netzwerk der prämierten Kunstorte. So haben bis heute über 4000 Museen, Galerien und Ausstellungshäuser weltweit die Auszeichnung SprayBanane erhalten, darunter das Guggenheim Museum in New York oder das Puschkin Museum in Moskau, aber auch das Museum Ludwig in Köln, die Bundesskunsthalle in Bonn oder das Arp-Museum in Rolandseck.
Baumgärtel nutzt die Banane in mannigfaltigen Metamorphosen um sich ernsten Themen auf ironische Art und Weise zu nähern: da gibt es zB die Friedensbanane, die Sprengbanane und die Vereinigungsbanane.

Die Dokumentationsstätte Regierungsbunker ist zwar ein künstlicher Ort, aber kein Kunstort. Auch wenn in den Schlafräumen der Regierenden jeweils zwei Drucke von alten Meistern, deutschen Landschaften oder bedeutenden Kulturdenkmälern hingen, hier war ein komplett kunstfreier Raum. Um dem abzuhelfen, hatte die Künstlergruppe Klärwerk III aus Bonn schon 1982 beim damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt angefragt, ob sie den Regierungsbunker künstlerisch ausgestalten dürfe. Schmidt lehnte das Angebot höflich ab.
Uns ist es heute eine besondere Freude in den Räumen des ehemaligen Regierungsbunkers eine Kunst-Ausstellung zu zeigen, die so eng mit dem Thema Wiedervereinigung verknüpft ist. Ich durfte die letzten vier Tage dabei sein, wie die Bilder in den Räumen ihren Platz gefunden haben und bei einigen hat man das Gefühl, sie seien extra für diese Räume geschaffen worden.

Der Regierungsbunker ist ein Ort an dem Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde alle zwei Jahre nach Nato-Drehbüchern Dritter Weltkrieg geprobt. Unser Bunker ist eng verknüpft ist mit der Trennung von Ost und West, auch wenn er weit entfernt ist von dem Todesstreifen und den Grenztürmen, die Baumgärtel und Klemm in ihren aktuellen Bildern „Russisch Brot“ von 2015 und „Deutscher Sang“, das explizit für die Ausstellung im Regierungsbunker entstanden ist. Der Regierungsbunker und die „Deutsche Einheit“ sind Geschichte. Aber Grenzzäune und Grenzkontrollen lassen uns ganz aktuell an die Flüchtlingssituation und die Anschläge von Paris bis Istanbul denken. Das Thema Freiheit ist ein fragiles Gut und nicht weniger aktuell als vor 25 Jahren, vor 68 Jahren oder 98 Jahre in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt.
Geschichte wiederholt sich nicht. Es wird keinen neuen Kalten Krieg geben. Aber es gibt neue Dimensionen. Das Jubiläum zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit im letzten Jahr nahm Hans Dietrich Genscher zum Anlass, über die gegenwärtige Situation in Europa zu sprechen. "Spannungen zwischen Ost und West seien zum Teil bereits Realität, teils deuteten sie sich an", sagte Genscher. "Deshalb muss jeder, der sich verantwortlich fühlt für Stabilität und Frieden und Zusammenarbeit in Europa, tief besorgt sein." Der ARD sagte Genscher, eine der Lehren aus den damaligen Geschehnissen sei, "dass man schwierigste Fragen lösen kann, wenn man sich intensiv darum bemüht, Konfrontation abzubauen".

Heike Hollunder, Regierungsbunker Ahrweiler

 

 

Redetext von Jürgen Raap zur Eröffnung der Ausstellung "25 Jahre Deutsche Einheit“ von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm am 3. Oktober 2015 in der Halle Werft 77, Düsseldorf

In seiner Ballade vom preußischen Ikarus beschrieb Wolf Biermann 1976 die deutsche Teilung mit der Strophe:

Der Stacheldraht wächst langsam ein
Tief in die Haut, in Brust und Bein
ins Hirn, in graue Zellen
Umgartet mit dem Drahtverband
Ist unser Land ein Inselland
umbrandet von bleiernen Wellen

Und wenn du weg willst, musst du gehen
Ich hab schon viele abhaun sehen
aus unserm halben Land
Ich halt mich fest hier; bis mich kalt
Dieser verhasste Vogel krallt
und zerrt mich übern Rand

Als preußischen Ikarus bezeichnete Biermann die eisernen Reichsadler-Skulpturen am Geländer der Berliner Spreebrücken, und dieses Lied wird von manchen Rezensenten auch als Parabel für eine persönliche Zerrissenheit gedeutet.
Denn in jenem Maße, wie die DDR preußische Tugenden hochhielt und ihre Volksarmee im preußischen Stechschritt paradieren ließ, war der Adler kein Freiheitssymbol mehr, sondern für Wolf Biermann eher verhasst.
So ist der Bundesadler – die demokratische Tradition der Revolution von 1848 aufnehmend, das Gegenbild zu diesem preußischen Ikarus, und Thomas Baumgärtel transformiert die Symbolik dieses Bundesadlers mit Banane ins Bizarr-Ironische, denn es gilt, jeglicher Neigung zum Pathos auszuweichen.
Die Revolution von 1848 war eine solche für demokratische Freiheiten, aber auch für eine Reichseinigung. Und ihr Symbol war der doppelköpfige Bundesadler.
Nach dem Scheitern dieser Revolution verschwand jener Bundesadler wieder aus der Heraldik, und 1871 entschied man sich bei der Reichsgründung dann bewusst für einen einköpfigen Adler. Die missglückte Revolution von 1848 wurde 1989 erfolgreich nachgeholt, erfolgreich auch insofern, als in dieser friedlichen Revolution in der DDR kein einziger Schuss fiel.
Aber das „urdeutsche“ Trauma, dass es von der fränkischen Reichsteilung nach dem Tode Karls d. Gr. bis zur Bismarck'schen Reichsgründung1871 fast 1.000 Jahre lang keine staatliche Einheit gab (und dieses Bismarck-Reich von 1871 auch nur durch „Blut und Eisen“ zusammen gefügt werden konnte) bestimmt psychologisch bisweilen auch heute noch das Taktieren der politisch Verantwortlichen.

Thomas Baumgärtel hat sich als Künstler und als studierter Diplom-Psychologe schon sehr früh auch mit den psychologisch-traumatischen Aspekten der Teilung und Trennung beschäftigt.

Manches in dieser Ausstellung von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm wirkt komisch, aber sie thematisieren in diesen Arbeiten zum Stichwort „25 Jahre deutsche Einheit“ dennoch auch die dunklen, die tragischen Aspekte, die mit der Geschichte der vergangenen 160 Jahre verbunden sind.

Als in der Zeit der politischen Wende in Ostdeutschland 1989/90 die Satire-Zeitschrift „Titanic“ ihr Titelbild „Zonen-Gabi: Meine erste Banane“ verbreitete, da verstand jeder die Pointe:

Bananen gab es in der Mangelwirtschaft der DDR auf Geheiß der Staats- und Parteiführung immer nur zu besonderen Anlässen, etwa zur Leipziger Herbstmesse.

Als nach der Öffnung der Berliner Mauer die Besucher aus der DDR in den Westen kamen, da kauften sie sich für ihr „Begrüßungsgeld“ am liebsten erst einmal jene Dinge, die sie in ihrem bisherigen Alltag entbehren mussten, etwa Bananen.

Harald Klemm und Thomas Baumgärtel setzen sich bereits seit 1999 künstlerisch mit dem Thema „deutsche Wiedervereinigung“ auseinander, und vor allem für Baumgärtel, der sich im Kunstbetrieb als „Bananensprayer“ etablierte, ist diese Südfrucht das wichtigste Symbol der staatlichen Wiedervereinigung.

Sie ist daher neben dem Brandenburger Tor, den DDR-typischen „Trabi“-Autos und Stacheldraht fester Bestandteil der Ikonografie zum Thema sowohl in Baumgärtels Werken als auch in den Gemeinschaftsarbeiten der beiden Künstler.

Flucht und Vertreibung, auch die Zeitstimmung in den 1960er Jahren, bilden einen besonderen inhaltlichen Schwerpunkt in den Arbeiten von Harald Klemm, dessen Familie durch die Mauer voneinander getrennt war.

Beide Künstler nehmen in einer dieser Gemeinschaftsarbeiten eine „Geruchsprobe“ (2007) vor.

Der Staatssicherheitsapparat der DDR hatte bekanntlich seinerzeit allen Ernstes versucht, aus der Unterwäsche von Dissidenten olfaktorische Spuren zu konservieren und erkennungsdienstlich zu nutzen.

Das inszenierte Foto der beiden Künstler über einer Herdplatte entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn die ungeheuerlichen Facetten in der jüngsten deutschen Geschichte lassen sich nur durch Ironisierung brechen und zurecht stutzen.

Solche Einmachgläser, in der die Stasi Textilien von Oppositionellen als Geruchsprobe aufbewahrte, stellen Klemm und Baumgärtel auch immer wieder aus, sozusagen als interaktive Installation, in die dann die Besucher Stoffreste von ihrer Kleidung hinterlegen. Nun ja, eigentlich könnte man dann auch noch seine Telefonnummer dem amerikanischen Geheimdienst NSA mitteilen, das erleichtert denen das Abhören, da müssen die nicht immer erst im Telefonbuch nachschauen.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung tangiert eine künstlerische Bestandsaufnahme der jüngeren Zeitgeschichte zwangsläufig aber auch die Tatsache, dass es gegenüber nationalem Pathos in Deutschland notwendigerweise sehr starke geschichtspolitische Vorbehalte gibt.

Ein „Verfassungspatriotismus“, wie ihn der Politologe Dolf Sternberger 1979 definierte und in ähnlicher Weise auch Jürgen Habermas 1992, grenzt sich von wilhelminischer Großmannssucht mit ihrem Säbelrasseln ebenso ab wie von jenem übersteigerten Nationalismus, der den ideologischen Humus für die Verbrechen im Dritten Reich bot, und ebenso von den heutigen Erscheinungsformen eines Rechtspopulismus.

Baumgärtels Bananenadler ist gerade auch deswegen nicht so martialisch und so vermessen, wie der Reichsadler, den Wolf Biermann als preußischen Ikarus beschrieb, und der in seiner Vermessenheit auch abstürzte, wie sein antikes Vorbild.

In den Kriegstrümmern des Jahres 1945 endete auch die Geschichte Preußens, d.h. Preußens Existenz als Staat, als Gebietskörperschaft; ebenso wie das Deutsche Reich, und was aus diesen Trümmern neu entstand, das bekam ganz bewusst eine bescheidenere Optik verpasst.

Als der Kölner Bildhauer Ludwig Gies für den Plenarsaal des Bundestages 1953 ein Adler-Relief schuf, das optisch etwas füllig geriet, was nach den Hungerjahren der unmittelbaren Nachkriegszeit allerdings psychologisch nachvollziehbar ist, da verpasste der Volksmund diesem neuen Adler ganz unpathetisch den Spitznamen „Fette Henne“.

Dass Harald Klemm die kollektiven Befindlichkeiten und Zeitstimmungen der vergangenen 50 Jahre in seismografischer Weise auch am Motiv „Flüchtlinge“ festmacht, hat in unseren Tagen eine tragische Zeithöhe, denkt man an die menschlichen Dramen, die sich rund ums Mittelmeer abspielen.

So sind denn die Werke beider Künstler zur deutschen Wiedervereinigung in ihrer formalästhetischen wie ikonografischen Ausprägung ganz bewusst nicht „staatstragend“ in jenem Sinne, wie man in früheren autoritären Zeiten eine „Staatskunst“ als Illustration von Macht und Herrschaft verstanden hat.

Denn: „Wir sind das Volk“ skandierte man vor 25 Jahren auf den Straßen (Ost)-Berlins und Leipzigs.

So, wie seit 1990 die alljährlichen Feiern zum Tag der deutschen Einheit jeweils am 3. Oktober ganz bewusst als fröhliches Volksfest zelebriert werden, so ist auch diese Ausstellung bei aller Ironie zwar ernsthaft angelegt, aber eben nicht pathetisch-schwermütig, und deswegen eigentlich sehr „undeutsch“, wenn man die kunsthistorischen Vorläufer-Epochen als Richtwert annimmt.

Wenn Thomas Baumgärtel ein Aktionskonzept skizziert, „eine aus fünf Teilen gefertigte Skulptur“ solle „so in das Brandenburger Tor gelegt werden, dass der Eindruck entsteht, dass eine durchgehende, große Banane quer im Brandenburger Tor steckt“, dann impliziert der Begriff der „Vereinigung“ in Anspielung an den Geschlechtsakt zwar eine mythische Konnotation, aber eben nicht in einem wagnerianischen Verständnis von Mythos und Heldenepik.

Auch in den Exponaten von Harald Klemm wird Helmut Kohls geflügeltes Wort von den „blühenden Landschaften“ entmystifiziert, indem es lauter popig-kitschig anmutende Blumenblätter aufs Brandenburger Tor regnet.

Bei der Betrachtung von Klemms „Transit“-Motiv (2006) von einem ehemaligen Grenzübergang erinnern sich nur noch die Älteren an die schikanösen Kontrollen mit stundenlangen Wartezeiten am DDR-Zoll, und doch ist dieses historische Bild auch jetzt noch hochaktuell, denn die grenzenlose Bewegungs- und Reisefreiheit ist heute wie vor 30 oder 40 Jahren noch längst kein universeller Standard für alle, sondern lediglich ein Privileg für einige:

Die „Flucht in die Einheit“ (so der Titel einer Gemeinschaftsarbeit von 1999) beschreibt Otto Pannewitz mit den Worten:

„Nur schemenhaft der Trabi, jenes Symbol deutscher Beweglichkeit Ost;
markant der
Wachturm des antifaschistischen Schutzwalls;
kaum mehr auszumachen die Nationalfarben der ja
welcher Fahne;
heimelig und bürgerlich die Erinnerungsfotos unter einem Teppich aus seriellem
Blümchenmuster;
verschwindend klein die gesprühten, gelben Hammer und Zirkel-Staatszeichen
die den Bananenton aufnehmen und dennoch keine Glückshormone mehr freisetzen.“

Das Bild von der Flucht in die Einheit ist eine zeithistorische Momentaufnahme, wie auch viele andere Motive, die vor allem Harald Klemm als Vorlage für seine Arbeiten nimmt.

Die Fernseh-Bilder vom Grenzzaun mit Stacheldraht, mit denen in diesen Wochen Ungarn seine Grenzen nach Serbien sichert, eine andere.

Es ist ein Paradoxon, dass der Beginn des deutschen Wiedervereinigungsprozesses im Sommer 1989 begann, als Ungarn seine Grenze nach Österreich öffnete, und DDR-Flüchtlinge dann in den Westen ausreisen konnten, und dass aber nun, gut ein Vierteljahrhundert später, genau dort in Ungarn die Festung Europa wieder einen Schutzwall zu errichten gedenkt.

So ist der mit Bananenmotiv verzierte Trabi nicht nur ein Symbol für die Sehnsucht nach Mobilität und für die Praxis einer Reisefreiheit, die nicht schon nach ein paar hundert Kilometer an Stacheldrahtverhauen enden soll, sondern auch künstlerische Projektionsfläche für eine Willkommenskultur in unseren Tagen.

Wie sehr indes die Freiheit des Denkens und die Sehnsucht nach einem besseren materiellen Leben miteinander verwoben sind, brachte schon vor Jahrzehnten Bert Brecht auf die Formel: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“.

Die Euphorie, die das Ende des Kalten Krieges, die Öffnung der Grenzen und die damit ermöglichte Globalisierung der Wirtschaft Anfang der 1990er Jahre auslöste, ist längst verflogen.

Die Welt ist leider seitdem nicht friedlicher und nicht sicherer geworden. Da sich im geopolitischen Gefüge die intellektuellen und kulturellen Orientierungsmuster inzwischen verschoben haben in Richtung anderer Feindbilder und damit auch anderer Bedrohungen, bedarf es in der jetzigen Zeitstimmung unbedingt einer Ergänzung des Repertoires um Thomas Baumgärtels „Charlie Hebdo-Banane“ als Bekenntnis zur Freiheit des Denkens und der Freiheit der Kunst.

Jürgen Raap, Kunstkritiker, 3. Oktober 2015

 

 

Katalogtext von Friedhelm Mennekes anlässlich der Ausstellung „Kaum zu glauben“ in der Städtischen Galerie Wesseling 2015

Kunst und Spiritualität. Einst und jetzt

Die Religion ist ein Ausgriff auf das Ganze der Welt. Im Licht ihrer Inspirationen ist sie die Option, dass zum Ganzen wahrnehmbarer Realität auch die nicht wahrnehmbare des Transzendenten hinzukomme. Sie verneint die alleinige Gewissheit des Sichtbaren und behauptet die Dimension des Ganz Anderen (Paul Tillich) als das Eigentliche des Lebens und der Welt. Ja, dieses Eigentliche sei das Tragende aller Wirklichkeit und ermögliche diese überhaupt erst. Nur von hier aus gewinnt der Mensch sein Maß, das über das Alltägliche hinausreicht und ins Menschliche ruft. An diesem Punkt übt alle Religion eine tiefe Faszination auf die Kunst aus. Hier fordert sie die Kunst zu sich selbst heraus: Religion als Test ihrer selbst, die Kunst als schöpferische Energie, als aufrechter Gang, als Freiheit. Aber an diesem Punkt können sich Kunst wie Religion gegenseitig enttarnen: als kläglich, schwach, selbstverliebt; kitschig, unglaubwürdig, illustrativ; lebensfremd, unmenschlich, unwürdig...

Die Kunst ist immer in Bewegung. Sie will in einer ihr eigenen Unruhe stets über das jeweilige Werk hinaus. Dies ist am Ende mühsam errungen und immer eingebettet in den Prozess eines ungesicherten Suchens. Das künstlerische wie jedes geistige Tun vollzieht sich in der Dialektik von Position und Negation, von Setzen und Hinterfragen, von Zutrauen und Zweifel. Dieser Zweifel ist das eigentliche movens, die treibende Kraft dieser schöpferischen Vorgänge, die unruhige, nie zufriedengestellte Kreativität. Kunst als Erforschung der primären inneren Wirklichkeiten, oder besser: Erforschung und Weiterentwicklung unserer Mittel zur Wirklichkeitsgestaltung; Kunst also, die immer wieder zur Gestaltung des Gestaltlosen ansetzt, wie der Münchener Kunsthistoriker Hermann Kern es einmal ausdrückt.

Nirgends sind sich Kunst und Religion näher als in diesem Punkt. Hier gehen sie parallele Wege. Verwandt ist ihnen aber auch die innere Brüchigkeit ihres Wissens. Zwar ruht der Glaube in einem gemeinschaftlich getragenen Credo, doch muss der einzelne dieses für sich immer lebendig machen. Denn wie alle geistigen Vorgänge ist auch der Glaube bedrängt von den Gefahren der Gewöhnung und Langeweile, von Grenzerlebnissen und Vanitas-Anmutungen oder auch schlicht von einer intellektuellen Müdigkeit. Jede innere Gewissheit ist krisenhaften Entwicklungen ausgesetzt. Dies gilt gerade auch für die religiösen Überzeugungen, deren Funktion es immer nur sein kann, dem unerreichbaren Geheimnis gegenüber sich geheimnisbezogen zu bewähren. Alle Erkenntnis muss die Ungesichertheit eines solchen tastenden Begreifens aushalten. Darum sucht die Religion aus dieser doppelten Erfahrung von Wissenslust und Ohnmacht die Nähe zur Weisheit und Philosophie, zur Literatur und zur Bildnerei, zu Musik, Theater, Tanz...; und letztlich ist gerade diese Offenheit der Grund dafür, dass alle Religionen immer wieder dem Wandel ausgesetzt sind. Formen erstarren; Überzeugungen erweisen sich als irrelevant; Einwände schlagen durch. Nur im stets neuen Ausgreifen über vertraut gewordene Inhalte und Formen kommt die Religion zu sich selbst, sozusagen im Schmerz ihrer permanenten Geburt.

Unsicherheit und Zweifel sind dem Glauben immanent, ja ich denke, dass am Ende die Zweifel für die Menschheit wichtiger waren als der feste Glaube. Dennoch sieht es in der Praxis anders aus. Der Zweifel spielt auf den Kanzeln wie im Alltag der meisten Gläubigen eine untergeordnete Rolle.

Umso mehr und umso systematisierter ist er in der Kunst zu Hause. Hier ist der Zweifel zur Kultur geworden. Hier geht er bis in die Mitte, bis in den Zweifel an sich selbst, dem Zweifel an der Kunst. An genau diesem Punkt, im auflösenden Zweifel gegenüber falschen oder überholten Gewissheiten, im stets erneut ansetzenden und Antwort suchenden Fragen und schließlich im selbstvertraut zustimmenden Antworten liegt ein gläubiger Ausgriff auf die Kunst, auf die Schöpfung, auf Gott. Hier liegt der sensible und zugleich kreative Berührungs- wie Spannungspunkt von Kunst und Religion im aufsteigenden Kreislauf: im Fragen - Zweifeln - erneuten Fragen - erneuten Zweifeln...

Mit dieser angesprochenen strukturellen Parallele scheint sich in der späten Neuzeit der wissenssoziologisch schwergewichtige alte Antagonismus zwischen Kunst und Religion in eine leichtere, generelle Ambivalenz aufzulösen. Mit der wiederholt angesagten ‚Wiederkehr der Religionen‘ unserer Tage sind nicht Gewalt und Angst gemeint, sondern ist eher ein neues Verhältnis von Religion und Gesellschaft angesagt. Ohne die gewaltigen Erschütterungen im Nahen Osten zu verharmlosen, muss kritisch begriffen werden, dass hier die islamisch geprägte Religion als Nomenklatur von hassvollen und zerstörerischen Radikalen missbraucht wird.

Auf der anderen Seite aber spielt sich ein neues Miteinander unter den Glaubensgemeinschaften ein. Künstlerische Kreativität und inspirierter Glaube behaupten sich mehr und mehr als freie Selbstreflexionen des Menschen in der modernen Gesellschaft. Der Mensch von heute befreit sich in der Haltung einer frei gewordenen Intellektualität aus den starren Umarmungen der alten Glaubensinstitutionen und gestaltet sich in aktuellen, offenen Fragestrukturen. So findet er neue Wege und Einstellungen für die Sinnfragen seines Lebens, zu dem, was seiner Welt voraus liegt oder über sie hinauszureichen scheint. Die konzentrierenden Kräfte des Glaubens vermitteln jetzt authentisch zwischen den Spannungen von Bindung und Freiheit, von Raum und Zeit, vor dem Anfang und vor dem Ende. So etablieren sich erneut die Religion wie die Kunst oder andere kulturelle Kräfte als kreative Formen einer gesteigerten Subjektivität in unserer Zeit. Sie machen ihn persönlich frei und sozial widerstandsfähig gegenüber den vielen medialen Gängelungen, die sich um ihn herum medial austoben. Die Kultur in all ihren Kräften wie Kunst, Glaube, Musik, Literatur…, in Philosophie, Soziologie und Wissenschaft kehrt die unbeweglichen geistigen Haltungen in ein neues, dynamisches Verhältnis um; und das im Augenblick nicht nur auf der Kunstbiennale in Venedig, sondern auch in der gegenwärtigen Ausstellung im Kunstverein in Wesseling...

Religiöse Motive mischen sich erneut ins künstlerische Überlegen und Gestalten. Sie dominieren oft die Thematisierung. Sozial erworben und subjektiv aufgehoben, transformieren sie sich im Durchgang durch viele Passagen hindurch in neue Perspektiven und Einsichten. Sie behaupten sich in überzeugenden Werken, leicht oder schwer, ernst oder ironisch, theoretisch, symbolisch oder auch nur zeichenhaft. Sie tauchen aus einer vielfach verdunkelten Memoria auf und leben in neuen Formen dynamischer Stärke, Behauptungs- und Widerstandskraft.

Nichts grundlegend anderes ereignet sich unter den Werken der Ausstellung im Kunstverein Wesseling. Unbefangen greifen die beteiligten Künstlerinnen und Künstler in den Kern ihrer je eigenen Identität und stellen in ihren Arbeiten den Besuchern auf breiter Basis überzeugend die Qualität und die Kraft ihrer künstlerischen Kreativität vor. Anregungsreich schlagen sie neue Brücken – nicht von Frage zu Antwort, sondern von Frage zu Frage - kaum zu glauben.

Der bekannte indisch/britische Bildhauer Anish Kapoor formulierte die dynamische Spannung zwischen Kunst und Religion aus Anlass seiner Ausstellung in der Kunst-Station Sankt Peter: „Kunst und Religion kommen darin überein, dass sie die Welt, wie der Mensch sie sieht, auf den Kopf stellen. So ist er gezwungen, sie von innen her zu greifen und dabei ebenso sich wie seinen Gott zu berühren.“

Friedhelm Mennekes, katholischer Theologe, Priester und Kunstverständiger

 

 

Katalogtext von Yorca Schmidt-Junker anlässlich der Ausstellung COLOGNE von Thomas Baumgärtel in der 30works Galerie Köln 2015

Als Bananensprayer wurde er weltbekannt. Und auch ein Stück weit verkannt. Denn das Label des provokanten Sprühers, dem das amerikanische TIME Magazin 1993 ein großes Feature widmete, klebte derart übermächtig an Thomas Baumgärtel, dass man dabei leicht zu übersehen drohte, über welch gewaltige künstlerische Bandbreite der Kölner verfügt. Sein intermediales Werk umfasst Zeichnungen, Druckgrafiken, Wandmalerei, Collagen und Objektkunst. Kategorisch betrachtet ist Baumgärtel Street Art Pionier, Performance Artist, Maler und Installationskünstler; implizit ist er jedoch vorrangig eins: ein bedingungsloser Kämpfer für die Freiheit der Kunst. „Die Menschheit muss seit Beginn des Lebens Kultivierungsformen entwickeln, die die unglaublichen Aggressionen des Seelischen in eine Form bringen und entschärfen. Kultur und Kunst sind eine der wenigen Chancen...“, sagt Thomas Baumgärtel. Diesem Ansatz widmet er seit nunmehr 30 Jahren Aktionen, Happenings und Ausstellungen, die mal die Doppelmoral der Kirche, mal die Ereignisse und die Folgen von 9/11, mal die laschen Gesetze zu Waffenexporten anprangern. Dafür nutzt Baumgärtel sein berühmtes Tag, die knallgelbe Banane, und lässt sie in konvertierter Form an symbolträchtigen Orten installieren. Womit sie inzwischen nicht nur als internationales Gütesiegel für Galerien und Museen fungiert, sondern de facto zum globalen Friedens- und Freiheitssymbol gereift ist.


Die Fusion von Psychologie & Kunst

Baumgärtel weiß um die Wirkung seiner Arbeiten. Denn neben seiner Ausbildung als freier Künstler an der Fachhochschule Köln verfügt er auch über ein Psychologie-Diplom. „Beim Psychologie-Studium habe ich mehr über Kunst erfahren als im eigentlichen Kunststudium; man lernt, wie Wahrnehmung funktioniert. Was Symbolik und Projektion beim Betrachter auslösen. Das war essenziell für meinen Weg als Künstler.“ Thomas Baumgärtel lotet die Wirkungsweisen der Kunst mit seiner wissenschaftlichen Expertise aus und setzt diese Erkenntnisse dann virtuos um. Dabei beherrscht er auch die leisen Töne. Wofür seine subtilen Acrylgemälde und auch seine Porträts im „Bananenpointillismus“ ein beeindruckendes Zeugnis liefern.


Köln: Sehnsuchtsort mit kritischen Untertönen

Auch wenn seine Spray-Bananen auf der ganzen Welt zu finden sind: Ausgangspunkt und künstlerische Heimat von Thomas Baumgärtel war, ist und bleibt Köln. Die Stadt ist Mikro- und Makrokosmos seines Schaffens, innig geliebt und doch kritisch beäugt, abstrakt thematisiert oder motivisch verewigt in wahlweise leiser, fast poetischer Acrylmalerei. Oder in lautstarken, subversiven Spray-Arbeiten. 30works zeigt in der „Cologne“ Ausstellung des Ausnahmekünstlers ausgewählte Arbeiten, die einmal mehr seine Vielseitigkeit zeigen. Seine fotorealistischen Gemälde vom Dom und dessen Umgebung stellen eine Hommage an die einst große Architektur Kölns dar; und sind in ihrer Erhabenheit und künstlerischen Zuspitzung fast unwirklich schön. Auch der einst reichen Industrielandschaft der Domstadt huldigt Thomas Baumgärtel auf seine Weise, indem er die Nippeser Clouth-Werke mitsamt mächtiger Stahlwalzen und Förderanlagen zu einer visuellen Ode verdichtet. Nicht minder poetisch mutet eine Ansicht des Ehrenfelder Helios-Geländes an, die er aus feinen Acrylschicht-Überlagerungen in diversen Grauschattierungen komponiert und zentralperspektivisch anlegt. Die Faszination für diese Orte ist biografisch bedingt: Baumgärtels Ateliers sind stets in alten, stillgelegten Industriegebäuden zu finden. „Die Höhe und Weitläufigkeit der alten Produktionshallen, die formale Strenge dieser Anlagen, das raue, fast archaische Ambiente: Dieses Erhabene, Kraftvolle berührt mich.“ Und so stellen diese Stätten sprichwörtliche Sehnsuchtsorte dar, die er mit filigraner Pinseltechnik zum Leben erweckt.

Doch dass sein Herz auch weiterhin für Street Art mitsamt der obligatorischen politischen Botschaft schlägt, beweisen andere Köln-Arbeiten: So zum Beispiel ein gesprayter Charlie Brown mit Narrenkappe und überdimensioniertem Bleistift, der die aktuelle Diskussion um die Absage des „Charlie Hebdo“-Karnevalswagens auf den Punkt bringt. Und süffisant bis sarkastisch fragt: „Wie, jetzt sin mer plötzlich nit mih Charlie...?“

Thomas Baumgärtel lebt und arbeitet in Köln. Er ist Gründer der Ateliergemeinschaft „CAP Cologne e.V.“ und hat mit renommierten Künstlerkollegen wie Heribert Ottersbach, Harald Klemm, Gerard Kever, Harald Naegeli, Thitz und M.S. Bastian zusammengearbeitet. Seine Werke sind in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter in der Kunstsammlung NRW K20 in Düsseldorf.

Yorca Schmidt-Junker, Köln 2015

 

 

Eröffnungsrede von Uwe Schummer (MdB) am Vorabend der Deutschen Einheit

zur Ausstellung "weder Ochs noch Esel" im Schloss Neersen, 2. Oktober bis 9. November 2014

25 Jahre, eine Generation, und wir sehen wieder täglich die Bilder. Übermüdete Gesichter in der deutschen Botschaft in Prag, das Erstarken der Demokratiebewegung in der DDR, die doch das Demokratische in ihrem Namen gefangen hielt. Jeder von uns hat auch seine persönliche Erinnerung an die glücklichste Zeit der Deutschen. Eine friedliche Revolution, die aus den Kirchen auf die Straße kam.

1987 besuchte ich erstmals Bürgerrechtler in Ost-Berlin. Wir schmuggelten Zeitungen, Bücher, Matritzen für Offsetdrucker an die Streitschrift der Grenzfall, die Umweltbibliothek. Engen Kontakt hielt ich mit Rainer Eppelmann, der mit seinen BluesMessen den Berliner Appell anregte. Für uns war es Abenteuer, manche erhielten Einreiseverbot, das war dann wie ein Ritterschlag, für die Menschen, die wir besuchten hieß das Urteil lebenslänglich.

Besuche bei Pfr. Eppelmann liefen so ab, dass entweder das Radio laut geschaltet wurde, oder wir gingen spazieren, weil klar war, die Stasi hört mit. In seinem Buch Fremd im eigenen Land schildert er, dass überall in seiner Wohnung Wanzen installiert, Duftnoten gesammelt, seine Familie zerrüttet und die Bremsen an seinem Auto so manipuliert wurden, dass er ohne Schutzengel verunglückt wäre.

Zwei Künstler, Harald Klemm und Thomas Baumgärtel, lassen diese Zeit aufleben. Ein Gemeinschaftsprojekt. Mit heutiger Distanz, ohne Euphorie und zeitlos. Denn die Mechanismen einer Diktatur leben weiter. Angst zu verbreiten, wie die IS, Demonstranten zu kriminalisieren, wie in Hongkong, wo Hunderttausende für freie Wahlen ihr Leben riskieren. Aber auch in demokratischen Gesellschaften lebt der Ungeist, alles kontrollieren zu wollen. Die SammelWut der NSA ist weniger politisch als pathologisch. Der Präsident selbst erscheint als Gefangener einer Datenkrake, die sich verselbständigt hat.

Thomas Baumgärtel hat die Banane 1986 erstmals gesprüht, zum Kunstobjekt erhoben. Nicht gerade sondern krumm, in dicker Schale und in gelber Warnfarbe. Weit sichtbar, schnell erkennbar. In der DDR war die Banane rar und nur mit Devisen zu bekommen, eine exotische Frucht mit viel Vitamin B. Etwas, was immer weiter hilft: die Bückware unterm Ladentisch, das berufliche oder auch politische Vorankommen. Vitamin B hilft weiter. Heute ist sie in den Stadien ein Symbol gegen Rassismus. Was als Verhöhnung gegen Fußballer gedacht wurde, haben Fangruppen ins Gegenteil gedreht. Sport kennt keinen Rassismus. Selbst Hitler mußte bei der Olympiade in 1938 den Sieger Jesse Owens ertragen.

Kunst überwindet Ängste, Mauern und Stacheldraht. Sie überlebt auch den Potentaten. Das Brandenburger Tor, Synonym für das historische Berlin, stilisiert mit dem biblischen Motiv der Schwerter, die zu Pflugscharen geschmiedet werden. Es erinnert mich auch an die Zusammenarbeit mit dem weltweit ersten und letzten Abrüstungsminister Rainer Eppelmann. Er wickelte die NVA ab, aus Kasernen wurden Sozialämter und Gewerbegebiete.
Wir sehen auf dem Motiv auch eine Tapete und eine Familie und ahnen das Gefühl der Trennung, weil gerade dieses Tor, das Brandenburger Tor, über Jahrzehnte verschlossen, zugemauert war. Familien auseinandergerissen wurden. Familien gegeneinander aufgehetzt wurden, wenn Kinder das Lied vom Sandmännchen singen sollten, und so verrieten, ob ihre Eltern Westfernsehen einschalten. Trennung, Vertreibung und Flucht sind für Harald Klemm der Antrieb seines Schaffens. Noch Heute erleben wir täglich, wie Familien ihre Heimat verlieren, Schutz suchen und dann auch noch vorbestraftem Wachpersonal, dass sich selbst als SS bezeichnet, ausgeliefert sind.

Einige Gedanken, die diese Ausstellung in mir hervorruft. Der Künstler ist frei in seiner Gestaltung und deren Interpretation. Doch auch der Betrachter ist frei mit seinen Gedanken und wird so selbst zum Künstler. Es ist die Freiheit, die uns antreibt. So war es vor 25 Jahren bei der sanften Revolution und so ist es Heute, da wir sehen, dass Demokratie verletzlich ist und Freiheit immer auch der globalen Verantwortung bedarf. Beiden Künstlern und den Organisatoren danke ich für ihre Initiative, uns allen wünsche ich Inspiration und gute Gespräche.

Uwe Schummer, Mitglied des Bundestages, 2. Oktober 2014

 

 

Am Anfang war die Banane…! Die Kunst von Thomas Baumgärtel

von Meinrad Maria Grewenig

(Eröffnungsrede und Katalogtext zur Ausstellung "Wein ist Banane" im Frank-Loebschen Haus 2013)

Lieber Theo Kautzmann, da bist Du nun einmal weg, als Geschäftsführer der Südlichen Weinstraße.., aber das ist morgen, heute, bist du noch da! Dir zum Abschied mit Thomas Baumgärtel zuzurufen: „Alles Banane…!“, dies ist mir ein tiefes Bedürfnis. Wenn Deine letzte Ausstellung im Rahmen der Weintage Südliche Weinstraße den Titel trägt, „Wein ist Banane“, so ist es in mehrfachem Sinne treffend. Für mich ist diese gelbe aufgesprühte Banane, solange ich denken kann, Hinweis auf Kunst und Symbol ausgezeichneter Kunstorte. Seit vielen Jahrzehnten leitet mich dieses Zeichen, und zeigt mir die Orte, an denen sich spannende Kunst erleben lässt oder eine aktive Auseinandersetzung mit ihr geführt wird. Diese gelbe aufgesprühte Banane markierte die Orte, auf die es ankommt.

Dabei handelt es sich bei dieser Banane um eine der frühen Formen der Street Art in Europa, die im städtischen und urbanen Raum einer Intervention gleich, Vorhandenes markiert, signiert und symbolisiert. Nicht Writing oder Tekking, wie das die Stars der U-Bahnen in den Bronx von New York machten, sondern Pochoir, schabloniertes Bild eines außergewöhnlichen und unüblichen Gegenstandes, einer Banane. Dies erfolgte in einer Konsequenz, die in ihrer Eindeutigkeit und Stringenz nicht zu überbieten ist. Manchmal erinnerte mich die immer wieder gleichartige Verwendung der Banane auch an konkrete Kunst oder Minimalart, auch ein wenig an Zero. Im Ergebnis war immer auch der Prozess des Werdens der Banane auf der Häuserfront oder Fassade mitzudenken. Damit ist die Banane nicht nur Symbol, pochierte Street Art, sondern auch immer gleichzeitig Konzeptart und Performance und vereint in sich viele, auch einzeln zu betrachtende wichtige Kunstrichtungen in einer Realisierung. Wie die Meister der Street Art war der Bananensprayer kriminalisiert, weil er besitzstörend in den öffentlichen Raum eingegriffen und ihn mit seinen Interventionen verändert hat. Diese - im Verhältnis zu den markierten Museen und Ausstellungshallen - kleine Banane hat die Visibility der Kunstorte bedeutend verbessert. Dabei ist der aufgesprühte Gegenstand durchaus mit einem Augenzwinkern und Freude im Herzen zu begreifen. Ist die Banane doch etwas, was immer noch einen außergewöhnlichen Hauch von Exotik und Exklusivität besitzt, auch wenn sie in unserer Welt heute wohlfeil sogar beim Discounter zu kaufen ist. Möglicherweise stellt sie das demokratische Bindeglied zwischen einer auf höchste Exklusivität ausgerichteten Kunst und einem allseits verfügbaren besonderen Geschmack unserer Zivilisation dar. Manchmal heißt Banane auch Musa Paradisiaca, was möglicherweise auf eine Herkunft aus dem Paradies schließen lässt. Das Zeichen ist damit auch von seiner Bedeutungsseite her maximal positioniert.

Erst viel später habe ich die Identität des in Köln lebenden und arbeitenden Künstlers Thomas Baumgärtel, der 1960 geboren wurde, hinter diesen Sprayerbananen realisiert. Hüllte er sich doch in der Anfangszeit bis zur ersten Aufdeckung in Anonymität. Erst die Sprayaktion am Museum Ludwig Köln, Mitte der 1980-er Jahre des 20. Jahrhunderts, führte dazu, dass Thomas Baumgärtel von der Polizei ertappt und sein Name damit öffentlich wurde. Inzwischen hat er mehr als 4.000 herausragende Orte der Kunst in der Welt markiert, miteinander vernetzt und zu einem Netzwerk außergewöhnliche Kunstorte verbunden. 1992 war er mit neun Bananen auf der documenta IX vertreten, die Jan Hoet geleitet hat. Bei dieser enormen Anzahl von markierten Orten in der Welt, ist es nahezu folgerichtig dass Thomas Baumgärtel sich ab dem Jahre 2000 dem Bananen-Pointillismus zuwendet. Ich habe mir das immer so vorgestellt als betrachte man die Welt aus einer Perspektive weit im Weltall. Plötzlich wachsen alle Bananen zu einem neuen Bild zusammen, das eine andere Bildanmutung hat, als die Elemente selbst. Dass schließlich Thomas Baumgärtel bewegliche Untergründe für seine Bananenspray-Aktionen einsetzt, die es ihm ermöglichen die nun entstandenen Objekte auch in Galerien und Museen zu bringen, entspricht dem Weg der Künstler die auf der Straße begannen und heute längst fester Bestandteil der Museumsszene sind.

Die fantastischen Weine der Südlichen Weinstraße, die machen die Winzerinnen und Winzer. Was sind aber die Weine wirklich wert, wenn Sie von den vielen Menschen, die sie schätzen und kaufen sollen, nicht angemessen wahrgenommen werden und wenn diese Weine in unserer Welt nicht angemessen sichtbar sind. Das lieber Theo Kautzmann ist/war Dein Geschäft, auch dass darüber hinaus die vielen ausgezeichneten Einzelkreationen an Weinen unter dem Label der Südliche Weinstraße wahrgenommen werden können. Das Label Südliche Weinstraße selbst wurde zur Auszeichnung, das haben Du und Dein Team auf das Außergewöhnlichste vollbracht. Hier schließt sich der Kreis zu den Bananenbildern von Thomas Baumgärtel. Diese gelbe Banane hat wie kein anderes Zeichen Kunst und Kunstorte markiert, hat gezeigt, wo in Städten und Häuserfluchten sich die Kunst verbirgt. Folge der Banane, wenn Du zur Kunst willst. Durch die Markierung mit der gelben Banane wurden und werden von außen nicht immer identifizierbar Orte letztendlich erst zu dem, was sie sind, Stand-und Zielorte der Kunst und unserer Fantasie. Nun haben die Weine der Südlichen Weinstraße auch eine Banane, Du hast schon vor Jahrzehnten gewusst, dass Wein und Kunst die beste Verbindung ist. In diesem Sinne danke und: Wein ist Banane.

Prof. Dr. Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbe Völklinger Hütte

 

 

Eröffnungsrede von Marko Schacher zur Ausstellung "Spraygramm" von Thomas Baumgärtel am 4. Mai 2012

Willkommen in der Bananenrepublik Schill. Es freut mich sehr, dass Ihnen die heutige Ausstellungseröffnung nicht Banane ist und Sie sich mit mir jede Menge krummer Dinger ansehen werden. Möge der Abend für alle Seiten fruchtbar sein!
1998, bei seinem ersten Besuch in Stuttgart, hat Thomas Baumgärtel – Ihnen allen besser bekannt unter seinem Pseudonym „Bananensprayer“ – in Stuttgart 14 Bananen gesprayt – u.a. vor dem Eingang der Staatsgalerie, des Württembergischen Kunstvereins, des Künstlerhauses und einiger Privatgalerien. Auch wenn es vier der Galerien inzwischen nicht mehr gibt, war bzw. ist die Chance, dass Sie tatsächlich ein Original von Thomas Baumgärtel bereits gesehen haben, sehr groß. Wobei sich bereits hier beim Stichwort „Original“ herrlich streiten ließe, weißt die Spraybanane doch auffallend und sicher bewusst Ähnlichkeiten mit der 1966 von Andy Warhol für die Band „The Velvet Underground“ entwickelten Plattencover-Banane auf. Zudem ist ein inzwischen bereits über 4000 mal gespraytes Motiv wohl eher ein „Multiple“, falls überhaupt, da jeglicher Verweis auf den Schöpfer und auch eine das Werk besiegelnde Unterschrift fehlen. Mit dieser Spraybanane markiert der Künstler Ausstellungsorte, die seinen persönlichen Vorstellungen von unabhängiger, guter Kunst entsprechen. Auch meine Galerie „Schacher – Raum für Kunst“ wurde heute Nachmittag – zusammen mit einigen wenigen weiteren Galerien – auf diese Weise geadelt. Nach wie vor bewegt sich der Künstler munter und motiviert im Niemandsland zwischen Sachbeschädigung und Wertschöpfung. Die meisten Kunstinstitutionen freuen sich inzwischen über das fruchtige Qualitätssiegel.
Der Staat tut das weiterhin weniger. Liest man seine vorübergehende Verhaftungen und Verhöre dokumentierenden Einträge auf der Internetplattform „Facebook“ gewinnt man den Eindruck, dass das anarchistische Potential, das der Sprayhandlung an sich bereits innewohnt, im Zeitalter der omnipräsenten Überwachungskameras zugenommen hat.
Hier im Kunsthaus Schill freilich haben Sie es, Dagmar Schill garantiert das mit ihrem guten Namen, eindeutig mit Kunst zu tun. Die Werke, viele davon auf klassischer Leinwand, hängen wie ordentliche Kunstwerke an der Wand, sind signiert und mit Werketiketten versehen bzw. über eine ausliegende Preisliste eindeutig identifizierbar. Und trotzdem, und da werden Sie mir sicherlich zustimmen, wachsen in dieser kunstzertifizierten Bananenplantage so manche anarchistischen Früchte. Papst Benedict hält – und das ausgerechnet auf einem Silbertablett – keine heiligen Insignien für uns bereit, sondern eine riesige Banane. Dass in Thomas Baumgärtels Version von Albrecht Dürers Kupferstich "Adam und Eva" zwei Bananen die verbotenen Früchte der Erkenntnis ersetzt haben, mag fast schon blasphemisch anmuten, entspricht möglicherweise aber tatsächlich mehr den topografischen Bedingungen des Handlungsortes. Die freie Abwandlung der Szenerie auf einem Metalltüren-Dipthychon – übrigens Reliquien des Circus Roncalli – macht die Angelegenheit nicht weniger provokant. Auch so manch eine Metamorphose der sogenannaten „Kölnbanane“ auf dem bereits 1987 entstandenen Gemälde mag allzu konservative Zeitgenossen nicht wirklich erfreuen. Mit Engelsflügeln ausgestattet, mit Heiligenschein versehen, die beiden Türme des Kölner Doms einnehmend und statt dem Heiland ans Kreuz genagelt, könnten Thomas Baumgärtels Bananen überzeugte Christen zu „Sodom und Gomorra“-Urteilen verleiten.
Das war übrigens von Anfang an so. Denn die unter einem angedeuteten Früchte-Label gekreuzigte Banane ist ein – Bananensprayer-Insidern längst bekannter – Verweis auf das allererste Bananen-Kunstwerk von Thomas Baumgärtel. 1983, damals war der Noch-Nicht-Künstler Zivildienstleistender im katholischen Krankenhaus seiner Heimatstadt Rheinberg, hat er ein von der Wand gefallenes Kreuz aufgehoben, den kaputt gegangenen Jesus durch seine gerade greifbare Frühstücksbanane ersetzt und wieder an den Nagel gehängt. Auch, um – wie er zugibt – die Ordenschwestern aus der Reserve zu locken. Das ist ihm gelungen. Die heftigen Reaktionen darauf haben ihn bestätigt, Kunst zu studieren. Insofern verarbeitet der Künstler hier auch seine Vergangenheit. Genau wie mit der Banane, die sich mit ihren Freudschen Verweisen auf das „Über-Ich“, „Ich“ und „Es“ und ihren medizinisch anmutenden Kürzeln als Verweis auf das parallele Psychologiestudium des Künstlers offenbart. Die schwarze, mit PVC gemalte Banane repräsentiert wiederum nach Aussage des Künstlers das Unbewusste, oft Verdrängte.
Und weiter im Provokations-Panoptikum des Thomas Baumgärtel. Ob ein etwas plumper Verweis auf die erotische Metaphernmacht der Banane heute noch provokant ist, müssen sie selbst entscheiden. Über die in einem Einmachglas als Reliquien angebotenen verdreckten Sprühkappen könnten sich eventuell einige schwäbische Hausfrauen aufregen. Und über den unten im Schaufenster präsentierten Slogan „Schule ist…Banane“ dürften sich die vorbeieilenden Schüler freuen, deren Eltern wohl weniger.
Und was ist eigentlich davon zu halten, wenn Thomas Baumgärtel fertige Ölgemälde von Kollegen einfach übersprayt, die vorgefundenen Szenerien mit Bananen und Comic-Figuren ergänzt, so seine Bildfindungen buchstäblich auf eine Ebene mit klassischer Landschafts- und Stilllebenmalerei bringt – und neben das Künstler-Kürzel seine eigene Unterschrift setzt.? Die Künstler und Hobby-Künstler wären wohl not amused.
Da die übermalten Gemälde aber selbst Adaptionen von großen Meistern sind, scheint es nur konsequent, dass Thomas Baumgärtel sie mit seinen Tim- und Struppi bzw. Snoppy und Woodstock-Figuren auf eine Ebene der Trivialkultur bringt bzw. sie mit seinen Früchten banalisiert bzw. ananisiert.

Mit seinem sogenannten „Bananenpointillismus“ und – ganz neu im Programm – seinem „Bananenstielpointillismus“ hat Thomas Baumgärtel einen an die Impressionisten des späten 19. Jahrhunderts anknüpfenden Malstil erfunden. Der Künstler benutzt hier Tausende mit Schablonen gesprayter Bananen bzw. deren Fragmente, um damit puzzleartig Bilder auf der Leinwand bzw. auf unserer Netzhaut zusammenzusetzen.
Das Allover der Reize verwirrt und fasziniert zugleich. Je näher man vor die Gemälde tritt, desto mehr wird es Banane. Je mehr Distanz man zwischen sich und das Werk bringt, desto klarer, schöner und übersichtlicher wird es.
Eine sehr schöne Mischung aus „Bananenpointillismus“ und „Bananenstielpointillismus“ ist übrigens die im sakralen Gold ausgeführte Darstellung des „Kölner Doms“ aus dem letzten Jahr.
Ob Marilyn Monroe oder Obst-Darstellungen Alter Meister – Thomas Baumgärtel bedient sich ganz im Sinne von Andy Warhols Maxime des „Anything goes“ munter und ohne Scheu im Gemischtwarenladen der neueren und älteren Kulturgeschichte.
Besonders angetan haben es dem Künstler die fast schon wissenschaftlich daherkommenden Zeichnungen der italienischen Künstlerin Giovanna Garzoni aus dem 17. Jahrhundert. Dass Baumgärtel für deren Adoptionen vergilbte Leintücher benutzt hat, in die einst Gummi-Walzen eingerollt waren, um die Patina eines alten Gemäldes nachzuahmen, zeugt von der großen Ehrerbietung des neuen Meisters vor der alten Meisterin.

Das wir hier um die Ecke ausgerechnet Steve Jobs, den Mitgründer der Firma „Apple“ Hamlet-gleich mit einem Apfel in der Hand erblicken, aber zusammengesetzt aus Tausenden von Bananenstilen, bezeugt des Künstlers ironischen Umgang mit den achso hehren Persönlichkeiten unserer Gesellschaft.
Die Strafe hat er prompt mit einer Sehnenscheidenentzündung vom Dauer-Schablone-Hochhalten und Dauer-Sprayen bekommen.
Die Suche nach neuen Techniken unterstreicht Baumgärtels spielerischen und experimentellen Umgang mit der Materie. Auch sein erstes und bisher einziges mit Hilfe von Bananen-Stempeln angefertigtes Werk, können Sie innerhalb der Überblicksausstellung hier im Kunsthaus Schill sehen. Es ist der zufrieden drein schauende Buddha-Kopf.
Einen mutigen Schritt hat der Bananensprayer mit seiner neuesten Serie, den sogenannten „Spraygrammen“ gewagt. Hier verschwindet die Banane nach und nach aus dem Bild – und ist nur noch als übersprayte Bananenschablone bzw. übersprayte Frucht auszumachen. Verdrängt wurde sie – vielleicht kann man das auch symbolisch deuten – von Utensilien aus dem Alltag des Künstlers und von Relikten der Poesie. Tacker, Zange und Computer-Kabel stehen der Palette, der Spraydose und der Banane im beige besprühten Wimmelbild des Bananensprayers mittlerweile auf derselben Hierarchieebene zur Seite. Ein Rechen wird zur Sonne, die herumwirbelnde Blätter und Schmetterlinge in den Arm einer Fliegenklatsche treibt. Weit und breit ist keine Banane zu sehen. Spätestens bei den wie ein Tagebuch funktionierenden „Metamorphosen“ werden Sie erkennen: Die Erscheinungsformen der Baumgärtel-Bananen sind ebenso mannigfaltig wie die Bildträger, oft Fundstücke, mit denen sie eine Symbiose eingehen. Die anlässlich des 150-jährigen Telefonjubiläums zum Posthorn mutierte Banane macht auf einem gelben Telefonhäuschen natürlich Sinn. Ebenso ein mit Bananenschlund versehener Totenkopf mit Atomstrahlenkranz auf einer sargartigen Metallabdeckung – eine Arbeit, die der Künstler mit einer Art Galgenhumor „Smiley“ betitelt hat. Sein auf eine Gasflasche gesprayter Projektentwurf für einen stillgelegten Hochofen in der einstigen Stahlindustrie-Metropole Dortmund verweist auf alternative Energiequellen. Und die „Frau von Heute“ hat sich ein Ölfass und somit zumindest den Monatsnachschub für Ihren City-Geländewagen gesichert.
Die Werke „Mücke“, „Banana Spirit 1“ und „Comic Spirit“ sind auf riesige Metallscheiben gesprüht, auf denen einst Gummischläuche aufgerollt waren. Reizvoll ist hier vor allem der Kontrast zwischen den locker, flockig im schwerelosen Raum herumfliegenden Motiven und dem schweren Untergrundsmaterial.

1998 hat Thomas Baumgärtel in seiner bisher wohl spektakulärsten Aktion eine überdimensionale Banane quasi in das Portal des Kölner Doms geschoben. Ähnlich surreale Verbindungen wollte er mit dem Brandenburger Tor und dem Hochofen 5 im Dortmunder Stadtteil Phoenix-West verwirklichen, ist jedoch an der Bürokratie und deren Bedenkenträgern gescheitert. Mal sehen, was aus den Vorhaben wird…
Sie sehen also, die Früchte der Arbeit von Thomas Baumgärtel sind vielfältig. Dank dieser ersten Einzelausstellung des Bananensprayers in Stuttgart, einer vom Künstler selbst zusammengestellten „Best Of“-Auswahl, wird endlich das gesamte, umfang- und abwechslungsreiche Oeuvre des Künstlers auch im Ländle bekannt. Vielleicht regt die Ausstellung und deren positives Feedback ja hiesige Vertreter der Street Art an, zum Maultaschen- oder Spätzles-Sprayer zu werden. Ich hoffe, nicht…

Bleibt mir nur noch, mich bei Ihnen zu bedanken, für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld – und Sie zu bitten. Machen Sie sich auf ihre eigene Schnitzel- bzw. Bananenjagd, schauen Sie bitte auch in alle Regale und Vitrinen, finden Sie eigene Assoziationen vor den Werken und finden Sie bitte den Mut und die Zeit mit dem anwesenden Künstler zu sprechen. Es lohnt sich. Und ist nicht Banane.

Marko Schacher M.A., Galerist, Raum für Kunst, Stuttgart

 

 

Eröffnungsrede von Dr. Johann-Peter Regelmann
Erntefest – die Konstanzer Ausstellung von Thomas Baumgärtel

Thomas Baumgärtel, vielen oder wenigstens manchen besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Bananensprayer“, feiert heuer ein Jubiläum. Denn es geht ins Jahr 1986 zurück, dem Jahr, in dem der Künstler erstmals mit Spraydosen und Schablonen bewaffnet sich daran begab, einen Kunst-Ort mit einer Spraybanane zu ehren. Museums- und Galeriebesucher werden sich erinnern, über solche Spraybananen schon einmal wenigstens optisch gestolpert zu sein. Sie haben eine künstlerische Quelle. Möglicherweise haben diese Menschen beim visuellen Erstkontakt auch gedacht: Was soll das denn? Gehört doch gar nicht dahin! Vandalismus!! Genau so haben die ersten „Opfer“ dieser Art Sprayaktion auch gedacht und entsprechend gehandelt. Ähnlich wie weiland Harald Nägeli, dem „Sprayer von Zürich“, erging es auch Thomas Baumgärtel – er wurde strafrechtlich verfolgt. Seither ist er mit seinem Rechtsanwalt gut befreundet ...

Wenn Sie nun zurückrechnen, so feiern wir hier also das 25-jährige Kunst-Dienst-Jubiläum dieser symbolträchtigen Frucht, die sich Thomas nicht umsonst ausgesucht hat. Die Findung der Banane und ihre Erfindung als Kunstsymbol hat jedoch eine noch weiter zurückgehende Geschichte. Alles begann nämlich mit seiner „Kreuzigung einer Banane“. Während seines Zivildienstes 1983/84 im katholischen, von Nonnen geführten Krankenhauses in Rheinberg am Niederrhein, seinem Geburtsort, fand er eines morgens in einem Zimmer auf dem Boden eine herunter gefallenes Kruzifix, das Kreuz unbeschädigt, der Corpus jedoch irreparabel zerbrochen. Das zentrale Symbol des Christentums am Boden zerstört – das durfte an seiner Dienststelle nicht sein. Also hob er das Kreuz auf und hing es wieder auf. Aber etwas fehlte. Man konnte noch den Schatten des Corpus auf dem Holkreuz erkennen, ein deutlicher Hinweis darauf, das dafür Ersatz hermusste. Durch Zufall entdeckte Thomas in einem Müllbehälter eine Bananenschale. Die schien ihm passend nach Größe und Materialbeschaffenheit, er brauchte ja etwas, das sich leicht am Kreuz befestigen ließ. Drei Nägel oder Reißzwecken waren schnell gefunden, und fertig und wie neu war ihm das Kruzifix. Leider konnten sich die Klinikleitung diesem ästhetischen Urteil nicht anschließen, der Künstler fand als solcher keine Anerkennung, vielmehr verlor er seine Zivildienststelle. Alles zusammen ergab, dass sich die vorgenommene Transsymbolisierung des Erlösers durch Transmaterialisation tief bei Thomas einprägte – bis sie sich wenige Jahre später in der Erfindung der Spraybanane öffentlichen Ausdruck verschaffte.

Die Banane – das ist aber auch irgendwie das Glück, sogar das ganz große, die Hoffnung, die eigentliche Heimat des Menschen, der es ja „später immer besser haben will“. Wie sehr die Sehnsucht nach genau dieser Frucht eine Mängel verwaltende Volkswirtschaft sozial prägen konnte, hat die ehemalige DDR uns vorgeführt. Und wenn Manni Kaltz, um kurz die Sete zu wechseln, seinerzeit eine seiner gefürchteten Bananenflanken von der Außenlinie in Richtung Horst Hrubesch ins Spiel brachte, brauchte der nur noch seinen Nüschel (so heißt das im Norden) hinzuhalten, und der HSV hatte mal wieder gewonnen und seine Fans in die Glückseligkeit befördert. Tausende Beispiele ließen sich noch anführen, aber diese beiden sollen reichen.

Mit Erwähnung der ehemaligen DDR berühren wir nach dem ästhetischen und symbolträchtigen den politischen Charakter der Kunst von Thomas Baumgärtel. Das manifestiert sich in seinem Werk mannigfaltig. So etwa in seiner Kriegsbilder-Aktion „Nie wieder Krieg – nur noch Bananen!“ aus dem Jahre 1996, zu der übrigens Simon Stockhausen eine Komposition beigesteuert hat. Für die Kunst und die künstlerischen Techniken ist daran besonders wichtig, dass alle diese Bilder Spraybilder waren, gemalt mit Hilfe von schwarzem und gelbem Spraylack und Bananenschablonen in vielerlei Größen, besser sollte man hier weniger „Größen“ als vielmehr von „Kleinen“ sprechen, sie sind nämlich zum Teil wirklich winzig. Diese auch Pochoir genannte Technik verlangt eine großartige malerisch-kompositorische Vorstellungskraft und höchste Präzision.

Im Jahre 2000 erschien dann die „Deutsche Einheit – wen.de“ als Ausstellung mit Katalog auf dem Kunstmarkt, die auch in Konstanz zu sehen war. Gemeinsam mit seinem Kollegen Harald Klemm beschäftigte er sich mit Vorgeschichte und Folgen der so genannten deutschen Wiedervereinigung. Selbstverständlich mit der Banane als stilprägendem Element wie der Bananenschablone als technischem Ausführungsorgan. Farblich war hier zwar das ursprüngliche Gelb-Schwarz der klassischen vorherigen Bananen-Spraytechnik-Bilder zwar durch Hinzunahme der dritten deutschen Farbe rot erweitert, aber dennoch eher reduziert geblieben. Aber nur ein Jahr später (2001) erschienen seine „Früchtebilder – Vielfarbiger Bananenpointillismus“ ebenfalls als ausstellungsbegleitender Katalog. Die Bilder waren bald darauf ebenfalls in Konstanz zu sehen. Hier entpuppte sich Thomas Baumgärtel endgültig als das, was einige seine Neider und Gegner ihm so lange abgesprochen hatten: als hochprofessioneller Farbenmaler, der die gesamte Farbpalette hervorragend beherrschte und im Umgang mit der Pochoir-Technik eine unglaubliche Virtuosität erlangt hatte.

Zum politischen Aspekt seiner Arbeit gehört aber auch, und das darf in dieser Würdigung eines Jubilars durch einen anderen politischen Menschen nicht fehlen, seine Kollegialität, seine Offenheit und seine Prosozialität. Die Gründung der großen Ateliergemeinschaft CAP Cologne in aufgelassenen Fabrikhallen der ehemaligen Clouth-Werke (eines Herstellers von Industrie-Gummiwerkstücken) in Köln-Nippes gehört dazu, für die er sich auch mit seinem Namen stets sehr stark engagiert hat (sie musste kürzlich umziehen), ist ein Beispiel dafür; das künstlerische Großprojekt „Könige der Herzen“ gemeinsam mit M.S. Bastian und Thitz, welches 1998 in einem wiederum großartigen Katalog seinen Niederschlag fand, sei als zweites Beispiel genannt, aber eben auch erneut ein Gemeinschaftsprojekt wie „wen.de“ stehen für seine Prosozialität und Kollegialität.

Auch in diesen Komplex gehörte allerdings die „Dom-Banane“ sowie das Großprojekt „Banane im Brandenburger Tor“, die durch Arbeiten in der Ausstellung vertreten sind. Wer je in den Genuss kommt, den Dokumentationsfilm zu der Aktion „Eine Banane im Kölner Dom“ zu sehen, wird verstehen, dass die manchmal einfach nur spaßig zu scheinende Kunst von Thomas Baumgärtel oft ganz im Gegenteil meistens planerisch und logistisch höchsten Ansprüchen genügende Teamarbeit unter der konzeptionellen Leitung des Künstlers ist. Eine riesige und tonnenschwere Bananenskulptur gut versteckt gehalten so nahe an den Kölner Dom heranzubringen, dass sie in einer Blitzaktion dann fast ohne Widerstände wenigstens bis in das Domportal hineingebracht werden konnte – das ist heute noch ebenso sehens- wie bewunderswertwert. Und noch heute wirkt es abstoßend, wie formaljuristisch, dümmlich und absolut humorlos und kunstunverständig sich der Herr Domprobst in der Diskussion mit Thomas und seinen Helfern schier in einen Herzinfarkt hinein ereiferte. Das hatte außer dem Kirchenmann selbst jedoch eigentlich niemand gewollt.

Was geschah danach, wie entwickelte sich das Werk Thomas Baumgärtels weiter? Nach einer längeren Phase des vielfarbigen Bananen-Pointillismus ereignete sich eine scheinbare Rückentwicklung, bezogen auf die Farbpalette. Thomas erfand eine moderne Variante der altdeutsch-gotischen Grisaillemalerei. Diese – nennen wir sie einmal so – „graue Phase“ begann etwa 2005 als „Neue Malerei in Acryl“. Die Banane wird selbstverständlich nicht vergessen, sie schleicht sich immer wieder ins Bild, so etwa, wenn im klassischen Motiv „Adam und Eva“ nicht Eva dem Adam einen Apfel, sondern der emanzipierte Adam vielmehr seiner Eva eine Banane darreicht; aber die stilprägende Frucht steht nicht mehr im Zentrum. In dieser Technik sind Bildserien zu den Themen „Menschenmassen“, „Holocaust“, „Supermarkt“, „Städtebilder“ „Industriekultur“, „Landschaften“, „Portraits“ und „Urlaubsbilder“ entstanden.

Und immer schon hat er neben Papier und Leinwand so ziemlich alles bemalt, was ihm in die Hände geriet – darin war er schon immer sehr eng mit seinen Kollegen von den „Königen der Herzen“ verbunden. Vor diesen Dreien war buchstäblich nichts sicher! Auch diesen Teil seines Werks sehen wir heute repräsentiert, Metall- und Holzgegenstände, meist Fundstücke aus Industrieanlagen, etwa ein Stahlfass und eine Gasflasche, wurden mit passenden Motiven besprüht, so auch ein Paddel mit einer Peanuts-Szene, die Snoopy und Woodstock in einem „Bananen-Boot“ zeigt. Assoziationen zu dem alten (Pseudo-)Kalypso-Schlager „Banana Boat“ von Harry Belafonte entstehen hier nicht zufällig. Bereits seit vielen Jahren ist auch der gelb-schwarz besprühte Kinderwagen von anno dunnemals dabei, in dem Thomas’ „liebste Kinder“ wohl einen Erschöpfungsschlaf schlafen - denn es handelt sich dabei um leergesprühte Spraylackdosen.

In letzter Zeit hat er sich einem weiteren Projekt zugewandt, dessen Ausgangsmaterial echte alte Ölbilder oder, im Falle von Klassiker-Werken, die Kunstgeschichte geschrieben haben, Reproduktionen davon sind. Letztere bilden die Serie „Die Alten Meister und die Banane“. Die hat er meistens auf Flohmärkten entdeckt, günstig bis billig erstanden und dann in Acryl mit comicartigen Szenen und Figuren übermalt und mit Spraylack übersprüht. In dieser Serie spielt die Banane wieder eine dominante Rolle, er dekliniert hier einen Teil des Formenschatzes seiner „Evolution der Spraybanane“ durch. Unter anderem taucht so die frühe „Michel-Banane“ wieder auf, den typischen deutschen Spießbürger mit Zipfelmütze karikierend. Aber auch die neueren Motive erscheinen, so das oben bereits erwähnte Peanuts-Motiv im Bilde „Am Königssee“. Das Motiv ist geschickt so platziert, dass die mit dem bekannten hohen Wiedererkennungswert behaftete Barockkirche St. Bartholomä schier mit ins Boot geholt wird.

In dieser zuletzt genannten Serie nähert er sich thematisch etwas, wenn auch nicht so zeitbezogen politisch, dem Werk des wohl bedeutendsten derzeitigen Graffiti-Künstlers an, Banksy lässt grüßen. Man kann dies als Hommage an einen Großen der Szene verstehen, aber auch als „erweitertes Zitat“ und dann wiederum als Ansatz eines eigenen neuen Weges. Thomas Baumgärtel wäre nicht er selbst, würde er nur den Alten und Toten seine ganz persönliche Referenz erweisen. Dieses eigene am neuen Weg drückt sich übrigens sehr schön und deutlich im Bild „Goldbär am Havelsee“ (Spraylack auf Öldruck) aus. Der lachende Goldbär vor wenig ausdruckstarker Landschaft macht wenigstens mal was aus der Öldruckvorlage. Und dann Goldbär, grinsend, mit einer Banane statt einer Mundraub andeutenden Honigwabe in der Hand – das lässt unmittelbar an das lebende Goldbärchen des deutschen Fernsehens denken: den Namensvetter des Künstlers Thomas Gottschalk.

Ja, und so ist und bleibt es doch die „Evolution der Spraybanane“, die einen sich seit 1986 konsequent haltenden thematischen Hauptblock in seinem Werk bildet. In mittlerweile gut 160 Manifestationen hat sich dieses „offene Kunstwerk“ als „work in progress“ niedergeschlagen und bedeckte vor seinem Umzug eine große Wand seines Ateliers. Es sind so ziemlich alle Themen des menschlichen Daseins und Treibens darin vertreten, oft aus gegebenem Anlass als Paragraphen- oder Äskulap- oder BSE-Banane oder zuletzt für die europäische Kulturhauptstadt Ruhrrevier 2010 die Phönix-Banane, eine 30 Meter lange Banane, die einen ehemals aktiven Hochofen krönt, die Ausstellung zeigt wenigstens zwei Abbildungsvarianten dazu. Die sollte die Wiederauferstehung dieses ehemaligen westdeutschen Industriezentrums und Hauptrepräsentanten des ehedem so genannten „Wirtschaftswunders“ als Kulturregion spiegeln.

Die Banane verbindet einfach alles bei Thomas Baumgärtel, sie symbolisiert konkrete Gegebenheiten und Anlässe, den universellen Zusammenhang aller Dinge, die Einheit der Menschheit und ihrer Bedürfnisse und Träume, aber auch ganz abstrakt das dies alles tragende Prinzip Kreativität. Letzteres ist wohl auch in Thomas’ Sinne das Wichtigste im Leben wie in der Kunst. Manchmal erscheint die Motivfülle aberwitzig in ihrer Vielfalt, aber das Leben der Menschen und der Dinge ist nun einmal schier unüberschaubar und wirklich oft dem Wahnsinn nahe. Da braucht es einen Hoffnungsträger und sein Hoffnung und sogar Erlösung verheißendes Bildsymbol. „Alles Banane!“, und wenn dem noch nicht vollständig so sein sollte, dann heißt es eben „Alles kann Banane werden!“ Das, und damit Thomas Baumgärtel als der Schöpfer all dessen, sind allein deswegen schon aus der Kunstwelt nicht mehr wegzudenken. Das sollte man nicht einmal zu denken versuchen, indem man diese Kunst als trivial abtut, wie es frühe Kritiker sich erlaubt hatten. Denn dann müsste man zugleich die gesamte Pop Art-Bewegung seit Ende der 1950er Jahre aus der Kunst verbannen. Und diese Bewegung, innerhalb deren Universum Thomas Baumgärtel seit 25 Jahren seinen unverrückbaren und autonomen Platz hat, hat sich ja unberührt von aller Kritik als die markdominierende Kunstrichtung von den 1960er Jahren bis heute etabliert.

Herzlichen Glückwunsch, Thomas, zu Deinem Erntefest!

Dr. Johann-Peter Regelmann

 

 

Katalogtext von Dr. Sandra Abend zur Einzelausstellung "Der medizinische Block - Frühwerke von Thomas Baumgärtel" im Wilhelm-Fabry-Museum Hilden 2009

Bekannt geworden ist der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel durch sein Markenzeichen, die gelbe Banane. Diese sprüht er seit 1986 als Gütesiegel an kulturelle Institutionen in der ganzen Welt. Kaum jemand weiß jedoch, dass sein facettenreiches, intermediales Oeuvre mit einem medizinischen Thema begann.

Die erstmalig im Wilhelm-Fabry-Museum ausgestellten frühen großformatigen Arbeiten stellen menschliche Köpfe dar. Sie wurden mit PVC gemalt und gegossen. Von der malerischen Umsetzung changieren sie zwischen abstrakter und gegenständlicher Form.

Bedingt durch die Materialeigenschaft weisen die Motive eine besonders hohe Plastizität auf. Viele Arbeiten erinnern an bildgebende Verfahren in der Medizin, wie an eine Röntgenaufnahme oder an ein CT. Sie geben verschiedene malerische Einblicke ins menschliche Innere und stellen Augen-, Mund- und Nasenhöhlen dar und zeigen die Luft- und Speiseröhre. Diese Parallele ist kein Zufall, da Thomas Baumgärtel im Krankenhaus als Zivildienstleistender in seiner „Röntgenzeit“ Bleischürze tragend bei ratterndem Geigenzähler die Aufnahmen erlebte. Diese Zeit sollte der Vorbereitung auf ein Medizinstudium dienen, aber er studierte Freie Kunst und Psychologie.

Eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema Psychologie in der Kunst setzt bei ihm mit einer Serie von 23 Zeichnungen im Jahr 1988 ein. Der Auslöser für die Thematik war ein Praktikum in einer Psychiatrischen Tagesklinik in Köln zu Beginn des Psychologiestudiums.

Die in diesem Zeitraum geschaffenen Werke sind Ausdruck der erfahrenen Situationen. Die kleinformatigen Zeichnungen, die ebenfalls in der Ausstellung präsentiert werden, stellen ein Gegengewicht zu den physischen Aspekten der sieben Köpfe dar. Sie sind in der Mischtechnik Kollage, Beize, Tinte und Bleistift entstanden.

Das Thema wird in den Arbeiten kritisch, makaber und zugleich humorvoll umgesetzt. Stark beeinflusst hat ihn bei der Darstellung der Arbeiten die Psychoanalyse, die sich unter anderem mit der prägenden Zeit des Menschen auseinandersetzt. Denn in der Pränatalen Phase erfährt das Kind im Mutterleib bereits Einflüsse, die es ein Leben lang prägen. So werden die Bildaussagen häufig über Baby- oder Kleinkind-Darstellungen transportiert. Alle Figuren auf den Zeichnungen haben auf ihrem Kopf eine Nummer aus ausgeschnittenem Zeitungspapier.

Die Ausstellung zeigt ebenfalls Motivvariationen der Äskulapbanane. Diese Darstellung, die als Idee in den 90er Jahren entstanden ist, stellt im künstlerischen Schaffen Baumgärtels eine der ersten Metamorphosen der Spraybanane dar.

Dr. Sandra Abend, Wilhelm-Fabry-Museum Hilden

 

 

Eröffnungsrede gehalten zur Ausstellung "BANANA STYLE" in der Galerie KulturRaum Speyer am 5. Juli 2009

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

es bestehen vielfältige Zugänge zum Reich der Bananenwelt, das auch das standesgemäß mit dem Standort bestimmenden Würdezeichen des Bundsbananenadlers gekennzeichnete Blaue Haus in der Maximilianstraße zu Speyer bedeutungsschwer und gelb markiert. "Banana Style", bedeutsame Aspekte aus dem Oeuvre des Künstlers residieren hier; eine solche Ausstellung wird nicht einfach gehängt, vielmehr ist die Galerie von seinem Motiv beherrscht und in sein Reich verwandelt. Seit dem 10. Dezember 1986 sprüht der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel das Abbild einer Banane, die er an von ihm auserkorene Orte von Köln in die Welt hinaus aufbringt und den Vorgang ganz obsessiv genau registriert. Er versieht sie so mit einem Prädikat, das als "besonders wertvoll" vom Künstler eine Anerkennung erhalten hat. Der Betrachter und Besucher der Stätte kann sicher sein, dort auserlesenen Kunstwerken zu begegnen.

War es anfangs ein Ärgernis und wurde als Zumutung betrachtet, setzte bald ein Wandel ein. Galeristen und andere Menschen lechzten förmlich nach einer Banane an ihrer Fassade. Ich darf in diesem Zusammenhang an eine gleichzeitig stattfindende Kunstaktion in Speyer, wohl angeregt von Ihnen, Herr Baumgärtel, des als Künstler längst vergessenen Hubert Otto Faath erinnern, der mittels einer Schablone und schwarzer Farbe eine besondere Brille mit brezzelförmig durchzogenen Gläsern als "Speyerer Weitblick" ironisch bestimmten Hausfassaden zufügte. Man konnte sich auch diesen Weitblick als Brosche oder als Multiple erwerben.

Thomas Baumgärtel bedient sich der Schablonenkunst, englsich "Stenciling", doch der Künstler benutzt treu der tradierten französischen Ateliersprache folgend den Begirff "pochoir". Dazu benötigt er eine Schablone, durch die mit Hilfe der Spraydose die Lackfarbe gesprüht wird. Als Kunstform ist Pochoir-. Technik vermutlich in den späten 70er Jahren in Amsterdam entstanden und hatte sich in Paris verbreitet. Bekannt waren Schablonenbilder mit politischen Aussagen, etwa mit dem Konterfei Che Guevaras beispielslweise. Auf die Banane als Zeichen kam Thomas Baumgärtel eher spontan. Er heftete als Zivildienstleistender im Rheinberger Krankenhaus eher übermütig und spielerisch seine Frühstücksbanane an den hervorstehenden Nagel eines Holzkreuzes, dem der Korpus fehlte. Die allmählich vertrocknende Banane veränderte ihre Form. Die Diskussionen darüber brandeten auf.

Ohnehin erscheint die Banane in der Symbolik, wenn man sie denn aufführte, nur negativ besetzt, u. a. als Phallussymbol und priapisches Fruchtbarkeitssymbol seit der Antike; im Christentum, im Mittelalter war diese Frucht noch nicht bekannt, wird sie seit dem 17. Jahrhundert unter den Lastern als Symbol für die Unkeuschheit männlicher Gedanken bildhaft eingesetzt. Ich erinnere mich noch an einen Prozess, den mein Vater als Richter gegen eine Lehrerin durchführen musste, die zum Beginn des Sexualkundeunterrichtes an Bayerischen Schulen angezeigt worden war, weil sie ihren Schülern die Verwendung der Kondome dadurch demonstriert hatte, dass sie diese das Kondom über eine Banane streifen ließ. Man Vater hat die Lehrerin übrigens frei gesprochen. Diese frühe Diskussion gehört wesentlich zu dem Verständnis der Banane als anstößiges Zeichen für den Künstler. Die Gestalt der gesprühten Schablone war nur ein Teil der Aktion, hinzu kam die Registrierung der Reaktion und darüber das Einbringen eines Ordnungssystems, eine Art Bananenkataster.

Man lernte dann Thomas Baumgärtel als intelligenten Aktionskünstler kennen, der mit Hilfe der Banane weittragende Kunstaktionen gestaltet hat. Für ihn ist so das Sprayen einer Banane mit Nachdenken über nichts geringeres als den Zustand von Welt und Kunst, die Selbstbesinnung, die Reflexion des eigenen Standortes bzw. Standpunktes. Politisch ist diese Aktion insofern, als im Sinne Bertolt Brechts beispielsweise jede gesellschaftliche Handlung politisch erscheint und sich so einmischt. So wird die Banane zum Zeichen der Verbindung von Kunst und Leben. Auch heimliche Aktionen mit großem öffentlichem Widerhall dienen dieser Selbstaufgabe. So überlistete der Künstler Besucher und Domkapitel zu Köln mit einer mächtigen Holzbanane, mit der er zeichenhaft den Zugang durch das Hauptportal gleichsam penetrierte. Ausgangspunkt war ein Protest gegen die Vertreibung von Obdachlosen von der Domplattform. So musste sich eben die Banane als Symbol den Zugang verschaffen und in den Kathedralkörper eindringen.

Die Banane nimmt dabei die Aufgabe eines Schlüssels wahr. Sie entschlüsselt ein komplexes Anliegen, erscheint aber als der Appell zur Entschlüsselung. Dazu fordert sie unübersehbar auf, weil sie neugierig macht. Nehmen wir nur den nun öffentlichen Vorschlag, im Brandenburger Tor in Berlin eine Banane zu positionieren. Ein symbolischer Ort und eine vielschichtige Aussage, war beispielsweise der Mangel an Bananen einer der Ausgangspunkte jenes Aufstandes, der zur Wiedervereinigung geführt hat. Sie kann zum Kennzeichen der Konsumkritik werden. Außerdem ist die Banane Welt- und Lebenszeichen. In der Form der Mondsichel strahlt sie das Gelb der Sonne aus. Sie ist ganz in Beuysscher Betrachtungsweise Lebensspender und Energieträger. Negativ besetzt ist das Bild von der Bananenrepublik, das mancher mit dieser an so symbolträchtiger Stätte untergebrachten Banane verbinden möchte. Gleichzeitig ist das Anliegen, auf einen Ort durch seine Verwandlung und Verfremdung aufmerksam zu machen und vielschichtige Probleme im Zeichen vereinfacht vor Augen geführt zu bekommen Anregung zur Veränderung.

Baumgärtel geht augenzwinkernd dran, auch bei Künstlerkollegen, die sich entgegen ihrer eigenen Doktrin verhalten. Wolf Vostell hatte gegen Baumgärtels Übersprayung eines seiner Fluxus- Objekte trotz des propagierten Fluxus als Kunst des Wandels massiv protestiert. Baumgärtel stellte sich im mit Bananen besprayten goldenen Mantel in der Art des bedeutenden die Moderne signalisierenden Mantels aus Klimts Gemälde "Der Kuss" und in der Pose der Freiheitsstatue in Köln mit der Fackel als Signal für die Freiheit der Kunst. Ein auf Holzlatten geschaffenes Gemälde zeigt ihn in dieser Pose auch in der Ausstellung.

Die Banane dient Baumgärtel als Instrument von Verwandlungen. Er greift dabei gleichsam bedeutsame Werke der Kunstgeschichte auf und verwandelt sie. So entsteht eine Art Kunstgeschichte in Zweitverwendung. Zweitverwendung bedeutet hier, der Künstler hat in der Kunstgeschichte epochale Arbeiten zitiert, verwandelt, in neue Zusammenhänge gesetzt und diese Arbeiten auch mit stark lavierter Acrylmalerei infolge der Monumentalisierung der Formate gegenüber ihrem historischen Vorbild einer Unschärfe unterzogen und erneut durch Grisaillemalerei dabei bedeutsam verwandelt. Er nennt dies selbst Bananenpointilismus. Dabei wird bei einigen dieser Arbeiten, der Körper des Vorbildes, nehmen wir Dürer oder Cranach mit seinen Adam- und Evadarstellungen oder das Liegende Mädchen François Bouchers dadurch aufgelöst, dass ihre Leiber aus einer Fülle von Bananen neu formuliert werden. Die Form der Banane nimmt auf diese Weise die Funktion der Tâches beim französischen Pointilismus ein. Und ikonographsich wird eben aus der Frucht vom Baum der Erkenntnis, die nur in einer ikonographischen Tradition zum Apfel wurde, als Banane eingefügt. Die Vielzahl der in Bananen umgewandelten Bildzeichen reicht bis zur Narrenkappe des Kölner Oberbürgermeisters.

Auch die Subkultur feiert in der Zweitverwendung fröhliche "Bananisierung", wenn auf alten Flohmarktgemälden sich Bananenmaja oder Bananensnoopy sich tummeln. Alle großen Idole der Welt setzen sich mit einer Banane in Pose oder sind aus Bananen zusammengefügt wie Archimboldos gleichnishafte Köpfe, von Helmut Kohl bis zur Papstbanane. Die Kreativität Baumgärtels feiert im Zeichen der Banane in unermesslicher Vielfalt Ihre Lebendigkeit. Es geht Baumgärtel wie bei jedem ernsthaftem Kunstwerk um die Aneignung der Form, ihre stilistische Weiterentwicklung und ihre Vervielfältigung.

In manchen der grauen Bilder mit jener charakteristischen Unschärfe scheint die Banane verdrängt zu sein. Auch bei der großen Ansicht des Speyerer Domes vom Badischen Ufer aus wohl nach einer Farblithographie des frühen 19. Jahrhunderts fehlt die Banane. Da frage ich mich natürlich: Hammerse noch nicht verdient, fehlt der Speyerer Weitblick oder was. Mensch Baumgärtel, ran an die Banane!

Clemens Jöckle

 

 

Eröffnungsrede gehalten zur Ausstellung "Oh Banane,...du paradiesische Frucht!" am 25. April 2008 in der Neue Kunst Gallery, Karlsruhe

"Oh Banane,...du paradiesische Frucht!" Welch trefflicher Titel für zwei Themen, die hier schwesterlich vereint werden: Die Banane und das Paradies!

Wie stellen wir uns heutzutage das Paradies eigentlich vor?

Heinrich Krauss schreibt in seinen ersten Sätzen des Buches: „Das Paradies“:„Das Wort Paradies ist heute weitgehend zur bloßen Metapher geworden. Man spricht ganz ungeniert von „Einkaufsparadiesen“ oder „Steuerparadiesen“, und kaum jemand fragt sich noch, was die nach dem biblischen Garten „Eden“ benannten Hotels mit ihrem Namen eigentlich versprechen wollen. Auch denkt man sich nicht viel dabei, wenn die Tourismusindustrie mit Bildern von jugendlichen Schönen Menschen an palmengesäumten Stränden unter einem ewig blauen Himmel für ihre „Ferienparadiese“ wirbt. Allenfalls verrät noch die Rede vom „Paradies der Kindheit“ oder von einem „paradiesischen Frieden“ etwas von der offenbar tief im Menschen verankerten Nostalgie nach einem Ort des Glücks und von seiner Sehnsucht nach der Wiederkehr eines unbeschwerten Lebens in Harmonie mit der Natur“[1].

Verspricht uns die Banane als paradiesische Frucht dieses unbeschwerte Leben?

Thomas Baumgärtel ist es gelungen, eine neue Haltung für das in der Kunstgeschichte so unzählige male grandios behandelte und beliebte Thema zu finden, was ihm nicht ohne umfangreiche Auseinandersetzung mit der Historie des Themas möglich gewesen wäre. In einem Prozeß der Auseinandersetzung mit dem Mythos des Paradieses, von den bereits bestehenden Highlights in der Malereigeschichte ausgehend, hinterfragt er banal erscheinende Selbstverständlichkeiten, wie z. B. die Identität der paradiesischen Frucht:

Wer sagt, daß es sich um einen Apfel gehandelt hat?

Auf Sri Lanka erzählt man sich, dass Eva im Paradies ihren Adam nicht mit einem Apfel, sondern mit einer Banane verführt habe. Eine alte Legende, die den Wissenschaftler Carl von Linné dazu veranlasste, der Kochbanane den wissenschaftlichen Namen "Musa paradisiaca" zu geben.

Der Künstler hinterfragt ebenfalls die Vorstellung eines konkreten Ortes: Ist das Paradies überhaupt geographisch lokalisierbar und wenn ja, welche Frucht würde an diesem Ort als paradiesische Frucht in Frage kommen?

In der aktuellen Ausgabe des National Geographic wird eine neue Serie, in der Forscher Mythen der Bibel zu entschlüsseln trachten, mit dem Thema des Paradieses eingeführt. Die Suche des Autors Christian Schüle nach der geographischen Lage des Paradieses (In den Bergen Kurdistans, im nördlichen Iran, in der Oase Ezmirghan im Iran, im Tal im anatolischen Hochland?) bestätigt uns, daß eine viel größere Wahrscheinlichkeit besteht, daß die Paradiesfrucht viel eher eine Banane als ein Apfel gewesen sein könnte[2]. Letztendlich aber, so muß er selber einräumen, handelt es sich bei der biblischen Schöpfungserzählung um ein Stück hoher Philosophie über die existentielle Frage, wie das Böse in die Welt kommt. Die Paradies-Erzählung verfolgt das moralische Ziel, den Menschen zur Eigenverantwortung in der Gemeinschaft zu erziehen[3].

Wie beantwortet die Kunst der Vergangenheit die Frage nach dem Ort des Paradieses? Das es sich dabei um keinen geografischen Ort handelt, liegt beim Anblick der weltberühmten Ebstorfer Weltkarte - der ersten Weltdarstellung in der bildenden Kunst - nahe, die weniger die physische Geographie der Welt als die Weltgeschichte ins Bild setzt, und in der das Paradies im äußersten Osten (oben!) als ummauerter Bereich eingezeichnet wurde[4]. Hier lassen sich auch kunsthistorisch unzählige Assoziationen und Querverweise aufzählen, denn ein ummauerter Bereich nimmt das Thema des hortus conclusus auf, ein geschlossener Garten, indem die Jungfrau Maria häufig mit dem Zeichen des Einhorns dargestellt und als Paradies verstanden wird. Doch das würde in unserem Zusammenhang zu weit führen. Hier möchte ich lediglich auf den Sinnzusammenhang zur Arbeit „Katharina“ von 2007 hinweisen. Diese Acrylarbeit mit dem Portrait einer jungen Frau strahlt eine fast mystische Besinnlichkeit, fast schon etwas Mariologisches aus, was durch die Kopfbedeckung, die an eine typische Gewandung im Stile der Werke von Simone Martini erinnert, betont wird. Eine vollkommen moderne Betrachtung des Themas Paradies, das man durch das Wissen darüber, einen guten Freund zu haben oder einfach durch die Betrachtung des Schönen erfahren kann.

Für uns ist relevant, daß Thomas Baumgärtel uns in einen geschlossenen, für nur wenige zugänglichen Bereich - ins Paradies - mitnimmt, das wir mit seinen Bildern beobachten, betreten und erleben dürfen. Wir kehren zu den Wurzeln der Menschheitsgeschichte zurück und sehen Adam und Eva im Paradies – natürlich mit Bananen!!

Die speziell für die heutige Ausstellung geschaffenen Werke, die dem Thema des Paradieses gewidmet sind und sich auf den Moment kurz vor dem Sündenfall, dem Augenblick der Verführung und der spannungsvollen Stimmung zwischen Adam und Eva konzentrieren, bauen in der Thematik aufeinander auf: In einer bestimmten Reihenfolge betrachtet oder gedacht, ergeben sie eine Geschichte, eine Art Comic-Abfolge. In dem ersten Bild reicht der emanzipierte Adam Eva eine Banane: Wer sagt, daß es Eva war, die Adam verführte? In dem zweiten Bild, der aus der logischen Folge heraus sich anschließt, hält Eva die Banane in ihrer Hand. Im nächsten Bild sind es bereits zwei Bananen, die sich in dem Szenarium des Geschehens befinden. Folglich ist auf dem darauf aufbauenden Bild eine Bananenstaude zu sehen.

Im Kontext der zeitgenössischen Kunst Werke mit dem Titel „Adam und Eva“ oder „Das Paradies“ zu malen ist keine leichte Angelegenheit und eine künstlerische Herausforderung. Thomas Baumgärtel findet eine neue, eigene Form, das Paradies zu thematisieren wobei er die großen kunstgeschichtlichen Vorbilder der Malerei nicht ignoriert, ja sogar seine Wertschätzung mit einer Art Hommage an die großen Künstler wie Cranach, Dürer und Tizian ausdrückt. Im Mittelalter und in der Renaissance war das Thema „Adam und Eva“ oder auch andere mythologische Erzählungen notwendiger Vorwand, um Akte, die Schönheit eines nackten Körpers - normalerweise eine Göttin – malen zu dürfen und gleichzeitig die Ideale der Proportionen, des Inkarnates und des Femininen und Maskulinen, also auch die künstlerischen Fähigkeiten des Autors zur Schau zu stellten[5].

Thomas Baumgärtel nutzt diese Vorlagen, um die Qualitäten der Banane und seine Vorstellung des Paradieses und der Geschichte von Adam und Evas Sündenfall zu thematisieren. Er betont hiermit sein ganz persönliches Hinterfragen der intimen Situation im Paradies, die von niemandem beobachtet werden konnte und führt sie ad absurdum, in dem wir alle dabei sein dürfen, um den historischen Moment des Ursprunges der Menschheitsgeschichte mit weitreichenden Folgen in einer neuartigen Interpretation zu betrachten.

Das erste Acrylgemälde (Die verbotene Frucht, 2008) kennen wir von der Einladungskarte. Es zeigt im Vergleich zur Vorlage, das berühmte Werk von Lucas Cranach d. Ä, 1513/15, eine seltsam milchig-blaue Farbigkeit, als wenn wir das Bild hinter einer bläulich-schimmernden Plexiglasscheibe betrachten würden. Der Künstler entwickelt diese Farbigkeit im Malprozess selber ohne bestimmte Zielsetzung, so sagte er mir, als ich ihn darauf ansprach. Und damit wäre die mit Sicherheit aufgekommene Frage beantwortet, ob der Druck der Einladungskarte defekt war: Keineswegs, es entspricht dem Original! Dieser oben beschriebene Effekt macht die Welt, in der sich Adam und Eva befinden, irgendwie unnahbarer, der direkte, fast voyeuristische Blick auf die nackten, idealen Körper wird uns nicht gegönnt und wir dürfen die Szene nur „unscharf“ und wie im Nebel wahrnehmen.

Das Werk von Lucas Cranach d. Ä. zeigt - wie zu Beginn des 16. Jahrhunderts üblich, da es sich um etwas völlig neues handelte -. die realistische Darstellung eines nackten Menschenpaares in Haltung und Konturen der Figuren noch in großer Abhängigkeit von den idealisierten gotischen Darstellungsformen. Thomas Baumgärtel verändert nur wenig, aber gezielt: Er legt erneut Eva eine Banane in die Hand, die sie Adam verführerisch anbietend entgegenstreckt. Ein weiteres Werk läßt sich in der Abfolge der Erzählung parallel oder sogar noch als Vorgänger dieser Arbeit einstufen. In diesem ebenfalls großformatigem „Adam und Eva“ von 2007 wird die selbstverständliche Annahme hinterfragt, Eva hätte Adam zur Sünde verführt. Hier bietet der emanzipierte Adam Eva die Banane an, während Eva ihren Apfel etwas schüchtern vorzeigt! Die formale und inhaltliche Zuordnung der beiden Früchte zu den jeweiligen Körperteilen, die mit der Form eines Phallus und der weiblichen Brust assoziiert werden, lassen diese zu sexuellen Zeichen werden.

Auf dem Baumstamm in den Werken Cranachs ist eine interessante Beobachtung zu machen: Eine weitere Schlange (außer der am obigen Bildrand vom Baum auf Eva heruntergleitende) scheint über den Baumstamm zu kriechen. Sie ist geflügelt und begegnet einem immer wieder an versteckten Stellen auf den Bildern Lucas Cranachs. Diese geflügelte Schlange war das Signum des Malers[6]. Es kommen also das Signum eines weltberühmten Malers wie Lucas Cranach und das Signum Thomas Baumgärtel in diesem Bild zusammen.

Durch eine besondere Maltechnik des Künstlers, der seine Malerei in vielen zum Rand hin immer dünner werdenden Farbschichten aufschichtet, sehen selbst die Figuren wie Zeichen aus. Die Inkarnatdetails verschwimmen beim Herantreten, die konkreten Körper von Adam und Eva sind nicht mehr fassbar. Aus der Ferne jedoch scheinen wir den beiden Protagonisten der heutigen Ausstellung erneut Näher zu sein, denn wir nehmen wieder genauer Formen und Farbigkeit wahr. Eine Spannung entsteht, die nicht zu vermeiden ist. Wir werden als Betrachter in einer Art Dilemma hineingeworfen, ohne uns dieser Wirkung entziehen zu können.

Das zweite Bild dieser Serie, „Eva mit Bananen“, 2008 (Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm) ist nach Dürers Kupferstich von 1504 entstanden. Über diese Vorlage erfahren wir in einer Vortragsreihe 2007 zu „Adam und Eva“ in der Dürerstadt Nürnberg, von Dr. Christian Schoen, dass Dürer in unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmedien den ersten Mann und die erste Frau als „Abbilder der Vollkommenheit“ entworfen hat. Erstmals in der nordalpinen Kunst konzentriert sich die Darstellung von Adam und Eva nicht primär auf die Präsentation der Ursünder, sondern thematisiert den idealen Zustand des Menschen vor dem Sündenfall. Mit dem Kupferstich Adam und Eva, auch bekannt als Erbsünde, schafft Dürer eine meisterhafte Darstellung der idealen menschlichen Proportionen, zwei Modelle klassischer Schönheit mit perfekter Darstellung der Gleichgewichtshaltung eines Körpers.

Thomas Baumgärtel gibt uns ebenfalls eine neuartige, gewagte und humorvolle Interpretationsbasis an die Hand. Er legt Eva in die diskret hinter ihrem Rücken nach hinten weisende linke Hand eine Banane hinein. Wir fragen uns, ob Eva diese für sich behalten möchte und vor Adam zu verstecken sucht. Schliesslich hat Adam vor seinen Füssen eine reife und appetitliche Frucht liegen, die sich fast schon zum Essen anzubieten scheint und er widmet ihr überhaupt keine Aufmerksamkeit. Statt dessen wendet er sich voll und ganz Eva zu, streckt seinen linken Arm leicht angewinkelt etwas aus und öffnet dabei etwas die Hand. Durch die Hinzunahme der Banane in Evas Hand hat sich die Bildbedeutung vollkommen verändert.

Jetzt fällt ein Sinnzusammenhang auf, der sich durch die Betonung einer horizontalen Achse erst ergibt: Die Hand Adams scheint nach der wohl doch gesichteten Banane zu greifen. Er fordert Eva auf, ihm diese zu geben. Die Hand Adams, die Adam und Evas Schamgegend bedeckenden Feigenblätter und die Banane in Evas Hand bilden eine optische Reihung. Die Ernsthaftigkeit der Situation kurz vor dem unvermeidlichen Sündenfall wird zu einer sehr menschlichen, jedermann bekannten Situation und bezüglich der Handlung in unsere aktuelle Lebenswelt transportiert. Der Betrachter ergänzt beim Anblick dieser Darstellung schmunzelnd in seinem Gedanken die angedeutete Geschichte. Ein Film heiterer, alltäglicher Beziehungssituationen beginnt in unserem Kopf abzuspulen. Vielleicht streiten sich Adam und Eva um ihre Banane, vielleicht gibt es aber auch Versöhnungsküsse... Das dramatische Thema des Sündenfalls und ewiger Verdammnis zu lebenslanger Arbeit tritt vollkommen in den Hintergrund! Es geht um die paradiesische Frucht: Alle wollen Sie haben!

Das nächste Bild – folgt man der Logik der Anzahl der Bananen - ist ein großformatiges Acrylbild, „Das Paradies“, 2008, (Acryl auf Leinwand, 280 x 160 cm), eines der eindrucksvollsten und größten Werke in diesem Zyklus, das sich an das Meisterwerk von Tizian (Sündenfall, um 1488/90, Museo del Prado, Madrid) anlehnt und eine eigene Ausdeutung, frische, neue Gesichtspunkte in das „verstaubte“ museale Thema hereinbringt. Der Künstler setzt eine große Bananenstaude mittig ins Bild, die sofort ins Auge fällt. Außerdem ist die Vorlage raffiniert verändert worden und im Vergleich mit dieser die neue Aussage leicht zu entdecken. Tizians „Adam und Eva“ ist heller und freundlicher geworden und zeigt in dieser neuen Version nicht mehr schwere, dunkelbraune Farbtöne am Baumstamm, den Blättern und den Landschaftselementen im Vordergrund.

Die Technik, die Thomas Baumgärtel schon in seinen Landschaftsbildern wie z. B. „Weg mit Bäumen“ von 2007 zum Thema macht, findet auch in diesen Arbeiten seine Anwendung und gibt den Arbeiten eine ganz besondere malerische Qualität. In zahlreichen Acryl-Schichten (15-20) arbeitet er in unzähligen Arbeitsstunden in einem Grenzbereich zwischen Fotografie und Malerei und fordert unsere Wahrnehmungsfähigkeit, unser optisches Urteilsvermögens. Interessant ist dabei ein Moment des Kippens vom Figurativen ins Nicht-Figurative, er bewegt sich zwischen zwei Welten.

Thomas Baumgärtel schafft eine beschwingte, heitere, paradiesische Atmosphäre. Er ersetzt den dickstämmigen, schweren Apfelbaum durch eine zierliche Palme, die eine reiche, strahlend gelbe, appetitliche Bananenstaude mit reifen Früchten fast auf Augenhöhe der Figuren anbietet. Die Landschaftselemente zwischen den beiden Figuren ist auf den hellen, unbestimmten Farbgrund reduziert, es ist kein heranziehender Sturm ist in der Ferne zu erahnen. Im Baum in Tizians Bild bietet ein kleiner Junge, die Personifizierung der Schlange, Eva einen Apfel, die verbotene Frucht an und verführt sie damit zur Sünde. Baumgärtel läßt den Verführer gänzlich weg.

Es ist Eva, die sich bewußt nach der Frucht streckt, selber diese Tat begeht, offensichtlich aus freien Stücken. Damit wird die gesamte Szene neu interpretiert. Wir haben hier den Zustand eines Paradieses, der sich nicht zu ändern scheint, der keine sich nähernde Bedrohung, keine zu erwartende Vertreibung spüren läßt. Haben wir eine zweite Chance? Der Künstler versetzt uns in die Lage, den Sündenfall nicht als Erbsünde mit fatalen, nicht revidierbaren Folgen, sondern als Chance zu sehen, jeglicher Freiheitsberaubung, dem Verbot von der Frucht der Erkenntnis zu kosten, zu trotzen. Geniessen wir die Folgen unserer Taten!

Der Mensch wird als Entscheidungsträger mit freiem Willen verstanden, der genüssliche Momente bewußt wählt. Die knisternde, sinnlich-erotische Luft, die man in diesem Bild einatmet wird motivisch vom Künstler unmissverständlich betont: Baumgärtel setzt eine farblich herausragende und mit ihrer prominenten Lage im Bildkontext auf neutralem Hintergrund zwischen den beiden Figuren plazierte Staudenblüte in voller Größe als eindeutig phallisches Zeichen. Die zarte, vorsichtige aber leidenschaftlich bestimmte Berührung Evas Brust durch die Hand Adams als gleichzeitige Handlung zur Bananenernte Evas schliesst thematisch den Kreis der Verführung. Der Künstler stellt nicht Adam und Eva während oder kurz vor dem Sündenfall dar. Sein Bild ist die traumhaft schöne Darstellung der Freude an dem Sinnlichen und Schönen!

In seinem Œvre sind die Werke, die extra für diese Ausstellung in Karlruhe geschaffen wurden, ein neuer Schritt. Nach der eindringlichen Serie Gelb-Schwarzer Arbeiten im Stile des „Bananen-Pointillismus“, modifiziert sich nach und nach die Farbpalette zu einem immer stärker in den Vordergrund rückenden Grauton. Auf diesem Wege war die Arbeit „Obst und Gemüse vom Niederrhein“ aus dem Jahre 2005 die erste Übergangsarbeit, in der das bislang zwecks starker Konstrastierung zum Gelb eingesetze Schwarz durch ein Braunton ersetzt wurde. Das Bild mit dem Dommotiv zeigt eine gewisse Unendschloßenheit zwischen gegenständlicher und ungegenständlicher Malerei. Die Motive, die lediglich Anlaß sind, um den malerischen Prozeß zu unterstreichen sind vor allem Landschaften. Ab 2007 entstehen die ersten Adam und Eva-Bilder, in denen zunächst ganz schüchtern und leise blaugraue Grundtöne, fast wie ein milchiger Überzug zu beobachten ist, die den Weg für eine wachsende Farbigkeit bahnen, die sich langsam in die Werke einschleicht.

Vor allem in den neuen Werken „Eva mit Bananen“ 2008, „Die verbotene Frucht“ 2008 und „Adam und Eva“, 2007 werden wir zu einer Art unscharfem Sehen gezwungen, denn nur die dichtesten Zonen dickster Malsubstanz geben Konturen und Formen der Materie an, die wir im Bild zu sehen im stande sind. Die Ränder laufen immer mehr nach außen hin in undeutliche Farbzonen aus, die gemalten Flächen werden transparenter bis sie hauchdünn nur noch Formen andeuten und mit dem Farbgrund verschmelzen. Dadurch entstehen herausragende „Hauptflächen“, die umrandet werden von immer weniger dichterer Farbmasse.

Die Entstehung einer Form mittels der Malerei, mit Hilfe des Malmittels Farbmasse, das Prozesshafte der Bildentstehung ist zum Hauptthema geworden!! Auch in unseren Bildern mit Adam und Eva sind die Körper Anlaß für die Gestaltung der Formen durch Farbschichten. Die sinnliche Erfahrung des Entstehungsprozesses, der Geruch nach zahlreichen Farbschichten und das haptische Vergnügen beim Anblick der Farbe vereint sich mit dem sinnlichsten Thema der Malerei überhaupt: Der Darstellung des Paradieses!!

Thematisch gibt es einen interessanten und eindeutigen Zusammenhang zwischen den hier hängenden Werken zum Thema „Adam und Eva“ und dem Werk „Heilige Bananenschale“ (Acryl auf Leinwand, 200 x 170 cm), das sich in einem anderen Raum befindet und auf die vor-sich-hin-verwesenden und schrumpfenden Banenenschale bezieht, die immer mehr einem Corpus Christi ähnelt. In den Werken Baumgärtels ist die Banane der Grund des Sündenfalls und nicht der Apfel.

Da die Konsequenz des Sündenfalls der Ofpertod Jesu ist und dieser als „neuer Adam“ Mensch wird, damit er uns von den Sünden erlösen kann, wird in den bildnerischen Darstellungen der neue Adam immer (so z. B. bei Stefan Lochners „Maria in der Rosenlaube“) mit einem Apfel in der Hand gezeigt, seinem Identifikations-Signum. Sich am Kreuze opfernd, wird er – reinterpretiert durch Baumgärtel - nun folgerichtig selber zu einer sich langsam verzehrenden und trocknenden Banane, womit der Kreis zur „Heiligen Bananenschale“ und zum mariologischen Themenkreis in dieser Ausstellung geschlossen wäre. Das Tryptichon „Der Ursprung“, 2008 (Lichtechte Tinte auf Papier, 41 x 95 cm) führt den o. g. Zusammenhang wunderbar vor Augen.

Oh Banane, du paradiesische Frucht: Was hast Du mit Sünde zu tun? Die Erzählung in Genesis 3, die christlich als „Sündenfallerzählung“ gewertet, hebräisch neutraler als „Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden“ bezeichnet wird, ist vielfach philosophisch und psychologisch gedeutet worden. Der deutsche Idealismus sah in ihr den Mythos vom Erwachen des Bewusstseins und ging so weit, den Menschen nach dem Essen der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse nicht mehr als „Menschen“ im Vollsinn zu betrachten. Psychologische Deutungen wollen darin eine verschlüsselte Darstellung des Adoleszenzkonflikts erkennen, in dem sich die „unschuldige“ Elternbindung stufenweise löst und eine erwachsene, durch Freiheit und Schuldfähigkeit gekennzeichnete Identität entsteht. Dabei wird der Baum der Erkenntnis auch auf die Entdeckung der Sexualität hin gedeutet.[7]

Thomas Baumgärtel thematisiert die Lustfeindlichkeit der Religionen und stellt die Notwendigkeit, in Frage sich ein Ende des Paradieses vorstellen zu müssen, der durch unseren natürlichen Drang nach Erkenntnis, nach Wissen und nach Lust verursacht worden sein soll. In einigen Werken, und ganz besonders deutlich in „Die Doppelmoral“ (Spraylack auf Öldruck, 64 x 90,5 cm, 2004) wird seine Stellung hierzu ganz deutlich. Seine Paradiesdarstellungen sind überflutet von allerlei sinnlichen Elementen, Formen und mehrdeutigen, erotisierenden Situationen, die er schafft. In dem Werk „Doppelmoral“ wird die paradiesische Frucht Banane zur Symbolik des sündhaften Geschlechtaktes in Form zweier überdimensioalem Phalli, mit denen die Jungfräulichkeit der Muttergottes mit dem Kinde aufs heftigste ironisiert wird. Diese Symbolik wird in den Bananenpfeilen der Banamor-Figuren in abgeschwächter Form aufgegriffen.

Und warum sollten wir nicht die Frucht vom Baum oder der Staude der Erkenntnis kosten dürfen? Wären wir dann nicht in der Lage, zu erkennen? Erkenntnis kann doch Spaß machen!! In der europäischen Kunst und Literatur ist die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies allgegenwärtig. In Goethes Faust schreibt Mephisto im Professorentalar dem wissbegierigen Studienanfänger ins Stammbuch, was die Schlange versprach und was als Überschrift offenbar über dem ganzen Drama des Erkenntnisdrangs und der Grenzüberschreitungen stehen soll: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ - „Ihr werdet sein wie Gott und das Gute und Böse erkennen“[9].

Die historische Erklärung für die Geschichte von Adam und Eva sieht sie als ein Gleichnis zur Beschreibung der damaligen paradiesischen Zustände als Jäger und Sammler und dem Wechsel zu Ackerbau und Viehzucht. Damals gab es noch Stämme, die als Nomaden lebten, neben schon sesshaften Stämmen. Es ging darum, diesen Übergang von einem Leben von der Hand in den Mund zum beschwerlichen Leben durch Feldarbeit zu erklären. Kain und Abel stehen für den Ackerbauern und den Hirten. Es ist eine bildliche Beschreibung der Agrargeschichte der neolithischen Revolution. Als Preis für die Erkenntnis des neuen Wissens folgen die Mühen der neuen Arbeit.

Aber seien wir mal ehrlich: Was hätten bloß Adam und Eva im Paradies gemacht, wenn sie nicht mit dem Zwischenfall der fatalen Frucht ins wirkliche Leben hineingetrieben worden wären? Kann nicht auch das „wirkliche Leben“ paradiesisch sein?



[1] Heinrich Krauss. Das Paradies. Eine kleine Kulturgeschichte. München, 2004. S. 9

[2] der Autor stellt verschiedene Thesen auf, wo das Paradies zu lokalisieren sei: In den Bergen Kurdistans, im nördlichen Iran, es sei identisch mit der Oase Ezmirghan im Iran, oder dem Tal im anatolischen Hochland u.a.

[3] Paulus schrieb in Römer 5,12+18 EU „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt...“ und „...durch die Übertretung eines einzelnen kam es für alle Menschen zur Verurteilung.“ Daraus entwickelte sich die christliche Lehre der Erbsünde, die es in allen großen christlichen Traditionen gibt, die jedoch sehr unterschiedlich ausgedeutet wird.

Bei späteren Kirchenvätern wurde dann ausgeführt, dass die Menschen ohne Jesus Christus in der Erbsünde leben und sterben müssten, eine Lehre, die durch die Schriften von Augustinus fester Bestandteil der Lehre der westlichen christlichen Kirchen wurde.

Die westliche Tradition der christlichen Theologie wertet den „Fall“ Adams und Evas aus dem paradiesischen Garten in eine „gottlose“, gottferne Welt, als vererbte Sünde oder Sündhaftigkeit, die auf alle Menschen übergeht.
Im Islam wird die Vertreibung von Adam und Eva auch als eine Art Neubeginn betrachtet und es wird ausdrücklich das christliche Konzept des Sündenfalls zurückgewiesen. Durch die Vertreibung aus dem Paradies wurde dem Islam nach die Beziehung zwischen Adam und Gott nicht gestört. Adam gilt den Muslimen als erster Muslim und zugleich auch als erster Prophet des Islam. Der islamischen Überlieferung nach wurden Adam und Eva an verschiedenen Punkten auf der Erde ausgesetzt und mussten erst eine Zeitlang auf der Erde auf der Suche zueinander umherwandern, weshalb im Islam die Geschichte von Adam und Eva auch als eine besondere Liebesgeschichte dargestellt wird. Der Überlieferung nach sollen an allen Plätzen auf der Erde, an denen Adam sich bei seiner Suche nach Eva zum Schlafen legte, später große Städte entstehen.

Dem islamischen Glauben nach fanden sich Adam und Eva nach ihrer langen Suche erst am Berg Arafat im heutigen Saudi-Arabien wieder, wo sie sich umarmten und dabei Gott priesen (arab.: Allah). Auf dem Berg Arafat hielt der Prophet Mohammed auch im Jahr 632 seine Abschiedspredigt.
In Wikipedia erfahren wir, dass der Garten Eden (Sumerisch Guan Eden Rand der himmlischen Steppe, hebr. גן עדן‎ Gan Eden) in der griechischen Übersetzung des Tanach als Paradies bezeichnet wird. Er taucht im 1. Buch Mose (Genesis) der Bibel auf, das ihn in Gen 2 schildert und in Gen 3 von der Vertreibung des Menschen daraus erzählt.
Eine Ähnlichkeit zu diesem Denkansatz zur Beweisführung besteht auch im Rahmen des modernen Kreationismus. Vom Garten Eden wird im 1. Buch Mose (hebr. Bereschit = „Im Anfang“, griech. Genesis) erzählt. Der Mensch, hebräisch adam, der aus Staub auf der Erde, hebr. adama, gebildet wird und Chawa, seine Frau (Eva), waren die einzigen menschlichen Bewohner von Eden. Nach babylonischer Mythologie war der Hauptgrund für die Erschaffung der Menschen, Nahrung für die Götter anzubauen. In der Bibel ist dies umgekehrt: Gott schafft die Pflanzen als Nahrung für den Menschen, die Tierwelt als sein Gefährte gegen die Einsamkeit. Wenn man die Vorgeschichte der Vertreibung aus dem Garten in Eden als den Zustand vor einem Klimawandel in einer bestimmten Region versteht und die „Verdammung zum Ackerbau“ (zur Vorratshaltung) in diesem Zusammenhang sieht, setzt die Genesis erst mit Beginn des Ackerbaus in einer bestimmten Region geschichtlich ein. Dies umfasst den Zeitraum von etwa 8000 bis 6000 v. Chr. für die Anfänge des Ackerbaus bis zum Beginn der mündlichen Tradition der biblischen Erzählungen von etwa 2000 v. Chr (Quelle: Wikipedia).

[4] Es heißt in Gen 2,10-14 EU:

„Ein Strom kommt aus Eden, den Garten zu bewässern und von dort aus teilt er sich zu vier Hauptströmen. Des ersten Name ist Pischon, der das ganze Land Chawila umringt, wo das Gold ist. Das Gold dieses Landes ist gut. Dort findet man das Bedolach-Erz und den Schoham-Stein. Der Name des zweiten Stroms ist Gichon, der das ganze Land Kusch umringt. Der Name des dritten Stroms ist Chidekel, der auf der Morgenseite von Aschur fließt und der vierte Strom ist Perat.“
Mit dieser Überlieferung gibt es jedoch ein grundsätzliches Problem in der Präzision der Ortsangaben: In der jüdischen Tradition wurde der Name גן עדן‎ Gan Eden zum Sammlungsort der Gerechten nach dem Tod (siehe auch: Auferstehung oder Himmel (religiös)), und die Spekulation über dessen geographische Lage auf Erden wurde vermieden. Hierzu sei die Weigerung des Judentums betont, sowohl den Ort des Paradieses, des Berges der Offenbarung, des Berges Sinai und anderes genau festzulegen, um die Gefahren der Anbetung, Anrufung, des Kultus der Pilgerung, wie der Verehrung heiliger Stätten oder der Idolatrie (=„Götzendienst“) etc. zu vermeiden, da selbst der Name Gottes nur sehr zurückhaltend gebraucht wird. Die geographische Lage lässt sich – in Deutung der Flussnamen nach dem Text – somit nur spekulativ bestimmen, indem man die Beschreibung des Stromes, „der von Eden ausging“ und sich dann in vier „Hauptflüsse“ – Pischon, Gihon, Hiddekel östlich von Aschur und Perat (Euphrat) – teilte, zu Rate zieht.

[5] Aktmalerei war ursprünglich die am nackten Körper studierten Stellungen und Bewegungen und deren Wiedergabe. Die vor- und frühgeschichtliche Kunst kannte den Akt fast ausschließlich mit kultisch-symbolischem Bedeutungsgehalt. Das Mittelalter ließ Aktdarstellungen aus religiös-moralischen Gründen nur in seltenen Fällen zu. Zu christlichen Aktthemen (Adam und Eva, Taufe, Selige und Verdammte) traten in der Renaissance die weltlichen, nach antiken Vorbildern häufig mit allegorischer und mythologischer Bedeutung (Apoll, Venus, die drei Grazien). In Italien betrieb die Werkstatt der Carracci als erste in größerem Umfang das Zeichnen und Malen nach dem unbekleideten lebenden Modell. In Deutschland wurde das Aktzeichnen als Lehrfach der Akademien 1662 eingeführt. Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer entwickelten Aktteilstudien als selbständige Bilder mit eigenem Aussagewert.

[6] Sie wurde von Nachahmern gern gefälscht, unterscheidet sich dann aber in winzigen Details vom Original.

[7] Wie der deutsche Islamexperte und Psychologe Andre Ahmed Al Habib schreibt wird in der islamischen Mystik die Suche von Adam und Eva zueinander als die Suche nach Gott (Allah) angesehen. Bei der Suche zueinander wird Adam und Eva Geduld (arab.: Sabr) und Gottvertrauen (arab.: Tawakul) abverlangt. In der irdischen körperlichen Vereinigung wird jedoch eine große Ekstase freigesetzt (arab.: Ishq), die das Band zwischen den beiden Liebenden und zwischen den Liebenden und Gott (arab.: Allah) festigt.. Dieses Motiv der Liebenden, die in der Suche zueinander mit Gott in Zwiesprache stehen, um dann bei der Vereinigung zueinander Gott zu preisen ist dabei ein durchgehendes Motiv in der islamischen Literatur, so z.B. in den Geschichten von „Tausend und Einer Nacht“, der Geschichte von „Leila und Madschnun“ von Nizami, den Geschichten im „Divan“ von Hafiz, oder den Geschichten von Rumi im „Mathnawi.

[8] Liest man die altchinesischen taoistischen Texte, dann wird eine solche einträchtige Gesellschaft mit Führung unter dem sogenannten Gelben Kaiser zusammengelegt. Unabhängig davon war und ist es der Traum, vor allem zu kurz gekommener Menschen, paradiesische Zustände herbeizusehnen. Meist werden sie in ferne Regionen verlagert, manchmal aber auch versucht, vor Ort einzulösen.

[9] Das Judentum kennt keine Sünden, die vererbt werden könnten. Deshalb gehen Adams oder der Väter Handlungen gegen die Gebote des Herrn nicht auf die nachfolgenden Menschen über. Die jüdische ethische Tradition ist liberal. Der Mensch hat einen freien Willen (beh.irah) und ist nur für seine eigenen Sünden verantwortlich. Der Mensch hat eine Neigung zum Bösen (jetzer ha-ra), wie eine Neigung zum Guten und Gottes Gebote helfen den guten Trieb (jetzer tow) in den Menschen zu entwickeln, was letztlich positiv für die Menschen und für die Umwelt ist, dies entwickelt die Tikkun Olam "Verbesserung der Welt". Die genaue Ausdeutung Gottes Gebote ist zudem nicht festgeschrieben, sondern wird in der jüdischen Tradition immer weiter in der Zeit entwickelt und bleibt Juwel der jüdischen Streitkultur, die letztlich das jüdische Volk eint. Gott hat dafür die schriftlichen Tora und die mündliche Überlieferung dem Mosche gegeben.

Als von Gott auserwähltes Volk haben sie jedoch zahlreiche (613) Gebote und Verbote zu erfüllen, die anderen Menschen nicht abgefordert werden. Sünden werden jährlich gereut (an Jom Kippur), einige durch Entschuldigung und Reue bei den nächsten und fernen Mitmenschen, einige durch Reue und Entschuldigung vor dem ewigen Wesen Gott, der gnädig ist. Es gibt im Judentum auch kein personifiziertes Böses, etwa den Teufel, oder die grundsätzliche böse und verderbte Neigung in den Menschen, wie sie die christliche Tradition unter anderem der Erzählung der Bibel über Adam und Eva im Garten Eden als so genannten "Sündenfall" oder so genannte "Erbsünde" entnimmt.

Einige Religionen lehnen den Monismus generell ab, da er in seinem Versuch der Reduzierung auf ein Grundprinzip auch den Gott oder die Götter mindere oder auflöse. Der Monismus ist die philosophische oder metaphysische Position, wonach sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Der Monismus bezieht damit die Gegenposition zum Dualismus und Pluralismus, die zwei oder viele Grundprinzipien annehmen. In der Religion stehen monistische Lehren oft dem Pantheismus oder dem Panentheismus nahe, der eine Gegenwart (Immanenz) des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt sieht.

Der theologische Monismus:
Monistische Lehren sind mehrfach aus der Geschichte der Menschheit bekannt, der Begriff „Monismus“ wurde allerdings erst am Ende des 19. Jahrhunderts als griechisch-lateinisches Kunstwort (aus gr. monos, dt. „einzig“, „allein“, und -ismus) geprägt.

Marta Cencillo Ramirez

 

 

Eröffnungsrede gehalten
zur Ausstellung „Thomas Baumgärtel. Bananenenzyklopädie“
Museum Goch, Sonntag, den 27. Januar 2008, 15 Uhr

Thomas Baumgärtel ist weitaus mehr als nur Maler im klassischen Sinne. Sein intermediales Werk umfasst neben Zeichnungen und Druckgrafiken auch Fotocollagen, neben Übermalungen von Fotos auch Übersprühungen von „Alte Meister“-Gemälden und von Objekten. Er hat sich keineswegs nur mit dem traditionellen Staffeleibild, sondern auch intensiv mit der Wandmalerei im öffentlichen Raum, ja sogar mit der Glasmalerei beschäftigt. Und so haben sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre manche Bananenberge an Häuser- und Fabrikfassaden aufgetürmt, die inzwischen das Gesicht unserer Region mitprägen.

Während einiger meiner Reisen ging es mir manchmal wie dem Hasen im Grimmschen Märchen vom Wettlauf des Hasen mit dem Igel. In Moskau, New York, Paris oder Wien begrüßte mich die Banane: ‚Ich bin schon längst vor dir da’. Damit nicht genug, die breite Palette des künstlerischen Schaffens von Thomas reicht bis in die Aktionskunst und zeigt, wie fließend für ihn die Grenzen zwischen Bildwerk und Aktion sind. Neben seinen subversiven Sprayaktionen haben seine Performances und Happenings, besonders die mit einer dinosaurierartigen Banane, einer überdimensionalen, auffaltbaren Bananenskulptur auf Rädern, erhebliches Aufsehen erregt. Bis heute wartet die Aktion „Banane im Brandenburger Tor zu Berlin“ auf ein Startzeichen. Ich drücke Dir fest die Daumen, dass es bald losgehen kann.

Im Bereich der Objektkunst aber mag der Künstler im Laufe der letzten 25 Jahre vielleicht das facettenreichste Werk innerhalb seines Œuvres geschaffen haben. Es reicht vom Multiples eines übersprühten Telefonbuchs („Gelbe Seiten“, 2002) bis zur zertrümmerten Betonbanane im Reagenzglas („Bananensplit 1+2“, 2000). Eine Auswahl davon ist in Editionen greifbar und erfreut Sammler mit kleinerem Portemonnaie.

Alles in allem kann man sagen, Thomas Baumgärtel hat auf fast enzyklopädische Weise ein umfassendes System bildnerischer Praktiken entfaltet, das von einem unermüdlichen Schaffensdrang zeugt. Dies mag wohl auch den Ausschlag für den Titel der Ausstellung „Bananenenzyklopädie“ gegeben haben.

Folgt man Meyers Universallexikon bedeutet Enzyklopädie die umfassende Lehre aller Künste und Wissenschaften, im Besonderen die Darstellung der Grundbegriffe einer einzelnen Kunst oder Wissenschaft unter dem Gesichtspunkt des sie durchdringenden obersten Lebensprinzips“.[1]

Thomas Baumgärtel hat für dieses Lebensprinzip ein für alle lesbares Zeichen, ein fröhliches, lustvolles Signet gefunden, die Banane.

Wenn man wie ich das Glück hatte, seit mehr als 25 Jahren Werden, Wandel und Wirken von Thomas’ Schaffen aus nächster Nähe zu verfolgen, ein Schaffen, das mit Humor und Satire gewürzt ist, aber keineswegs der Selbstironie entbehrt, ein Schaffen, das von Angriffslust und Rebellion zeugt, aber auch findungsreich das Selfmanagement im Auge behält, dann sei einmal eine kontroverse These erlaubt: Im Werk von Thomas Baumgärtel geht es nicht wirklich um die Banane.

Sein Ziel ist nicht – wie ich es einmal nennen möchte – das „wieder-erkennende Gegenstandssehen“[2] einer Banane, nicht die Nachahmung der schnöden Dingwelt, das wäre zu banal, sondern ihn interessieren vorrangig übergreifende Phänomene, die die Wirkungsmacht der Kunst berühren. Je profaner aber der dafür verwendete Gegenstand ist, desto mehr ist er prädestiniert, unsere Anschauung zu stimulieren und unsere Wahrnehmung zu intensivieren. Ein Künstler wie Thomas Baumgärtel, der sich mit wahrnehmungspsychologischen Fragen intensiv auseinandergesetzt hat, weiß dies sehr wohl. Und er ist sich bewusst, dass Anschauung von Kunst immer bedeutet, sich auf einen endlosen Prozess eines sich immer neu konstituierenden, vorbegrifflichen Sehens einzulassen. Einfach ausgedrückt, Kunstanschauung heißt sich einlassen auf das Abenteuer des Sehens, auf vorurteilsfreie, permanente Augenlust.

Nur nebenbei bemerkt, ich glaube, dass in dieser Prozesshaftigkeit des Sehens einer der tieferen Gründe für sein serielles Arbeiten zu suchen ist.

Aber es liegt ganz an Ihnen, meine Damen und Herrn, was Sie Wahr-nehmen, im Sinne von „Für-wahr-nehmen-Können“[3]: Denn je weniger Sie nur das Altbekannte im Bild wiederfinden wollen, desto tiefer können Sie in die erkennende Ein-Sicht ins Werk einsteigen. Wenn Sie also die Werke von Thomas Baumgärtel näher betrachten, widerstehen Sie einmal dem Versuchung, nur die Banane zu sehen, lassen Sie sich mal vom Unbekannten, Fremden überraschen. Denn tatsächlich entwickelt sich die Wirkung seiner Kunst vor allem aus der psychologischen Inanspruchnahme des Betrachters, aus dem Spiel mit seinen Assoziationen, seinen Sehnsüchten, seinen Wunschvorstellungen und seinem Unbehangen.

So wie ich also behaupte, es geht hier nicht wirklich um die Banane, müsste ich ebenso gut sagen, es war reiner Zufall, dass ausgerechnet eine Banane 1983 während seiner Zivildienstzeit im Rheinberger Krankenhaus zum Medium seiner ersten dadaistischen Aktion „Bananenschale am Kreuz“ wurde.

Tatsächlich stand damals die Aktion, besser der kreative Impuls, und nicht das Material, eben zufällig eine Bananenschale, im Vordergrund. Ich bin davon überzeugt, es war auch keine bewusste Tabuverletzung, kein Akt von Blasphemie, der dazu führte, dass der angehende Künstler einem Kruzifix eine Bananenschale anheftete. Ich denke, ihm wurden auch erst im Laufe des Prozesses, in dem die saftigen Schale zunehmend vertrocknete und sich in eine dunkelbraune Mumie verwandelte, die übergreifenden Sinnbezüge bewusst. Damals mag der Künstler gespürt haben, dass mit seinem Eingriff in die festgefügte Form eines Kreuzes mit Hilfe eines ungestalteten Abfallsprodukts eine fundamentale Dingverwandlung eingeleitet worden war. Im Trocknungsprozess gewann die Fruchtschale mit ihren schlaksigen Ärmchen und Beinchen menschliche Züge und wandelte sich vom wertlosen Naturprodukt zu einem würdigen Äquivalent für den Christuskorpus. Nun war das Kruzifix nicht mehr auf endgültige, unveränderliche Dauer angelegt, sondern das vom Fruchtfleisch gelöste Präparat, die Schale, nahm selbsttätig am Umwandlungsvorgang des Werdens und Vergehens teil. Fortan wurde für Thomas Baumgärtel die Banane als künstlerisches Kondensat für die Verlebendigung des Seins zu einem andauernden Faszinosum. Dies war die Initialzündung für sein Großprojekt Banane, das Thomas nun mit beispielloser Energie vorantrieb.Aber auch die Affinität für das Motiv des Kreuzes hält bis heute an und zeigt sich in einer Reihe von großformatigen Gemälden zum Thema „Heilige Bananenschale“ oder „Kreuzigung“ aus dem Jahr 2004.

Vertraute Objekte aus seinem Lebensraum, Kisten, Koffer, Schränke, Sofas, Stühle oder Fernsehbildschirme reiht Thomas in seinen Bananenkosmos ein. Nicht wie Marcel Duchamp erklärt er das ungestalte Ready made einfach zum Kunstwerk, sondern er löst es durch Übersprühung oder auch Vergoldung aus seinem normalen Funktionszusammenhang heraus und überführt es in einen neuen Sinnzusammenhang. Das All-over der Spraybanane sorgt dafür, dass die ursprüngliche materielle Präsenz des aufgefundenen Objekts in den Hintergrund tritt, stattdessen wird es zur strahlend gelben Energiekonserve. Man könnte auch sagen, der Künstler überschreitet die Grenzen seiner Leinwand, greift sprayend in den Raum ein, sprengt sogar die Grenzen seines Ateliers, um sich im Außenraum neue, nahezu grenzenlose Malgründe zu suchen, denken Sie an seine riesigen Wandmalereien auf Brücken und Fabrikhallen.

In der Ausstellung ist es gelungen, die Entwicklungslinie und Anverwandlungen der Banane als Grundformel eines künstlerischen Gesamtwerks der letzten 25 Jahre offen zu legen. Es wird die Herausbildung einer universellen Bildsprache, in der die Banane sowohl Zeichen als auch Bezeichnendes ist, an Hand von dreidimensionalen Objekten in Objektkästen und Assemblagen, als auch in der Malerei und in der Spraykunst veranschaulicht. Mit der Banane, die im Grafitti auf wenige Umrisse kongenial verkürzt ist, entsteht durch das Negativ der Schablone das Positiv eines Pattern, d.h. eines Musters, einsetzbar für alle Gattungen der Malerei, dem Geschichtsbild ebenso wie der Vedute von Köln, dem Bildnis wie auch der Landschaft.

Am Anfang des künstlerischen Werdegangs von Thomas Baumgärtel standen also vor allem die Aktion und das Objekt, bis heute sind es die wesentlichen Referenzgrößen seines künstlerischen Schaffens geblieben. Schon damals ging es um Aktionskunst im besten, eben im Beuysschen Sinne, nämlich um den Versuch, die Grenzen zwischen Kunst und Leben zu überbrücken, ja sogar aufzuheben. Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen, Fassaden von öffentlichen und privaten Häusern, von Brücken oder Türmen, von Außenhäute der Galerien und Museen zu Bildträgern seiner Kunst zu machen. Sich aber auch dem öffentlichen Dialog mit Passanten, Galeristen, der Staatsgewalt oder den Vertretern der öffentlichen Hand zu stellen, das macht ein wichtiges Merkmal seines Kunstschaffens aus. Wenn beispielsweise Obdachlose von der Kölner Domplatte vertrieben werden, scheut der Künstler die Konfrontation mit der Kirche nicht und erzwingt symbolisch die Öffnung des Gotteshauses, indem er das Haupttor mit einer gigantischen Bananenskulptur quasi penetriert.

Auch wenn viele seiner rebellischen Aktionen frech, spitzbübisch, subversiv oder auch karnevalesk in Erscheinung treten, dann darf man den ernsten Kern seines künstlerischen Kredos nicht verkennen: Es geht Thomas Baumgärtel um die Freiheit des Menschen und die Freiheit der Kunst.

Diese Antinomie zwischen spielerisch-theatralischer Inszenierung und ernstem Anliegen kommt in seiner Performance „Deutsche Freiheitsstatue“ treffend zum Ausdruck. Davon überzeugt, dass sich die Kunst in einem fortlaufenden Prozess befinde, übersprühte der Künstler eine Betonskulptur seines Fluxus-Kollegen Vostell mit Spraybananen. Dieser wehrte sich vehement gegen den Übergriff, ganz im Widerspruch zu seiner künstlerischen Programmatik, dass Fluxus eine Kunst des Wandels sei. Daraufhin besetzte Thomas Baumgärtel, verkleidet als us-amerikanische Freiheitsstatue mit langer Bananenschleppe, den Vostellschen Betonblock mitten im Strom des Kölner Verkehrs und hielt die Fackel der Freiheit gen Himmel.

Nicht nur im Versuch Kunst und Leben zusammenzuführen, auch in der Vorstellung von der Banane als Lebensspender und Energiespeicher oder ebenso im Blick auf die Bananenkreuze in Objektkästen könnte man annehmen, Joseph Beuys habe Thomas Baumgärtel Pate gestanden. Analogien bestehen z.B. im wunderbaren frühen „Christus in der Zigarrenschachtel“ von Beuys aus dem Jahr 1949. In den 1980er Jahren aber hatte der zwanzigjährige Zivildienstleistende noch keine Berührung mit Beuys. Später allerdings nahm Thomas unmittelbar Bezug z. B. auf den „Filzanzug“ von Beuys von 1970. Allerdings sind die beiden Bananenanzüge aus Jute oder Baumwolle keine Multiples, sondern maßgeschneiderte Einzelstücke, die Thomas bisweilen während seiner Aktionen trägt. Dagegen hat Beuys seinen Filzanzug nie als Gebrauchgegenstand, sondern nur als künstlerisches Objekt und Metapher für einen Wärmespeicher verstanden.

Dennoch ist die Verwandtschaft mit der Beuysschen Materialästhetik und Materialikonologie unverkennbar, sie wurzelt vielleicht in der gleichen Herkunft beider, dem katholisch geprägten Niederrhein.

Das Bedürfnis des Künstlers nach Gestaltung zeigt sich also am unmittelbarsten in seiner Objektkunst, fast möchte ich sagen in seiner Objektbesessenheit. Er steht in einer langen, von Dada eröffneten und von der Popart weitergeführten Tradition. Seine Referenzfigur ist wie schon gesagt Marcel Duchamp. Als dieser zu Beginn des Jahres 1914 in einem Pariser Kaufhaus einen Flaschentrockner aus Eisen erwarb und den alltäglichen Gebrauchsgegenstand kurzerhand zum Kunstwerk erklärte, leitete er mit diesem handgreiflichen Protest gegen eingefahrene Kriterien der Kunst eine neue Phase künstlerischen Sehens ein. Der Schock, den die Einführung eines vorgefundenen Objekts, genannt „objet trouvé“, auslöste, bildete den Auftakt zur intensiven Beschäftigung von Künstlern mit kunstfremden Realobjekten.

Erstes „objet trouvé“ von Thomas Baumgärtel war die Bananenschale oder genauer die Schale und das Kreuz und löste ebenfalls den Protest der kirchlichen Institution aus. Die Bananenschale aber wandelt sich bei Thomas Baumgärtel umgekehrt zum gängigen, von der Literatur und Kunst beschrieben Prozess, nämlich von einem pflanzlichen in einen menschlichen, objekt- oder zeichenhaften Körper.

„Künden will ich, wie sich Gestalten in andere Körper wandelten.“, so lautet der erste Satz aus den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Publius Ovidius Naso, kurz Ovid genannt.[4] In seinem weltberühmten Sagengedicht, das immerhin 15 Bücher umfasst, schildert Ovid rund 250 Verwandlungsgeschichten von mythischen und menschlichen Gestalten in Gestirne, Pflanzen, Tiere, Quellen oder Steine. Wundersam und vielfältig sind diese Wandlungen, denken wir z.B. an den sich selbst verzehrenden Narziss, der sich im Sterben in die nach ihm benannte Blume wandelt, um jeweils zum Frühlingsanfang wieder aufzublühen. Verwandlungen in allerlei Pflanzen kommen also bei Ovid reichlich vor, nicht aber die in eine Banane.

Von den frühesten Werken Thomas Baumgärtels, von der „Metamorphose der Kölnbanane“ aus dem Jahr 1987 bis zum stetig wachsenden Tableau „Metamorphose einer Spraybanane“ geht es vor allem um eins, um jenes Prinzip der Wandlung alles Lebendigen von einem Seinszustand in einen anderen.

Die Ausstellung hier im Museum Goch hat dies besonders klar herausgearbeitet. Sowohl die singulären Gemälde als auch der wandfüllende Metamorphosen-Block offenbaren die Vielfältigkeit der Transformation aus oder besser gesagt in eine Banane oder auch in viele winzige Bananen – der Künstler nennt dies Bananen-Pointillismus. Es sind im Sinne Ovids Rückverwandlungen einer Banane in eine Vielzahl lebender Gestalten, aber auch in Requisiten wie die Zipfelmütze des Kölner OBs, in die Doppeltürme des Kölner Doms, in Komikfiguren wie die Peanuts, in Zeichen wie die Paragraphen oder auch in Markenzeichen etwa einer bekannten Fastfood-Kette. Die Spraybanane bleibt dabei immer die Grundformel innerhalb dieser Grammatik aller sichtbaren und symbolischen Dingwelten und wird zur multifunktionalen Sprache, wenn Sie so wollen, zum Bananen-Esperanto für Sehende.

Im Werk von Thomas Baumgärtel steht die Banane also für die unermessliche Vielfalt eines welt- und menschheitsgeschichtlichen Prozesses und figuriert die Kreativität als Grundprinzip des lebendigen Seins. Dies findet einen adäquaten Ausdruck im dem inzwischen über 150 Motive umfassenden Metamorphose-Block. Er ist ein „offenes Kunstwerk“[5], das nie zur Vollendung gelangen wird und hat für Thomas Baumgärtel möglicherweise eine ähnliche Funktion wie der „Atlas“ für Gerhard Richter. Hier dekliniert der Künstler Grundbegriffe durch, die dann in komplexere Bildwelten einfließen.

Die „Metamorphose der Spraybanane“ erzählt uns eine Grundweisheit, die von der Koexistenz der Dinge. Alle Dinge dieser Welt stehen in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander. Sie wachsen, entwickeln und verändern sich, verschwinden und vergehen. Ihre unsichtbare Analogie wird erst in der einheitlichen Signatur der Banane sichtbar.

Das serielle Prinzip aber bedeutet immer auch ein Kreisen um Formfindung, Formaneignung, Formwiederholung und Formweiterentwicklung. Es berührt Fragen der Reproduzierbarkeit von Kunst und der Medialität von Bildern.

Die hier gezeigte Installation mit schwarzen Aktenordnern deutet diesen Aspekt an und verweist zugleich auf eine wichtige Arbeitsweise des Künstlers, das Sammeln, Ordnen und Dokumentieren der eigenen künstlerischen Tätigkeit. Der nicht abreißende Fluss der Bilder kann hier zwar nur durch einen Bruchteil dessen dargestellt werden, was Thomas Baumgärtel tatsächlich im Laufe der 25 Jahre zusammengetragen hat, aber es reicht, um den Wunsch dahinter zu erkennen: der Ariadnefaden der Kreativität möge nie abreißen.

Mit der seit einigen Jahren neu eingeleiteten grauen Periode scheint es manchmal so, als würde die Banane von den neuen grauen Bildern verdrängt werden. Tatsächlich ist die Banane unverwüstlich und schleicht sich immer wieder ins Bild, wenn z.B. der emanzipierte Adam der Eva eine Banane anbietet. Die Banane bleibt also weiterhin der geheime Code für alles Lebendige und Wandelbare und steht für das kreative Prinzip schlechthin.

Bettina Baumgärtel (Leiterin Gemäldegalerie, Museum Kunstpalast, Düsseldorf)


[1] „Enzyklopädie“, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig und Wien 1904, 6. gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage, 5. Bd., S. 850.
[2] Max Imdahl: Giotto, Arenafresken. Ikonographie Ikonologie Ikonik, München 1980.
[3] Michael Brötje: Der Spiegel der Kunst, Zur Grundlegung einer exisrentieial-hermeneutischen Kunstwissenschaft, Stuttgart 1990, S. ll.
[4] Ovid: Metamorphosen, übersetzt von Reinhart Suchier, München 1959, S. 9.
[5] Umberto Eco: Das offene Kunstwerk, übersetzt von Günter Memmert, Frankfurt am Main 1979.

 

 

Von Orangen und Bananen

Zur Ausstellung "Banane" des Schwetzinger Kunstvereins
in der „Banagerie“ des Schlosses Schwetzingen, 2008

Seit dem 16. Jahrhundert ließen sich die reicheren Fürsten des nördlichen Europa Orangerien für ihre Zitrusbäume bauen, um die kostbare Südfrucht über den kalten Winter zu bringen. Im Schwetzinger Schlosspark steht eine solche Orangerie, im Jahre 1708 von Nicolas de Pigage erbaut. Sie ist noch heute Winterquartier der Orangen-, Zitronenbäume, der Palmen, Lorbeerbäume, Oleander, Kamelien und Agaven, die im Sommer ein wenig Italien in die alte Kurpfalz bringen. 2006 organisierte der Kunstverein Schwetzingen hierin - zwischen Kalter Sophie und erstem Frost - eine Ausstellung zum Thema Orange mit über 40 Künstlern. Darunter befand sich auch Thomas Baumgärtel mit zwei - für manchen etwas überraschenden - Orangen-Bildern.

Zufälligerweise stammen beide, Orangen wie Bananen, aus derselben tropischen Heimat, aus Südostasien, von wo sie im frühen 16. Jahrhundert durch portugiesische Seefahrer nach Europa gebracht wurden. Damit hatten beide Früchte die Kunst und die Ikonographie des Mittelalters verpasst, weshalb es keine süßen Jesusknaben mit einer Banane als Paradiesfrucht in Händen gibt - nicht einmal bei Thomas Baumgärtel, der lediglich einmal eine spätgotische Verkündigungsszene mit Bananen übersprüht hat. Orange und Banane landeten also gleich im Körbchen der bürgerlichen Stilllebenmalerei der Renaissancekunst. Doch hier erscheinen sie nur sehr selten, fast nie, was als Phänomen für beide Früchte gilt. Stillleben mit Banane sind der Kunstgeschichte eigentlich erst seit dem 20. Jahrhundert bekannt - wie zum Beispiel bei Giorgio de Chirico. Beide sind also - kunsthistorisch betrachtet - sehr moderne Früchte, die keine mittelalterliche Ikonographie oder gar religiöse Symbolik besitzen und sich so einer modernen - eher psychologischen und assoziativen - Deutung und Symbolik öffnen.

Die Orange hat diese moderne Ausdeutung erfahren, vor allem als erotisches Symbol. Der Duft einer prallen Orange hat schon den biederen Schwaben Eduard Mörike zu einer seiner sinnlichsten Dichtungen inspiriert ("Mozart auf der Reise nach Prag", 1855). Insbesondere die Navelorange mit ihrem Nippel, der an eine weibliche Brust erinnert, regte zahlreiche Künstlerinnen der Schwetzinger Orangen-Schau zu höchst frivolen und amüsanten Werken an.
Die Banane jedoch hat bis weit ins 20. Jahrhundert keine solche Würdigung erfahren. Erst Andy Warhols berühmtes Plattencover für „Velvet Underground“ holte sie in die beheizten Gewächshäuser der Kunst. Erst Thomas Baumgärtel erhob sie gar zum Nonplusultra. Dabei ist die Banane formalästhetisch und semiotisch betrachtet weit erotischer als diese etwas simple Orange. Eigentlich hätte die Banane einem barocken Potentaten als potentielles Potenzmittel gefallen müssen. Stattdessen bevorzugte man noch im 18. Jahrhundert lieber die phallischen Wurzeln der Schwertlilie oder den gerade in Schwetzingen beliebten Spargel. Seltsam.

So kam denn auch niemand auf die Idee, der Bananenstaude beheizte Gewächshäuser zu bauen. "Banagerien" gab und gibt es nicht. Grund genug, die Geschichte ein wenig zu korrigieren und die Orangerie des designierten Weltkulturerbes Schwetzinger Schlosspark - zwischen Kalter Sophie und erstem Frost - zur „Banagerie“ zu erklären. Thomas Baumgärtel fand sich bereit, diese historische Tat zu vollbringen.

Doch Thomas Baumgärtel ist nicht mehr nur der Bananensprayer, der sein Logo als Konzeptkunst mittlerweile über den ganzen Globus verbreitet hat. Das 1986 erfundene Bananenemblem wurde zum Markenzeichen und begehrten "Michelin-Stern". Der einstige Straßenkünstler hat längst Zutritt in jene Galerien, Museen und Kunstvereine gefunden, die er früher nur von außen markierte. Der Banane jedoch blieb er treu, denn es wäre töricht, dieses eingeführte Markenzeichen aufzugeben. Er hat sie weiter entwickelt. Und so interessieren vor allem die Metamorphosen der Banane, die den aktionistischen Impetus nicht mehr nötig haben, die als Kunstwerke gefallen und nicht nur als Gag und Provokation.

In diesem Sinne bildet der Werkblock "Metamorphosen der Banane" ein Schwerpunkt der Schwetzinger Ausstellung. Hier beweist Baumgärtel sein Können, das nicht nur im Schütteln und Bedienen einer Spraydose besteht. In einem wunderbaren Einfaltsreichtum paraphrasiert er die Grundform wie auch die Symbolik der Banane zu immer neuen Piktogrammen, die genau so genial und anarchistisch sind, wie die Idee zur Sprühbanane. Die einfache Banane mutiert zur Wurst oder zur Zucchini, zum Fuß- oder Golfball, zur Weihnachts- oder Karnevalsbanane. Die Phantasie und der Humor kennen hier keine Grenzen. Und doch ist nicht alles Banane im Werk von Thomas Baumgärtel, das mehr ist als Graffiti, Pop-Art und Comic.

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Thomas Baumgärtel hat besonders den politischen Hintersinn aus der Banane herausgeschält, so dass so mancher auf ihr ausrutscht. In bester Satire machen seine Bananen den Bundesadler und die Bundes- als Bananenrepublik lächerlich. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Banane sogar zum Symbol der westlichen Konsumgesellschaft, weil Bananen in der DDR einst Mangelware waren. Baumgärtel parodiert diese Situation mit dem Bananentrabbi oder lässt die nun gesamtdeutsche Banane vor dem Brandenburger Tor oder auf den neuen gesamtdeutschen Geldscheinen prangen. Aber auch der alte Westen bekommt seine Bananen ab, Politiker wie Helmut Kohl oder der Kölner Bürgermeister werden mit Bananennase oder Bananenkrawatte sowie unsere Konsum- und Medienwelt und der kapitalistische Kunstbetrieb karikiert. So wie dem im nahen Heidelberg lebenden Klaus Staeck ist Baumgärtel keine Frechheit fremd.

Doch die Banane ist nicht nur ein satirisches Symbol. Sie kann auch als ästhetisches Motiv gefallen. Der von Baumgärtel entwickelte "Bananenpointilismus" nutzt sie als Pochoir, der Bilder mit Inhalten füllt, die gar nichts mit Bananen zu tun haben, die zum Beispiel Landschaften und Architekturen zeigen und die künstlerischen Interessen eines Künstlers offenbaren, der sich auch mental keineswegs nur von Bananen ernährt. Hier entwickelt sich der einstige Konzeptkünstler zu einem der interessantesten Maler der Gegenwart. So gefallen zahlreiche gemalte Bananenbilder von Baumgärtel, die einfach "nur" klassische Stillleben darstellen und in einer tropischen Atmosphäre ihre Farben und Formen leuchten lassen. Dabei spielt der Humor, die Satire und die Sexualsymbolik keine vordergründige Rolle mehr. So wie Baumgärtel in seiner Früchteserie viele andere Nichtbananen porträtiert, erscheinen die Bananen hier in einer eher unschuldigen Sinnlichkeit ohne jeden Hintergedanken mindestens so schön wie etwa die Orange.

Dr. Dietmar Schuth Kunstverein Schwetzingen, 2007

 

 

Thomas Baumgärtel

Ihren Ausgehtag verbringt Mary Poppins mit ihrem Freund Bert, der zwei Berufe hat:
bei schlechtem Wetter verkauft er Streichhölzer, bei gutem Wetter ist er Pflastermaler. Mary Poppins freien Tag feiern beide bei Tee und Himbeertörtchen.
An dem Tag, als das Geschäft so schlecht geht, dass Bert seine Mary nicht einmal zum Tee einladen kann, hat Bert gerade eine schöne Landschaft auf das Pflaster gemalt, mit Bäumen und Rasen, mit einem Stückchen Meeresblau und einem Badeort im Hintergrund. Mary Poppins bewundert das schöne Bild, bückt sich, um alles genauer zu betrachten und als sie Bert fragt, was denn das sei, hat Bert die Idee, zusammen mit ihr mitten hinein ins Bild zu springen. Nun findet eine seltsame Verwandlung statt: Bert und Mary stehen sich plötzlich auf frischem Gras in eleganter Sonntagskleidung gegenüber und wandern zusammen durch ein Wäldchen, bis sie auf einer Lichtung auf einen Tisch stoßen, der zum Nachmittagstee mit Schnecken und frischen Himbeertörtchen eingedeckt ist. Ehe sie sich versehen, lädt sie ein Kellner ein, dort Platz zu nehmen. Beide erfreuen sich an den Herrlichkeiten und werden am Ende eines wunderschönen Nachmittags elegant vom Kellner zum Ausgang geleitet, nicht ohne die vorherige Versicherung, dass nichts zu bezahlen sei.
Ähnlich märchenhaft geht es zu, wenn man der vielfachen Einladung Thomas Baumgärtels folgt, seinen Bananenzeichen nachzugehen, die den Weg zur Traumwelt der Kunst weisen. Es ist ganz einfach: Seit 1986 hat er weit über 4000 Bananen

(Abb. Spraybanane am Museum Ludwig Köln)
an die Fassaden von Kulturinstituten gesprayt, hinter denen man ein kleines oder größeres Wunder erleben kann. Thomas Baumgärtel ist ein zurückhaltender Mensch, der sich zu helfen weiß.

Anstatt vieler Worte weist er mit der Spraydose den Weg. Für den Betrachter ist die Aufforderung eindeutig, er muss sich nur darauf einlassen, dass ihm etwas Besonderes bevorsteht, wenn er der Banane folgt. Baumgärtel hat die Wirkung der Banane auf die Betrachter beobachtet, nicht so sehr aus der Sicht des Erklärenden, sondern eher aus künstlerischer, visueller Sicht. Er deutet die Wirkung der Banane, wie der Psychologe den Rorschach Test ausloten würde. Unterschiedliche Menschen sehen seine Bananen mit ihrem inneren Auge, für die einen leuchtet das Gelb wie Sonnenlicht, für andere ist es die Form einer Mondsichel, das Betrachten der Banane löst unterschiedliche Assoziationen und Reaktionen aus. Der Kunstkenner soll dabei ruhig auch an Andy Warhol denken.

Das Land, das hinter den Bananen liegt, ist für Baumgärtel ein Zauberland, immer wieder neu zu entdecken und frei von Alltäglichkeiten. Nicht umsonst schwebt sie an Wänden und Glasscheiben und weist so auf ihr surrealistisches Grundprinzip hin. Hinzu gesellt sich ein gutes Stück Ironie; denn das Baumgärtelsche Kunst-Urteil ist keineswegs rein theoretisch, es ist distanziert und persönlich zugleich, ganz sicherlich auch emotional - im besten Sinne idealistisch und auf keinen Fall zynisch. Eben auch nicht idealistisch im Sinne Eugen Schönebecks, der in den 60er Jahren zu später Stunde auf dem Akademiefasching singt: „Die einzigen Idealisten, das sind die Galeristen“.

Selbst wenn seine Sprayattacken teilweise ablehnender Verfolgung unterworfen sind, nimmt sich Thomas Baumgärtel doch einfach nur die Freiheit, seine persönliche Zuneigung, seine Überzeugung kundzutun. Er geht von sich selbst aus, hier hat ihn das MOMA eingenommen, dort die Peggy Guggenheim Sammlung in Venedig. Wurde er vor Jahren noch im Ludwig Museum beim Sprayen erwischt und musste eine hohe Strafe zahlen, freut er sich Jahre später über die Einladung von Museumsdirektor Dr. Gohr, nun doch eine neue Banane an das Ludwig Museum in Köln zu sprühen.

Von sich weiß Thomas Baumgärtel zu berichten, dass mit der Erfahrung als Sprayer der Entschluss reifte, Künstler zu werden. In seiner Vorstellung siedelt der junge Künstler sich vordergründig gesehen zunächst im Untergrund an, zu Recht, Kunst mobilisiert in der eigenen Zeit immer auch subversive Kräfte, die ein Künstler gut gebrauchen kann. Noch ohne eigenes Atelier, erwirbt der Sprayer dabei gleichzeitig eine erste Ahnung, warum Kunst gut tut.

Das Sprayen von Bananen ist dabei weniger ein politischer, evaluierender Akt, sondern vielmehr ein Nachdenken über die heutige Welt, ein Innehalten, wo wir uns befinden, ein Fragen stellen zum heutigen Menschenbild. Politisch daran ist allenfalls, dass der Künstler sich einmischt, Stellung bezieht. Das wiederum findet bereits dort seine Grenze, wo im Mittelpunkt der andere Mensch steht, der mit ins Bild gezogen werden soll, damit das künstlerische Anliegen gelingen kann. Es ist deshalb nur konsequent, dass Baumgärtel den heutigen Menschen ansprechen will, ihm Vorschläge macht, was aufschlussreich sein kann, um sich ein Bild zu machen. Die Banane ist der Vorwand, den Betrachter ins Bild einzubeziehen, etwas drastisch, drastischer zumindest, als Baumgärtel es von seinem Temperament her sein könnte. Sie ist der Eingang in eine Welt, in der wir uns unbefangen mit Fragen befassen können, die zwar vor unseren Augen stehen, häufig aber zu komplex sind, um nicht auch Angst einflößend zu sein. Wenn man nicht den Mut aufbringt, sieht man wohl möglich weg. Der Sprayer musste erheblichen Mut aufbringen, um an diesem und jenem ehrwürdigen Gebäude seine Aufforderung zum Tanz anzubringen. Dieser mutigen Aufforderung sollten wir deshalb folgen.

Mut ist auch vom Zweifel begleitet. Zweifel sucht nach Beispielen der Bestätigung oder Ablehnung. Kunstwerke haben das über die Jahrhunderte mit Allegorien, Gleichnissen, Symbolen, Emblemen, und mit Hieroglyphen festgehalten, als Zeichen für die Absicht,ein Bild zu verschlüsseln. Thomas Baumgärtels Banane ist ein derartiges Zeichen. Die Wirkung liegt darin, dass uns diese Zeichen neugierig machen und wir ihnen nachgehen, um sie zu entschlüsseln. Diese Möglichkeit ist oft viel weitergehender, als man glaubt, hilft sie doch, die schier unüberwindbar erscheinenden Probleme der eigenen Zeit zu entlarven. Nicht jeder kann oder will diese Botschaften lesen, deshalb treten sie oft erst einige Generationen später klar zu Tage. Aber ist Baumgärtels Banane wirklich mit dieser Zauberkraft ausgerüstet? Vielleicht hilft ein Ausflug in vergangene Zeiten zur Erforschung von heute ähnlich verlaufenden Phänomene zur Beantwortung dieser Frage.

Seit Aby Warburg nutzen wir die Erinnerung an Parallelwelten vergangener Zeiten intensiv, um aktuelle Phänomene besser zu verstehen. Wendet man Warburgs Methode auf Baumgärtel an, könnte zum Beispiel Gustave Courbet ins Betrachtungsfeld kommen - auch ein Künstler, der beunruhigend auf seine Zeit wirkte. Heute erkennen wir in ihm einen Vertreter der damaligen Moderne, der die besten Antworten auf die Fragen der Zeit, ja sogar der Zukunft geben konnte. Deshalb verwirrt es uns, dass er seine Zeitgenossen irritierte, vertrat er doch so fortschrittliche Gedanken, wie zum Beispiel den der Freilichtmalerei oder des Realismus als Ausdrucksform demokratischer Kunst, schließlich der Kunst als öffentlichem Mittel, nicht als Luxusgut.

Für uns ist klar, dass er die Errungenschaften seiner Zeit für die Menschen seiner Epoche nutzte: Die Erfindung der Zinkfarbtuben ermöglichte es ihm, im Freien zu malen, was kurze Zeit darauf die Impressionisten inspirierte. Der Anspruch des Künstlers, sein Thema selbst zu wählen, kann als demokratischer Befreiungsakt verstanden werden. Kunst allen Zeitgenossen als Lebenshilfe zuzugestehen, versteht sich heute von selbst, war aber in der restaurativen Zeit Napoleons III eine unerhörte Provokation. Denkt man zum Beispiel darüber nach, dass Portraits damals noch immer vorwiegend von Fürsten in Auftrag gegeben wurden, kann man sich besser vorstellen, wie zutiefst verstörend für den damaligen Betrachter die Portraits zweier Steinklopfer waren, die Courbet im Jahre 1849 anfertigte.

Gustave Courbet Die Steinklopfer 1849
Öl auf Leinwand / oil on canvas, 165 x 257 cm, ehem. Dresden,
Staatliche Gemäldegalerie Neue Meister

Etwa fünfzig Jahre später erwirbt die Stadt Dresden dieses Bild für die Gemäldesammlung, ein Zeichen dafür, wie aufgeklärt und weltoffen der Staat Sachsen mit dem vielfältigen Gedankengut europäischer Kunst inzwischen umgehen konnte. Weitere vierzig Jahre später verbrennt das Gemälde im Phosphorfeuer der Bombenangriffe auf Dresden. Bis heute lebt es aber fort, verkörpert in vielen Schulbüchern die modernsten Ideen von gestern, aber auch das Scheitern an reaktionären Zeiten. Deshalb „kennen „ wir mit den Steinklopfern ein Gemälde sehr genau, obwohl es gar nicht mehr existiert. Wir ahnen , dass es uns die Sicht Courbets in unsere Zeit zurückbringen kann, dass das der wichtigste Grund ist, warum das Werk für uns noch Bestand hat.

Die Erfindung der Zinkfarbtuben ist inzwischen von der Erfindung der Spraydosen abgelöst worden, auch das ist vergleichbar. So wie es in Sachsen den aufgeschlossenen Museumsdirektor Carl Woermann gab, der 1904 Courbets „Les Casseurs de Pierres“ kaufte, gibt es heute den Museumsdirektor Gohr im Museum Ludwig in Köln, der eine gesprayte Banane für sein Museum bestellt. Wieder ist ein fortschrittlicher Kunstkenner am Werk, der das Risiko zeitgenössischer Künstler kennt und teilt. Vor allem aber macht ein eigentlich harmloses Werk auf zeitgenössische Probleme aufmerksam, die niemand sehen will, die uns aber die Gegenwart umso klarer vor Augen erscheinen lassen.

Die Bewegung, die wir damals wie heute beobachten, ist nicht linear, auch nicht progressiv.
Nach der gesprayten Banane folgt bei Baumgärtel das gemalte Bild – zunächst mit dem Stilmittel des Bananenpointillismus. Wieder geht das eher vielschichtig von statten. Bananenpointillismus könnte Impressionismus sein, ist aber auch ohne Probleme in der digitalen Welt anzutreffen, aus Pixeln gemalte Bananen. Ob Kölner Müll- oder Messeskandal, ob Bürgermeisterskandal in Delbrück - der Stil des Baumgärtelschen Pointillismus geht über die getreue Darstellung des Geschehens hinaus und schildert die Umstände atmosphärisch, schillernd, erst bei genauerem Hinsehen und Nachdenken entstehen Konturen. So wie Courbet den Straßenarbeiter als beispielhaft für seine Zeit erkennt und festhält, nimmt Baumgärtel sich prägender, abgründiger oder vorbildlicher Menschen unserer Zeit an, die weniger für ihre Person, als vielmehr für Zeitphänomene stehen. Der schillernde Malstil zeigt, dass es nicht vordergründig um die abgebildeten, aus Bananen zusammengesetzten Figuren geht, es sich auch nicht um die Bananenrepublik handelt, es sei denn, wir wollen uns gerade darin in einem Zeitspiegel wiedersehen. Was jedoch nicht die Absicht Thomas Baumgärtels ist.

Atmosphärisch wird durch den verwandten Stil erkennbar, dass Thomas Baumgärtel Menschen zu verzaubern sucht, sie in eine Welt hineinzieht, die magisch ist, geheimnisvoll und deshalb der Entschlüsselung bedarf. Die im Bananenpointillismus erstellten Werke zur Deutschen Einheit benutzen das Zeichen der Banane nicht, um zu vereinfachen, sondern die tanzende Banane beschwingt und erweckt Freude. Wir tanzen schließlich angesichts dieser Bilder mit hunderten durch die Luft schwebender Bananen in Gedanken mit. Die derart erreichte Vereinfachung eines komplexen Sachverhaltes

(Abb. 0584 "9. November 1989")
fesselt den Betrachter und läßt ihn kurzfristig etwas über dem Alltäglichen Schweben. So wie Mary Poppins es uns als Kindern als Rezept zur Überwindung vielfältiger Probleme gelehrt hat. Durch die flimmernden Bananen geschieht etwas Seltsames: Das Negative erscheint unwichtig zu werden, surrealistische, idealistische Werte erhalten vereinfachte Konturen, haben schließlich angesichts der pointillistischen Verschwommenheit eine klare Botschaft. Wie man aus eigener Erfahrung im Umgang mit dem Thema unschwer erkennen kann, ist der Weg zu dieser charmanten Vereinfachung komplex. Jahrelang haben Thomas Baumgärtel und Harald Klemm am Thema „Deutsche Einheit“ gearbeitet, ehe es ihnen gelingt, zu diesem für uns alle undurchschaubaren Geschehen Klarheit zu gewinnen, so dass am Ende über allen Problemen ein Symbol steht, eine Banane.
Ab und zu ist es wichtig, die Dinge auf eine einfache Formel zu bringen. Dass das auch ein wichtiges künstlerisches Stilmittel der modernen Malerei ist, sei der Vollständigkeit halber dabei nur erwähnt.

Das einfache Zeichen erschöpft sich auch deshalb nicht in Wiederholung, weil es ein Ordnungsprinzp ist. Angesichts der „Deutschen Einheit“ mahnt es den gemeinsamen Nenner an, zeigt, dass zwar auch die freudigsten Momente ihre Schattenseiten haben, von denen abzusehen aber möglich ist, wenn aus Bananen Rosen entstehen. Wir befinden uns dabei nicht in der Zeit von „yellow submarine“, sondern in Deutschland, das seine neuen Aufgaben nur unscharf erkennt. Stellt man die Volksarmee und die mit Kalaschnikow bewaffneten Soldaten

Ein Deutsch Deutsches Lied, 2-3-4 2002
Mischtechnik auf gummiertem Polyestergewebe /
mixed media on glued polyester fabric,
150 x 300 cm Werkverz.-Nr.: 0704 (in Zusammenarbeit
mit / in collaboration with Harald Klemm)

neben das fröhliche Bild des Brandenburger Tors, sieht man auch die hintergründigen Kräfte unseres Symbols. Die „Deutsche Einheit“ kam ohne Einsatz der Armee zustande, innerlich hinterlässt das Bild in uns einen Schauer, beim genauen Hinsehen erkennen wir gleichzeitig: nein, nichts ist passiert.

Die Handschrift macht den Künstler aus, sie ermöglicht es, dass wir gedanklich von den Bananenrosen zur Kalaschnikowbanane wandern können, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass man sich aus vielen Aspekten ein Bild macht. Es ist mutig, Liebe und Tod mit denselben Mitteln anzusprechen, dadurch den inhaltlichen Gegensatz zu überwinden und gleichzeitig zu erfahren, dass sich Gefühle in uns verstärken, die die Bilder ausgelöst haben. Man empfindet es als ein Wunder, Gegensätze gleichzeitig zu denken, das Auge wandert von einem zum anderen Bild, mit ihm wandern die Gedanken und verstärken sich durch Emotionen.

Dabei sind im Laufe der Jahre die Bananen kleiner und kleiner geworden, bis sie verschwinden. Schon seit einigen Jahren entstehen – und wieder im regen Gedankenaustasch mit dem Künstler und Ateliernachbarn Harald Klemm – die ersten gegenständlich ungegenständlichen Gemälde (Werner Spies, „Ich kann beim besten Willen Europa nicht entdecken“, FAZ 8.11.2007). Das Gemälde, das Werner Spies mit dieser Qualitätsbezeichnung schildert, ist ein Landkartenbild von Max Ernst aus dem Jahr 1933, mit dem Titel „Europa nach dem Regen“, auf der Max Ernst die Welt neu ordnete. Es versteht sich bei Max Ernst von selbst, dass dieses Werk der gedanklichen Entschlüsselung durch den Betrachter unendliche Möglichkeiten eröffnet, es ist ein Glück, dass es seit Kurzem in der Kunsthalle Karlsruhe der Öffentlichkeit zugängig ist.

Gegenständlich ungegenständlich zu malen ist auch für Thomas Baumgärtel eine Möglichkeit, unterschiedliche Phänomene und ihre Werte auf den Prüfstand zu stellen. Die neuen Landschaftsbilder zeugen von der Sehnsucht nach Harmonie. Gleichzeitig deutet sich in den Schatten, in der Verengung des Weges eine Bedrohlichkeit an, die den Weg paradoxer Weise zu unendlich vielen Themen öffnet, die uns täglich beschäftigen, aber auch nicht eindeutig sind. Die entlaubten Bäume könnten ebenso vom Klimawandel wie vom Winter zeugen, sie geben unserer Vorstellung von Natur und gleichzeitig deren Bedrohung durch den Menschen ein eindrucksvolles Bild. Unsere Gedanken bleiben hängen, verstricken sich, fügen dem Bild etwas hinzu, ergänzen. Die eigene Vorstellungskraft erhält auf diese Art eine Konstante, die vom Widerspruch gekennzeichnet ist.

Anhand des vertrauten Blickes in die Speisekammer der Mutter

(Abb. 0972 "Speisekammer")
gerät auch die Erinnerung an die Vergangenheit ins Wanken. Die alten Produkte sind entfernt, Massenprodukte der heutigen Zeit füllen den Ort der Kindheit mit Konsum. Nach dem ersten Schrecken, die alten Kindheitsträume nicht mehr vorzufinden, bleibt das Bild dennoch das alte, jetzt mit neuen Inhalten angefüllt. Die Erinnerung lässt sich nicht einfach bannen, auch die neuen Produkte können den Ort seiner Faszination aus Kindheitstagen nicht enträtseln. Wie in einem Kinderlied erinnert man sich an den alten Refrain, ausgedrückt im klassischen Stil eines Stilllebens.

Mit den Bildern zu Massenveranstaltungen wird dann die Konfusion perfekt. Erschrocken über den vermeintlichen Hitlergruß

(Abb. 1029 "Popkonzertmenge")
erkennt man bei genauerem Hinsehen, dass die bekannte Geste auf einem Pop Festival unserer Zeit entstanden ist. Erleichterung stellt sich beim Betrachter ein, Hitlergruß und Popfestival sind nicht dasselbe. Das dahinterliegende Problem der eigenen Identität tut sich nun umso bedrohlicher vor dem geistigen Auge auf, der Schreck, es könne sich beim Anblick des Werkes tatsächlich um den Hitlergruß handeln, ist nicht so schnell vergessen.

Diese künstlerische Entwicklung ist ebenso logisch, wie dramatisch. Durch den Verzicht auf die Ikone schält sich aus dem Sprayerkokoon der Maler heraus. Solange Thomas Baumgärtel noch mit der Banane seinen Sorgen und Problemen Ausdruck verlieh, konnte er dieses Symbol auch zu seinem Schutz benutzen, zumal es teilweise so groß war, dass er sich mühelos dahinter hätte verbergen können. Für den Betrachter, der Thomas Baumgärtels Kunstwerke kennt, ist der vermeintliche Symbolverlust dennoch konsequent, weil das Anliegen Thomas Baumgärtels nun unverstellt vor Augen tritt. Angesichts von Orientierungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit, von Konsumrausch, von Identitätsproblemen und Verlust der Natur wird es nun in den neuen Werken Ernst, was niemanden daran hindern kann, gedanklich hier oder dort wieder eine Banane einzufügen, wenn ihm der Ernst zu groß werden sollte.

Ingrid Raab, 2007

 

 

Ein weltweit vernetztes Gesamtkunstwerk hat der „Bananensprayer“, Thomas Baumgärtel, mit seiner Spraybanane, die an über 4000 Kunstorten prangt, geschaffen. Aber der Weg aus der Anonymität zum etablierten Künstler verlief nicht ohne öffentliche Tumulte, zahlreiche Strafanzeigen und saftige Geldbußen und es bedurfte einer gehörigen Portion Zivilcourage, um seine Vorstellungen von der Freiheit der Kunst anschaulich zu machen.

Kunst heiligt die Mittel

Wie überrascht und zugleich erfreut war ich, als ich 1989 die Banane an der Wand meiner kurz zuvor eröffneten Galerie sah. Die gelbe Frucht, für den Künstler Symbol für Kunst und Leben, hatte auch bei mir ihre Wirkung nicht verfehlt und um psychologische Wirkung ging es dem ehemaligen Kunst- und Psychologiestudenten: jeder reagierte anders auf die Schablonenbanane. Sie ließ sich einfach nicht ignorieren und polarisierte – ganz im Sinne des Künstlers - von Anfang an gewaltig: die einen wollten sie unbedingt haben, die anderen verklagten ihn wegen Sachbeschädigung. In den über 20 Jahren seiner Sprühaktivität hagelte es Aktenordner voller Strafanzeigen und Geldbußen, was den Künstler jedoch nicht davon abhielt weiterhin seine unverkennbaren Zeichen zu setzen.

Sehr anschaulich wurden diese „Schandtaten“ im letzten Sommer in der Ausstellung „Krumme Dinger. Skandale, Korruptionen, unsere Bananenrepublik“ im Kölner Oberlandesgerichtes, dem „idealen“ Ambiente, dokumentiert und persifliert. Begleitet wurde die geniale Inszenierung mit einem entsprechenden Medienaufgebot.

Mittlerweile gibt es aber kaum noch Anzeigen von wütenden Galeristen oder Museumsdirektoren. Heute sind die meisten froh, überhaupt in den Genuss dieser Auszeichnung, die zugleich als hervorragender Wegweiser für Kunstsuchende dient, zu gelangen und häufig wird er gebeten, doch seine Bananenschablone zu zücken. Bevor er nach Moskau kam, fälschten die Galeristen, fasziniert von der Spraybanane, dieselbe, und in New York wurde er nach seiner zuvor angekündigten Sprayaktion mit offenen Armen aufgenommen. Kürzlich wurde sogar einer Schweizer Galeristin ihr Firmenschild, auf welchem das begehrte Logo prangte, entwendet – vermutlich hatte es der Dieb auf die Banane abgesehen.

Dabei begann alles ganz harmlos – damals 1983 während seiner Zivildienstzeit in einem katholischen Krankenhaus – mit einer gekreuzigten Banane: über jedem Bett hing ein Kreuz mit einer Jesusfigur aus Porzellan. Eines Morgens bemerkte er, dass eines dieser Kreuze zu Boden gefallen war. Der Künstler wollte das Kreuz aber nicht so nackt wieder an die Wand hängen und da er gerade eine Banane zur Hand hatte, schälte er sie halb und hängte sie stattdessen ans Kreuz. Schon damals sorgte dies für widersprüchliche Emotionen - die Patienten amüsierten sich und die Ordensschwestern waren empört.

Auch in der Ausstellung im Oberlandesgericht hing eine solche Banane – gut sichtbar – und für diesen Anlass vom Künstler extra großformatig gemalt. Das „obszöne“ Ding aber, musste schleunigst weg, wurde in eine Art Besenkammer verbannt und später weggeschlossen. Die Leute könnten ja Anstoß daran nehmen.

Thomas Baumgärtels Bananen blieben aber nicht nur als singuläre Gütesiegel auf Galerien und Museen beschränkt, sondern sie dehnten sich in Scharen auf ganze Häuserwände und zahlreiche Objekte aus – zunächst als Nacht- und Nebelaktionen – später immer mehr als genehmigte Wandarbeiten oder offizielle Projekte im Stadtraum.

Auch vor Wolf Vostells Betonauto „Ruhender Verkehr“, welches auf einer Verkehrsinsel auf dem Kölner Hohenzollernring ruht, machte der Künstler nicht halt und verwandelte es flux in ein Bananenauto, natürlich ohne vorherige Erlaubnis. Schließlich nahm er Vostell nur beim Wort und verwandelte dessen Werk im Sinne von Fluxus „Kunst müsse veränderbar sein“ nach dem Motto: „Was ist hier Fluxus, da bewegt sich ja nix? Es muss sich aber was bewegen“, und schon hatte er die Bananen. Vostell fand diese Aktion jedoch gar nicht lustig und das Kunstwerk musste abtransportiert und gereinigt werden, zu Lasten des Künstlers, hätten sich dafür nicht bananenfreundliche Sponsoren gefunden. Nach Meinung des Künstlers entlarvte Vostell sich damit jedoch nur selbst. An die Stelle des abtransportierten Betonautos stellte Baumgärtel sein eigenes bananenübersätes Auto – witzig, frech und vor allem imagepflegend. Dafür kassierte er lediglich ein Knöllchen. Und zu guter Letzt stellte er sich nach der „Entbananisierung“ der Plastik auf dieselbe und demonstrierte als „Deutsche Freiheitsstatue“, natürlich in einen Bananenmantel gehüllt, mit erhobener Banane für die Freiheit der Kunst. Diese Performance fand ein Jahr später auch vor dem Kölner Dom statt und im Oberlandesgericht prangten unübersehbar riesige Leinwände im Treppenhaus: rechts Baumgärtel als Freiheitsstatue und links als Strafgefangener – immer im Kampf um die Freiheit der Kunst. Tatsächlich landete er einmal aufgrund seines allzu freiheitlichen Umgangs mit der Banane im Gefängnis. Zur Ausstellung fand dann auch eine medienwirksame und dem Ausstellungsort angemessene Aktion statt: Baumgärtel als Sträfling verkleidet und von einem Polizisten in Handschellen abgeführt. Vor der Tür entledigte sich der Künstler seines gestreiften Gewandes und sprayte seine Banane an die Fassade – jedoch nur für die Dauer der Ausstellung. Danach musste sie wieder entfernt werden.

Für Thomas Baumgärtel ist die Freiheit der Kunst ein zentrales Thema, was immer wieder in seinen Werken zum Ausdruck kommt. Für ihn war die Kunst schon immer ein Vorreiter, um auf politische und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen und kritisch Stellung zu beziehen. So persifliert er seit Jahren Größen aus der Politik und seine Bananencollagen weisen auf so manch „krumme Dinger“ in der Bananenrepublik hin. Mit seiner „Sprengbanane“, die er am Museum Ludwig in Köln anbrachte, wies er auf „den miesen Umgang der Museumsdirektion mit dem Kurator für Fotografie, Reinhold Mißelbeck“, hin. Die entstellte Banane wurde daraufhin entfernt und ward bis heute nicht mehr gesehen.

Auch mit seinen öffentlichen Aktionen bezieht Thomas Baumgärtel gesellschaftskritisch Stellung, wenngleich auf humorvolle, subtile Art. Ich erinnere mich noch gerne, als er im Frühjahr 1997 ins Kölner Kulturamt kam und um eine Empfehlung für ein sehr interessantes Projekt mit dem Titel „ Wir lieben die Hohe Kirche“ bat, wo er die Lebensabgewandtheit der katholischen Kirche kritisierte. Anlässlich des 750jährigen Domjubiläums der „Hohen Kirche“ sollte eine riesige, halbierte Banane vor dem Hauptportal des Kölner Doms platziert werden, sodass es den Anschein hatte, sie sei komplett in den Eingang des Domes geschoben worden. Die Aktion sollte nach Thomas Baumgärtel einen spannungsvollen, fruchtbaren Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Kirche bzw. der Kunst und dem Leben erzeugen: „Ich versuche in meinen Projekten eine Kunst voranzutreiben, die auf Auseinandersetzung drängt, Wirkungen erzeugt, Extreme vereint und ein Umfeld schafft, in dem sich ein spannungsvoller, aber fruchtbarer Dialog entwickeln kann. Die Kirche muss sich dem Leben öffnen … Die Banane steht in meinen Projekten für das Leben. Sie verkörpert eine frische, zeitgenössische Kunst, die wie das Leben ihre größte Entzückung im Zusammentreffen der gegensätzlichsten Pole erfährt.“

Da jedoch der gesamte Bereich von ca. 20m rings um den Dom als Sperrfläche galt, auf der keine Aktionen durchgeführt werden durften, konnte leider keine Empfehlung dafür ausgesprochen werden. Entgegen aller Vorschriften jedoch, führte der Künstler sein Vorhaben ein Jahr später in einer Blitzaktion durch. Aber so schnell wie die Banane aufgebaut war – nämlich in acht Minuten – war auch schon der Rechtsanwalt der „Hohen Kirche“ zur Stelle, sodass es laut Thomas Baumgärtel den Anschein hatte, „er habe in der Kirche geschlafen“. Kurz darauf erschien dann auch die Polizei. Die „peinliche“ Banane musste um einige Meter vom kirchlichen auf städtischen Grund zurückgezogen und abends wieder abtransportiert werden. Doch damit hatte der Künstler schon gerechnet und klugerweise den schnellen Aufbau zuvor geprobt und für gehörigen Medienrummel gesorgt.

Ein viel größerer Triumph aber für Thomas Baumgärtel ist es, wenn er eine Genehmigung für das jeweilige Projekt erhält. So plant er seit 2000 eine weitere Aktion mit einer „Riesenbanane“, die er in das Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins und Symbol der deutschen Einheit, legen will. Das Brandenburger Tor und die Banane, nach Ansicht des Künstlers, beides Symbole der Wiedervereinigung werden hier zusammengeführt und veranschaulichen einen weiteren Kampf für die Freiheit und die Freiheit der Kunst: man bedenke - die Banane im Brandenburger Tor erscheint als sei sie hinter Gitter gesetzt. Glücklicherweise hat Thomas Baumgärtel Fürsprecher für sein Projekt gewonnen, wie beispielsweise Roland Specker, der ihm bei der Realisierung des Projektes, insbesondere bei den zahlreichen Genehmigungsverfahren behilflich sein will, und der auch schon als Organisator bei der Verhüllung des Reichtagsprojektes durch Christo und Jeanne-Claude bekannt wurde. Nur wollen wir nicht hoffen, dass der Künstler auch 23 Jahre auf die Realisierung warten muss. Finanzieren will er seine Aktion aus Sponsorengeldern, Verkäufen aus Ausstellungen und seinen originellen Editionen. Letztere kamen beim Publikum sehr gut an. So gab er anlässlich der Ausstellung im Oberlandesgericht eine limitierte Paragraphenbananenedition heraus, die noch am gleichen Abend ausverkauft war und zum Auftakt des Berliner Projektes legte er in die damaligen Fünfmarkscheine, auf denen das Brandenburger Tor abgebildet war, eine Riesenbanane.

Wichtig ist dem Künstler bei solch groß angelegten Projekten im öffentlichen Raum, eine tiefenpsychologische Kunstwirkungsanalyse durchführen zu lassen – das heißt wie wirkt das Projekt auf die Menschen – das Gelingen eines Projektes lässt sich so voraussagen.

Thomas Baumgärtel ist sowohl Idealist als auch Realist und weiß beides auf geniale Weise miteinander zu verbinden. So arbeitet er mit psychologischen Wirkungen, um sein Idee von der Freiheit der Kunst auch in der Öffentlichkeit anschaulich zu machen und weiß die Medien dabei für sich zu gewinnen. Auch gelingt es ihm, durch sein offenes und sympathisches Wesen, gepaart mit Witz und Esprit, eine Schar von Förderern und Sammlern anzuziehen und sie für seine originelle Kunst zu begeistern. Dennoch oder gerade deshalb polarisiert der auch in sich selbst widersprüchliche Künstler: die einen können keine Bananen mehr sehen, die anderen können nicht genug davon kriegen, aber genau dies beabsichtigt er auch: „Ich versuche weiter eine innovative Kunst voranzutreiben, die auf Auseinandersetzung drängt, die extrem die Öffentlichkeit sucht, Kulturen verbinden will und Kunst wieder außerhalb von Museen und Galerien lebendig macht.“

Aber ganz gleich, was seine Kritiker auch auszusetzen haben - er hat längst Kunstgeschichte geschrieben…

Iris Bruckgraber, 2007

 

 

Gelbe Farbe geht niemals aus

Mit Anfang 20 war er der Schreck aller Ordensschwestern vom Niederrhein. Später zitterten die Stadtoberen von Köln vor der mysteriösen Lackbanane. Und heute betteln Galeristen auf Knien um eine gesprühte Banane. Wie aus Thomas Baumgärtel einer der angesagtesten Pop-Art-Künstler wurde. SWR3 Reporter Andreas Hain hat den Bananensprayer in seinem Atelier in Köln besucht

In einer alten Industriehalle in Köln-Nippes düst Thomas Baumgärtel mit seinem Aluroller von seinem Schreibtisch rüber ins Atelier. „Das sind 400 Quadratmeter – ich werd’ sonst fußlahm“, flachst er und steigt ab. Aber so viel Platz braucht er, denn die meisten seiner Werke sind übermannsgroß. Sie haben alle etwas gemeinsam und wirken, als hätte Thomas einen geheimen Pakt mit einem Handelsvertreter für gelbe Farbe geschlossen. Denn die knallgelbe Banane ist sein Markenzeichen. Am liebsten gesprüht und am allerliebsten in Situationen, die nichts mit Obst zu tun haben. Alles fing vor über 20 Jahren in einem katholischen Krankenhaus am Niederrhein an. Über jedem Patientenbett hing ein kleines Holzkreuz mit einem Porzellanjesus. Als der junge Thomas eines Morgens ins Zimmer kam, lag eines dieser Kreuze auf dem Boden und der Jesus in Scherben. „So konnte das nicht bleiben“, erinnert er sich. „Ich kehrte die Scherben zusammen und drückte eine Banane auf die Nägel, die noch im Holz waren. “ Die Patienten freuten sich diebisch und konnten – der Sage nach – plötzlich wieder laufen. Nur die Ordensschwestern mussten sich erst einmal setzen und tief Luft holen. „Krumm genommen hat mir das niemand richtig, aber für mich war klar, wie viele Emotionen eine Banane so freisetzen kann.“ Ein ernstzunehmender Künstler zu werden, davon war Thomas Baumgärtel damals noch weit entfernt. Aber er hatte die Banane als Kunstobjekt für sich entdeckt. Und dieses Kunstobjekt sollte dorthin, wo Kunst hin gehört: an Museen und öffentliche Gebäude. „In einer Nacht-und-Nebel-Aktionen sprühte ich hier in Köln das Museum Ludwig an“, erzählt er. Doch mit wie viel Aufmerksamkeit das verfolgt wurde, war ihm dann doch etwas zu viel. „Jemand hatte mich wohl verpfiffen und plötzlich wurde ich von Mannschaftswagen der Polizei umzingelt und ich landete mit Handschellen auf der Motorhaube. “Erst als die Spraybanane eindeutig als nicht-terroristischer Akt identifiziert worden war, ließ man ihn wieder los. Thomas Baumgärtel kam trotzdem nicht davon ab, seine Banane weiter an Wände zu sprühen. „Die Strafanzeigen hagelten ordnerweise! “Aber gleichzeitig wurde die Spraybanane immer berühmter. Inzwischen gibt es Baumgärtels Frucht in tausend Variationen: Als Bundesadler, als Herz, als Dollar- und Paragraphenzeichen, als Haifisch, als Karnevalsprinz, als Ernie, als Fallus, als Halbmond, als Notenschlüssel... und es wird sie wohl auch noch so lange geben, wie gelbe Farbe lieferbar ist. „Es kam schon mal vor, dass der Sprühkopf Ladehemmungen hatte, aber dass mir die gelbe Farbe ausgeht: niemals“, so der Kölner Künstler lachend, schwingt sich auf seinen Aluroller und rollt rüber ins Büro. Denn aus dem zwei Meter hohen Gemälde, an das er gerade noch die letzten Pinselstriche gesetzt hat, soll jetzt am Computer das neue SWR3 New Pop Plakat entstehen. „Ich war vor zwei Jahren selbst als Zuschauer beim New Pop Festival und hab’ mich von der Stimmung dort inspirieren lassen. “New Pop und Pop Art passen eben am allerbesten zusammen und deshalb werben 2007 die berühmten knallgelben Spraybananen von Thomas Baumgärtel für das SWR3 New Pop Festival.

text: Andreas Hain
in: SWR3 DAS MAGAZIN 6/2007

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Die Banane als politisches Prinzip und Werkzeug

Ein Künstler kann nicht politisch genug sein. Kunst ohne Wirkung ist für mich keine Kunst. Kunst die Wirkung zeigt mischt sich automatisch ins aktuelle Geschehen und damit in die Politik selbst ein.

Diese Erkenntnis ist nicht über Nacht entstanden, sondern in mir über Jahre herangereift wie die Banane selbst. Vor 20 Jahren waren meine ersten Spraybananen noch Sprüh-Aktionen im illegalen Raum. Damals haftete Graffiti etwas sehr Verbotenes an, über das ich mich hinwegsetzte, obwohl ich dafür viele Strafanzeigen kassiert habe und oft verhaftet wurde.

Inzwischen hat der Kunstmarkt die Banane zu einem Markenzeichen gemacht und gesagt: wo die Banane ist, findet gute Kunst statt. Normalerweise wird ja immer der Künstler bewertet. Mit der Banane als Signet für Kritik am Kunstmarkt aber habe ich damals den Spieß einfach umgedreht und Orte nach eigenen Kriterien bewertet – ob sie interessant sind, sich für Künstler engagieren, gute Vermittlungsarbeit leisten und nicht unbedingt nur materielle Kriterien bzw. das schnelle Geld im Vordergrund sehen. Diese Orte wurden mit einer Banane markiert. Damit wurde die Banane quasi ein Michelin-Stern für Kunst, ohne dass ich diesen Prozess hätte beeinflussen können.

Eine andere politische Arbeit trägt den Namen „Unsere Bananenrepublik“. das sind Arbeiten, in denen ich meine Banane mit Politiker- und Korruptionsskandalen gefüllt habe: Vom nationalen Müllskandal in Köln angefangen, über den Kölner Messeskandal, der bis vor das Europäische Verwaltungsgericht in Brüssel ging, bis zum diesjährigen Bürgermeisterskandal von Delbrück, der erst Neuwahlen anberaumte und dann verkündete, dass er doch lieber weitermacht, weil er eine Wahlniederlage befürchtete.

Solche undemokratischen Prozesse kann ich mit meiner Banane sehr gut aufgreifen und mit Humor und Ironie auf das politische Geschehen Einfluss nehmen. Im Fall des Oberbürgenmeisters zeigte ein Transparent vor dem Rathaus durchaus Wirkung. Ein Bild vom Bürgermeister mit einer Bananennase wie bei Pinocchio ist seitdem auch Teil meines Werkblocks „Metamorphosen der Spraybanane“, den ich bei vielen Ausstellungen in Museen und Galerien präsentiere.

So gesehen verstehe ich es als innere Verpflichtung, meinen Teil dazu beizutragen, damit Politik einen gerechteren Weg geht und für eine Gesellschaft steht, in der man friedlich zusammenleben kann. Denn wenn Politik nur ein Mittel ist, um an Macht zu kommen, ist dies genau die Politik, die ich nicht möchte - und ein direkter Hinweis für mich, einzuschreiten.

Thomas Baumgärtel, November 2006 auf Anfrage von Ulrike Pfaff für Projekt "Politisches Tagebuch / Menschen. das magazin"

 

 

Mit dem Werkzeug alles machen

Der Kölner Thomas Baumgärtel bekannt als der 'Bananen-Sprayer' schaffte durch seine 23-jährige Auseinandersetzung mit einem einzigen Objekt in verschiedenen Variationen, den Sprung von der Straße in den Kunstmarkt. Anfangs als Kritik am Kunstmarkt gedacht, ist seine 35 cm Banane am Eingang eines Kunstortes, ironischerweise zum begehrten Markenzeichen für Kunst selbst geworden. Mit den Jahren hat er sich in seiner Arbeit verschiedene Strategien zu nutze gemacht, die heute längst Standard sind - wobei ihm sein Psychologie-Studium hilfreich zur Seite stand. Wenn man Kunstorte frequentiert und Zeitung liest, trifft man ihn und seine Bananen nach wie vor. Wir begegnen seinem Namen oder Bananen hauptsächlich in Büchern über Stencils, Urban Art oder in HipHop-Lexikas und das ist auch gut so.

Während seinen Zivildienstes Anfang der 80er Jahre, nagelte Baumgärtel in einem katholischen Krankenhaus eine Banane auf ein Holzkreuz. Um so die Ordensschwestern zu testen. Die Reaktionen gingen von Gelächter bis Empörung, weshalb er gefallen daran fand und Kunst sowie Psychologie studierte. Er hat dann erstmal fünf Jahre lang mit Bananenschalen gearbeitet und in einer Disco gejobt, wo er viel HipHop hören musste. Heute hört er lieber Soul oder gar nichts, bei der Arbeit dudelt das Radio. Er mag die Provokation und das Spiel mit den Symbolen. Inspiriert von Harald Naegli oder Blek Le Rat machte er 1986 seine ersten Bananen-Stencils und hat diese Bananen-Schablone seitdem an rund 4000 weltweite Galerien, Museen oder Kunstorte gesprüht. Für seine Bilderserien über Bananenmetamorphosen benutzte er an die 1000 Schablonen und Mitte der neunziger Jahre sprühte er riesige Gemälde aus Mini-Bananen-Schablonen. Oder er werkelte an überdimensionalen Installationen, Bananen als Skulpturen aus Kunststoff, Holz oder Beton. Das alles zeigte ihm, dass mit der Banane einfach alles geht.

Soviel Banane kann zwar erstmal befremdlich wirken, aber Baumgärtel ist abgehärtet: „Wenn man sich so exzessiv mit einem Gegenstand beschäftigt, muss man auch gelassen gegenüber Reaktionen werden. Heute sammle ich gerade die heftigen Reaktionen zu der Banane und je negativer sie sind, umso besser“. Ob am Brandenburger Tor, im Kölner Oberlandesgericht oder bei einer Schweizer Branding-Austellung – der Baumgärtel ist mit seinen Bananen am Start. Auch die Aktenordner voller Strafanzeigen gehören dazu und stehen in Vitrinen. Was also vergleichsweise harmlos mit der Warhol-Banane als Revolution der Platten-Cover-Kultur in den 60er Jahren begann, führt Baumgärtel konsequent weiter und bringt der Welt und seinen vermeintlichen Kunstorten die Banane: „Damals war Köln ja eine Art Kunsthochburg mit so vielen Galerien - der Kunstmarkt war vollkommen überteuert, überdreht und abgehoben. Quasi 'totally bananas', und so fing mein Projekt mit den Kunstorten an. Das war damals schon als Kritik gedacht, aber wie alle Sprayer wollte ich auch auf mich aufmerksam machen“. Baumgärtel freut sich, wenn er zum ersten Mal nach Moskau reist und die Banane schon da ist. Kopien sieht er - solange nicht kommerziell verwertet - als Kompliment. Als er in New York zum ersten mal eine Banane sprühte, sagte jemand im vorbeigehen: 'this is the banana-sprayer from cologne'. Da die Galerien inzwischen zu Ausstellungen einladen und Kunstorte nach der Banane verlangen, kann man sagen, dass ihre subversivsten Zeiten vorbei sind. Die Presse ist vor Ort und am nächsten Tag steht es in der Zeitung. Doch Baumgärtel sieht die Banane als Prinzip und Werkzeug: „Damit kann man jederzeit, wenn es zu etabliert oder elitär wird, auch dagegen rudern. Ich habe die Freiheit jederzeit damit auch anarchistische Aktionen zu machen und die Freiheit nehme ich mir auch. Deshalb bin ich froh, dass ich lange auf der Straße gearbeitet habe“.

Laut Baumgärtel muss Kunst in erster Linie Wirkung erzeugen, weshalb er seinen Straßen-Aktionismus auch durch Protestcampen oder Unterschriftensammlungen austobte. Jetzt ist er nur noch selten auf der Straße unterwegs, trotzdem freut er sich über alle Writer und Kleber die in Bewegung sind und die Stadt schminken. Er würde sich sogar für Sprayer einsetzen: „ Ich finde Graffiti gehört in die Großstadt, ohne Subkultur fühle ich mich unwohl. Die Großstädte sollen doch froh sein, denn die Architektur ist oft die größere Beleidigung für die Augen“. Trotzdem findet er es normal, dass der Kunstbetrieb auf der Straße umtriebige nur ungern akzeptiert, denn der Zusammenhalt einer Kultur funktioniert auch über Norm und Ausgrenzung: „Die illegalen Sprayer, muss der Kulturbetrieb erstmal ablehnen. Denn eine Kultur funktioniert nur, wenn sie Normen hat. Ein gewisses Maß an Aufstand braucht man zwar auch, aber irgendwo ist eben die Grenze.“ Die Basis seines jetzigen Erfolgs bleibt trotz allem, die Freiheit nicht zu fragen, sondern einfach zu machen. Sich Orte symbolisch anzueignen ist für Baumgärtel genauso wichtig, wie den normalen Kunstbetrieb auf die Schippe zu nehmen.

Baumgärtels Unterstützer entdecken in seinem Werk sogar Dadaismus, also die Kunst etwas Verrücktes mit Humor zu machen, mit den Mitteln des Nonsens gegen die Ernsthaftigkeit vorzugehen. Manche Frauen sahen dagegen in der Banane eher die Überbetonung eines Männlichkeitssymbols und crossten die Banane: „Da gebe es einige Geschichten von Frauen zu berichten, die stolz darauf waren meine Banane überzumalen. Und sicher mache ich als Mann eher männliche Kunst, wenn man so will.“ Durch sein Psychologiestudium weiß Baumgärtel aber glücklicherweise, dass die Kunst erst durch den Prozess der Betrachtung zur Kunst wird und auch was die Deutungen von Symbolenüber den Betrachter sagen. Deshalb findet er solche Rezeptionen nicht uninteressant. Aber auch ihm selbst wird die Banane manchmal zu viel. Mittlerweile hat er deshalb zwei getrennte Arbeitsräume, um auch an Projekten ohne Bananen zu arbeiten: „Manchmal muss ich den Bananensprayer auch mal wegdrängen, damit andere Entwicklungen hochkommen können“. Hochgekommen sind bisher - in Acryl und mit Pinsel gemalt – Supermärkte, Großstädte, Menschenmassen und der Holocaust. Themen die ihn auch schon in der Psychologie beschäftigt haben:
„Diese Holocaust Sachen sind wirklich ein schweres Thema. Es berührt einen sehr stark. Das muss man mal gemacht haben, um das zu merken. Der Fotorealist Gerhard Richter, der ja auch zu RAF und Terrorismus gemalt hat, sagte mal in einem Interview, dass man den Holocaust nicht malen könnte. Deswegen wollte ich das mal ausprobieren, ich habe eine Hand voll Bilder gemacht und bin irgendwann nicht mehr weiter gekommen. Man braucht dafür viel Zeit, während es gleichzeitig kaum Interesse an dem Thema gibt.“ Noch hat Baumgärtel zwei schöne große Räume in der Ateliergemeinschaft „CAP Cologne“ in Köln-Nippes zusammen mit 50 anderen Künstlern, wo er zwischen Holocaust, Bananen und Kaffeküche hin und her pendeln kann. Aber damit ist bald Schluss, weil die Stadt nun andere Pläne mit dem Gelände hat. Aber Baumgärtel braucht sich keine Sorgen zu machen, er hat einen Beruf den man sehr lange ausüben kann und das Kunstgeschäft läuft. Sonst hat er ja auch noch die Banane oder die Straße: „Ich hätte nichts dagegen die Banane noch den Rest meines Lebens weiter zu benutzen. Mit banalen Sachen, wie einer Banane kann man trotzdem Wirkung erzeugen und das ist die Kunst.“

Bianca Ludewig, Oktober 2006
backspin hiphop-magazin

 

 

Deutsche Einheit
Betrachtungen aus Berlin

Katalogtext von Galeristin Ingrid Raab zur Ausstellung Baumgärtel/Klemm “Deutsche Einheit” im Museum Schweinfurt

Zu den ergreifensten Werken moderner Malerei, die sich auf das Zeitgeschehen beziehen, gehören die Gemälde „Die Erschießung des Kaiser Maximilian“ des französischen Malers Edouard Manet (Abb. 1). Wie in einem Film läuft das Drama vor den Augen des Betrachters ab. Die Generäle wurden bereits hingerichtet, noch steht dem Betrachter der Vollstrecker Kaiser Maximilians gegenüber, auch er wird sich gleich umdrehen, um befehlsgemäß und unbeteiligt die Exekution auszuführen. Wir kennen den Ausgang und können das Geschehen zu Ende denken. Aber angesichts der uns noch gegenüberstehenden Figur des Vollstreckers schießen andere Gedanken durch den Kopf: Kann man das Unglück abwenden? Muss es so weit kommen? Was geschieht hier eigentlich? Manets monatelanges Ringen um die Wahrheit, die politischen Hintergründe des Dramas, die Ohnmacht, das Unglück nicht abwenden zu können, wird lebendig. Längst liegen die geschichtlichen Fakten zur Erschießung Kaiser Maximilians vor, dennoch steht man vor keinem Historienbild, wenn man sich das Werk ansieht. Vielmehr ist es ein Dokument menschlicher Verstrickungen, die beim Betrachter Mitgefühl, Stellungnahme, Bedauern – Katharsis hervorrufen. Während das Werk ein Geschichte gewordenes Drama abbildet, öffnet sich vor dem inneren Auge des Betrachters ein Abgrund, das Versagen einer Gesellschaft wird sichtbar, die es nicht verstanden hat, das Drama zu verhindern, während es gleichzeitig vorstellbar ist, dass das möglich gewesen wäre. Ohne den Zeigefinger zu erheben, ohne politische Stellungnahme ist der Blick auf die Welt, den das Werk gewährt, eine Anklage an die eigene Zeit, die derartige Monstrositäten zulässt. Dieser Blick rührt den Menschen und befreit ihn von Anteilslosigkeit. Es bleibt ein Grundprinzip menschlicher Haltung, diese Augenblicke zu suchen.

Manet stellt die Herrschaft des Ewiggestrigen in Frage und beschreibt den erschütternden Moment, in dem der Mensch vor dem unglaublichen Geschehen kapituliert. Hamlet nennt diesen Geisteszustand in einer menschlichen Ausnahmesituation im dritten Akt des Dramas „mortal coil“. Wo wir auf lebensbedrohende Herausforderungen treffen, spielt Kunst die Rolle des „sterblichen Wirrwarrs“. Wo Angst und Schrecken regieren, regt Kunst zu Nachdenklichkeit und Betroffenheit an. Anstatt sich auf die Seite der Institutionen zu stellen, stellt die Kunst sich mitten in der Krise in eine Welt voller Unruhe und Unsicherheit. In der Vorwendezeit gibt es viele Beispiele in der DDR, die „mortal coil“ thematisieren, wie die Ausstellung Via Lewandowskis im Sommer 1989. Er stellt vierzig Kuhhufe in einen leeren Raum - mit Richtung auf den Ausgang (jede dumme Kuh würde den Ausgang aus der DDR suchen). Die gruselige Szene erschreckt die Offiziellen, sie wagen es jedoch nicht, die Ausstellung wegen der offensichtlich subversiven Ideen zu schließen, sondern verbieten die Schau aus hygienischen Gründen. Ein Veterinär wird offiziell beauftragt, gesundheitsschädliche Zustände festzustellen. Woraufhin der Künstler die Ausstellung mit starken Desinfektionsmitteln besprüht, um nach getaner Tat seinerseits den Veterinär zu bemühen, der nun hygienisch einwandfreie Zustände feststellen kann. Die Ausstellung darf wieder öffnen. „Mortal coil“ lässt in den darauf folgenden Monaten viele Künstler der DDR auf Demonstrationen zu Wortführern der Wende werden. Ihre unerschrockenen Reden, ihr entschiedenes Handeln ist angesichts der erdrückenden Macht der Ewiggestrigen nur dadurch zu erklären, dass sie begriffen, wie erschüttert auch „das Volk“ von reaktionären Einschüchterungsversuchen war.

Die hohe, hektische Stimme Walter Ulbrichts bleibt im Ohr: „niemand hat vor, eine Mauer zu bauen“, während schon Wochen später die unvergessenen Bilder getrennter und flüchtender Menschen an der Mauer bekannt werden (Abb. 2). Unendlich lange, bittere Jahre vergehen, in denen Honecker verkündet „weder Ochs noch Esel in ihrem Lauf halten den Sozialismus auf“; Michail Gorbatschows Worte „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben,“ verhallen scheinbar ungehört, oder doch nicht: denn die Stimmen „wir sind das Volk“ werden immer lauter und die Witze über das Zentralkomitee immer deutlicher.

Am 9.11.1989 um 18:57 Uhr liest Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz im Fernsehen eine vom Zentralkomitee beschlossene neue Reiseregelung folgenden Wortlauts ab: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VP der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen“. Bestes Amtsdeutsch, das wegen der schwammigen Form viele Bürger der DDR neugierig macht, den Tatbestand noch am selben Abend zu überprüfen (Abb. 3). Spätestens seit der Frage des italienischen Korrespondenten Riccardo Ehrmann der Agentur ANSA, wann die neue Regelung in Kraft trete, womit er dem Amtsdeutsch eine konkrete Aussage abverlangt und Schabowski antwortet: „Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich“ gibt es kein Halten mehr. Stunden später sind Grenzübergänge gestürmt, West-Berlin voller Trabis und bei winterlichen Temperaturen verwandelt sich der nächtliche Ku'damm in ein großes Volksfest. (Abb. 4)
Wie in der westdeutschen Nachkriegszeit scheint sich eine neue deutsche Erfolgsgeschichte anzubahnen. Bundeskanzler Helmut Kohl beschwört „blühende Landschaften“. Im Glückstaumel über die für alle wieder gefundene Freiheit, bei der intensiven Verhandlungspolitik für die Friedensverträge und im nicht unerheblichen Kampf der alten DDR-Bewohner um die Bewältigung des neuen Lebens kommt es noch nicht zur Auseinandersetzung über zeitgemäße Grundlagen der neuen Gesellschaft. Schließlich war das Hauptziel der Freiheitsbewegung durch die Öffnung der Grenzen erreicht. Aus „wir sind das Volk“ wird „wir sind ein Volk“, das ist für die eigene Wahrnehmung bestimmt und noch kein Ausdruck einer auch nach außen bekundeten „Deutschen Einheit“. Von ihr gibt es überschwängliche Vorstellungen und eher nachdenkliche, in eine ungewisse Zukunft gerichtete. In Berlin entsteht im Jahr 1990 das Bild „Selbstportrait und Mauer“ von Markus Lüpertz, eine malerische Auseinandersetzung mit dem, was am 9.11.1989 zu Ende geht und gleichzeitig der Versuch, das Ereignis visionär zu sehen, ein Ansatz, den das Werk Lüpertz' auch sonst kennzeichnet (Abb. 5).

Der Freiheitsbegriff hat sich aus Westberliner Sicht auf einen Schlag gedreht: Westberlin als der Ort, an dem Freiheit sich innerhalb, nicht außerhalb der Grenzen manifestiert, existiert nicht mehr. Er ist aber weiterhin tragfähig als metaphysisch zu deutendes Phänomen, wenn man wie Markus Lüpertz an grenzenlose Freiheit glaubt, der allenfalls künstlerisch Regeln gesetzt sind, worauf die symbolischen Elemente im Bild hinweisen. Das Gemälde appelliert, ganz im Geist der Westberliner Erfahrung, an die Kraft der Freiheit zuallererst als individuelle Möglichkeit. Es beschwört künstlerische Ideen herbei, ist nicht nur in den Farben, sondern auch in der Symbolik nachdenklich und bedenkt so die Chancen für die Zukunft auf der Basis freiheitlicher und humanistischer Ideale. Optimismus oder Sicherheit strahlt das Bild nicht aus, es portraitiert den Don Carlos, den Gustav Gründgens vor versammelten Nazigrößen im Schillertheater in Berlin gab: „Sire, geben Sie Gedanken!“. Diese Richtung verfolgt Lüpertz weiter, als er für das Bundeskanzleramt die „Philosophie“ zum Leitmotiv vorschlägt. Seine Skulptur und die in symbolischen Farben ausgestalteten Räume stehen bewusst für eine Gesellschaft der Ideen und Tugenden - eine Tradition, die seit der deutschen Romantik zwar nicht glücklich verlief, aber für das Land hätte zukunftsweisend werden können.
Deutschland sagt man damals nur zögerlich zu seinem Land. Offiziell gibt es die DDR oder auch „DDR“ oder SBZ, in der Schreibweise all derer, die die DDR als Staat nicht offiziell anerkennen; es gibt die BRD oder Bundesrepublik Deutschland. 1990 malt Rainer Fetting das Bild „Mauer und Buchenwald - Rumpelstilzchen“ (Abb. 6). Hatte Rumpelstilzchen nicht seine Existenz damit verbunden, dass man seinen Namen nicht kannte? „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“ Wie das „Kind“ denn heißen solle, bleibt zunächst offen, wenn auch kaum einer mehr glaubt, dass die Nennung des Namen dazu führen könne, dass die Nation sich erneut zerrisse. Den Osten, der schon im nächsten Jahr als „neue Bundesländer“ Verträge mit den „alten Bundesländern“ abschließt, unter BRD zu vereinnahmen, hätte den Respekt vor der Freiheitsbewegung vieler Menschen geschmälert. Die Staatsfrage ist allzu fragil, um sie mit Selbstbewusstsein zu stellen, sie ist auch neu und ungewohnt und das soll noch einige Zeit so bleiben.

Blicken wir etwa zehn Jahre später auf das Jahr 2000, als ein Kunstwerk Hans Haackes für den Deutschen Bundestag Aufsehen erregt. Haacke will einen Trog aufstellen, der Erde aus den verschiedenen Bundesländern aufnehmen soll und diesen mit den Lettern „DER BEVÖLKERUNG“ in Frakturschrift versehen. Er reagiert damit auf die Giebelinschrift des Reichstags - dort steht in wilhelminischer Frakturschrift und in Versalien: „DEM DEUTSCHEN VOLKE“. Haackes Kunstwerk führt - ähnlich wie bereits Christos „wrapped Reichstag“ - zu veränderten Gedankenstrukturen. Im Gegensatz zu Christo, dessen ästhetische Verhüllung in Berlin mit fröhlicher Begeisterung gefeiert wird, löst Haacke heftige, von ihm gewollte Reaktionen aus. Mittel dazu ist das Stilelement der Frakturschrift mit ihrer wechselvollen Vergangenheit: in dieser Schrift gestaltete Albrecht Dürer eines der größten Buchkunstwerke der Welt, das Gebetsbuch Kaiser Maximilians; von Adolf Hitler wurde der Gebrauch der Fraktur verboten; nach dem zweiten Weltkrieg fiel sie fast dem Vergessen anheim. Sieht man heute auf die tägliche webcam-Aufnahme, die zum Kunstwerk Haackes gehört und unter www.derbevoelkerung.de für jeden sichtbar ist, entdeckt man, dass der Schriftzug inzwischen teilweise von Pflanzen überwuchert ist. Man mag das als Symbol für die versöhnende Zeit sehen, aber auch als Ergebnis notwendiger, bisher nicht geführter Auseinandersetzungen zum deutschen Thema.

Durch künstlerisch so unterschiedliche Gedankenansätze wird die deutsche Einheit zu einem vielschichtigen Thema und damit zur idealen Ausgangslage für die Zusammenarbeit von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm. Beide Künstler arbeiten dabei aus jeweils anderer Sicht. Harald Klemm macht die Familiengeschichte zum Thema: „Genauer gesagt, es ist mein Vater, der in Werneuchen bei Berlin aufwächst und dort seine Kindheit und Jugend, die meiste Zeit auf dem dortigen Militärflughafen, verbringt; bis er im September 1951 an seinem 18. Geburtstag von dort fliehen muss, weil er beim Bierholen für seine Geburtstagsfeier in der Dorfkneipe einen angetrunkenen russischen Soldaten entwaffnet. Schnell wird ihm zugetragen, dass die russische Militärpolizei nach ihm sucht und man legt ihm nahe, erst einmal bei seiner Großmutter in Westberlin unterzukommen. Sein Bruder wird 2 Tage lang verhört, gibt aber den Aufenthaltsort nicht preis. Mein Vater ist danach 17 Jahre nicht nach Hause gekommen und lebte schon lange in Westdeutschland, wo er seine Arbeit und seine Frau fand, bevor er das erste Mal seinen Bruder wieder sah. Er erlebte nicht, dass sein Vater 2 Jahre nach seiner Flucht in derselben Kneipe von einem betrunkenen russischen Soldaten erschossen wurde“. (Harald Klemm, 10.7.2006)
„Mortal coil“ und damit ein Thema für das Malen, aber auch für die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, ob Maler, Komponisten oder Dramaturgen. Für Harald Klemm spielt der New Yorker Maler Theo Lipfert hier in den ersten Jahren eine zentrale Rolle, der ihn vielleicht auch durch sein forschendes Herangehen an Themen fasziniert. Ausgangspunkt der Projekte ist umfangreiches, teils in Archiven gesuchtes, in Videos gefundenes Material, das sich im Gebrauch für beide Künstler oft zu einer überraschenden Form der Übereinstimmung entwickelt. Danach ist die Zusammenarbeit mit Thomas Baumgärtel 1998 ein natürlicher Schritt: das Projekt „Wen.de - Zehn Jahre Deutsche Einheit“ nimmt seinen Anfang.

Wie Harald Klemm ist auch Thomas Baumgärtel in der Nachkriegszeit im Rheinland aufgewachsen, das aus der Aussöhnung mit dem Nachbarland Frankreich eine Erfolgsgeschichte gemacht hat. Die Erfahrung ist hintergründig. Sie beruht auf vielfältigen, oft alltäglichen, häufig denkwürdigen Ereignissen, die nicht isoliert geschahen, heute nicht mehr in jeder einzelnen Phase kritisch oder abwägend nachvollzogen werden müssen, sondern längst ein Lebensgefühl erzeugt haben, das mit dem Ausdruck rheinländischer Frohsinn gar nicht schlecht beschrieben ist. Dahinter verstecken sich schlagfertiger Humor, geistige Unabhängigkeit, kulturelle Neugier, großer Anteilnahme am Schicksal anderer und ein schlagfertiger Umgang mit politischer Macht. Erste Arbeiten Baumgärtels zur Deutschen Einheit entstehen Mitte der 80er Jahre, vorzugsweise Bananen-Bildnisse von Helmut Kohl (Abb. 7) oder die Deutschlandfahne als Symbol unserer „Bananenrepublik“. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern führt er bis heute in der Gruppe „Könige der Herzen“ mit Thitz und M.S. Bastian fort. Seine Aktionen als Bananensprayer sind Legende. Als er dann 1994/95 den Bananenpointillismus erfindet, wird er zum geeigneten Partner für das Gemeinschaftsprojekt „deutsche Einheit“ und für eine aufregende künstlerische Zusammenarbeit.
Die eigene Vorgeschichte macht den Fall der Mauer in Deutschland für Baumgärtel und Klemm zum künstlerischen Fest. Rosen, Bananen und Pinkfarben für das Brandenburger Tor, (Abb. 8) Freiheit auch für die Volksarmee sind keine vordergründigen Motive. Mit der historischen Last im Rücken - Helme und Kalaschnikows, das Brandenburger Tor bilden das Gerüst der Bilder - sind Rosen keine Selbstverständlichkeit. Es kann streng genommen an dieser Stelle weder Rosen noch Bananen geben, man muss sie erst einmal malen, erschaffen. Sichtbar wird der Vordergrund der Gemälde hintergründig, denn die Künstler fordern, ihre im Rheinland erworbenen Erfahrungen der Nachkriegszeit auf die neue, nun in allen deutschen Regionen Wirklichkeit gewordene Freiheit anzuwenden. Dabei bleibt das Geschichtsbewusstsein immer im Hinterkopf. Die Überwindung martialischer Auseinandersetzungen durch gemeinsame kulturelle Erfahrungen, so wie es bereits Courbet oder Proudon im 19. Jahrhundert beschworen haben, tragen das ihre zum Frohsinn bei, den nun spätere Generationen als Selbstverständlichkeit empfinden können.

Rosen für Deutschland - und warum nicht auch Bananen -, die in der zeitgenössischen Kunst seit Andy Warhol ebenbürtig für das Freiheitssymbol stehen. Selbst die Komposition der Werke ist auf Befreiung abgestellt; von der Volksarmee (Abb. 9), die nicht mehr das eigene Volk einsperrt, für das Brandenburger Tor, durch das man wieder als Fußgänger hindurchgehen kann, für das individuelle Glück, das von der Freiheit abhängt und nun allen widerfährt. Fragt sich nur, wie dieses Glück festzuhalten sei, wenn die Relikte im Hintergrund der Werke historische Fakten bleiben. Es liegt auf der Hand: mit Volksarmisten, Stasi, IM, Seilschaften müssen wir uns weiter beschäftigen. Sie mischen sich der Freude über die Freiheit bei, bleiben ein Teil des deutschen Schicksals und der 17 Millionen Menschen, die 1989 unter Hintanstellen ihrer eigenen Existenz für die Freiheit gestimmt haben, damit für eine freie Zukunft und letztendlich für die deutsche Einheit. Die Bilder in ihrer gemalten Vorder- und Hintergründigkeit lassen unendliche Gedankenräume entstehen, setzen Phantasie frei, sie enthüllen die für die Zukunft besten Ideen ihrer Zeit, wie es sich für gute Kunstwerke gehört.

Fast 15 Jahre nach dem Fall der Mauer treffen Baumgärtel und Klemm durch Vermittlung Julia Raabs auf Peter Oberneier aus Kladow (ehemals West-Berlin). Er ist Eigentümer eines eleganten Trabbi Coupe in hellblau, der ein Desiderat der Künstler darstellt - und nicht nur das Coupe, auch Karosserieteile, die sich dann - auf Hochglanz poliert - zum Zwickauer Altarbild nobilitieren lassen. Inzwischen ist der Trabbi fast aus dem Verkehrsbild verschwunden, aber wie der Käfer aus Wolfsburg hat er große Symbolkraft. Für Peter Oberneier steht fest, dass dieser Trabbi noch längst nicht alles Potential entfaltet hat - er überlässt ihn den beiden Rheinländern für neue Abenteuer, die ihn schon mit der Beschreibung des Vorhabens neugierig gemacht haben. Auf dem Dach Adolf Hitler, an den Türen Anne Frank, Helmut Kohl, Michail Gorbatschow dazu die romantischen Erinnerungen an die Tage nach der Öffnung der Mauer. Alles findet auf dem Prachtexemplar mit Schablonen und Farbe seinen Platz und ehe wir uns versehen, entstehen vor unseren Augen die Bilder, die wir Tage und Wochen nach der Wende gesehen haben.

Die Zeit seit der Wende haben viele genutzt, um wieder eine größere Heimat kennen zu lernen. Harald Klemm lernt die Heimat des Vaters kennen, so wie andere die alte Heimat seit Jahren wieder besuchen, wieder andere sich den Traum von Venedig erfüllen. Hatten wir „Deutschland“ 1989 nur zögerlich gedacht, ist es inzwischen wieder der Begriff für unsere Heimat geworden. Dass wir das dem Freiheitswillen von Deutschen und unseren Nachbarn zu verdanken haben, macht auch die Schattenseiten nicht vergessen, die von vielen noch schmerzhaft empfunden werden.

In vieler Hinsicht erscheinen Thomas Baumgärtels und Harald Klemms Werke zur deutschen Einheit visionär. Schon hier erscheint die Deutschlandfahne, die zur Fußballweltmeisterschaft mit den vielen Nationalfahnen der teilnehmenden Länder ganz Deutschland übersäht und das Ausland findet es selbstverständlich. (Abb. 10) Fügt man diesem selbstbewussten, fröhlichen Bild auch deutsche Namen hinzu, Beethoven, Dürer und Goethe, denkt man an die Tagebücher der Anne Frank, erscheinen vor dem geistigen Auge kulturelle Triumphe und nationale Katastrophen. Zur ungetrübten Freude gesellt sich das Drama, das in Kunstwerke gefasst mit der Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft, mit der Moral spielt, wie man mit dem Feuer spielt. Kunst kennt das Böse, erschafft es, verhüllt es, verwischt Spuren, gibt auch nicht alles preis, wahrt das Geheimnis. Über Jahrhunderte hat Kunst den Weg gewählt, den menschlichen Konflikt, die Katastrophe vielschichtig darzustellen.

Bill Viola schreibt zum Gemälde „Verspottung Christi“ (ca. 1490 - 1500) von Hieronymus Bosch: „...man entdeckt, dass der emotionale Ausdruck all dieser Menschen sich bewegt, er hat sich schon bewegt, bevor du in dem Raum warst und wenn du gegangen bist, wird er sich immer noch bewegen. Es gibt keinen Schluss, kein Endresultat. Ein sich fortwährend wandelndes emotionales Schema, das in ausgedehnter Zeit über die Gesichtsfelder flackert, führt dazu, auch das eigene Entschlüsseln, Mutmaßen über Beziehungen der Akteure zueinander ständig zu ändern.“ (aus: encounters, Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung in der National Gallery in London, 2000). Das im Gemälde von Bosch dargestellte Drama der Verspottung Christi durch seine Henker ist menschlich kaum erträglich, das Nachdenken über die vielschichtigen, bildnerisch dargestellten Emotionen der Akteure ist jedoch nachvollziehbar, erzeugt Empathie, gibt angesichts der Gefahr auch Hoffnung auf Rettung.

Das Rettende in der Gefahr liegt in der von allen Menschen geteilten, gemeinsamen Kultur, die wir in glücklichen Zeiten mit unseren Nachbarn austauschen. Kultur, Kunst definieren und bewahren Erinnerung, dessen was man liebt, aber auch dessen, was fremd ist. Sieht man Klemms Gemälde der alten Grenzposten, schließen sie Tragödien ein, die durch bessere Erfahrungen überlagert sind (Abb. 11) und die unglaubliche Freude aufleben lassen, die das erste unbehinderte Durchfahren nach der Grenzöffnung auslöste.
Inzwischen sind diese Orte Geschichte, ist die deutsche Einheit als Tatsache im Bewusstsein der Menschen angekommen. Der nächste Schritt ist, ihre Werte zu bedenken, aus ihrer neu gewonnenen Existenz die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gerade weil die Werke von Baumgärtel und Klemm zur „Deutschen Einheit“ nicht eindeutig, sondern janusköpfig bleiben, halten sie nicht nur die dem Manetwerk entnommene Lebenserfahrung fest, dem fürchterlichen Geschehen erfolgreich Einhalt zu gebieten, sondern geben auch der Möglichkeit Raum, das Geschehen mit den besten modernen Ideen weiterzuführen.

Berlin, im August 2006
Ingrid Raab

Abb. 1) Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko (Edouard Manet)
Abb. 2) Bei Ostwind I (Harald Klemm)
Abb. 3) Trabbi (Baumgärtel/Klemm)
Abb. 4) Verkündigung nach G. Schabowski (Harald Klemm)
Abb. 5) Vision mit Mauer (Markus Lüpertz)
Abb. 6) Mauer und Buchenwald - Rumpelstilzchen (Rainer Fetting)
Abb. 7) Helmut Kohl (Thomas Baumgärtel)
Abb. 8) Blühende Landschaften 2 (Baumgärtel/Klemm)
Abb. 9) Ein Deutsch Deutsches Lied, 2-3-4 (Baumgärtel/Klemm)
Abb. 10) Deutschland (Thomas Baumgärtel)
Abb. 11) Transit (Harald Klemm)

 

 

Deutsches Allerlei

Katalogtext von Andrea Brandl zur Ausstellung Baumgärtel/Klemm “Deutsche Einheit” im Museum Schweinfurt “Galerie Alte Reichsvogtei” vom 13. 10. 2006 – 14. 1. 2007

Man sagt „Kunstwerke sind ein Spiegel ihrer Zeit“, das trifft ganz sicher auf die Ausstellung „Deutsche Einheit“ von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm in den Räumen der Galerie Alte Reichsvogtei zu.

Thomas Baumgärtel ist in Schweinfurt bereits ein alter Bekannter, denn er hat im Oktober 2003 besondere Aufmerksamkeit erregt, als er die Außenfassade der Galerie mit seinem Qualitätssiegel, der Spray-Banane, verzierte. Damit kann sich diese Institution für zeitgenössische Kunst jetzt in eine Auswahl von wichtigen Museen zwischen New York, Moskau oder Paris einreihen, auch ziert sie Kunstorte in Regensburg, Koblenz oder Bonn und den Eingang des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Einen ersten Kontakt zu ihm vermittelte seinerzeit freundlicherweise der heute in Karlsruhe lebende und wirkende Galerist Michael Oess. Mit der Spraybanane markiert Thomas Baumgärtel seit 1986 weltweit die für ihn interessantesten Orte der Kunst: Als sein persönliches Zeichen will er mit der Banane die allgemeine Vorstellung von dem, was Kunst ist, aber auch in Frage stellen.

Thomas Baumgärtel und Harald Klemm arbeiten seit 1999 gemeinschaftlich an dem Thema „Deutsche Einheit“. Beide Künstler haben eigene und persönliche Beweggründe, sich mit der Wiedervereinigung und der ersten friedlichen Revolution in der deutschen Geschichte auseinander zu setzen. Für sie ist weiterhin eine der Hauptfragen, inwiefern die „Deutsche Einheit“ vollzogen ist - da auch aktuelle Beispiele zeigen, dass Ost und West politisch immer noch unterschiedlich behandelt werden. Für Thomas Baumgärtel ist ein zentrales Medium seiner Arbeit - die Banane - zugleich eines der wichtigsten Symbole der Wiedervereinigung. Er beschäftigte sich bereits im Rahmen seines Psychologiestudiums mit den seelisch-gesellschaftlichen Problemen, die bei einer deutschen Einheitsbildung auftreten. Diese psychologische Sichtweise floss schon immer in seine Arbeiten zu diesem Thema mit ein. Harald Klemm, der Geschichte und Philosophie in Aachen studierte, hat durch seine Familiengeschichte einen sehr persönlichen Zugang zur Wiedervereinigung, da Teile seiner Familie durch die Mauer voneinander getrennt waren. Politische Themen wie Flucht und Vertreibung oder die 1960er Jahre in Westdeutschland sind immer wiederkehrende Motive in seinem Werk.
Das gemeinschaftliche Arbeiten im Bereich der Bildenden Kunst hat in der Kunstgeschichte eine lange Tradition. Denken wir beispielsweise an die gotischen Bildhauer, deren Werke anschließend noch durch die Hand eines sog. Faßmalers gingen, der diese farbig zu „fassen“, d.h. zu bemalen und zu vergolden hatte. Erst dann war das Kunstwerk vollendet. Beispiele hierfür gibt es ebenso in der Malerei des 19. Jahrhunderts etwa bei den Künstlerkollegen Johann Sperl und Wilhelm Leibl, die tatsächlich an Bildern gemeinsam gemalt und sie signiert haben, wie beim „Bauernjäger“ (1894) im Museum Georg Schäfer. Diese Kollaboration war als sichtbares Freundschaftsdokument gedacht, und auch unter diesem Aspekt sind die Kunstwerke von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm zu verstehen.

Der Leiter der Städtischen Galerie Sindelfingen Otto Pannewitz sieht diese Gemeinschaftsarbeit in ihren Verzahnungen und Überlagerungen als „Kaleidoskop der deutschen Nachkriegsgeschichte“. Sein treffender Vergleich ist als Metapher im doppelten Sinn zu verstehen. Zum einen die Arbeitsweise der Künstlerkollegen betreffend, indem das Bildmotiv aus einem Stimmungsgeflecht von verfremdender Reduktion des Motivs und rein malerischen Akzenten in wechselndem Rhythmus durchaus über einen längeren Zeitraum heraus entwickelt wird, zum anderen durch die Thematik der Bilder selbst. Ihre gemeinsame Arbeit am Projekt „Deutsche Einheit“ ist wie Salz und Pfeffer in einer Speise, die ohne diese Gewürze nicht schmecken würde.

Die Bilder und Objekte zu diesem Thema sind dabei nicht immer eindeutig, sondern gewinnen ihren unnachahmlichen Scharm auch aus der Zweideutigkeit ihrer Aussage, die mit einer ordentlichen Portion Humor „gewürzt“ ist. So wird das Wahrzeichen Berlins und offizielles Symbol der deutschen Einheit mit der gelben Frucht als – nach Baumgärtels Meinung – dem eigentlichen Symbol der Wiedervereinigung verbunden und persifliert auf diese Weise die sog. „Bananenrepublik“. Durch die historisch-politischen Bezüge der dargestellten und zugleich auch wieder malerisch verunklärten Motive, etwa die Portraits der aktuell amtierenden Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel oder des Altbundeskanzlers Dr. Helmut Kohl, das Brandenburger Tor, der Mauerfall oder ein Trabi, werden in uns Erinnerungsbilder aufgerufen, die uns aus der eigenen Sicht geläufig sind, weil sie auch Teile unserer Geschichte und Erlebniswelt reflektieren.

Auch Schweinfurt ist von dieser besonderen Lage im Nordens Bayerns im sog. Zonenrandgebiet betroffen gewesen. Die Öffnung dieser künstlichen Grenze im November 1989 hat vielschichtigste Auswirkungen gehabt. Es fand umgehend ein kultureller Austausch statt, sei es mit uns und der Kunsthalle Erfurt oder dem Schloss Elisabethenburg in Meiningen, Schweinfurter besuchten wieder das bekannte Meininger Theater, und zahlreiche ortsansässige Firmen gründeten Filialen in den neuen Bundesländern. Für manche hätte diese Entwicklung allerdings auch fast die Existenz gekostet. Heute fährt man mal schnell nach Erfurt oder Weimar, wie früher nach Nürnberg oder Frankfurt. Die „Deutsche Einheit“ ist auch hier längst vollzogen, oder? Das zu hinterfragen, ist das Anliegen der zwei innovativen Künstler.

Die Werkschau in Schweinfurt will gleichzeitig der Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksformen von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm Rechnung tragen, in dem die in Köln lebenden Künstler die Galerie in verschiedenen Bereichen inszenieren: An der Außenfassade lädt eine breite DDR-Fahne zum Besuch der Ausstellung im Innern ebenso ein, wie ein originaler, türkisleuchtender und von beiden mit einer Vielzahl von Chiffren symbolhaft überarbeiteter Trabi im Foyer. Im ersten Stock sind dann neben Gemälden, an die sie gemeinsam Hand anlegen, auch Einzelwerke der beiden zu sehen, sowie im Wintergarten die Videoinstallation „BRD-DDR“. Eine extra für Schweinfurt gefertigte Sonderedition gibt der Werkschau noch einen lokalen Akzent und unterstreicht ihr Bemühen, allenorts durch kritisches wie humorvolles Hinterfragen dem politischen Geschehen mit ihren Arbeiten einen Spiegel vor Augen zu halten.

Andrea Brandl M.A., Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt, September 2006

 

 

Ansprache von Konrad Adenauer zur Eröffnung der Ausstellung im Oberlandesgericht Köln am 11. Mai 2006

Mit „Warum, warum ist die Banane krumm?“ antworten entnervte Eltern ihren Kleinen, wenn sie mit deren unmöglichen Fragen bedrängt werden. Und jetzt noch der Bananensprayer! Warum? „An Thomas Baumgärtel scheiden sich die Geister !“ hätte man sicherlich vor einigen Jahren noch die Kunstbetrachter sich äußern hören können. Er wurde sowohl beneidet als auch verächtlich gemacht. Inzwischen ist Thomas Baumgärtel über diesen Punkt weit hinaus. Er ist ein arrivierter Künstler, wenn man das so sagen soll und darf. Zunächst einige äußere Daten: Er ist geboren 1960 in Rheinberg am Niederrhein und dort aufgewachsen. Diese Stadt ist ansonsten bekannt durch Produkte, die üblicherweise grün verpackt werden. Er hat seine früheste Künstlerausbildung erfahren an der Kölner Schule für Kunsttherapie im Jahr 1984 und anschließend an der Universität Köln Psychologie studiert bei den Professoren Salber und Heubach und dort sein Diplom erworben. Später hat er als Encounter-Therapeut an der Human University Egmond aan Zee in Holland gearbeitet, und schließlich an der Fachhochschule Köln als Meisterschüler von Professor Franz Dank bis 1990 freie Kunst studiert. Ich habe Thomas Baumgärtel vor vielen Jahren bei einer privaten Kunstausstellung kennengelernt und als damaliges Vorstandsmitglied der Stiftung Kaufmannshof Hanse bei seiner Sprayaktion an einer Wand des Stiftungsgebäudes in der Nähe des Wasserturms unterstützt. Das Bild ist heute noch zu sehen. Ich sehe vor mir gerade den Stiftungsvorsitzenden Axel Goergen.

1986, also vor 20 Jahren, gab es die erste Spray-Banane. Diese berühmte Banane ziert tausende Kunstorte nicht nur in Köln, sondern auch in vielen anderen deutschen Orten, aber auch in Basel und Zürich, Wien, Paris, London, New York und Moskau. Wer die Bananen neben einem Hauseingang sieht, weiß gleich: hier geht es um Kunst, entweder museal oder auch im Handel.

Auf diesem Wege wurde auch ich vor einer Reihe von Jahren auf Thomas Baumgärtel aufmerksam und stellte mir die auch von vielen anderen gestellte Frage, ob die Eigentümer oder Betreiber solcher Kunstorte die Banane sich gewünscht haben, wie nach zweijähriger heftiger Gegenwehr Herr Gohr für das Museum Ludwig, ob sie sie einfach schicksalsergeben in Kauf genommen haben oder ob sie sie etwa bekämpft haben und dagegen vorgegangen sind wie z.B. die Galerie Werner.

Die Banane wird biologisch auch „Musa“ genannt, nach dem Arzt A. Musa, oder in Südafrika „Piesang“. Zu den Bananengewächsen gehört auch die Strelitzie, die in Südafrika heimisch und weit verbreitet ist. Die Vogelfamilie der Turakos nennt man „Bananenfresser“, und „Bananenstecker“ sind einpolige Steckvorrichtungen mit federnden Kontaktflächen. Die Obstbanane (musa paradisiaca sapientium) heißt so, weil sie angeblich die Speise der Weisen ist, die Mehlbanane (musa paradisiaca normalis) ist roh ungenießbar und dient in zahlreichen tropischen Ländern als Grundnahrungsmittel. Die Zwergbanane (musa nana) wird auf den Kanarischen Inseln für den Export angebaut, die Faserbanane (musa textilis) liefert aus den Fasersträngen der Blattscheiden eine ausgezeichnete, sehr feste Spinnfaser (Manila-Faser). Als Schädling ist bekannt der Bananenrüßler (cosmopolites sordidus), der mit seiner Larve die Rhizome und Wurzelschößlinge der Bananenpflanze angreift.

Die Banane spielt in der Literatur keine große Rolle. Kindlers Neues Literaturlexikon weist nur einen einzigen Bananentitel aus, nämlich „Banana bottom“ von Claude McKay, erschienen 1933, wobei, um Fehldeutungen vorzubeugen, ich darauf hinweise, daß es sich bei „Banana bottom“ um einen Ortsnamen in der Karibik handelt, also um Bananengrund. Die zahlreichen deutschen Gedichtsammlungen, die mir zur Verfügung stehen, weisen kein einziges Bananengedicht aus. Während unsere Jugendgruppen singen: „Wer hat die Kokosnuß geklaut?“ singt Harry Belafonte: „Hey, Mr. Telliman, telli my banana!“ Unsere Kinder reiten auf einer Riesenbanane auf der See, und der Menschenaffe kurvt in seinem Bananamobil durch unsere Kinderbücher. Warum hat nur die Wurst zwei Enden? Der WDR-Journalist Klaus-Jürgen Haller hat sich in seinem Buch „Wörter wachsen nicht auf Bäumen“ mit der Banane befasst. In seinem Artikel fand ich allerdings fast nur die Wiedergabe entsprechender Lexikonartikel, bis auf folgende neue Erkenntnis, daß es im amerikanischen Slang einen „Banana head“ gibt, dessen Eigentümer als Dummkopf gilt, und daß der Satz „He went bananas“ mit „Jetzt dreht er endgültig durch“ zu übersetzen ist.

Hier kommen wir auch schon zum Thema des heutigen Abends: Krumme Dinger, eine höchst doppeldeutige Angelegenheit. Es ist nicht zum ersten Mal, daß Thomas Baumgärtel mit der Justiz in Berührung kommt. Ist es heute abend für ihn ein angenehmer Umgang, war es früher für ihn doch oft eine eher herbe Begegnung, ja es ging um Konflikte mit der Justiz. Heute hat er sie künstlerisch verarbeitet, wie unter anderem ein ganzer Dokumentationsgang hier oben zeigt. Da ging es um eine Sprayaktion auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg, ebenso wie um seine Verteidigung durch den in Kunstdingen sehr engagierten Rechtsanwalt Louis Ferdinand Peters, der ihn ebenso wie vor Zeiten den Schweizer Sprayer Harald Naegeli verteidigt hat. Peters ist geradezu ein Sprayanstifter; übrigens sind Baumgärtel und Naegeli laut einem hier wiedergegebenen Bericht der Neuen Zürcher Zeitung vor einigen Jahren zusammengetroffen. Herrlich auch der Artikel vom Schäng im Kölner Stadt-Anzeiger aus Baumgärtels früher Zeit, hier vergrößert nachzulesen. Spektakulär war Baumgärtels Aktion mit der Riesenbanane, die aus dem Kölner Dom herausschaut, oder auch seine Bemalung des beton-ummantelten Autos von Wolf Vostell „Ruhender Verkehr“ auf dem Hohenzollernring. Beide Aktionen sind hier ausreichend dokumentiert. Ich fand Wolf Vostell nicht schlecht, aber Thomas Baumgärtels Idee, diese etwas fade, eintönige und eigentlich zum Vergessen einladende Betonplastik mit einem Bananenkleid zu versehen, fand ich wunderbar kreativ. Wir wissen, daß er damit juristisch nicht durchkam und die Bananen wieder entfernen musste. Schade! Vostell ist tot, Baumgärtel lebt. Vita brevis, ars longa. Am Ende der Aktion bestieg Baumgärtel per Leiter im meterlangen Bananenkleid das gereinigte Betonauto, um als Freiheitsstatue dem freien Autoverkehr auf dem Ring den Weg zu weisen. Heute abend tut er dies zu meiner Linken auf einem Gemälde ebenso, in Kontrast zu seinem gegenüber hängenden Bild als „Knacki“. Mir gegenüber hoch oben hat er ein Selbstportrait von sich gehängt, das ihn in voller Sprayaktion zeigt, darunter, gemütlich schmunzelnd, seinen „Richter“.

Zukunftsvision ist noch die große Banane im Brandenburger Tor in Berlin. Aber auch Christo mußte bei der Reichstagsverhüllung einige Jahre auf die Realisierung warten. Immerhin setzt sich der frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölzl für ihn ein. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich bin gegen jedes wilde Sprayen, und zwar sehr heftig. Bei Thomas Baumgärtel geht es immer nur um ein kleines einfaches Zeichen, die Banane, die auf Wunsch auch wieder entfernt wird.

Aber so ein kecker, ab und zu wider den Stachel der Obrigkeit Löckender war Thomas Baumgärtel schon immer. Er war halt ein wenig aufsässig, aber nicht auf die unmittelbare, direkte oder gewaltsame Methode, sondern einfach mutig mit viel Zivilcourage. So war es auch, als er die Banane an sich als Kunstwerk erfand. Seinerzeit ging es um eine vertrocknete gealterte Banane, die er als Ersatz für einen heruntergefallenen zerstörten Corpus an ein Kruzifix in einem Altenheim hängte, in dem er seinen Zivildienst versah. Hier ist auch der einzige Punkt, bei dem ich mit ihm nicht übereinstimme. Hier ging er nach meinem Dafürhalten schon gleich am Anfang zu weit. Der Gekreuzigte und das Kreuz eignen sich nicht als Satireobjekte.

Nun mögen kluge Beobachter einwenden, daß Thomas Baumgärtel all die Aktionen in der Öffentlichkeit eigens ausgeheckt hat, um sich gewissermaßen am Rande der Legalität bekannt zu machen. Sicherlich spielt so etwas immer mit und sind auch schon viele Künstler in den vergangenen Jahrhunderten so verfahren. Gerade in der heutigen Zeit muß man mit dem Handwerkszeug klappern, wenn das auch mit Bananen schwerfällt. Aber die Banane war ja für uns Deutsche in der Vergangenheit immer ein Zeichen des Wohlstands, der guten Ernährung, erst Recht für die DDR, als sie zu uns kam. Sie ist gewissermaßen ein Grundnahrungsmittel. Manche behaupten, sie besitze ein Glücksenzym. Andererseits sprechen wir von Bananenrepubliken und kennen auch den Ausdruck „Alles ist mir Banane“, d.h. egal, s.a. auch die Inschriften in dieser Ausstellung. So hat die Banane durchaus einen ambivalenten Charakter bei uns. Schließlich ist sie die Hauptzielscheibe der Linken gewesen, wenn sie gegen die internationalen Fruchthandelsgesellschaften vorgingen. Es gab Kriege um Bananen, es gab den Kampf der Bananen auf den Kanarischen Inseln gegen die Bananen aus Amerika und wiederum führten diese Krieg gegen die Bananen aus Afrika. Die EU war gespalten, da die Deutschen lieber die Bananen aus Amerika aßen als die kleinen aus Afrika, die sie aus Liebe zum Nachbarn Frankreich essen sollten, und so weiter. Die Bananenrepublik meint ja eine Republik, die eigentlich so schwach ist, daß die ganze Staatsmacht auf Bananenfüßen steht („Chiquita“). All dieses schwingt mit bei Thomas Baumgärtels Bananenarbeiten, die inzwischen so vielfältig geworden sind, daß man manchmal den Ursprung gar nicht mehr erkennt, z.B. bei den Politikerportraits, die auf der Grundlage von Bananenschablonen entstanden sind und die natürlich alle in schwarz-gelb gehalten sind, mein Großvater ist auch darunter. Schade ist, daß mir dieses Bild nie zum Erwerb angeboten worden ist. Nicht ohne Schärfe sind diejenigen einzelnen Bananen, die in sich Politikerportraits tragen, die es also in sich haben, und die größeren Portraits von Kölner Lokalpolitikern, mit Texten aus Kölner Zeitungen garniert. Sie würde ich zum Teil gerne kaufen, um sie den Dargestellten zu schenken und damit ein wenig hochzunehmen. Es geht Baumgärtel aber auch um allgemeine Themen in der Politik wie z.B. Korruption, die Todesstrafe oder den Frieden.

Es ist aber geradezu frappierend, was man nicht nur mit Bananen als Großgemälde gestalten kann, sondern auch wie die Banane selbst als Symbol variiert werden kann. In seinem Atelier hat Thomas Baumgärtel eine ganze Wand mit Bananensymbolen vollgehängt. Hochinteressant sind die Umformungen von Markenzeichen zu Bananen, z.B. wenn ich an das Symbol der Kölner Haie denke, an die Deutsche Mark, Mickey Mouse, Paragraphen - heute hier sehr anzüglich – Bananen als Handy, als Zeichen von Mc Donald’s oder der NATO bis zum Fußball oder zur Friedenstaube: Thomas Baumgärtels Phantasie ist schier unendlich. Überraschend ist aber auch der Einsatz der Banane auf älteren Ölbildern bzw. auf Drucken alter Bilder, wie man sie im Plenarsaal sehen kann. So kommt sie immer wieder auf überraschende Weise zum Einsatz, und sei es nur auf dem Bilderrahmen.

Doch nun weg von der Banane und hin zu anderen Kunstrichtungen, denen der Bananensprayer heute huldigt. Er hat eine ganz andere Handschrift entwickelt. Er malt Farbe in Farbe, wie z.B. Grau in Grau mit Weiß, häufig auf der Grundlage von Fotografien, es sind aber wie bei Gerhard Richter keine Fotografien. Es handelt sich um Portraits, Bauwerke oder Stadtansichten, häufig von Köln, oder Menschenmassen. So zeigt die Galerie Pudelko in Bonn, Baumgärtels „Massen“ in Kürze. Es kann ein zerstörtes Auto sein, eine Totalansicht oder auch ein Detail. Dabei herrscht immer eine gewisse Unschärfe vor. Man könnte auf den ersten Blick meinen, es handele sich um den Beginn eines Gemäldes, das noch schärferer Konturen und einiger Farbtöne bedarf. Dies ist aber nicht der Fall. Die Bilder, die schemenhaft aufscheinen, sind fertig. Man muß sie nur aus größerer Entfernung betrachten. Thomas Baumgärtel stellt sie auch als Pendant aus zu den sehr viel realistischer erscheinenden Bildern seines Zeitgenossen Oliver Jordan, der in den letzten Jahren mit seinen Portraits und seinen Kölner Ansichten sehr bekannt geworden ist. So hat die Galerie der Moderne Peter Klemm auf der letzten Cologne Fine Art im Februar dieses Jahres beide gemeinsam ausgestellt, quasi als Gegensatzpaar.

Thomas Baumgärtel tritt nach außen hin stets liebenswürdig und zurückhaltend auf, nach dem Motto: ich kann kein Wässerchen trüben. Andererseits ist er aber auch – ich will nicht sagen: durchtrieben – aber doch jemand, der durchaus weiß, was und wen er will, und der mit sehr viel Überlegung und Nachdenken seine Kunst betreibt und den Betrachter an- und verführt. Nicht umsonst ist er Psychologe. Er lebt und arbeitet in Köln, und man darf ihn als einen ganz fest in Köln und der Kölner Kunstszene verankerten Künstler bezeichnen. Er arbeitet in den Clouth-Werken, jedenfalls noch. Ihm und vielen anderen Künstlern, die auf dem Clouth-Gelände arbeiten, ist es zu wünschen, daß die Stadt Köln und ihre Partner einen Weg finden, zumindest ein größeres Kunsthaus auf dem Gelände zu erhalten oder für weiterhin günstigen Ersatzraum zu sorgen. Wie wir alle wissen, lässt sich Kunst nicht erzwingen und nicht befehlen, sie ist wie ein Schmetterling, der mal hierhin, mal dorthin fliegt, hier Platz nimmt und dort wieder wegfliegt. Man muß die Schmetterlinge versuchen in der Stadt zu halten, um sich an ihnen zu erfreuen, und ihnen auch ein wenig Nektar und Pollen zur Nahrung anbieten. Darum ist dem OLG Köln, seinem Präsidenten Riedel, seinem Präsidium und seinem Pressesprecher Pamp sehr zu danken, daß sie alle nicht nur zum wiederholten Male dieses schlossartige Treppenhaus für eine Kunstausstellung zur Verfügung gestellt haben, sondern auch so liberal, tolerant und großzügig waren, gerade den Bananensprayer hereinzulassen.

Davon hat sich der einstige Delinquent nicht träumen lassen: Krumme Dinger im Innersten der Justiz, quasi im Allerheiligsten. Thomas Baumgärtel selbst und nicht nur seine Bananen, die immer fortleben werden, ist inzwischen ein Markenzeichen für Köln geworden und sollte von den Kölnern auch so wahrgenommen werden. Es freut mich sehr, daß der Verein KKJ unter seinem Vorsitzenden, meinem Kollegen Custodis, sich mit Hilfe von Frau Hannelore Jordan dieses speziellen Kölnischen Brauchtums angenommen hat und ihn in diesem opulenten Rahmen hier im Oberlandesgericht Köln zeigt, einem Spitzenort der Rheinischen Justiz.

Wie gerufen zeigt die SK Stiftung Kultur am 27. Mai dieses Jahres um 19.00 Uhr bei freiem Eintritt, Filmschätze schwarzer Tanzgeschichte aus Anlaß des 100. Geburtstages von Joséphine Baker im Mediapark, hoffentlich auch den Film mit dem berühmten Bananentanz von Joséphine, bei der diese gelben Früchte ihre einzige Bekleidung darstellten.

Wir alle wünschen Thomas Baumgärtel auch zu dieser Ausstellung im OLG Köln weiter anhaltenden Erfolg und weiterhin gute Jahre in Köln. Mögen ihm seine Phantasie und seine klugen Gedanken nicht ausgehen. Vor Überraschungen seinerseits sind wir allerdings nie sicher.

 

 

BRANDING

Die Möglichkeit der Kunst, das Leben aus einem unkonventionellen Blickpunkt zu betrachten sowie alternative Denkanstösse und weiter führende Inhalte via ansprechender Verpackung zu vermitteln, verdichtet der Kölner Thomas Baumgärtel zu einem einprägsamen, visuellen Signet: einer leuchtend gelben, mittels Schablone gesprayten Banane, die inzwischen weltweit im öffentlichen Raum an Wänden und Eingangstüren zahlreicher Kunstinstitutionen zu entdecken ist.

Sie wird als Auszeichnung und Echtheitszertifikat für Orte verstanden, die der Kunst einen innovativen und engagierten Rahmen bieten. So bürgt das gesprayte Kürzel, das sogenannte „Tag“ als künstlerisches Gütesiegel für Qualität, weshalb die Banane als Symbol begehrt ist, aber nichtsdestotrotz unkäuflich bleibt und eine rein subjektive Bewertung des Künstlers darstellt. Vor allen Dingen funktioniert das einprägsame Symbol als Werbestrategie sowie Signatur für den Markennamen Bananensprayer alias Thomas Baumgärtel.(1) Doch nicht immer erweckte die Sprayerei Begeisterung: In einer umfangreichen Dokumentation des Künstlers sind erstmals auch alle Beschwerden und gar den Befehl zur Untersuchungshaft in der Ausstellung einsehbar.

Über hundertfünfzig Variationen seiner Bananenschablone hat Baumgärtel seit 1986 entworfen. In der Metamorphose der Spraybanane, einer ständig wachsenden und sich verändernden Installation, werden bekannte und international verbreitete Markenlogos und Symbole in einem künstlerischen Aneignungsprozess mit der Spraybanane verschmolzen, ohne dass die ursprüngliche Bedeutung des Originals unkenntlich gemacht, sondern humorvoll umgestaltet, comicartig aufgepeppt, quasi aus dem kollektiven Gedächtnis der kommerziellen Welt heraus in die Kunstwelt hineingesprüht wird.(2) So erinnert die Frucht mit ein paar Strichen ergänzt an ein Posthorn, die mit Leoparden-Punkten befleckte Banane an die Filmfestspiele von Locarno oder die Äskulap-Banane an das Apothekerzeichen. Das veränderbare Potenzial der Frucht äussert sich auch in den Zeichen des Konsums als gelbes M, hier als Dollar-, dort als Euro-Zeichen, und sogar als Staatssymbol mal als Reichsadler, mal umschlungen von Hammer und Sichel. Eine simple Drehung der Banane bringt die Perspektive zum kippen, vermag sogar eine Weltanschauung in ihr ideologisches Gegenkonzept zu verdrehen: Krümmung und Bruch als Potenziale der Kunst.

(1) Baumgärtel 1988; Unter www.bananensprayer.de sind Texte, Bilder und Projekte zur Spraybanane einsehbar.
(2) Zum Projekt der Übersprühungen alter Meister vgl. Bananensprayer 2004 mit einem Text von Dorothee Baer-Bogenschütz.

Text: Silvia Mutti
Quelle: Ausstellungskatalog "BRANDING" 2006, Kunsthaus Centre PasquArt Schweiz

 

 

Goldstücke.
Thomas Baumgärtel im Industriemuseum Freudentaler Sensenhammer, Leverkusen.

Ausgerechnet Bananen –
Sie wissen schon, jene tropischen Staudenfrüchte von der Gattung Musa aus der Familie der Musaceae, länglich, leicht gekrümmt, stets gut verpackt in gelber Schale, die nach und nach schwarz wird, wenn man versäumt sie zu essen –
ausgerechnet Bananen also wurden Mitte der achtziger Jahre in Köln zur geheimen Chiffre der Kunstszene. Überall an den Kunstorten der Stadt tauchten die reifen Früchte auf, als Sprühbilder an Wänden und Fassaden; nicht lange, und der mysteriöse Bananensprayer dehnte seine Befruchtungsaktion auch auf auswärtige Kunstorte aus. Wie es dazu kam und was es damit auf sich hat, diese Geschichte deckt sich weitgehend mit der künstlerischen Biographie von Thomas Baumgärtel, der ja, wie wir natürlich inzwischen alle wissen, identisch ist mit eben jenem subversiven Bananensprayer.
Von heute an präsentiert er hier im Kunstraum des Industriemuseums Sensenhammer seine „Goldstücke“, so der Titel der Ausstellung, die einen überschaubaren, aber vielseitigen Überblick über seine jüngeren Werke gibt. Eine Reihe davon besteht in der Tat aus vergoldeten Bildern und Objekten, über und über mit kleinen Goldblättchen bedeckt wie ein mittelalterlicher Madonnenhintergrund oder ein Werk von Yves Klein. Denn auch Baumgärtel hat sich mit dieser jüngsten Werkgruppe der Goldstücke auf ganz neues Terrain begeben, vom Gelb zum Gold und von der Reife der Banane zur Reinheit des monochromen Bild-Raumes. Ein weiter Sprung, der nachvollziehbar wird, wenn man das bisherige Werk des Thomas Baumgärtel näher beleuchtet.
Alles begann in einem katholischen Krankenhaus in seinem niederrheinischen Heimatort Rheinberg, wo Baumgärtel im Alter von 23 seinen Zivildienst ableistete. Eines Tages fiel hier ein Porzellanjesus vom Kreuz, und der Zivi mußte die Scherben aufkehren. Da dauerte diesen das leere Kreuz, und weil ihm damals wie heute jede kleine Polemik gegen die katholische Kirche gerade recht ist, und da sich ferner in seiner Pausenbrotbox (ob vom Zufall oder von der Vorsehung hineingetan) auch eine Banane befand, nagelte er diese kurzerhand ans Kreuz - an des Heilands statt. Was den Ordensschwestern seinerzeit als unerhörte Blasphemie erschienen sein muß, das wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis, sich näher mit der unerhörten Wirkung zu befassen, die das Aufeinandertreffen zweier simpler Gegenstände haben kann. Und wo schon kann man solche Fusionen besser beobachten oder auch selbst herstellen, als in und mit der Kunst? So wurde die Kunst für Baumgärtel, dessen ältere Schwester übrigens Kunsthistorikerin ist, gewissermaßen zum Religionsersatz. Wegen der hohen künstlerischen Attraktivität der Domstadt zog er 1985 nach Köln und nahm sein Kunststudium an der dortigen Fachhochschule auf; später wechselte er zur Pädagogischen Hochschule. Die Banane, als Auslöser dieser beruflichen Entwicklung, ließ ihn derweil nicht los, besonders die Vergänglichkeit der Pflanzenreste sprach ihn an. Anfangs experimentierte er vor allem mit den holzig getrockneten Schalen und schuf daraus skurrile Objekte wie die Kultivierte Kleinplastik „Das Wesen der Kultur“, schlaffe, faulig verdörrte Bananenschalen in verglasten Holzkästen. Dieses Werk entstand 1988 als Auflagenobjekt anläßlich des Erscheinens seines Buches „Kunst Orte Köln“, das er zusammen mit dem leider schon lange verstorbenen Kunstvermittler Wolfgang Wangler realisierte. Baumgärtel dokumentierte darin sein bisheriges Bananenprojekt. Das Ursprungswerk, das Bananenkruzifix, hat er übrigens bis heute aufgehoben.
Die Banane wurde im Laufe der Zeit zu seinem persönlichen Symbol für die Freiheit der Kunst, die bis heute im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht. Sie ist und bleibt ihr Grundantrieb. Zwar scheint die Kunst heute frei zu sein hier hierzulande, doch immer wieder muß sich der Künstler aufs Neue dafür einsetzen, ob in den Galerien und Museen oder am Markt, der Baumgärtels eigentliches Thema ist.
Aber natürlich spielte er auch mit dem schillernden Symbolkontext, in dem die Frucht steht, die ja selbst eigentlich nichts dafür kann, daß sie noch den prüdesten Spielverderber irgendwie an Sex erinnert, vor allem, wenn man ihr im ungeernteten Zustand in voller Blütenpracht auf der Plantage begegnet. Die Amerikaner kennen da so ihre einschlägigen Slangvokabeln … Josephine Baker benutzte die exotische Erotik des phallischen Obstes für ihre Bananenröckchenrevue, und die roaring twenties tanzten ausgelassen zum eingangs erwähnten Schlager. Andy Warhol adelte die Banane 1966 als Kunstmotiv, indem er sie zum Underground-Symbol machte für das Plattencoverdesign der Rock-Band Velvet Underground. In den Bananerepubliken Mittelamerikas tobten derweil die Befreiungskämpfe gegen die wirtschaftliche Abhängigkeit vom fremden Kapital. - Unter Ulbricht und Honnecker wurde die Banane zur heißbegehrten Mangelware. Als dann 1989 über Deutschland die Wende hereinbrach, wurde die Frucht zum symbolischen Zankapfel zwischen Ost und West; der Gipfel der Geschmacklosigkeit war erreicht, als saturierte Westler konsumgierige Ostler zur Begrüßung mit Bananen bombardierten.
In Köln hingegen stand die Banane seit 1986 für die Kunst, und wenn man sich durch die seinerzeit bunt florierende Galerienszene bewegte, stieß - und stößt - man auf sie, wo immer es Kunst zu sehen gibt. Die Idee der gesprühten Banane entstand übrigens während einer feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier im Gespräch mit dem unvergessenen Ingo Kümmel.
Jede neue Kunstinstitution bekam nun ihren Bananenstempel, den Thomas Baumgärtel eigentlich als Auszeichnung verstand, ja, er hatte sogar darüber nachgedacht, ein Bananenbewertungssystem zu schaffen vergleichbar den Hotelsternen. Doch manche Galeristen und Museumsleute sahen das anders, denn rein juristisch wird das Besprühen von Häuserwänden als Sachbeschädigung gewertet. Deshalb vollbrachte Baumgärtel sein Werk meistens des Nachts, zwei Schablonen und gelbe und schwarze Sprayfarbe im Auto, angetrieben von seinem Drang nach Vollständigkeit, dabei immer auf der Hut wie ein Dieb. 1987 wurde er verhaftet, weil er eine Doppelbanane ans Museum Ludwig gesprayt hatte; heute füllen die Ordner mit den Sachbeschädigungsverfahren gegen ihn ein ganzes Regal in seinem Kölner Atelier. Einfach aber wirksam ist sie - das muß man dieser fruchtigen Provokation schon lassen. Dabei war es von Anfang an vor allem darum gegangen, sich auf eigenwilligem, den gewohnten Mechanismen widersprechendem Nebenweg in den Kunstmarkt einzumischen, der in den späten 80ern einen rasanten Aufstieg erlebte, bevor er kurze Zeit später zusammenbrach. Er ging gewissermaßen „totally bananas“.
Eine Wand im Atelier des Künstlers ist über und über mit quadratischen Bildtafeln bedeckt, die Bananen in allen Erscheinungsformen zeigen, sozusagen sein persönliches Bananenarchiv aus den Jahren seit 1986. Der Titel „Metamorphose“ deutet an, daß eine Banane sich, wenn der Künstler es so will, in alles verwandeln kann – „alles Banane“? könnte man denken angesichts dieser Birnen-, Apfel-, Mickey-, Mcdonalds-, Mercedes- und Paragraphen-Banenenversammlung. Sogar Kölns Bürgermeister Schramma oder das Hai-Maskottchen des lokalen Eishockeyvereins werden hier zu Opfern der Baumgärtelschen Bananenmutation. Eines der Bilder erinnert an eine aufsehenderregende Aktion, die Baumgärtel 1998, zum 750jährigen Domjubiläum, durchführte – wohlweislich spontan, ohne kirchliche Genehmigung, die er wahrscheinlich kaum bekommen hätte für seine 14 Meter lange Riesenbanane. Wie die Pistole eines Bankräubers schob er das monströse Objekt in das Hauptportal der Kathedrale hinein, um – wie er sagt - die Kirche in ihrer verknöcherten Sexualfeindlichkeit symbolisch mit neuem Leben zu befruchten. Und mit einer gehörigen Portion Humor, ohne die Baumgärtels Werk kaum denkbar wäre, ebenso wenig wie die Beschäftigung damit. „Wir leiben die Hohe Kirche“, nannte er seine Aktion.
Voller Ironie in Richtung Kunst und Kunstmarkt war auch sein Projekt „Leben ist echt Banane “. Hierfür übersprühte er seit 1994 bekannte und anonyme Werke der Kunstgeschichte mit seinen Bananensymbolen und vereinnahmte sie auf diesem Wege – wohl auch mit einem Augenzwinkern in Richtung Appropriation-Art, wie sie nun seit einigen Jahren zu den „hippsten“ Richtungen der aktuellen Kunst gehört.
Dennoch kann das Motto nicht lauten „bananas forever“, denn irgendwann hat jedes Motiv seinen Dienst getan. Die Abbildung auf der Einladungskarte zur heutigen Ausstellung zeigt, wie Sie gesehen haben, einen vergoldeten Computer – übrigens einen apple. Es handelt sich um den ausrangierten PC des Künstlers, in dem sich nach wie vor das digitale Ebenbild seines gesamten Bildarchivs befindet, also fast sein komplettes künstlerisches Oeuvre. Dies muß man wissen, wenn man die nur scheinbar so völlig neuartigen Arbeiten der jüngsten Phase betrachtet. Und nicht nur als Schatzkiste der eigenen Kunstentwicklung und -entfaltung, sondern mehr und mehr auch als nützliches Arbeitsinstrument dient der Computer dem Künstler; z.B. auf der Suche nach Bildvorlagen zu bestimmten, ausgefallenen Themen. So suchte er speziell für die hiesige Ausstellung nach Bildern zum ureigenen Motiv des Museums, der Sense, und stieß dabei u.a. auf das Foto zweier Sensenfrauen, die er in ein Stück weicher, farblich zurückhaltender, postimpressionistischer Malerei übertrug.
Der ursprüngliche Kontext dieser Bildvorlagen spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle; selbst im Internet wimmelt es ja neuerdings immer mehr von Bildern ohne Zusammenhang oder nachweisbare Herkunft. Diese virtuelle Realität parallel zum Chaos der „echten“ Wirklichkeit, dieses regelrechte digitale Weltall, fasziniert Baumgärtel seit neuestem immer stärker. Die verarbeiteten Bilder verlieren dabei freilich im Verlaufe des Arbeitsprozesses ihren digitalen Charakter, indem Baumgärtel sie zunächst digital zerlegt und dann in Form von Malerei, ganz klassisch mit Pinsel, Leinwand und Palette, neu wieder aufbaut.
Von Museumsleiter Eberhard Foest erhielt er einige alte rostige Sensenrohlinge – und verwandelte sie mit Hilfe von Blattgold in wahrlich goldige Sensenbananen, ebenfalls eine Reminiszenz an die ehemalige Sensenfabrik.
Die größte Freiheit aber, und um die geht es natürlich nach wie vor, erlauben ihm derzeit diejenigen der neuen goldenen Arbeiten, die aus fast monochromen vergoldeten Leinwänden bestehen, denn sie befreien ihn erstmals ganz und gar vom Zwang zur Banane. Weil er aber auch die Monochromie letztlich nicht kommentarlos hinnehmen und stehen lassen kann, schrieb er in eleganten Lettern das kleine, große Wort „Freiheit“ in eines dieser Bilder. Und dort unten am Rande - sollte dieser krumme kleine Schatten da womöglich nicht doch eine Banane andeuten? Ganz genau. Und so bekennt sich der Künstler noch hier, im Reich der neuen künstlerischen Freiheit, ironisch und im wahrsten Sinne hintergründig zu den Früchten, die ihn auf seinem langen Weg zu dieser Freiheit immer treu begleiteten – ausgerechnet Bananen.

Sabine Schütz, Eröffnungsrede am 4.9.2005 in Leverkusen

 

 

Mit seinen Übersprühungen diversifiziert Thomas Baumgärtel die Kunstgeschichte im Geist von Marcel Duchamp

Der Stecher nennt Thomas Baumgärtel ein manipuliertes Ölgemälde. Es misst 78 mal 108,5 Zentimeter, besitzt einen goldenen Rahmen und zeigt eine unbekleidete Schöne mit offenen Haaren und glückseligem Gesichtsausdruck, die sich auf einem weißen Laken rekelt. Ihre rechte Hand ruht auf ihrem rechten Oberschenkel, während sie die erhobene Linke einem Vogel darbietet. Das Laken ist so drapiert, dass es ihre Scham bedeckt. Am Fußende fällt das Bild aus Raum und Zeit. Die Aktdarstellung verliert an zentraler Bedeutung, die Komposition bekommt eine zweite Ebene. Ein Fremdkörper macht sich breit. Im Stil einer Comicfigur greift eine Art züngelnder Bananenlurch die Liegende an. Thomas Baumgärtel hat ihn plakativ an den rechten Bildrand gesprüht. Im Laufschritt steuert das poussierliche Geschöpf auf sein Ziel zu. Ganz so, als sei es der griechische Göttervater selbst – in tierischer Gestalt – , der da die Maid überrascht. Leda und der Schwan mögen das Vorbild gewesen sein für diese intime Szene mit kalkuliertem Stilbruch. Frevel, Frechheit, Firlefanz?

Völlig ungeniert setzt sich Thomas Baumgärtel in ein fremdes Nest. „Der Stecher“ ist kein Einzelfall. Er zählt zur Werkgruppe „Die Alten Meister und die Banane“: Übersprühungen, mit denen der Bananensprayer vor zehn Jahren begann. Grundsätzlich besitzen sie eine malerische Grundlage, die zunächst mit einer anderen Autorschaft als der seinen verbunden ist. Kontinuierlich bananisiert Baumgärtel die Arbeit von Kollegen. Im Falle der Übersprühungen sind deren Namen jedoch unbekannt. Hinlänglich im kollektiven Gedächtnis verankert sind dagegen die Motive: der röhrende Hirsch, der Sonnenaufgang im Gebirge, das Seestück mit Segelschiff. Zielgerichtet zwingt Baumgärtel diesen gefundenen, weitgehend wertlosen Bildern seine Bananenfiguren auf. Parallel dazu betrachtet er jedoch auch berühmte Bilder als Verfügungsmasse und Werk-Stoff. Weit trieb er bereits deren Verfremdung mittels Spraybananen, paraphrasierte Arcimboldo oder Picasso. Zentimetergroße Schablonen dienten ihm dazu, ikonisierte Motive zu verpoppen. Immer wieder – das ist Teil seiner langfristigen Strategie – macht Thomas Baumgärtel klar, dass in seinem „Fruitopia“ noch viele Früchtchen Platz haben.

Im Rahmen der Werkgruppe „Die Alten Meister und die Banane“ bedient er sich auf eine Weise kunsthistorischer Gegebenheiten, die seinem fruchtigen ‘uvre eine bittersüße Facette verleiht. Offenkundig hat ihn die Nostalgiewelle erreicht und die Lust an greller Kolportage nicht verlassen. Mit der Banane rückt Baumgärtel spitzbübisch Alten Meistern auf den Leib, die streng genommen keine sind. Im Zeichen seiner symbolischen Signatur eignet er sich systematisch bereits existierende, aber nicht weiter bemerkenswerte Bilder an: Ölgemälde und Reproduktionen, die er auf Flohmärkten oder in Trödelläden abstaubt. Nicht, um sie aufzuhängen, sondern um sie aufzufrischen. In einem kühnen Akt der Appropriation überführt Thomas Baumgärtel das Abgelegte in die herrschende Alltagskultur und macht es verfügbar für den aktuellen Diskurs.

Mit einem Landschaftsgemälde: „In den Tiroler Bergen“, begann er seine Verfremdungsaktion: „1994 habe ich erstmalig eine Reproduktion einer typischen Gebirgslandschaft, wie sie bayerische Haushalte zum Teil noch heute überm Sofa hängen haben, mit einer Banane übersprüht, weil ich dachte, das Bild ist so schrecklich, damit kann man sowieso nichts mehr anfangen.“(1) In der Folge besprühte Baumgärtel zunehmend Originale mit Bananen. In den Grauzonen der Kunstproduktion – zwischen Kopisten- und Fälscherware –, und staubigen Arsenalen, wo Hausrat von vorgestern vermodert, hat er herumgeschnüffelt und seine Funde mit poppigen Eingriffen für die zeitgenössische Anschauung aufbereitet. Insbesondere ruft ihn der Berg. Ölgemälden, die Gebirgslandschaften zeigen: ein klassisches Motiv der Landschaftsmalerei, verleiht er eine exotische Note, indem er etwa einen Berg Bananen hineinmogelt – oder ein ins Bananige gewendetes Logo von McDonald’s. Deshalb ist Baumgärtel noch nicht antiromantisch. Tatsächlich verhandelt er Aspekte stimmungsbetonter Malerei neu.

Die Wirkung solcher Anverwandlung ist verblüffend. In dem Moment, in dem die übersprühten Werke im Ausstellungszusammenhang rezipiert werden, bekommt der Akt des humoristischen Facelifts eine Legitimation. Mit einem Mal erfährt ein Bild, das zuvor nicht beachtet worden wäre, erhöhte Aufmerksamkeit. Im Sinne von Duchamp, der festhielt „dass ein Kunstwerk erst existiert, wenn der Betrachter es angeschaut hat,“ versetzt Baumgärtel Nichtbilder gleichsam in einen neuen Aggregatzustand, verhilft ihnen zu einer Existenz als Kunstwerk. Indem er Vorgefundenes bearbeitet, erschließt er dem Fundstück eine neue Rezeptionsebene. Die Übersprühungen sind planvolle Überhöhungen. Die Banane befruchtet buchstäblich die Komposition. Für die Kunstgeschichte zu-nächst verlorene Bilder kommen heraus aus ihrem Dunstkreis. Die phantasievollen Variationen der gelben Spraybananen, die sich an so vielen Museen und Galerien befinden und als Echtheitszertifikat gewertet werden, verschaffen den anonymen Werken eine Aura. Sie wird wesentlich konstituiert durch das Moment der Ironie. Der Bananensprayer jongliert damit versiert. Er war von Anfang an ein Provokateur mit clownesken Zügen. Seine Werkzeuge sind die optische Irritation und der visuelle Witz.

Um damit nach außen zu dringen, hat Baumgärtel die Ästhetik des Alltags studiert sowie aus dem Arsenal von Reklamefeldzügen geschöpft. Er reflektiert die Strategien der Konsumgüterindustrie. Die Werbung spült ins kollektive Bewusstsein Konsumartikel, respektive deren Bilder, solange, bis keiner mehr an ihm vorbeikommt. Baumgärtels Banane ist im Grunde nichts anderes als eine Niveadose oder eine Ray Ban-Brille. Man kann leicht leben ohne Nivea, ohne Ray Ban und ohne Bananen. Erst wenn man die Dinge an jeder Ecke sieht, will man sie haben. Wenn mehr als 4000 Kunstinstitutionen eine Spraybanane am Revers tragen, ist klar, dass die Begehrlichkeit wächst. Baumgärtels Kunst ist auch eine lakonische Antwort auf die Mechanismen der Markengesellschaft. Er beschäftigt sich mit Fragen von Mehr- und Marktwert. Nicht von ungefähr hat er seine Übersprühungen – auf Einladung der Galerie Brunnhofer – anlässlich der Linzer Veranstaltungsreihe „EchtFalsch“ erstmals öffentlich als Werkkomplex präsentiert. Dort ging es um Kunst als handelbare Ware sowie die Voraussetzungen dafür. Es ging um Praktiken der Konsumgüter-, Werbe- und Medienindustrie, um Markenverständnis und auch um Markenpiraterie. Baumgärtels Werkgruppe berührt einen erweiterten Kunstdiskurs. Man kann die Übersprühungen als Teil einer Werbestrategie für eine inzwischen gut aufgestellte Marke sehen. Der Markenname: Thomas Baumgärtel. Der Mann selbst ist seine Kunst. Nicht erst dann, wenn er im Bananenanzug auftritt, behauptet er die Einheit von Autor und ‘uvre. Baumgärtel ist sein eigener Kunstgegenstand aus dem Geist des Graffiti. Als solcher befriedigt er viele Bedürfnisse. Der Bananensprayer ist ein subtiler Spötter, der dem Kunstbetrieb mit seinem kultischen Tun und seiner komischen Sendung gleichermaßen den Spiegel vorhält. Ganz gleich, ob es Museumsmauern oder Politikerporträts sind, die Baumgärtel mit Solitärbananen besprüht oder aus einem kleinteiligen Bananenraster aufbaut – er bleibt ein Verstörer. Er ist der Kabarettist der Hausmauern, dessen Brettl die Banane (-nschale) ist. Ausrutschen tun darauf freilich immer die anderen.

Seine Vorgehensweise ist dabei immer schon eine konzeptuelle. Basis seines Tuns ist die Aneignung. Mit hintergründiger Heiterkeit nimmt er das Authentische ins Visier.

Ein wesentlicher Aspekt der Übersprühungen ist die Echtheitsfrage. Nun wird insbesondere die Kunstgeschichte die Frage nach Original und Fälschung bis zum letzten Atemzug beschäftigen, der der Disziplin vergönnt ist. Zwischen den Polen Könnerschaft und Kopie scheiden sich die Geister. Das wesentliche Kriterium bei der Beurteilung und Wertschätzung eines Artefakts bleibt seine Echtheit und Originalität. Mit seinen Ready-mades begann indes Duchamp diese Überzeugung zu hintertreiben. Er katapultierte die Kunstwissenschaft in eine neue, bis dahin beispiellose Dimension, nötigte sie, Beurteilungskriterien zu überdenken. Auch der Bananensprayer verlässt den konservativen Weg. Thomas Baumgärtel kultiviert das Rebellentum im Sinne eines entgrenzten Kunstbegriffs. Der erste Schritt waren die Bananengraffitis an Museumsmauern und Kunstgalerien. Mit seinen Übersprühungen Alter Meister stellt er seine Arbeit nunmehr in den Traditionszusammenhang der Ready-mades und knüpft an Duchamp an. „Das erste ausdrücklich als Werk Duchamps publikgemachte Ready-made“(2) ist ja die Mona Lisa mit Kinnbart und Schnäuzer. Auch Baumgärtel bearbeitet historische Gemälde in einem ironisch aufbegehrenden Akt. Duchamps Mona Lisa darf als seine Referenzfigur gelten. Bezeichnet als „Dada-Bild von Marcel Duchamp“ erscheint die Königin der Kunstgeschichte 1920 auf dem Titel von Picabias Zeitschrift 391. „Da Duchamps Original nicht vorliegt, macht Picabia für diesen Zweck eine Replik, fügt aber nur den Schnäuzer hinzu und vergisst das Bärtchen.“(3) Interessant, dass die Arbeit von Duchamp den Status eines Originals konzediert bekommen kann. Keine Rolle spielt dafür, dass der Wegbereiter der Moderne von einer Postkartenreproduktion der Mona Lisa ausgegangen war. Durch einen minimalen Eingriff – den verfremdenden Bart – wurde aus dem reproduzierten Leonardo ein gefeierter Duchamp. Dass der Künstler mit seiner Mona Lisa einen künstlerischen Coup landen konnte, ist drei Umständen zu verdanken. Die Verfremdung ist aufsehenerregend, der ’Fälscher’ kein Niemand, die Zeit war reif für die Tat. Duchamp erweiterte den Wirkungsradius der Mona Lisa. Er machte sie zur Ikone des Dadaismus.

Statt zu Barthaaren greift der Bananensprayer zu Bananen, statt zur Reproduktion zum Original. Eine subtile Form von Neodadaismus ist es, die Thomas Baumgärtel im Falle des Altmeisterzyklus praktiziert. Während der Dadaismus auf das harmonisch Schöne drosch und sich vom Wohnzimmerbild distanzierte, benutzt Baumgärtel das Wohnzimmerbild beharrlich, um das harmonisch Schöne zu befragen. Das Antibürgerliche und Satirische, das den Dadaismus kennzeichnete, prägt auch seine Übersprühungen. Indem er dem Wertlosen einen Wert verleiht, solidarisiert er sich zugleich mit dem Trivialen.

Die behauptete Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist sein Garant für erhöhte Aufmerksamkeit. Ein Satz von Rodin – geäußert angesichts von Géricaults „Derby in Epsom“ – kommt bei der Betrachtung der Übersprühungen in den Sinn. „Das Gesamtbild ist in seiner Gleichzeitigkeit falsch; es ist aber richtig, wenn die einzelnen Bestandteile nacheinander betrachtet werden. Und es ist nur diese Wahrheit, die zählt, weil sie es ist, die wir sehen, und die uns ins Auge springt.“(4) Das Gesamtbild ist auch bei Baumgärtel in seiner Gleichzeitigkeit falsch, doch der moderne synthetisierende Blick macht mühelos eine Ganzheit aus – auch und gerade dann, wenn die einzelnen Bestandteile nicht nacheinander betrachtet werden.

Rund 50 Übersprühungen sind inzwischen entstanden. Komische, aber auch melancholische Bearbeitungen von Kunstwerken, die sonst kaum noch jemand wahrgenommen hätte. Wie stets ist auch hier die Bananenspur, die Baumgärtel legt, Leitidee und Leitfaden. Anders als die Graffiti erregen jedoch die Übersprühungen bei empfindlichen Zeitgenossen keinen Zorn, sondern rufen eher ein leises Lächeln hervor. Thomas Baumgärtel produziert im Kontext dieser Sonderform seiner Bananenphilosophie Kitsch as Kunst can. Zivilisationsmüll verleiht er das Zertifikat der Zeitgenossenschaft. Vergessenes, Verdrängtes sowie Verlogenes wird zum Substrat für einen subjektiven Kunstbegriff, der Randständiges nobilitiert. Plötzlich erscheinen die alten Schinken brandneu. Sie wirken wie marktfrische Ware. Bananisiert erheben sie den Anspruch auf Ausstellbarkeit in seriösen Kunsträumen. Was beweist: Bananisierung ist ungleich Banalisierung, sondern das Gegenteil davon. Thomas Baumgärtel gelingen mit seinen krummen Dingern dialektische Rösselsprünge.

Im Lexikon steht die Banane zwischen banal und Banause. Banal finden können Baumgärtels Bananen fürwahr nur Banausen. Und die Bananisierung geht weiter. „Heute stehen mir über hundert verschiedene Metamorphosen der Spraybanane als Motive zur Verfügung“, sagt Baumgärtel.(5) Man darf auch diesbezüglich vom planmäßigen Gestaltwandel mit verführerischer Zielrichtung sprechen.

Ach Leda. O Mona.

Anmerkungen:

(1) Thomas Baumgärtel im Gespräch mit der Autorin am 9. Februar 2004.

(2) Duchamp und die anderen, Dieter Daniels, Köln 1992, S. 186.

(3) wie Anm. 2, S.186.

(4) zit. nach Paul Virilio, Das öffentliche Bild, Wabern 1992, S.7.

(5) wie Anm. 1. Thomas

Dorothee Baer-Bogenschütz
Quelle: Ausstellungskatalog Thomas Baumgärtel „Übersprühungen” 2004

 

 

Zeichen an der Wand

Etwa 3000 Schablonengraffiti mit seinem berühmten Bananen-Motiv hat der deutsche Künstler Thomas Baumgärtel seit 1986 vor die Eingangstuüren von Museen, Kunstvereinen und Galerien gesprayt. Das anfangs provozierende Signet ist längst zum begehrten Qualitätssiegel und inoffiziellen Logo der Kunstszene geworden. Inzwischen wünschen sich auch namhafte Galerien eine Banane von Baumgaärtel als Eingangsschild. Selbst das Museum Ludwig in Köln, das 1987 noch erbost über den ungebetenen Wandgast mit einer Strafanzeige drohte, erbat sich zwei Jahre später den Besuch des Bananensprayers. Geboren am 10.12.1960 in Rheinberg (BRD), studierte er „Freie Kunst“ in Köln. Das Bananenmotiv entdeckte Baumgärtel als Gag in seiner Jugendzeit. In seinen Studiengängen – Malerei und Kunstpsychologie – verfolgte er sein Bananenmotiv jedoch konsequent weiter. „Nichts ist eindeutig, logisch gerade – alles ist Banane“ – so die Kernaussage Thomas Baumgärtels. Für ihn wird die Spray-Banane zum Gesamtkunstwerk. „Die Banane enthält alles. An ihr kann man, wie in der Kunst, alles darstellen“. Nach vielen Experimenten mit dem Bananenmotiv fand Baumgärtel mit der Sprühdose ein neues Ausdrucksmittel und wurde zum „Bananensprayer“.Anonym signierte er ab 1986 Kunstorte unter dem Motto „Bananenprojekt Köln“ mit dem Bananensymbol, zeichnete Galerien und Museen mit diesem Mal, das ihm fortan als „Synonym für unsere krumme Wirklichkeitswahrnehmung“ diente. Jede Spray-Banane wurde fotografisch festgehalten und in jährlichen Ausstellungen präsentiert. Die zahlreichen Nachahmer seiner Pochoirs in zahlreichen europäischen Metropolen bestärken bis heute die Bekanntheit des Bananensprayers.

Quelle: Manfred Hainzl, Zeichen an der Wand (Höhlenmalerei – Felsbilder – Graffiti), in: Ausstellungskatalog des Lebensspuren-Museums Wels, 2004

 

 

Was soll der Quatsch!?
(Prälat Heinrich Barlage angesichts der Banane vor dem Kölner Dom am 5. August 1998)

Was wäre die Kunst ohne die Kunst? Diese scheinbar absurde Frage soll den Blick lenken auf die Verknüpfung des einzelnen Kunstwerks mit der Summe der anderern bestehenden Kunstwerke, ihrem widersprechenden oder anregenden Charakter. Die Frage soll den Blick in die Geschichte öffnen, die Gedanken den diversen Bildwelten nachgehen lassen, die die Vergangenheit bereithält, soll veränderte Interpretationen offenlegen. Erst das so angereicherte, quasi aufgeladene Bild vom Bild/Kunstwerk läßt die Fülle der Erscheinung und ihr sinnliches Erleben auch zum geistigen Genuß werden.

Hätte Thomas Baumgärtel seine Bananenskulptur in voller Ausdehnung -sie hätte dann sicherlich eine Länge von ca. 30 m erreicht- ausgeführt, und hätte er diese für sich stehen/liegen lassen, wäre sie eine mindestens um 30 Jahre verspätete Pop-Skulptur gewesen. So aber hat er zum einen seinen unaufgeforderten Beitrag zum 750-jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung des gotischen Kölner Domes unter das Motto gestellt: “Wir lieben die Hohe Kirche.“ Zum anderen, und dies ist viel entscheidender, hat er mit seiner Bananenskulptur eine so große Nähe zum Dom gesucht, daß Kathedrale und Banane trotz widersprüchlichster Bestimmung und emotionaler wie geistiger Besetzung als Einheit gesehen werden müssen, ja, die Banane scheint sich zur Hälfte geradezu durch die Tiefe des Mittelportals der Westfassade ins Mittelschiff zu schieben, von außen ins Innere zu dringen. Banane und Kirche gehen tatsächlich eine Synthese/Symbiose ein. Bleibt es jedoch nur beim grotesken Augenschmaus? Oder steckt sogar mehr dahinter? Es ist bekannt, daß Thomas Baumgärtel mit mehr als 3000 gesprühten Bananen Orte zeitgenössischen Kunstbetriebs ausgezeichnet hat. Über mehr als ein Jahrzehnt seiner Sprayaktionen haben die Banane zum internationalen Kunst-Signet schlechthin sich mausern lassen. Was liegt also näher, die Aktion als Forderung zu verstehen, daß zeitgenössische Kunst in die Kirche von heute eindringen soll. Tatsächlich war die Kirche jahrhundertelang (einziger) Auftraggeber und Hort von Kunst. Erst am Anfang des 20sten Jahrhunderts führte die gegenstandslose Kunst durch die Entrückung des Menschenbildes zum Bruch mit dieser Tradition. Obwohl es heute vereinzelte, erfolgreiche Bemühungen gibt, diese Kluft zu schließen -so auch besonders intensiv in Köln- können sie aufs Ganze gesehen, nur ein Anfang sein.

So weit, so gut, wäre da nicht noch die erotische Ausstrahlung dieser Südfrucht, die sie in unserer Zeit -wenn auch spaßig- durchaus zum Phallussymbol avancieren ließ, Ausdruck männlicher Potenz. Jede Zeit und Kultur haben offenbar ihre Symbole: Türme, Dolche usw.. Es gibt kaum eine heutige Werbung ohne erotischen Unterton, ob es sich um Sekt, Parfüm oder Autos handelt.

Und ein weiteres, was kaum jemand weiß: Der Hohe Dom zu Köln ist nicht nur St. Peter seit vorromanischer Zeit geweiht. Er besitzt noch ein zweites Patromonium , nämlich das der Maria, der unbefleckten Empfängnis. Im Zuge der marianischen Frömmigkeit der Gotik hat man den neuen Bau auch der Muttergottes geweiht. Am 8. Dezember eines jeden Jahres wird das Patronatsfest begangen. Der Mittelpfeiler des Hauptportals, dem Thomas Baumgärtel die Banane zugeornet hat, weist -der Skulpturenprogrammatik des 19. Jahrhunderts folgend- zudem die visionäre Darstellung Mariens auf der Mondsichel auf. So entsteht zweifelsfrei eine “schockierende“ Verbindung des Namens der Heiligen Jungfrau Maria mit dem banalen, “bananen“ Phallussymbol. “Quatsch“ als Kommentar für Baumgärtels Aktion erscheint vor diesem Gedanken wirklich als eine harmlose Bezeichnung.

Überwinden wir den ersten Schock und lassen uns ein auf eine Verknüpfung des Widersprüchlichsten mit Blick in die Vergangenheit, so werden wir fündig in der Geschichte der Kunst. Der Themenkreis “Maria mit dem Einhorn“ wird z.B. auf wunderbaren Tapisserien aus dem 15. Jahrhundert im Musée Cluny in Paris vorgeführt. Das sagenhafte Einhorn ist ein weißes Pferd mit einem ca. 30 cm langen gedrehten Horn auf seinem Kopf. (In Wirklichkeit ist das “Horn“ ein Zahn des Narwales, eines zu den Delphinen gehörenden Zahnwales.) Das Einhorn gilt nach einer indischen Legende als seltenes, scheues und geheimnisvolles Tier. Es liebt die Einsamkeit und kann nur mittels einer nackten Jungfrau aus seinen Jagdgründen gelockt und gefangen werden, denn es wird vom Geruch der Reinheit dieser Jungfrau angelockt. Springt das Tier in den Schoß der Unberührten, kann es von den Jägern erlegt werden. So heißt es denn auch bei den Kirchenvätern in der mittelalterlichen patristischen Literatur sogar “In uterum Virginis singulare deposuit omnipotentiae cornu“. (In den Schoß/Leib der Jungfrau legte er das einzigartige Horn der Allmacht.) Damit wird das Einhorn zum Symbol der Reinheit Mariens, ihrer unbefleckten Empfängnis bei aller offenbar doch sehr erotischen Auffassung. Im Laufe der Jahrhunderte wird das Einhorn zu einem changierenden Symbol.

Es kann z.B. auf Christus verweisen oder auf den Teufel. Im Manierismus verliert sich der mittelalterliche Symbolgehalt zusehends und Einhorn-Szenen mutieren zum Ausdruck eines Pansexualismus. Fresken in den päpstlichen Gemächern der Engelsburg in Rom zeigen ganz eindeutige Darstellungen lasziven Charakters. Auch in einer Zeichenstudie Leonardo da Vincis wird der religiöse Anspruch gänzlich aufgegeben, so daß eindeutig sodomistische Anklänge sichtbar werden, wie sie die hellenistische Kunst mit dem Motiv “Leda und der Schwan“ (Zeus) hervorgebracht hat.

Während das ausgehende Mittelalter und die Frührenaissance sich noch damit begnügten, antikes Formengut in christliche Formen/Figuren zu verwandeln -Philosophen wurden zu Aposteln, antike Helden zu Heiligen- mußte man in der Renaissance, wenn man sich nicht bei der Darstellung der antiken Götter selbst der Beschuldigung des Heidentums aussetzen wollte, die heidnischen Götter mit christlichem Gedankengut verknüpfen. Für die erste Form des Umgangs mit dem Weltlich-Sinnlichen sei auf eine Apollo-Federzeichnung Albrecht Dürers verwiesen, die den Adam des bekannten Kupferstiches von 1504 vorbereitet. Apollo wird zu Adam, Zeus zu Christus, Herkules zu Samson usw.. Von größerem Interesse ist hier allerdings die zweite Form. Als Beispiel bietet sich Sandro Botticellis bekannte “Geburt der Venus“ , um 1480, an. Nach antiker Marmorskulptur als Vorbild ist die himmlische Venus als Göttin der Liebe ganz schwerelos wie eine Erscheinung aufgefaßt. Das Bild entstand im Umkreis der neuplatonischen Philosophen, dessen Kopf Marsilio Ficino (1433-1499) war. Er glaubte, daß das Universum und somit auch das Leben des Menschen mit Gott durch einen unaufhörlichen geistigen Kreislauf verbunden sei. Alle Offenbarungen dieser Welt, wie z.B. der antiken oder christlichen, seien eins. Schönheit, Liebe und Glückseligkeit seien Phasen dieses Kreislaufs und damit letzlich dasselbe. - So war es durchaus möglich, die himmlische Venus Botticellis als Maria anzurufen. In der göttlichen (nackten) Schönheit erkannte man die göttliche Liebe. Die himmlische Venus ist jedoch eine Göttin des Geistes, während ihre Zwillingsschwester mit dem Beinamen Urania eine Göttin des Fleisches ist. Man könnte sagen, beide seien zwei Seiten einer Medaille. - Der Blick auf die Symbole in Malerei und Dichtung, die Maria und Venus zugeordnet sind, zeigt in der (Turtel)-Taube, der Rose, der Muschel und dem Spiegel Übereinstimmung.

Venus und Maria, die beiden Göttinnen der Liebe, verbinden sich im Geiste; die irdische körperliche Liebe wird zum Ausdruck der himmlischen geistigen Liebe, ist erfahrbarer Abglanz der unendlichen göttlichen Liebe.

Gianlorenzo Berninis “Verzückung der Heiligen Theresa von Avila“ aus den Jahren 1645-52 in Rom verbindet in offenkundiger Weise die beiden Stufen miteinander. Mit offensichtlicher Lust steht ein Engel, der in anderem Zusammenhang als Amor aufzufassen wäre, mit seinem süßen Pfeil der Liebe vor der spanischen Mystikerin, die ganz entrückt und verzückt liegend sich einem sehr irdischen Genuß hingibt. Die Marmorgruppe scheint auf einer Wolke zu entschweben. Sie selbst beschreibt ihr visionäres Erlebnis: “Der Schmerz war so groß, daß ich laut aufstöhnte; doch zugleich empfand ich eine so unendliche Seligkeit, daß ich wünschte, der Schmerz höre niemals auf. Es war kein körperlicher, sondern ein seelischer Schmerz, wenn er auch bis zu einem gewissen Grad auf den Körper wirkte. Gott liebkoste auf das Zärtlichste meine Seele.“ Echte mystische Frömmigkeit führt hier zu einem Ausdruck höchsten sinnlichen Erlebens in weltlicher Schönheit. Welt und Gott scheinen in dieser Figurengruppe kein Widerspruch zu sein.

Zurück zur Banane und der Aktion von Thomas Baumgärtel. Durch den Blick in die Geschichte wird deutlich, daß der weltliche Eros in der religiösen Kunst in Zeiten als Bild- und Hilfskonstruktion parabelartig eine wichtige Rolle gespielt hat, die absolute göttliche Liebe faßbar zu machen. Die Verknüpfung scheinbar sich widersprechender Formen, das ästhetisch Abstruse, führte zur concordia discors, zur zwieträchtigen Eintracht. Mit der Banane im Hauptportal des Kölner Domes hat uns Thomas Baumgärtel ganz im manieristischen Sinne ein zeitgenössisches Bild für diese concordia discors gegeben.

Klaus Altmann, 1998

 

 

Leben=Kunst=Banane

Jahrelang war er einfach der „Bananensprayer“ und nur Insider wußten, wer sich letztendlich dahinter verbarg. Vor Jahren wäre es gefährlich gewesen, die Identität preiszugeben, denn angesichts seiner weltweiten Sprayertätigkeiten hätte er sich vor Prozessen nicht mehr retten können. Dennoch füllen die Verfahren, die man ihm anhängte, mehrere Aktenordner. Vor etwa zehn Jahren hatte Thomas Baumgärtel begonnen, eine Banane neben die Eingänge von Orten zu sprühen, in denen Kunst gezeigt wurde. Zunächst wurde dies als Sachbeschädigung angesehen, die Bananen wurden meist entfernt. Für Thomas Baumgärtel hieß die Gleichung ganz einfach Kunst=Banane, und er setzte sein Treiben unberührt fort, in der festen Überzeugung, daß sie sich auf die Dauer durchsetzen würde. Bis heute hat sie sich in der Tat immer mehr verbreitet, ist in Köln und Düsseldorf, in Frankfurt, Berlin, Paris, London und New York an Galerien und Museen zu finden, und so manche Newcomer Galerie ist mittlerweile besorgt, wenn dies Markenzeichen für seriöse Kunst nicht bald am Haus zu finden ist. Thomas Baumgärtels Idee hat sich durchgesetzt. Kunst ist Leben, Leben ist Banane, Banane ist Kunst. Die Banane ist die Essenz der Baumgärtelschen Philosophie. In ihr spiegelt sich aus seiner Sicht Weltgeschehen und Geschichte. Thomas Baumgärtel schafft die Welt neu aus Bananen. Sie hängt als Leichnam am Kreuz und türmt sich zur großen Form; sie fordert Fluxus-Kunst zum Dialog auf und schleicht sich in alte und neue Bilder hinein. Vor allem hier, in der Übermalung alter Ölbilder stellt Thomas Baumgärtel die unausgesprochene Behauptung auf, daß er keineswegs der Erfinder der Kunst-Banane ist.- Ganz im Sinne jener alten Aussage der Dadaisten: „Bevor Dada da war war Dada da“. Baumgärtels Übermalungen belegen: schon um die Jahrhundertwende trugen alte Bergbauernhöfe jenes damals so rätselhafte Signet, und Landschaftsbilder jener Zeit pflegten Bananen als Repoussoir zu verwenden. So belegen es Baumgärtels alte Meister. Quot erat demonstrandum. Und wer erinnert sich nicht mit einer gewissen Schadenfreude an Wolf Vostell bananengeschmückten „Ruhenden Verkehr“? Da forderte ein junger Dadaist einen älteren heraus und wollte wissen, ob der sein provokantes Aktionsrelikt aus Fluxuszeiten heute so richtig ernst nimmt und es als unberührbares, unveränderbares Kunstwerk ansieht, oder ob er die Wechselfälle des Lebens, mit denen die Fluxusbewegung jener Jahre immerhin gerne spielte, hinnehmen und akzeptierte werde. Wie wir wissen, bestand er auf Restaurierung. Dabei hätte die Banane doch qua definitionem lediglich nachträglich unverbrüchlich festgestellt, daß es sich hier um Kunst handelt. Auch die meist immer noch verständnislosen Passanten hätten es danach endgültig gewußt. Thomas Baumgärtel ging es dabei um den Dialog zweier Kunstkonzepte, deren Wirkungsprinzipien je für ihre Zeit verschieden, aber dennoch strukturell verwandt sind. Wolf Vostells Ablehnung war dabei ein genau so gutes Ergebnis, wie es seine Zustimmung gewesen wäre. Die Banane hat einmal mehr den Kunstbegriff herausgefordert und Klarheit geschaffen. In diesem Sinne wirkt sie in Thomas Baumgärtels Kunstvorstellung erhellend für die Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Was die wenigsten, die die gesprühte Banane allerorten sehen, wissen, ist Thomas Baumgärtels weitergehende künstlerische Arbeit, die noch mehr, als das Bananensignet belegt, wie sehr die Banane für Thomas Baumgärtel zum Prinzip künstlerische Wahrnehmung wurde. Da gibt es nicht nur den Bananenwohnwagen, den Bananenfernseher, die Bananencouch und den Bananenstuhl, die Banane schleicht sich auch in den Sternenkreis des europäischen Banners oder präsentiert sich als große skulpturale Form. Am deutlichsten wird Baumgärtels Weltanschauung jedoch in seinen jüngsten Bildern, in denen er eine kleine gesprühte Banane gleichsam als Rasterpunkte verwendet, mit dem er seine Bilder alltäglicher Gegenstände, vom Wasserhahn bis zum weiblichen Akt aufbaut. Auch der Kölner Dom und ein großes Köln-Panorama bauen sich aus Hunderten und Tausenden von dicht nebeneinander und übereinander geschichteten Bananenformen auf. Die Welt, gesehen in Form von Bananen; hier ist der Beweis endgültig erbracht: Leben ist Banane. Thomas Baumgärtel hat seine dadaistische Aktion inzwischen weiterentwickelt zur Weltanschauung, zum künstlerischen Konzept. Was ursprünglich Behauptung war, die Banane sei Kunst, was weltweit selbst von Museumsleuten und Galeristen akzeptiert wurde, indem sich die Banane zum begehrten Signet und Qualitätssiegel mauserte, setzte Thomas Baumgärtel inszwischen in seinen Leinwandbildern konsequent um: Bei ihm formt sich Welt aus Bananen, ist die Banane Weltanschauung und Kunstanschauung zugleich.

Rheinhold Mißelbeck, Museum Ludwig Köln, 1996

 

 

Die Spraybanane

Zur Wirkungsgeschichte einer Kunstsymbiose

Andy Warhol hat uns die Suppendose geschenkt, genauer gesagt: wiedergeschenkt. Zunächst in gemalter Version, linkisch korrekt wie ein biederer Plakatmaler (sofern nicht - wie eigentlich immer bei Warhol - wohlkalkuliertes Understatement zu unterstellen ist), bald dann siebdruckschabloniert, mit stumpfen Glanzlichtern schwerfällig ornamentierten Schriftzügen und eher verhaltenen Rot- und Gelbtönen: Eblemata eines künstlerisch überhöhten Massenkonsumgutes, das - aus heutiger Sicht - in rührender Einfalt für das Credo an ein Alles-für-Jeden der 60er und 70er Jahre einsteht. Die in den Auslagen der Kaufhäuser massenakkumulierte Suppendose hat das Stilleben alter Ordnung mit all seinen ihm im Verlauf der Jahrhunderte zugewachsenen Implikationen abgelöst. Es hat die symbolträchtig arrangierten „Eatables“ durch Sortier-, Wasch- und Abfüllanlagen gejagt, versiegelt und - das Wichtigste - etikettiert. Dabei ist der Inhalt zusammengeschnurrt und hat sich auf die Oberfläche einer Papierform verflüchtigt: Chiffrenhafter Schatten seiner selbst, Markenzeichen eines Markenzeichens.
Und dann die Banane! Wen nimmt es Wunder, daß es wieder Warhol war, der ihr zu künstlerischen Weihen verhalf? Erinnerte sich Claes Oldenburg ihrer „nur“ als skulpturaler Großform, die seit den 60er Jahren über einem Lagerhaus im Osloer Hafen schwebt und dort auch heute noch zu sehen ist, so nobilitiert Warhol diesen Inbegriff der exotischen Frucht, indem er sie in bewährter Weise zum zentralen Motiv auf ansonsten unbelebter Bühne erhebt.
Geschaffen wird dieses Sujet freilich für das Cover einer Langspielplatte von „Velvet Underground“ ( 1966), zur künstlerischen Ausgestaltung und dienenden Umschreibung eines anderen zeitgenössischen Mediums: der Pop Musik, konserviert im schwarzen Rund der Vinylscheibe, eingetütet und folglich ebenfalls etikettiert im Quadrat des Pappcovers. Eine angewandte Kunst also, was aber bei Warhol, dem wandlungsfähigsten Chamäleon unter den Grenzgängern zwischen den zeitgenössischen Ausdrucksformen, nicht automatisch auf mindere Wertigkeit schließen läßt.
Mit der Banane, die beim besten Willen nicht in irgendeinen inhaltlichen oder programmatischen Einklang mit Band oder Songthemen gebracht werden kann, bricht Warhol rigoros mit den Darstellungsformen herkömmlicher Covers und apostrophiert in einem Willkürakt ein Nonsense-Symbol. Der Künstler stellt eine Verbindung her, die der Ratio spottet, unterläuft Erwartungshaltungen, unterminiert die Ernsthaftigkeit und Glaubenswürdigkeit von Informationsträgern, konterkariert Produktionsgestaltung, stellt Werbebotschaften in Frage. Einzig denkbare Konnotation: Die exotische Frucht auf weißem Grund steht rätselhaft fremd für eine vielen gleichermaßen fremd anmutende Musikrichtung. Und dabei beläßt Warhol es dann auch. Die Banane verschwindet wieder sang- und klanglos aus der Welt der Kunst und zieht sich in die angestammten Stellungen als nährstoff- und vitaminreiche Südfrucht zurück...
... um sich 1986 wieder aus der Deckung herauszuwagen: Zaghaft zunächst und auf die Kölner Topographie begrenzt, erobert sie im Dunkel der Nächte grauer Städte Mauern, nistet unversehens neben Eingängen und Schaufenstern, Foyers und Firmenschildern. Leicht überlebensgroß, in charakteristischer Krümmung, ein Prachtexemplar ihrer Gattung, prangt sie, schwarz konturiert, in leuchtendem Gelb auf Stein und Beton, Edelstahl und Holz.
Zunächst dürfte sie - außer den Hausbesitzern - kaum jemandem aufgefallen sein, allein die Tatsache, daß sie nur an den Fassaden von Galerien, Museen und anderen, der Kunst verpflichteten, Institutionen anzutreffen ist, läßt aufmerken. Sollte die mittels Schablone aufgesprühte Banane gar mit Kunst zu tun haben?
Daß dem so war und noch ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen, und auch ihr Autor, Thomas Baumgärtel, ist längst enttarnt bzw. aus dem Schatten subversiver Umtriebigkeit herausgetreten, ja, die Banane hat längst etliche Portale und Türen an denen sie „Duftmarken“ gesetzt hatte, durchschritten und die Wände jener Stätten in Beschlag genommen, die sie zuvor nächtens „inkriminiert“ hatte.
So gilt es festzuhalten, daß seit einigen Jahren das Bild der gelben Frucht in die Kunstmetropolen der westlichen Hemisphäre ausgeschwärmt ist und Orte der Kunst akzentuiert hat, sich daheim im Atelier aber zugleich zu neuen, anderen Bildern verdichtet hat: Eine Omnipräsenz in der weltumspannenden Vereinzelung wie in der formgebenden, neue Motive kreiierenden Zusammenrottung.
Mit der vereinzelt auf die Fassaden von Ausstellungshäusern gesprayten Banane knüpft Baumgärtel entwicklungsgeschichtlich bei Warhol an. Wie dieser, schafft er per Willensentscheid einen neuen, artifiziellen Kontext, indem er zwischen zwei vollkommen unterschiedlichen Bedeutungsebenen einen Zusammenhang herstellt, der rational nicht nachvollziehbar ist. Tatsache ist, daß zwischen dem Abbild einer Banane und einer Institution, die zeitgenössische Kunst ausstellt, nicht der geringste Zusammenhang besteht ( Der auf Genauigkeit bedachte Chronist hält an dieser Stelle inne und schränkt ein: „jedenfalls bis 1986“ ).
Nicht von ungefähr hat Thomas Baumgärtel von Beginn an seine Bananen-Signets auch und vor allem Galerien appliziert. Und nicht von ungefähr begann dies zu einer Zeit, die durch einen wahren Gründerzeitboom an Galerien - zumal in Köln - gekennzeichnet war. Eine Galerie für Gegenwartskunst ist zunächst und zuallererst nichts anderes als ein leerer Raum und die unausgesprochene Willenserklärung eines selbsternannten Kunstliebhabers, dieses Vakuum mit bildnerisch-materialisiertem Anspruch zu füllen. Daß damit auch noch Geld verdient werden soll, rückt dieses Unterfangen dem Versuch nahe, die Quadratur des Kreises zu wagen. Ein namensgebendes Schild kündet von Firmensitz und Kunstwollen. Glaubwürdig und nachvollziehbar wird der Anspruch erst im Verfolg eines Programmes, also erst nach Jahren. Bleibt der wirtschaftliche Erfolg oder eine anderweitige Alimentierung aus, löst sich das hochgemute Vorhaben in Nichts auf, was gelegentlich auch ein hervorragendes Ausstellungsprogramm nicht verhindern kann. In diesem Fall, der zweitbesten aller Möglichkeiten, ist die Grundlage für eine Legende gegeben. Im drittbesten Fall spricht man - mit den Worten Theo Lambertins - vom „Grab des unbekannten Künstlers“. Der beste Fall ist so selten wie ein weißer Rabe und gereicht dem Galeristen zu Ruhm und - in der Regel magerem Auskommen. Eine den Laien Staunen machende Tatsache ist, daß die „Halbwertzeiten“ anspruchsvoller Gegenwartskunst oft umgekehrt proportional zur Überlebensdauer der sie promovierenden Galerien stehen.
Obwohl der Kunstort „Galerie“ die erste institutionalisierte Rezeptionsebene für zeitgenössische Kunst darstellt, ihr infolgedessen eine große Bedeutung als Informations- und Inspirationsquelle für den Kunstinteressierten zukommt, sie sich überdies flächendeckend zumindest in großstädtischen Bildungskontexten etabliert hat, stellt sie sich selbst für Bildungswillige oft genug als „Unraum“ dar: Die zumal in den 60er Jahren vielzitierte Schwellenangst, damals im Zusammenhang mit der Öffnung der Museen für eine breitere Öffentlichkeit diskutiert, lebt fort und wird durch Kunstwerke und die sie charakterisierenden Begriffsbildungen genährt, die in der Tat Vorkenntnisse vorraussetzen.
Thomas Baumgärtel wußte zweifelsohne um diese Hintergründe, als er 1986 seine erste Banane auf das Portal eines „Kunsttempels“ sprühte. Er wußte, daß diese durchaus profanen Mauern, „geadelt“ allein durch den schildgewordenen Anspruch, ein Hort der Kunst zu sein, dem Gezeigten jene Nobilitierung zuteil werden ließ, der die ausgestellten Kunstwerke ( kraft Willensentscheid und Handanlegung ihrer Autoren, der Künstler also, bereits aus der Ebene der Profanität hervorgehoben ) auf dem Wege der Kanonisierung bedürfen. Er wußte um die sinnstiftende und sinntragende Funktion der Institution „Galerie“, um die Notwendigkeit, der auf den ersten Blick oft kruden, rüden, unscheinbaren, verhaltenen, aber auch plakativen, dissonanten und widerborstigen, kurz: ungewohnt einherkommenden bildnerischen Interpretationsmodellen des Hier und Jetzt einen Rahmen zu geben. Einen Rahmen, der Abstand hält und Nähe schafft, der ausgrenzt und pointiert zugleich. Baumgärtel unterstützt und umspielt diesen Findungsprozeß, indem er Kunstetiketten appliziert, keine beredten Sachhinweise über Inhalt oder Verfallsdaten, sondern verklausulierte, das Bezeichnete kongenial verunklärende Verrätselungen: Ein absichtvolles Spiel mit dem - vordergründig - Absichtlosen, ein Rätsel den Rätseln beigegeben, ein weiteres Knäuel am Ariadnefaden.
Die Banane warnt: „Vorsicht Kunst! Betreten auf eigene Gefahr! Künstler und Galeristen haften nicht für ein abhanden gekommenes Selbstverständnis! Vorgefaßte Meinungen sind an der Kasse abzugeben! Keine Gewähr für selbstverschuldete Erschütterungen! Aber auch: „ Es darf geschmunzelt werden!“.
Es ist eine mittlerweile allseits bekannte und weitestgehend akzeptierte Tatsache, daß sich die Kunst des 20. Jahrhunderts - analog zu der Diversifizierung anderer gesellschaftlicher Aufgabenbereiche - auf die bildnerische Durchformulierung sehr spezifischer Themenstellung spezialisiert hat: Im Gefolge der Abstraktion wurden Farbe, Formen und Volumina thematisiert, Maß und Einheit durchdekliniert, Ideen und Begriffe versinnlicht, Zeit- und Handlungsabläufe anschaulich gemacht und Attituden kultiviert - um nur einige künstlerische Wirkrichtungen zu skizzieren. Seit ungefähr drei Jahrzehnten wird auch die künstlerische Betätigung an sich, vor allem aber auch der Wirkrahmen, in dem Kunst sich ereignet, hinterfragt und zugleich verbildlicht, ja in der extremen Exegese dieser Selbstbefragen wird der Künstler in persona Medium und Botschaft zugleich - man denke zum Beispiel an Aktionen von Joseph Beuys und James Lee Byars.
Thomas Baumgärtel reiht sich ein in diesen Kontext der Befrager und bildnerischen Kommentatoren. Sprachlos, weil kein Literat, stumm, weil kein Sänger, unaufgeregt, weil kein Performer, unpathetisch, weil kein Schauspieler. Er thematisiert Markenzeichen für Kunst. Wie der Teufel das Weihwasser meidet er Objektivität, entzieht sich der Eindeutigkeit, enthält sich des Kommentars, widersteht der Vereinnahmung und bleibt auf Distanz.
Fröhlich-ironisch verschwistert sich die Banane mit den Zufälligkeiten der kunstbehausenden Institutionen, ein Dorn im Auge ordnungsliebender Hausmeister und bierernster Kunstverweser. Manchem Museumsdirektor als zu fürchtender Präzedenzfall ein Ärgernis, denn auch Museen wurden solcherart ausgezeichnet, schließlich fungieren auch sie und vor allem sie als bedeutungsstiftende Aufführungsorte für jene Kreationen, die - ob man will oder nicht - zum Marsch durch die Institutionen antreten.
Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wie in jeder echten Symbiose profitiert auch die schablonisierte „Kunstmarke“ von der Magie der Orte, die sie bezeichnet und wird beziehungslos, wenn mit dem Kunstraum der Kunstkontext verlorengeht. Müßig zu betonen, daß ihr dann ordnungsliebende Kräfte schnellstens den Garaus machen.
Wie bereits angedeutet, hat Baumgärtel seit einiger Zeit die gelb-schwarze Frucht gleichsam zu konzentrierten Aktionen auf Bildformaten versammelt. Von Galerien und Museen aus aller Welt sind sie herbeigeeilt und haben sich zu Motiven wie „Goethe“, oder „Dürer´s Hase“ gruppiert, „richtigen“ Bildern auf Leinwand, die in der Art des Giuseppe Arcimboldo aus der Anhäufung von Einzelgegenständen Bilder „von etwas“ erstehen lassen, wobei allerdings der hier angesprochene Früchtemix allein auf dem Gütesiegel der Banane basiert.
Neben diesen Neuinterpretationen von Weltinterpretationen berühmter Kunstvorsassen hat Baumgärtel zahlreiche Motive geschaffen, die auf Fotos in Zeitungen und Zeitschriften rekurrieren. Diese Ikonen der Zeitgeschichte, die sehr wohl eine dezidiert politische Aussage transportieren können, erstehen aus einer Verknüpfung von Bananentexturen, die wie ein bewegtes schwarz-goldenes Raster die Figurationen einbinden, wobei die Grenze zwischen Wiedererkennbarkeit und Verflüchtigung ständig in der Schwebe zu sein scheint. Wie durch eine Folie gesehen, entblößt der „Bananenfilm“ die Bildinhalte bis auf die Knochen, „überzuckert“ sie aber zugleich mit einer Kunstschicht, die als Phrase enttarnt , was als Haltung angetreten ist - wie etwa bei einem Hitler-Bild. Und bei dem „Bananenbomber“ oder anderen Kriegsszenerien verdichten sich die schwarzgeränderten Bananensilhouetten zum unheilverheißenden Menetekel, verliert das Fruchtsymbol vollends seine exotische Unbeschwertheit.
Mit diesen formgebenden Bananenakkumulationen hat Baumgärtel den Weg in Galerien, Ausstellungshäuser und Sammlungen genommen. Das heißt aber nicht, daß er deswegen seine Tätigkeit als ambulanter Kunstmarkierer aufgegeben hätte. Mutet das Wirkungsfeld der international konspirativen Kunstbanane auch grenzenlos an, so wird man angesichts der im Atelier entstandenen Bananenbilder den Verdacht nicht los, das größere Universum eröffne sich in der Endlichkeit der zweidimensionalen Bildfläche - eben zuhause. Beide künstlerischen Handlungsstränge werden gleichermaßen gespeist aus Zeit- und Kulturgeschichte, modelliert und zugeschliffen im Kontext der sich ständig in Wandlung befindlichen Zeitgenossenschaft, die eine medial vernetzte und erschlossene ist, geprüft von skeptischen Augen, die vornehmlich in jenen eigentümlichen Bezirken spazieren gehen, die von der Banane bezeichnet werden. Es hätte auch eine andere Frucht sein können.

Klaus Flemming, 1996

 

 

Was hat Kunst, Banane und Seelisches miteinander zu tun?

über die Spraybanane -
ein modernes Straßenbild

Seit 1986 sind viele der besten Kunstorte weltweit mit der Spraybanane vernetzt. Damit wird das erste Mal in der Menschheitsgeschichte so umfassend ein Kurzschluß im Erinnerungsvermögen zwischen Kunst und einem einfachen positiven Symbol hergestellt. Zugleich wird mit dieser einfachen Spraybanane die allgemeine Vorstellung von dem, was normale Kunst ist, in Frage gestellt.

Die Kunst der Banane wehrt sich gegen lineares Denken. Sie gedeiht nur im Humus selbstbestimmter Orte der Kunst, sofern deren Besitzer nicht befürchten, sie zerstöre das Mauerwerk hehrer Kunst und zerfresse den traditionellen Kunstbegriff.
Meine Kunst mit der Banane läßt sich nicht gerade biegen und in eine Schublade stecken.

Die Banane enthält alles. An ihr kann man, wie in der Kunst, alles darstellen. Sie bringt mit ihrer Lebendigkeit und Vergänglichkeit das Leben, die Kunst und das Seelische besser und konzentrierter auf den Punkt.
Das Seelenleben der Deutschen gleicht eher einer krummen Banane, als einer geraden, kausalen Logik, wie es uns die Naturwissenschaftler weiß machen wollen.
Unser Leben ist Banane und Kunst !

Die Banane -sprich Kunst- macht uns deutlich, daß Krummes, Brechungen, Paradoxes notwendig zu jedem Seelischen und jeder Entwicklung dazugehören. Nichts ist eindeutig, logisch, gerade -alles ist Banane !
Sie bringt uns den Gedanken näher, daß wir praktikable Konstruktionen aus „Unmöglichkeiten“ leben - etwas bleibt, indem es sich verändert, etwas bindet, indem es bricht.
Sie macht spürbar, daß Gestaltung und Umgestaltung von Wirklichkeit zugleich unendlich sind und doch nur in einem entschiedenen Werk praktiziert werden können.

In der Kunst habe ich die Möglichkeit, Produktionen bis zum Extrem durchzuführen.
Weitmöglichste Reduzierung und größtmögliche Vielfalt.
Das winzige, triviale Objekt Spray-Banane ist sowohl Projektionsfläche, als auch Spiegelung einer Gesellschaft, die Kunst als Gebrauchsartikel betrachtet. Der Kunstbetrieb erhält in dieser Gesellschaft sein Zeichen.
Ich versuche weiter eine innovative Kunst voranzutreiben, die auf Auseinandersetzung drängt, die extrem die öffentlichkeit sucht, Kulturen verbinden will und Kunst wieder außerhalb von Museen und Galerien lebendig macht.
Die Spraybanane im öffentlichen Raum ist eine ständige, sich immer weiter verändernde Ausstellung, die auf der Straße dem „wahren“ Leben ausgesetzt ist.

Thomas Baumgärtel

 

 

Vielfarbiger Bananenpointillismus

Die Bananenschablone, ca. 10 cm klein, ist zum Pinselersatz für den Kölner Künstler Thomas Baumgärtel geworden. Die Schablone und der Spray wurden darüber hinaus in den letzten Jahren zu seiner ganz ureigenen signifikanten Handschrift.

Dabei unterlag seine Bilderwelt einer permanenten Verwandlung und Entwicklung. An dieser Stelle lohnt es sich diese nachzuerzählen. 1986 setzte Thomas Baumgärtel in Köln seine erste Spraybanane. Doch zunächst empfand man dieses Symbol als Beschmutzung von Tür und Wand. Thomas Baumgärtel gegenüber hagelte es Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Innerhalb der Kunstszene aber gab es immer mehr Stimmen, die diese Banane als positives Symbol definieren wollten. Museumsdirektoren und Galeristen begriffen, dass mit dieser Banane dem Kunstsuchenden der rechte Weg zu weisen war. Andererseits aber war die Baumgärtel`sche Banane in der Lage, den allgemeinen Kunstbegriff in Frage zu stellen. So kann die Banane eigentlich alles. Mit ihr und an ihr kann man, wie in der Kunst, "alles" darstellen. Ist die Banane frisch, dann ist ihre Form straff und prall und die Farbe leuchtend gelb, wird sie nicht zeitig gegessen, verwelkt sie, verliert ihre Farbe, wird schwarz und verfault.

Nach 15 Jahren finden wir heute die Banane von Thomas Baumgärtel überall auf der Welt. Mittlerweile aber scheint es, als ob der Künstler diesen Einzelbananenprozess abgeschlossen hat. Als kritische Äußerung gegenüber einer Institution fängt er nun ganz konsequent an, Bananen wieder wegzunehmen, indem er sie "sprengt".

Vielleicht liegt dies aber auch daran, dass die Banane längst nicht mehr Einzelsymbol in seinem Malprozess ist. So ist Baumgärtels Weg hin zur Malerei bis hin zum Bild exakt nachzuzeichnen. Es entstanden zu Beginn der 90er Jahre erste Außengemälde und Außenplastiken und 1994 ist sein Weg hin zum Bild besonders stark spürbar. Unter dem Titel "Die alten Meister und die Banane" findet man diese Frucht hineinkomponiert in Bilder, die Kunstgeschichte geschrieben haben. Mitte der 90er Jahre schafft er mit seinem Bilderzyklus "Nie wieder Krieg ­ nur noch Bananen" den Weg hin zur reinen Malerei mit der Bananenschablone. Aber die Farbigkeit ist immer noch reduziert auf schwarz und gelb, im Vordergrund steht das Abgebildete, ob nun der Kölner Dom, der Mensch oder der Gegenstand. Immer wieder fragt die Kunstszene: handelt es sich hier um Graffiti, oder aber ist es wirklich Malerei, etwa eine Malerei des großen Widerspruchs, eines Widerspruchs, den Baumgärtel von Anfang an gesucht hat?

Mit seiner aktuellen Bildersequenz der Früchtestilleben erinnert sich Baumgärtel der Zeit an den Kölner Werkschulen und seines Lehrers Franz Dank. Dieser wollte immer, dass Baumgärtel Früchtestilleben auf die Leinwand bringt. Doch schon damals sprüht er lieber Bananen auf der Straße. Nun ist Baumgärtel zumindest thematisch zu seinem Lehrer zurückgekehrt. Der Bananenpointillismus versetzt ihn in die Lage, Bilder "sprayend" zu malen. Früchtebilder entstanden, dem Vierjahreszeiten-zyklus entsprechend, voll barocker Farbigkeit und überdimensioniert ­ auch Pop-Art-Geruch ausstrahlend.

Baumgärtel hat jetzt für sich die Farbe entdeckt. Nein, nicht vorsichtig und mit Zurückhaltung, sondern mit aller Konsequenz in der Umsetzung. Die Farben seiner Früchte sind die der weißen Johannisbeeren aus dem elterlichen Garten, es sind die der Kokosnüsse aus Mexiko oder z. B. die der Mandarinen aus Mallorca, allesamt in voller praller Reife. Der schönste Moment der Frucht ist festgehalten, danach vergeht ihre Schönheit, wenn sie nicht gepflückt wird. Baumgärtel überhöht die Wirkung seiner Bilder noch dadurch, dass er die Bildränder übermalt und der Leinwand dadurch Tableauxcharakter gibt. Alles schwebt, ist unmittelbar präsent und doch auch entrückt.

Baumgärtel ist ein Illusionist. Ob Mandarine, Apfel oder Birne ­ im Grunde ist doch alles Banane!

Michael Euler-Schmidt, 2001
Kölnische Galerie des Kölnischen Stadtmuseums

 

 

Leben und Banane. Eine Kunst

Thomas Baumgärtel, mittlerweile ein bekannter Name in der internationalen Kunstszene, hat 1986 seine erste Banane gesprayt. Der 1960 in Rheinberg am Niederrhein geborene Künstler hat also schon in seinen Anfängen jenes Elementarzeichen gefunden, mit dem er bis in die Gegenwart herein seine Bilderwelten schafft. Das Signet der Banane ist nicht neu. Bereits Andy Warhol hat es 1966 als Cover für Pop-Musik verwendet. Freilich wirkte die exotische Frucht in diesem Kontext rätselhaft fremd. Dann verschwand die Banane von der Bildfläche. Bis sie am 12.10.1986 in Rheinberg wieder auftauchte. Seitdem markierte der Bananensprayer weit über 2000 Kunstorte in Europa und Amerika, die Außenwände von Galerien, Museen und anderen Kunstinstitutionen mit diesem Emblem.

Wurden dem jungen, noch unbekannten Künstler seine dadaistischen Graffiti-Aktionen mit der gesprayten Schablonen-Banane anfangs krumm genommen und strafrechtlich verfolgt, so ist mittlerweile jede Kunststätte, vom Museum Ludwig in Köln bis zum Guggenheim-Museum in New York, von den großen Galerien in den Metropolen bis zu entlegenen Kunstorten wie der NN-fabrik im Osten Österreichs, stolz, diese "Bananalität" als Gütesiegel für Kunst zu tragen. Seit 1986 sind also weltweit die besten Kunstorte mit der Spraybanane vernetzt.

So schablonenhaft banal diese gelbe Frucht mit der schwarzen Rasterung auch sein mag, hat sie doch im Laufe der Jahre vielfältige Ausformungen erfahren: Von der einfachen Spraybanane über die Neuinterpretation von alten Meistern, von der provokanten Umdeutung von Symbolen wie dem Kreuz zu einem Bananenkreuz oder der deutschen Flagge zur Bananenrepublik bis hin zum Bananenbomber oder einem Hitler-Porträt aus Bananen. In diesen Spray-Bildern in Acryl transportiert Baumgärtel auch politische Aussagen, indem er die sinnüberfrachtete Ernsthaftigkeit der Motive persifliert.

Es geht in seinen Arbeiten nicht nur um eine provokative Auseinandersetzung mit Kunst und Welt, sondern auch um ein befreiendes Lachen über den Witz, den diese Bilder haben. Freilich gibt es auch Kunstkritiker, die meinen, diese Kunst ist ein Witz oder noch schärfer, Baumgärtels Aktionen seien kunst- und künstlerfeindlich. Manche Gegner scheuen sich auch nicht, von einer langweilig-faulen Bananen-Banalität zu sprechen, der es an inhaltlicher Substanz mangle. Doch viele ernsthafte Kunsttheoretiker respektieren mit Hochachtung die Radikalität, mit der Baumgärtl sein Konzept umsetzt und durchzieht. Die Banane ist nicht nur auf Kleinformate gesprayt und als Bild an den Innenwänden von Galerien und Privathäusern zu sehen, sondern auch in überdimensionalen Installationen, als skulpturale Objekte aus Kunststoff, Holz und Beton sowie auf großflächigen Wänden von Speditionshallen und Türmen.

Es ist, als ob die Banane allgegenwärtig sei. Dem Künstler entgeht kaum ein Motiv aus dem alltäglichen Leben, das nicht mittels Banane gestaltet und verwandelt wird: Ob das nun ein Tennisball ist oder eine Weinflasche, der deutsche Bundesadler, Ex-Bundeskanzler Kohl oder der Kölner Dom, ein Waschbecken oder ein Businessman, das World Trade Center (1996) oder ein liegender Akt, eine Hakenkreuzbanane oder Beuys, Dürers Hase oder Goethe oder auch, wie zuletzt, seine Stillleben (Früchtebilder als vierfarbiger Bananenpointillismus).

Gemäß seinem Motto: "Unser Leben ist Banane und Kunst" verwandelt Baumgärtel die gegenständliche Welt in eine bananenreale Bildwelt. Und, so der Künstler weiter wörtlich: "Die Spraybanane im öffentliche Raum ist eine ständige, sich immer weiter verändernde Ausstellung, die auf der Straße dem wahren Leben ausgesetzt ist."

Siegmund Kleinl, 2002

 

 

Thomas Baumgärtel

Der Deutsche Thomas Baumgärtel, bekannt als der "Bananen-Sprayer", sprüht seit 1986 in vielen europäischen Städten mittels Schablone neben Eingängen von ihm geschätzter Kunstorte eine etwa 35 cm große Banane. Anfangs mehrmals wegen wilden Sprayens vorbestraft, markierte er inzwischen weltweit, und es gilt als Auszeichnung, wenn Baumgärtel durch Setzung seines Zeichens eine Galerie goutiert. 1992 war er erstmals in Wien tätig. Ende 2002 bemalte er einen Straßenbahn-Zug der Wiener Linien. Auch bei seinen sonstigen Bildwerken und Installationen bedient sich der Künstler des Bananen-Sujets und stellt diesen manchmal Wortbotschaften bei, wie erst jüngst als Protest gegen den Irak-Krieg: "War is...(hier nun das Bananensujet statt des Wortes ´Banane`)". Einmal ist Baumgaertel das für KünstlerInnen seltene "Kunststück“ gelungen, die sogen. Menschen von der Straße hinter sich zu vereinen. Er besprühte 1993 mit Freunden die in Köln aufgestellte Plastik des Fluxus-Künstlers Wolf Vostell, ein in Beton eingegossenes Auto, mit Bananen-Sujets. In der Bevölkerung hatte das gute Resonanz, doch Konservative und der Künstler Vostell waren sehr aufgebracht. Dabei hatte Vostell selbst noch 1969 die Sprengung von Kunstgegenständen gefordert. Er bestand auf die Entfernung der Bananen. Daraufhin errichtete Baumgaertel auf der Plastik ein Zelt und veranstaltete einen „Bananen-Streik". Er sammelte währenddessen an die 1000 Unterschriften von BefürworterInnen des neuen Zustands der Plastik. Bald darauf überstrich eine unbekannt gebliebene Frau die besprühte Plastik mit weißer Farbe. Baumgaertel reagierte, indem er das nun bereits sehr populäre Kunstwerk blau anstrich und wiederum Bananen sprühte, die er jeweils in einen Kranz aus gelben Sternen setzte. Im Sommer 1993 entfernte die Stadt Köln schließlich das extrem gewichtige Kunstwerk und ließ es von einer Spezialfirma restaurieren. Immerhin, Baumgaertel hatte die Volksmeinung mobilisiert und somit in den Alltag der Menschen eingegriffen, ja sogar die Menschen selbst zur Mitbestimmung der Gestaltung "ihres" öffentlichen Raumes bewegt. Da ich mit Baumgaertel in mail-Kontakt stehe, bestätigte er den Wahrheitsgehalt dieser Vorkommnisse und teilte mir dazu mit: "Ein Begründer der Bewegung Fluxus, die die Notwendigkeit der ständigen Veränderung, ja, sogar Sprengung von Kunst propagiert, war gekränkt, da sein statisches Denkmal berührt wurde....". Dass Baumgaertel trotz seiner Sympathien seitens der Öffentlichkeit im Kunstbetrieb kein leichtes Leben hat, zeigt folgende Mitteilung in der selben mail: "Letzten Donnerstag ist was vorgefallen, was mir in den ganzen Jahren Sprühens noch nicht passiert ist: ausgerechnet bei der Eröffnung der Ausstellung ´Tanz um die Banane` in Hamburg [diese war gegen den Irak-Krieg gerichtet, Anm. Th.N.] werde ich beim Sprühen einer Friedensbanane am Eingang des Museums von dem Dirkektor körperlich angegriffen. Noch bei den Eröffnungsreden heuchelte jeder der Redner, wie schlimm der Angriffskrieg von Bush wäre [...]." . Für die Volkskunde liegt hier der für den Kunstbetrieb paradoxe Fall vor, dass ein moderner Künstler im "Volk" mehr Verständnis und Sympathien erhält als von den "Köpfen" der Kunstverwaltenden.

Auszug aus der Diplomarbeit in Europäischer Ethnologie von Thomas Northoff ("Österreichisches GraffitiArchiv für Literatur, Kunst und Forschung"), September 2003

 

 

„Heer“ ein Kunstwerk von Thomas Baumgärtel
Morphologische Beschreibung von Hans-Christian Heiling, 1996

Im ersten Kontakt hat das Werk eine erschreckende, unheimliche Wirkung. Fast lebensgroß sieht man sich einer Masse von Soldaten gegenüber, die sich über die Bildränder hinaus nach oben, links und rechts unendlich erweitern läßt. Geordnet in Reih und Glied steht man ihnen wie einem anonymen Block gegenüber und spürt förmlich das Dröhnen des Gleichschritts. Wie ein Mann stehen sie dicht an dicht, man kann keine Gesichter erkennen, das sind keine Individuen mehr. Sie warten auf einen Befehl, um sich wie bei einer Parade nach dem „Stillgestanden!“ wieder in Marsch zu setzen. Die machen einem Angst, man denkt an Krieg und an das Töten.

Schon nach wenigen Augenblicken jedoch, beginnt sich diese gut geordnete Einheit aufzulösen. Die Angst vor den Soldaten wird zu einer Angst um die Soldaten.

Das Stramme verschwindet, die Gesichter wirken weich, als könne man auf sie zugehen und sie würden einen nett behandeln. Man kann ihnen plötzlich nichts Böses mehr abgewinnen.

Ihre Macht verkehrt sich in Ohnmacht. Wie von einer starken Bombenexposion erschüttert, geht eine Welle durch sie hindurch.

Bildet die erste Reihe noch halbwegs eine ordentliche Reihe, so wird es doch nach hinten immer wirrer und unordentlicher.

Sie lassen die Schultern hängen, haben die Köpfe gesenkt. Dies ist nun kein heroisches Heldenbild mehr, wie man es von früher kennt. Vielmehr wird man an eine abgekämpfte Schlacht erinnert, eine Armee hinter Stacheldraht, die in die Gefangenschaft geht. Sodaten, die an einem Grab stehen, oder auf ihre Verurteilung warten.

Die Situation, in der sich die Soldaten nun befinden, löst Angst aus, die Stimmung wird immer beklemmender.

Das Individuelle kehrt wieder in die Männer ein. Jeder ist in Etwas nachdenklich versunken, hat seinen Beruf und hat mit den Zielen von Kaiser oder Führer nichts zu tun. Sie wirken wie ein Haufen Menschen in Uniformen gepreßt, obwohl sie nichts damit anfangen können.
Die Uniformen wirken wie Dekor, wie ein Umhang, den man über den Einzelnen legt. Die Auflösungstendenz wird so stark, daß nur noch die Koppel, wie Patronengurte, die anfängliche Ordnung aufrechterhalten. Ohne die Koppel werden die Uniformen zu Jackets.

In der oberen linken und rechten Bildecke ist die Auflösung am stärksten. Wie ein Sog zieht es die Männer auf der Flucht dort hin. Gleichzeitig kann dort aber auch eine Auflösung ganz anderer Art beginnen. Handelt es sich bei der Explosion, die die Männer erschüttert, um eine Atomexplosion, gegen die sie auch ihre Helme nicht schützen kann, die jetzt eher wie weiche Mützen wirken, beginnen die Sodaten dort schutzlos im gleißenden Licht zu verbrennen.

Es macht sich ein starkes Mitleid mit den Soldaten bemerkbar, man wird an Feldpostbriefe des Urgroßvaters aus dem 1. Weltkrieg erinnert, wo er über das Leid und den Schrecken des Krieges berichtet.

Es gelingt dem Künstler den Betrachtern einen Blick auf und hinter die Kulisse von Slogans wie „Wir sind eine starke Truppe“ werfen zu lassen.

Auch wird die im Rahmen des Tucholskizitates „Soldaten sind Mörder“ entstandene Angst der jetzigen Regierung verständlich, die befürchtet, ohne desindividualisierende massenbindende Bilder nicht mehr genug Bürger zu finden, die auf andere schießen oder sich erschießen lassen wollen.

Gelingt es der Banane zunächst unbemerkt vom Betrachter selbigen in eine starke Wendung von der Angst vor den Soldaten hin zur Angst um die Soldaten hineinzuziehen, so entläßt sie ihn oder sie nach ihrer Entdeckung „das sind ja alles Bananen!“ aus dem Thema mit einer Drehung ins Positive. „Man nimmt es wieder leichter“ , beginnt zu lächeln, trotzdem die Fragen „wer soll die Minen in Bosnien räumen“ oder „was soll ich mit meinem Bruder machen, der ist ein Waffennarr und fand die Bundeswehr wunderbar“ bestehen bleiben.

 

 

„Immer wieder Krieg“
Gerard Kever (Künstler der Mülheimer Freiheit), 1996

Kunstgeschichte machen !? Warum sie nicht geschehen lassen? Passieren wird sie sowieso. Bekanntlich immer dort, wo man sie nicht vermutet. Kunstgeschichte ist eine Anhäufung von Ereignissen, die damals niemand erwartet hätte.

Graffiti-Symbole auf Häuserwänden z.B. waren Ende der 70ger Jahre in Deutschland verpönt, asozial. Wer hätte damals gedacht, daß sie es heute wieder sind. Diesmal weil diese schier unbändige Flut von jugendlichem Ausdruckswillen sich vielfach über Urbanes legt, ohne dabei den Gesetzen modischen Wechsels zu gehorchen. Ganz zu schweigen von Innovation, geht hier eine festgelegte, langweilige Spray-Ästhetik jetzt schon in die zweite, dritte Generation.

Dennoch. Abzusehen gewesen wäre: Die unweigerliche Auslese (aus dieser Flut) von einigen Individualisten durch die gängigen Kulturinstitutionen - Keith Haring, Kenny Scharf, Jean Michel Basquiat, (Naegeli ?).
Abzusehen gewesen wäre auch noch der unweigerliche Transfer von der Hauswand auf die agile Leinwand (Naegeli ?).

Aber wie hätte man vorhersehen sollen, daß das Reduzierteste und Anspruchloseste aller Symbole, man scheut es sich auszusprechen, -ja, eine banale Banane, zu einem allseits assoziierten Synonym für einen so komplexen und anspruchsvollen Lebensbereich wie Kunst werden könnte. Wer versucht hier ein Projekt zu schaffen, das Reduktion und Komplexität als Gegensätze aus ihren Angeln zu heben versucht ?
Wer versucht so etwas zuwege zu bringen ? Wie kam die Idee dazu zustande ? Gab es einen Auftraggeber für eine solche Sisyphusarbeit ? Oder war hier ein genialer Vorausdenker am Werk ? Ein Werk, das nun immerhin schon über zehn Jahre andauert !
Hätte man nach hartnäckigen zehn Jahren damit rechnen können, daß sich dieses Symbol von der Außenwand ablöst und wie von einem Zellteilungsmechanismus getrieben eine leinwandfüllende Virtuosität produziert ? Welche Spürnase hat der Banane eine ganze Dekade Reifezeit verordnet, damit just in dem Moment, wo sie als kleinster gemeinsamer Nenner größte Popularität erreicht, morphologe Bildwelten aus ihr heraus mutieren ?
Steckt eine Absicht hinter einem so weitläufig angelegtem Konzept ? Oder ist hier jemand auf völlig unbedarfte Weise in spontanem Kontakt mit jenen Kräften, die Innovation nicht planen, sondern geschehen lassen ?

Ein Werbefeldzug seitens der Industrie, selbst noch für den gebräuchlichsten aller Artikel, hätte unmöglich so großzügig angelegt sein können. Aber natürlich stellt sich die Banane ja auch in den Dienst einer wesentlich immateriellen Sache. Es geht um Kunst. Und wer könnte schon mit Sicherheit sagen, was das ist. Auch wenn sie sich immer wieder in käuflichen Exponaten dingfest machen läßt, so bleibt ihre dahinter liegende Idee doch dem ständigen Antagonismus der Avantgarde treu: immer das, von dem man glaubt es sei keine Kunst, wird unweigerlich zur Kunst.

Und genau hier tritt unsere Banane auf die Bildfläche - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dieses fundamentale Gesetz schließt unweigerlich auch das Paradox mit ein: die Banane definiert. Sie stempelt und brandmarkt das, was partout frei sein will. Eine Schablone für das Grenzenlose. Sie begeht das Sakrileg, das festlegen zu wollen, was sich nicht festlegen lassen will.
Natürlich ist die Banane schlau genug dieses Unterfangen nur zu simulieren. Ihre ironische, postmoderne Symbolik, die der physikalischen Wahrheit Tribut zollt, daß nichts im Universum gerade ist, ist prädestiniert zu diesem Spiel mit der Kunst. Nichts ist endgültig, auch nicht das Ideal der Freiheit. Und selbst wenn sich die gesamten Egokräfte der Kunst an genau dieser Stelle zusammenbrauen.

Baumgärtels Spiel weiß geschickt mit diesen Idealen umzugehen: wer immer sich dem Anspruch seiner Banalität entgegensetzt, verschafft der Banane Aufwind. Und wer glaubt, durch Ignorieren die Banane ausgrenzen zu können, wird sich jetzt erst recht über sie ärgern. Unverfroren macht sie nun ihren Anspruch auf die abendländische Tafelmalerei geltend. „Nie wieder Krieg“ ist eine Kampfansage an die formalisierte Freiheit der Kunst. Daß hier die Hintertüre der Moderne benutzt wurde, um den Elfenbeinturm der Kunst zu stürmen, tut der Sache keinen Abbruch. Daß eine zehn Jahre lange Feldarbeit das Fundament geschaffen hat, um eine Verknüpfung im kollektiven Erinnerungsvermögen zwischen Kunst und einer Schablone zu etablieren, zeugt von respekteinflößendem Weitblick.

Ein über Zeit und Raum so großzügig angelegter chirurgischer Eingriff an einer so empfindlichen Assoziationsschwelle vorzunehmen, ist historisch gesehen in der Kunst bislang unbekannt. Daß sich die Banane nun, an einem so entscheidenden Wendepunkt ihrer Karriere, als erstes dem Thema Krieg zuwendet, ist von honorem Interesse.
Denn was, um es kurz zu machen, ist mehr „bananas“ als Krieg.